Geschrieben am 1. Juli 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juli-August 2026

Sonja Hartl: »El Dorado Drive« von Megan Abbott

Das Rad muss sich weiterdrehen

Mit einem vermeintlich solidarischen Investitionsmodell wollen die Frauen in einem Detroiter Vorort wieder an wohlhabendere Zeiten anknüpfen. Doch dann wird eine von ihnen ermordet. Megan Abbotts „El Dorado Drive“ ist eine leise und fiese Dekonstruktion der Nostalgie – Eine Rezension von Sonja Hartl.

Grosse Point, Michigan. Die Bishop-Schwestern erinnern sich gerne an ihr Aufwachsen in dem wohlhabenden Vorort von Detroit. Als ihr Vater einen guten Job in der Automobilindustrie hatte, als sie und die Menschen um sie herum noch ausreichend Geld hatten. Doch nun drücken Schulden, Geldsorgen und unbezahlte Rechnungen. Dann erfahren sie von einem Club namens „The Wheel“ – einem Club, in dem Frauen recht simpel Geld verdienen können. Sie machen mit. Doch dann wird Pam Bishop in ihrer Küche erschlagen.

Pam Bishops gewaltvoller Tod ist der Ausgangspunkt in Megan Abbotts Slow-Burner „El Dorado Drive“, in dem sie subtil die gefährliche Macht der Gier seziert. Schon immer war Pam Bishop der strahlende Stern des Schwesterntrios. Die Hübsche, Beliebte, Bezaubernde, die mitten in einer schmutzigen Scheidung steckte, große Schwierigkeiten mit ihrer Teenager-Tochter hatte und nicht wusste, wie sie ihrem Sohn das College bezahlen sollte. Ihre ältere Schwester Debra Bishop stand stets in Pams Schatten. Sie ist die Vernünftige, die alles richtig machen wollte, aber dennoch unter den Arztrechnungen für die Krebsbehandlung ihres Mannes erstickt. Harper indes hätte auf Pams Popularitätsspuren durchs Leben hätte sausen könnte – aber sie ist viel ruhiger, introvertierter. Als Erzählerin dieses Romans ist sie etwas unzuverlässig: Sie scheut unangenehme Konsequenzen und will auf keinen Fall, jemand erfährt, dass sie ausgerechnet bei Pams Hallodri-Ex-Mann Schulden hat.

Die Bishop-Schwestern sind das emotionale Zentrum dieses Romans, dazu kommt mit „The Wheel“ noch eine andere Form der „Schwesternschaft“: Um bei „The Wheel“ mitzumachen, muss eine Frau 5000 Dollar Aufnahmegebühr bezahlen. Sobald sie fünf neue Frauen für den Club angeworben hat, bekommt sie das Fünffache zurück. Für Außenstehende ist klar: Das ist ein simples Schneeballsystem. Die Frauen in Grosse Point aber wollen nicht sehen, dass es illegal ist, was sie machen. Sie wollen einfach nur, dass das Rad sich weiterdreht.

Langsam entfaltet sich in diesem Roman das sorgsam angelegte Beziehungsgeflecht. Bereits in ihren vorherigen Romanen hat Megan Abbott gezeigt, wie scharf ihr Blick auf weibliche Lebensentwürfe und Strukturen sowie Dynamiken weiblicher Gemeinschaften ist. Dazu fängt sie in „El Dorado Drive“ mit klug gewählten Details das längst vergangene, sorglose Lebensgefühl dieser Frauen in Michigan ein und kontrastiert es mit der harschen Realität des wirtschaftlichen Niedergangs. Geld ist für diese Frauen nicht nur ein Mittel, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. „Wenn du in Wohlstand aufwächst und dann alles wegbricht, geht es beim Geld nicht ums Geld. Es geht um Sicherheit, Freiheit, Unabhängigkeit, ein Versprechen von Ganzheit“. Deshalb wollen so viele Frauen in diesem Roman nicht akzeptieren, dass diese Zeiten vorbei sind. Sie belügen sich lieber selbst mit ihren schöngefärbten Erinnerungen an vergangene Zeiten und tun alles dafür, dass sie weiterhin an der Illusion festhalten können, immer noch so zu leben wie damals.

Megan Abbott ist selbst in Grosse Pointe aufgewachsen. Anders als die Frauen in ihrem Buch weiß sie, dass Nostalgie gefährlich ist. Und im schlimmsten Fall sogar tödlich.

Megan Abbott: El Dorado Drive (New York, 2025). Aus dem Englischen von Peter Hammans. Pulp Master, Berlin 2026. 425 Seiten, 18 Euro.

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