Geschrieben am 1. April 2026 von für Crimemag, CrimeMag April 2026

TW obduziert M.W. Craven »Die Witwe«

Trost mit „Wir kriegen euch alle“

Was lesen Krimi-Fans eigentlich am liebsten? Ja, klar, Kriminalromane, aber welche? Natürlich die, die auf den Bestseller-Listen stehen. Jetzt eiern wir auch nicht rum, ob „meistverkauft“ auch „meistgelesen“ heißt. Wird schon so sein. „Spiegel Bestseller“ steht auf jeden Fall auf dem Cover von M.W. Cravens „Die Witwe“. Grund genug also, sich das Buch einmal (und exemplarisch) auf seine Feinmechanik anzuschauen, was nicht heißt, dass dieser Text hier nicht auch eine Rezension ist. Aber vielleicht lernen wir ja was darüber, wie Bestsellerei heutzutage funktioniert.

Cravens Roman über die schlimmen Folgen schlimmer Ereignisse in Afghanistan ist eine Art literarische Matrjoschka, die das kommunikative Potential der einhundertvierzigjährigen Geschichte des Genres „Crime Fiction“ voll ausschöpft. Der geniale Detective Sergeant Washington Poe und sein dito genialer Sidekick Tilly Bradshaw schließen direkt an Sherlock Holmes und Watson an, wenn auch zeitgeistig variiert. Bradshaw ist eine geniale Frau, allerding mit eher geringer Sozialkompetenz. Washington Poe selbst schließt, abseits seiner Rolle als master mind, auch noch an einen anderen Typus an – an den des rebellischen Sergeants, der vor allem mit höherrangigen Personen ruppig und respektlos umgeht, aber ein großes Herz für „die da unten“ hat.

Besonders bei Derek Raymond, bei dem dieser Typus durch seine Figur des „nameless Sergeants“ paradigmatisch etabliert wurde, ist dieses rebellische Verhalten existentiell und oppositionell dem System gegenüber grundiert – bei Craven wird nur für Freunde des roman noir dieser Typus kurz assoziiert, der sich hier letztlich doch als systemfromm erweist. Aus dem rebellischen Bullen wird bei Craven dann doch wieder nur der Exzentriker à la Hercule Poirot, was ihn auch für Golden Age-Fans anschlussfähig macht. Das wiederum passt zu dem Umstand, dass der gesamte Roman makrostrukturell ein klassischer Whodunit ist. So klassisch, dass selbstverständlich der Mörder nicht der von S. 387 ist – bei fast 500 Seiten.

Das wiederum bedient die Erwartungen des Publikums, das sich im Besitz von „Genrewissen“ glaubt. Craven hat aber noch mehr Beliebtes und Bekanntes im Angebot: In der Schachtel oder eben Matrjoschka namens „Whodunit“ eingelagert, gibt etwa noch eine Caper- resp. Heistnovel, hier ein rätselhafter Bankeinbruch, es gibt CSI-artige Passagen aus Forensik und Pathologie, es gibt Poe´sche Deduktion, es gibt Cyber-Crime-Elemente, das Buddy-Motiv und große Portionen Polit-Thriller, nebst Anmutungen von Landhaus-Krimi plus einem Schuss Military Fiction.

So gesehen kann man den Roman regelrecht portionieren, wobei jedes einzelne Teilstück dem dominierenden Whodunit untergeordnet ist. So, wie im klassischen Häkelkrimi einzelne Figuren vom Ermittler befragt werden, befragt Craven die einzelnen Sub-Genres auf ihren Beitrag zur Lösung der Haupträtsels, wobei sich ihre jeweiligen Qualitäten als ungenügend einem Mordrätsel gegenüber erweisen, die nur der geniale einzelne Kopf, also Washington Poe, lösen kann – der nebenbei als Verächter all der „modernen“ Methoden, bzw. ihnen gegenüber als ignorant bis indolent stilisiert wird.  Am Trostversprechen des konventionellen Kriminalromans – „wir kriegen euch alle“- hält Craven fest.

Dennoch schreibt sich der Zeitgeist ein: Einerseits durch den durchgängig unangenehmen „anti-woken“ Grundton des Romans und einen ebenfalls unangenehm strammen Patriotismus (die britische Army ist „die Beste der Welt“), andererseits durch einen Topos, den man als modernisierten „Dolchstoß“ bezeichnen könnte und der seinerseits eine lange Tradition, allerspätestens seit dem Vietnam-Krieg hat: Die anständigen Soldaten im Kampf gegen die Feinde des Vaterlandes werden durch die regierenden Eliten, vertreten durch Politiker und Geheimdienste verraten. Diesen Verrat korrigiert Washington Poe, als echter Patriot einem „besseren UK“ verpflichtet, das sich am Ende des Romans, welch ein Hohn, gar nicht als sooo verdorben herausstellt.

Das ist eine irre Dialektik, die letztlich auf einen ideologisch deutlichen Konsens abzielt. Niemand soll sich letztendlich wirklich auf den Schlips getreten fühlen und dabei sollen auch alle Fans der genannten Subgenres eingefangen werden, wobei der reaktionäre Kern des Romans nicht aufgegeben wird. Das ist ein cleverer Plan, der zumindest ökonomisch, siehe Bestseller, aufzugehen scheint. Aber so clever dann doch wieder nicht, weil die Blaupause so offensichtlich zu Tage liegt. Die autoritäre Grundhaltung scheint auf jeder Seite durch. Die aber spiegelt nur einen Zeitgeist wider, der sich an autoritären Positionen nicht groß zu stören scheint bzw. vermutlich begrüßt und insofern realpolitischen Trends folgt.

Aber wer sagt, dass auch Kriminalliteratur sich noch so problematischen Zeitströmungen nicht verweigern möchte, wenn sie ökonomisch ersprießlich sind?

© 04.2026 Thomas Wörtche

M.W. Craven: Die Witwe (Dead Ground, 2021). Aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger. Droemer Verlag, München 2026. 508 Seiten, Broschur, 16,99 Euro.

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