
Die Banane als Kunstgeschichte
Georg Seeßlen über Maurizio Cattelan und seine Kunst – eine Besprechung von Kurt Otterbacher
Mit „NIGHT“ präsentiert die Neue Nationalgalerie in Berlin die erste große Einzelausstellung des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan in Deutschland. – vom 10.09.2026 bis 07.03.2027. Georg Seeßlen legt dazu das Buch der Stunde vor.
Georg Seeßlen ist ein ausgewiesener Kenner der Populären Kunst und Kultur. Seine Spannweite reicht von Comic-Formaten (Lucky Luke, Tintin), Gangstern (Asphalt Dschungel), Horror-, Western- und Abenteuerfilmen, Pornographie (Lars von Trier goes Porno – Nymphomaniac) und Telenovelas. Um nur ein paar Sujets zu nennen.
Alles, was das Massen-Publikum interessiert, interessiert auch Seeßlen – und darüber hinaus auch das, was nur »elitäre« Typen liefern können – in Kunst, Politik, der Schauspielerei und der Regie. Von Clint Eastwood bis Fellini, von Gustav Gründgens bis Adolf Wohlbrück – eine Liste seiner Veröffentlichungen ergäbe ein eigenes Buch.
Seeßlen hat Kunstgeschichte und Semiologie an der Ludwig-Maximilians-Uni in München studiert.
Er weiß also, wo alles herkommt – und er kann Zeichen lesen, dechiffrieren. Er kann Gedankenblitze aufs abenteuerlichste miteinander verknüpfen und zu überraschenden Schlüssen kommen.
Er ist mehr als ein Kritiker, er ist ein Fan aller Sujets und aller Leute, die sich trauen, Kunst zu schaffen, auch wenn sie – und vielleicht gerade dann – dafür Prügel beziehen. Und der Leute, die sich das Zeug ansehen sollen.
Er bringt es fertig, auch in einem »schlechten« Werk die Zeichen und Umstände so zu lesen, dass es dies interessant, lesens- oder sehenswert macht. Nichts Menschliches ist ihm fremd – und »nullus liber tam malus est« – kein Buch ist so schlecht, als dass man nichts daraus lernen könnte.
Georg Seeßlen ist einer von uns allen, er wohnt nicht in irgendeinem Elfenbeinturm, von dem heraus er Adorno oder Marx zitiert. Was er aber auch tut – er ist immer noch ein Linker, obgleich schon ein bisschen älter und somit gegen den bekannten Satz von Bertrand Russel verstoßend.
Seeßlen wohnt in Bayern und in Ligurien. Ligurien geht von San Remo (für Schlager interessiert sich Seeßlen natürlich auch) über Genua bis Monterosso al Mare. Eine ziemlich heiße Gegend.

Diese Vorbemerkungen spielen eine Rolle, wenn man sein neuestes Buch CATTELAN! liest. Bis zu dessen Lektüre hatte ich nicht die geringste Ahnung von Maurizio Cattelan – und auch nicht von Seeßlens profunden Italienkenntnissen – und seinen Kenntnissen der Kunstgeschichte.
Jetzt weiß ich: Cattelan ist ein italienischer Installations- und Konzeptkünstler, 1960 in Padua geboren und zwischen New York und Italien pendelnd.
Seine wichtigsten Werke, auf die Seeßlen ausgiebig eingeht (sie aber nicht abbildet, Kostengründe nehme ich mal an), sind »La Nona Ora« (Die 9. Stunde, 1999) – die Skulptur eines Papstes, von einem Meteoriten getroffen, »Him« (2001) – Hitler als betender Knabe, »America« (2016) – eine Toilettenschüssel aus Gold, »Banane«, (Comedian, 2019) – eine mit Klebeband an einer Wand befestigte Banane – die von einem anderen Künstler bei einer Vernissage gegessen wurde – und die Andy Warhols Cover für Velvet Underground von 1967 zitiert.
In der Folge wurde die Banane über den Bananensprayer, Thomas Baumgärtel, zu einem Gütesiegel. Seit 1980 sprüht Baumgärtel Bananensiegel an die Wände von Museen und Galerien als eine Art Kunst-TÜV-Verarschung.
Cattelans Banane, eine echte Banane, wurde 2019 mit Gaffer-Tape an die Wand geklebt – für 120.000 Dollar – und im November 2024 für knapp 6 Millionen Euro versteigert.
Wobei zum ersten Mal in der Kunstgeschichte kein Gegenstand, sondern eine Idee erworben wurde: die Idee einer an die Wand geklebten Banane. Eine Idee, die durch immer neue an die Wand geklebte Bananen, vom Verschwinden gerettet werden muss.
Überhaupt spielt die Banane eine wichtige Rolle in der zeitgenössischen Kunst. Von der Banane kommt man leicht auf die lange Nase von Pinocchio, der von seinem Vater Geppetto geschnitzten Holzpuppe, die so gerne ein Menschenjunge werden würde und am Ende der Geschichte von Carlo Collodi auch einer wird – die lange Nase hat er vom Lügen bekommen. »Kunst ist Lüge 24 Bilder pro Sekunde« könnte man in Abwandlung auf ein berühmtes Zitat von Godard sagen – und Cattelan hat eine ziemlich lange Nase.
Eine der ersten Ausstellungen von Cattelan 1989 war in einer Galerie in Bologna. Sie bestand aus einem leeren Raum mit einer verschlossenen Tür mit dem Schild »Torno subito« (Bin gleich zurück). Das ist vielleicht nicht gelogen, aber frech ist es schon.
Für eine andere Ausstellung im Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam ließ er ein Loch in den Fußboden schlagen, aus dem eine lebensgroße Skulptur seiner selbst den Kopf herausstreckt. 1998 bezahlte er einen Schauspieler, der in vergrößerter Picasso-Verkleidung die Besucher des MoMA in New York begrüßt.
Seeßlen zeigt amüsant das Dilemma des Künstlers Cattelan:
»Cattelan hat eine echte Macke. (S.241 f.) ›Schon früher war es so, dass ich mich immer fehl am Platz empfunden habe. (…) heute passiert mir das sogar in einer Bar. Wenn man mir ein Mikrofon oder eine Kamera entgegenhält gerate ich in Panik. (…) Für mich hat es sich besser entwickelt, weg zu sein, als da zu sein. Ich habe auch eine spezielle Art Preis-Phobie entwickelt. Ich schaffe es einfach nicht, jemandem in die Augen zu schauen, der mir einen Preis verleihen will, und auch das Publikum macht mir Angst. (…)‹ Aus dieser Macke hat Catellan ein artistisches Konzept von Dasein, Wegsein, Verschwinden und Wiederauftauchen gemacht.«
Ein Künstler, zeigt uns Seeßlen, lebt in einem unauflösbaren Spannungsfeld von Introversion und Extroversion. (S. 242) »Manche gehen daran zugrunde. (…) Da gibt es einen Psychologen, Ramir Kaminski, der eine dritte Kategorie vorschlägt. Er nennt es die Otroversion. ›… die Unfähigkeit, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen.‹ (…) Dieser, nun ja, Persönlichkeitstyp« gerät unter elementaren Druck in einer Welt, in der Dazugehören oder Nicht-Dazugehören eine Frage auf Leben und Tod ist.
Der schönste aller Sätze Seeßlens für mich ist: »Alle Kinder sind Katholiken und Kommunisten. Es wird ihnen ausgetrieben.«
Das ist für mich unmittelbar einleuchtend: Kinder glauben (und lieben) bindungslos, und sie sind ebenso bereit zu teilen. Was oder wer es ihnen austreibt, ist die eine Frage. Die andere: ob das heute auch noch gilt? Oder in einer Zeit blieb, die für uns so lange her ist, wie für die Juden einst ihr »Schtetl«. Übrig blieb höchstens ein leerer Raum, mit einer verschlossenen Tür und einem Schild »Torno subito«. Was immer da drin war: es kommt bestimmt nicht wieder.
Lesen Sie »Cattelan!«. Es war mir ein Vergnügen.
Georg Seeßlen: Cattelan!. Eine Reise zu Kunst, Komik und Kritik. Martin Schmitz Verlag, Berlin 2026. 420 Seiten, broschiert, 30 Euro.
Kurt Otterbacher ist Herausgeber des Frankfurter Kulturmagazins Strandgut.
Siehe auch bei uns: Kurt Otterbacher/ Alf Mayer: 555 Ausgaben »Strandgut« Frankfurt











