Geschrieben am 1. Mai 2026 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2026

Thomas Wörtche über Gary Victor »Erschütterungen«

Verzweiflung

„Erschütterungen“ ist der sechste Kriminalroman um den haitianischen Inspektor Dieuswalwe Azémar – und der erste, den Gary Victor auf Kreolisch geschrieben hat. Azémar, der einzige nicht korrupte Polizist von Haiti, muss zu seiner Erschütterung den Tod der Tochter seiner Lebensgefährtin aufklären. Das Mädchen, deren Leiche wie Müll entsorgt wurde, ist deutlich einem ekelhaften Ritualmord zum Opfer gefallen. Azémars Ermittlungen führen zu noch mehr Morden nach dem gleichen modus operandi. Die Spur führt zu einer Art Loge mächtiger Männer, die seit dem 18. Jahrhundert existiert und deren Mitglieder ihren perversen Gelüsten frönen und damit ihre Macht zu vergrößern und zu festigen suchen. Diese Macht jedoch basiert nicht, wie wir aus vorherigen Büchern von Gary Victor gelernt haben, auf der Kraft des Voodoo, sondern auf wahnwitzigen christlich-satanistischen Bräuchen.

Die Unterdrückungsmechanismen, denen die haitianische Bevölkerung ausgesetzt sind, sind zwar vielfältig, aber alle basieren auf krasser Gewalt. Azémar, der sich immer tiefer in seine Recherche wühlt, muss feststellen, dass er niemandem trauen kann, bis er Hilfe von einer Seite bekommt, auf die er bisher nicht wirklich bauen konnte.

Der Plot der lediglich 94seitigen Erzählung, eher Novelle denn Roman, ist absichtsvoll nicht subtil gehalten. Subtilität wäre in diesem Blutrausch auch fehl am Platz. Haiti, und das entspricht der realen Situation des Jahres 2023, ächzt unter dem Terror der Gangs und ihrer Warlords, dem eine schwache, korrupte Regierung nichts entgegenzusetzen hat, weil auch sie davon profitiert. Die Gangs beherrschen ganze Stadtteile, plündern die Bevölkerung aus und scheuen auch vor Massakern nicht zurück. Selbst Wegezölle werden erhoben, Durchfahrtsrechte müssen verhandelt werden. Es steht so katastrophal um das Land, dass sich Azémar in seiner Verzweiflung schon gar die Diktatur zurückwünscht, weil die Schein-Demokratie völlig versagt.

Azémar, der, wie wir wissen, die Zustände in seiner Heimat, nur im Dauersuff ertragen kann, greift noch konsequenter zu extremer Gewalt. Hoffnung schließt er für sich selbst aus. Nur ganz am Ende glimmt noch ein kleines Fünkchen.

Inszenierte Gary Victor bisher die Abenteuer seines Helden noch mit bizarrer, grotesker und oft makabrer Komik, ist in diesem Roman davon nichts mehr zu spüren. Victors Prosa, nicht umsonst auf Kreolisch und vom Übersetzer Peter Trier gut transponiert, signalisiert diesen Bruch. Sie kommt ganz direkt, karg und knapp daher, fast roh und ungeschlacht. Aber auch das ist höchst sinnvoll eingesetzt. Denn die Rückbesinnung auf die kreolischen Wurzeln der haitianischen Volkskultur ermöglicht den Hoffnungsschimmer am Ende des Buches.

Der Roman gründet basal auf den politischen und sozialen Realitäten Haitis. Der Roman „zeigt“ nicht, er geht von faktischer Grausamkeit aus, entwickelt aber daraus eine Handlung zum Thema „Verzweiflung“ und dem literarischen Umgang damit. Und er hat eine zweite Ebene, auf der es darum geht, wie man mit dem Menschheitsthema „Grausamkeit“ künstlerisch verfahren kann, ohne es ins reine Reich der Fiktionen auszulagern. Gerade weil man die Fiktionen nicht von den Realitäten abkoppeln kann.

„Erschütterungen“ ist ein in der Tat zutiefst erschütternder Roman. Brachiale Literatur über brachiale Verhältnisse, entstanden aus tiefster Verzweiflung. Das ist nicht schön, aber schonungslos gut.

© 05/2026 Thomas Wörtche

Gary Victor: Erschütterungen („Sakad“, 2024). Aus dem haitianischen Kreolisch von Peter Trier. Litradukt, Trier 2026. 94 Seiten, 13 Euro.

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