
Literarisches Kunststück
Joachim Feldmann zum neuen Kriminalroman von Monika Geier
Am Ende klärt sich alles auf. Seltsame Geschehnisse fügen sich wie Puzzlestücke zu einem überzeugenden Gesamtbild. Und man kann seine Lektüre mit dem angenehmen Gefühl beiseite legen, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gibt. Allerdings nur kurzfristig. Denn der gute alte Detektivroman kann gegen das tatsächliche Böse in der Welt nichts ausrichten. Aber er wirkt im besten Falle als Halluzinogen. Und macht ebenso abhängig. Deshalb hat er das Misstrauen, das ihm von Seiten aufgeklärter Mitmenschen entgegengebracht wird, unbedingt verdient. Könnte man meinen, wenn man außer acht lässt, dass sich dem Genre auch literarisch beikommen lässt, ohne seine Formelhaftigkeit zu reproduzieren.
Wie das geht, zeigt Monika Geier in ihrem rätselhaft versponnenen Kriminalroman „Ein schönes Kind“, der auf wundersame Weise mit den Strukturelementen klassischer mysteriöser Literatur spielt. Mit dabei sind außer der unvermeidlichen Agatha Christie deren Kollegin Josephine Tey, die Kinderbuchautorin Louise Fitzhugh und der Rätselmeister Lewis Carroll. Doch hier folgt das kleine Mädchen nicht einem weißen Kaninchen ins Wunderland, sondern dreht gleich zwei Stallhasen den Hals um. Oder handelt es sich um eine falsche Erinnerung? Marlie ist sich nicht sicher. Ebenso wenig kann sie sich des Vorwurfs erwehren, als Fünfjährige den Tod eines Spielkameraden verschuldet zu haben. Die Kindheit ist ein fremdes Land, zu dem man nur gelegentlich Zutritt hat.
Für die Architektin Marlie Eichhorn, die als Szenenbildnerin für eine Fernsehserie engagiert wurde, ist es die Suche nach einer passenden Kulisse, die sie ausgerechnet zu jener Villa führt, in der sie als Kind mit ihrer Mutter gelebt hat. Doch das bemerkt sie nicht sofort. Denn ihre schemenhaften Erinnerungen an die Zeit in einer seltsamen sektenähnlicher Kommune sind traumatisch. Und manchem wäre es recht, wenn nicht an der Vergangenheit gerührt würde.
Marlie wird also zur Detektivin in eigener Sache, unterstützt von der aus anderen Romanen Monika Geiers bestens bekannten Kommissarin Bettina Boll. Das geht nicht ohne Zwischenfälle ab, so dass Marlie ihre Ermittlungen zeitweise vom Krankenbett aus führen muss. Erschwerend kommt hinzu, dass sie bei ihren Nachforschungen Dinge zu Tage fördern könnte, die sie selbst belasten würden. Auch wenn, so betont die professionelle Kriminalistin Boll nicht nur einmal, Fünfjährige grundsätzlich schuldunfähig seien, ist das kein Trost für die geplagte junge Frau. Doch, so viel Tradition muss sein, ist Verlass darauf, dass sich letztlich alles zum Guten wenden wird. Trotz des manchmal fröstelnden Hauchs realer Gegenwart, der dieses trickreiche literarische Kunststück durchzieht.
Monika Geier: Ein schönes Kind. Kriminalroman. Ariadne im Argument Verlag, Hamburg 2026. 365 Seiten, 19 Euro.






















