Geschrieben am 1. April 2026 von für Crimemag, CrimeMag April 2026

Der Übersetzer Jochen Stremmel zu Ross Thomas

Neun Anmerkungen zu Ross Thomas – ein Geschichtenerzähler, der seinen Beruf ernst nahm und zum Glück nicht zu ernst

Als The Porkchoppers 1972 in den USA erschien, war Thomas 46 Jahre alt. Sechs Jahre zuvor war sein erster Roman veröffentlicht worden, seitdem hatte er acht weitere geschrieben, davon drei unter dem Pseudonym Oliver Bleeck. Diese neun Romane sind aus der Ich-Perspektive der Hauptfigur erzählt, wie drei der fünf Romane von Dashiell Hammett und alle von Raymond Chandler.

US-Erstausgabe, 1972

*

Einen der beiden hatte er in einem bildungsfähigen Alter kennengelernt: »Eine Stunde und fünfunddreißig Minuten, bevor wir auf dem Strand einer philippinischen Insel namens Cebu landen sollten, gab mir der erste Scout etwas namens Farewell, My Lovely von jemandem namens Raymond Chandler. Es war Januar 1945, und ich war achtzehn. Der Titel klang so, als hätte ihn sich das amerikanische Pendant von Agatha Christie einfallen lassen, deren Werke ich bis zum heutigen Tag nicht lesen kann. Stellen Sie sich meine Überraschung vor, wie Dame Agatha sagen dürfte, als ich es aufschlug und Philip Marlowe vor einem der gemischten Blocks an der Central Avenue entdeckte, ’the blocks that are not yet all Negro‘.«

Daß der Typ, der da im zweiten Satz »Ich« sagt, Philip Marlowe heißt, kann er allerdings erst im dritten Kapitel erfahren haben, wo jener sich dem Detective-Lieutenant Nulty vorstellt.

*

(Sehr viel weiter ist der junge Thomas in Chandlers zweitem Roman nicht gekommen, denn »ich verlor das halb gelesene Marlowe-Buch an dem Strand, direkt nachdem der erste Scout getötet worden war. Ich übernahm den Job des toten Manns und verbrachte 109 Tage an der Front, ohne zu erfahren, wer Velma eigentlich war. Inmitten der Hitze und der Angst und der Sterbenden beschloß ich, ich müsse Philip Marlowe sein, wohlbehalten zurück in Los Angeles in jenem unbeschwerten Jahr 1940 – zu einer Zeit, die sich nie ändern würde. Die Vorstellung war ziemlich harmlos und sorgte vermutlich dafür, daß ich bei Verstand blieb.« Als er nach einer letzten Begegnung mit Marlowe – Playback – Weihnachten 1958 in Kopenhagen Ilse an einer Hotelbar zu erklären versucht, »warum ich einmal unbedingt Philip Marlowe sein mußte, für immer gefangen im Jahr 1940«, weiß sie nicht, wovon er redet. Sie ist eine Berliner Realistin. »Also redeten wir stattdessen über Rilke.«)

*

Die Ich-Perspektive beschränkt den Erzählhorizont des Autors auf das, was dieser Erzähler – Marlowe bei Chandler, Nick Charles im Dünnen Mann, Cyril McCorkle in Kälter als der Kalte Krieg, Philip St. Ives in Der Messingdeal – hört, sieht, denkt und fühlt, vielleicht auch träumt. Es gibt auch Ich-Erzähler, die nicht so eine zentrale Rolle spielen wie jene vier Figuren – hier könnte man Nick Carraway im Großen Gatsby oder auch den ungenannten Ich-Erzähler im Herz der Finsternis erwähnen, dem Marlow die Geschichte des Elfenbeinhändlers Kurtz erzählt. Hammett dagegen bringt es fertig, den ersten seiner beiden Ich-Erzähler zwei Romane lang namenlos zu lassen.

*

The Porkchoppers – das auf dem Vorsatz durch einen Lexikoneintrag erläuterte Titelwort bedeutet soviel wie Abstauber, Absahner – ist also Ross Thomas’ zehnter Roman, und es ist der erste, den er nicht aus der Ich-Perspektive erzählt. Er genießt seine neugewonnene Freiheit, indem er seine Geschichte von einem sogenannten auktorialen Erzähler, also jemandem erzählen läßt, der alles weiß, nicht nur, was geschieht und geschehen wird, sondern auch, was in den Köpfen seiner Figuren vor sich geht.

*

Von den 25 Romanen, die Ross Thomas in den letzten 29 Jahren seines Lebens verfaßte, schrieb er dreizehn aus der Perspektive seiner Hauptfiguren. Nach den Porkchoppers, also unter den letzten fünfzehn, waren es nur noch vier mit einem Ich-Erzähler (darunter zwei aus der Serie mit St. Ives). Die andere Art muß ihm besser gefallen haben. Sie erlaubte ihm Abschweifungen, rasche Szenenwechsel, Charakterskizzen, die tiefer gehen können, als es bei einem Ich-Erzähler ginge — Figuren wie Coin Kensington, Indigo Boone oder Mickey Della etwa wären vorher nicht möglich gewesen.

*

Er experimentiert in den folgenden elf nicht aus der Ich-Perspektive geschriebenen Romanen mit dem point of view, macht es sich nicht zu einfach mit seinem auktorialen Erzähler (den er manchmal als ausgemachten Zyniker präsentiert), sondern schildert ganze Kapitel lediglich aus der Innenperspektive beteiligter Figuren — in Fette Ernte etwa Kapitel 25 aus der Jake Popes, Kapitel 27 aus der des Detectives Hugo Worthy, während Dornbusch fast ausschließlich aus der Sicht des Protagonisten Benjamin Dill erzählt ist. Auf jeden Fall ist es ein zusätzliches Lesevergnügen, auch darauf zu achten, wer einem gerade was erzählt.

*

Als The Porkchoppers 1973 unter dem Titel Wahlparole: Mord auf Deutsch erschien, standen die Zeichen nicht gut für den bis dahin besten Roman des Autors. Die Ullstein-Ausgabe hatte — gemessen an den 246 des Originals — knappe 132 Seiten, es gab weder Widmung noch Hinweis auf den mangelnden, gleichwohl deutlich vorhandenen Realismus des Romans noch Zitat des Wörterbucheintrags (der angesichts der Titelwahl auch nicht zwingend notwendig war, obwohl er den Unwissenden erbaut hätte).

*

Fast alle der über Ross Thomas Schreibenden weisen auf die Alkoholmengen hin, die von seinen Figuren konsumiert werden. Es wird beiläufiger getrunken als in der Reise nach Petuschki, aber nicht weniger. Als Alkoholiker versteht sich in Thomas’ Erstling nur Cooky, der Bonner Korrespondent für einen internationalen Rundfunknachrichtendienst Cook G. Baker, aber die meisten anderen könnten mit gleichem Recht wie er zu Meetings der Anonymen Alkoholiker gehen. Der realistischste unter seinen Trinkern ist aber wohl der Gewerkschaftspräsident Donald Cubbin, der weiß, daß er rund 20 Minuten am Tag klar denken kann: »Wenn der Alkohol die Schmerzen betäubt hatte, aber nicht den Verstand.« Ihn hätte er allein aus dem Grund nicht zum Ich-Erzähler machen können.

Tags : , ,