Reaktionäre unter sich – Don Camillo und Peppone reloaded

In den Dritten Programmen, zumindest im Bayerischen Rundfunk, sind die Don-Camillo-und-Peppone-Filme (1952 bis 1965 entstanden) auch heute noch Dauerläufer. Wunderbar, wie es zwischen den beiden Ideologie-Kriegern und Doktrinären menschelt und Jesus vom Kreuz herab den Kreuzzügler Don Camillo an die christlichen Werte erinnern muss. Da würde man sich wünschen, dass aus Peppones Stalinbild ebenso der Geist Karl Marx’ hervortreten würde, um den Bürgermeister auf den wahren Weg des Kommunismus zu führen.
Nun leider hatte es der Autor der Bücher, Giovannino Guareschi, nicht mit Marx, dafür umso mehr mit dem Katholizismus, wie man aus der Biografie von Marco Gallina und Nachwort von Gerhard Ludwig Kardinal Müller erfährt. Gallina versucht, das Leben und Wirken des Autors mit der Politik und dem politischen Geschehen in Italien zu verknüpfen, was angesichts der Haltung und des Wirkens des Journalisten und Satirikers auch notwendig ist. Nur so lassen sich die gegensätzlichen Figuren Don Camillo und Peppone, die er mit freundlicher, manchmal auch bissiger Ironie zeichnete, zeitgenössisch einordnen. Entstanden sind die Bücher 1948 bis 1963, einige wurden posthum veröffentlicht). Populär sind die Figuren dank der Filme auch heute noch. Längst haben sie auch Nachfolger gefunden, etwa in der ARD-Serie „Um Himmels willen“. Den Platz von Don Camillo hat zeitgemäß eine streitbare Nonne eingenommen.
Der Autor Guareschi gab sich selbst das Prädikat „Reaktionär“ und weinte der Monarchie nach. Bei seinem Kampf um katholische Werte ging es ihm nicht um die des Vatikans und der Kirchenoberen. Als Konservativer distanzierte er sich auch regelmäßig von der Politik der Democrazia Cristiana, was so weit ging, dass er wegen der Verleumdung des Ministerpräsidenten De Gasperi über ein Jahr ins Gefängnis musste. Klar, dass so einer alles Linke bekämpfte.
Aber selbst wenn man dem laizistischen Humanismus und eher dem Atheismus zugewandt ist, kann man für Guareschis konsequentes Handeln und seinen unbeugsamen Journalismus, der ihm viele Nachteile einbrachte, durchaus Respekt empfinden.
Allerdings macht einem das sein Biograf Marco Gallina schwer. Der in Deutschland lebende Journalist scheint sich als eine Art Widergänger seines Objekts zu begreifen. Er outet sich, wie er ehrlich zu betonen versucht, ebenfalls als Reaktionär, fühlt sich den Identitären zugeneigt und nutzt die Biografie als Waffe für einen erzkatholischen Kreuzzug gegen alles, was links der Mitte ist.
Beim Lesen fühlte ich mich in die frühe Zeit des Kalten Krieges zurückversetzt, wenn er der ideologischen Klischee-Figur Don Camillo applaudiert, die gegen den nicht weniger klischierten Peppone kämpft und dessen ideologische Verblendung zu entlarven versucht.

Kommunisten und Kommunismus setzt Gallina mit Stalinismus gleich. Es tut weh zu lesen, wie auf den Seiten billiger und peinlicher Antikommunismus durchschlägt, was die Frage aufwirft, ob der studierte Geschichtswissenschaftler nicht bemerkt, dass er sein Handwerk der eigenen Sichtweise unterordnet. Als Journalist war er auch tätig für „Tichys Einblick“, Wirtschaftsjournalismus am rechten Rand.
Autor Guareschi hatte einen deutlich kritischeren Blick auf seine Figuren und ihre Einstellung, hinterfragte sie auch ironisch. Nun, er ging nicht so weit in den Büchern und Filmen mit Don Camillo und Peppone einen Austausch zwischen Jesus und Karl Marx zu entwerfen. Aber Jesus hätte dort gerne das Recht auf die humanistischen Grundlagen des Kommunismus beanspruchen dürfen. Wahrscheinlich hätten sich beide beklagt, wie in der Realität selbsternannte Nachfolger oder Verweser mit ihrer Lehre umgehen – und wie viele unzählige Opfer das auf dem Altar von Ideologie und Doktrin gekostet hat.
Schade: Diese Biografie mit ihren Seitenblicken und Verknüpfungen zur jüngeren Geschichte Italiens hätte wesentlich erhellender sein können, hätte sich der Autor seiner Geschichtswissenschaft verpflichtet gefühlt, sich auf die Fakten konzentriert und seine Ideologie sowie seinen Hardliner-Katholizismus herausgehalten.
Das hat Giovannino Guareschi, der Erfinder von Don Camillo und Peppone, nicht verdient. Würde er noch leben, hätte er seinem Biografen, ähnlich seinem Don Camillo, die mahnende Stimme Jesu geschickt, dieses Buch nicht zu einem katholisch-reaktionären identitären Kreuzzug ausarten zu lassen.
Fast angenehm hebt sich dazu das Nachwort von Gerhard Ludwig Kardinal Müller ab, der vor allem der unbeugsamen Art des christlichen Journalisten Respekt zollt und dessen großartigen Humor hervorhebt.
Roland Keller
Marco Gallina: Giovannino Guareschi – Don Camillos rebellischer Vater. Nachwort von Gerhard Ludwig Kardinal Müller. Westend Verlag, Frankfurt 2026. Hardcover, 208 Seiten 24 Euro.























