
Apokalypslein, schöne Apokalypslein, frisch reingekommen …
Im Winter unseres Missvergnügens könnte man fast den Eindruck haben, wir lebten in mindestens präapokalyptischen Zeiten. Sie wissen schon, „wertebasierte Weltordnung“, „Kulturkampf“, Klimawandel, Ukraine, Gaza, Iran, KI, Nazis und frische Pandemien im Anmarsch. Und so weiter … Das kann einem schon die Laune vermiesen. Und wer hätte gedacht, dass man Margaret Atwoods „The Handmaid´s Tale“ oder George Orwells „1984“ heute im Livestream aus den USA verfolgen kann? Nur halt nicht mehr als Fiction.

Die ganzen Katastrophenmeldungen, die ganze ängstlich angespannte Stimmung, die im Moment herrscht, hat natürlich auch Konsequenzen auf die Narrative, ob in Wort oder Bild, die sich mit dieser Gemengelage beschäftigen. Die Grenzen zwischen Post-Doomsday, Apokalypse, Dystopie und Near Future-Geschichten, verwischen sich. Die Interpretationsspielräume werden geringer: Hitchcocks „Die Vögel“ verzichteten auf jede Erklärung für die mörderischen Piepmätze, also konnte die Auslegungsmaschinerie dem Film eine Menge symbolischer Ebenen unterlegen. „Die Vögel“ konnte eine Metapher für alles Mögliche sein, wie konsistent oder inkonsistent diese Angebote auch sein mochten. George A. Romeros Zombies richteten sich schon eindeutiger gegen die Exzesse einer wildgewordenen Konsumgesellschaft, bei Frank Schätzings „Der Schwarm“ mussten Außerirdische für vernünftiges Tun plädieren, weil homo sapiens seinen Laden einfach nicht in Ordnung halten kann.
Bei Marc Elsbergs aktuellem Roman „Eden – Wenn das Sterben beginnt“ (blanvalet) gibt es keine Symbol- oder andere Ebenen mehr. Alles, was passiert, passiert sozusagen 1:1. Elsbergs Buch kompiliert alle bekannten Phänomene der menschengemachten Umweltzerstörung: Überhitzte Meere, Fischsterben, Bodenerosionen, die die Nahrungsmittelversorgung der Welt gefährden, Wassermangel allerorten, inklusive aller Kettenreaktionen, die derlei Ereignisse auslösen. Und natürlich dürfen auch die skrupellosen Profiteure nicht fehlen, Investment-Konzerne, die diese Zustände erst herbeiführen und dann auch noch kräftig daran profitieren, in dem sie sogar staatliche Hilfsgelder in die eigenen Taschen umleiten.
Natürlich passiert so etwas jeden Tag in unserer Realität. Jeder einigermaßen informierte Mensch weiß das alles – oder könnte es zumindest wissen. Alles andere wäre kognitive Dissonanz. Dennoch, Marc Elsberg hat alles fleißig und vorbildlich recherchiert und zusammengetragen. Zusammengeschraubt werden all diese beklagenswerten Tatsachen im Roman durch eine (noch) fiktive -Super-KI mit dem putzigen Namen „Vysyon“, die daraus brauchbare und treffsichere Prognosemodelle errechnet. Also einfach Fakten hochrechnet und interpoliert. Die „What-if“-Frage des Romans lautet deshalb: Was geschieht, wenn alle diese Phänomene gleichzeitig auftreten? Beginnt das große Sterben, wie der Untertitel nahelegt – nach genau 159 Tagen? (Wobei – wann war eigentlich der Tag Null? Oder bezieht sich dieses Zeitfenster nur auf die erzählte Zeit des Romans?).
Natürlich gibt es in dem Roman Antagonisten, die Vysyon nicht glauben möchten, aus ideologischen Gründen und/oder Blödheit, oder aber solche, die Vysyon zwar glauben, aber dieses Wissen für ihre düsteren Ränke nutzen wollen – sprich zur Profitmaximierung. Aber gute Menschen gewinnen diesen Kampf. Deswegen endet der Roman auch wie ein Roland-Emmerich-Film: Die Erde und die Menschheit haben Federn gelassen, aber letztendlich wird das ganz große Sterben abgewendet. Das ist rührend.
Rührend ist auch die literarische Inszenierung, die Elsberg für seinen 760 Seiten Schmöker wählt. Kaum ein Kapitel, das länger als zwei Seiten ist, auch wenn das inhaltlich kaum zu begründen wäre; schlichte Prosa, ich habe zu zählen aufgehört, wie oft „Finger über die Tasten tanzen“, und Figuren, die „für etwas“ stehen, also ihre eigene Interpretation mitliefern: die tapfere Umweltministerin, der doofe Wirtschaftsminister, die heroischen Umweltaktivisten, der listig-lustige Influencer, die zynischen Manager, der störrische Altbauer und so weiter und sofort. Der Selling Point (der keinesfalls Unique ist) könnte lauten, im PR-Sprech, dass der Roman die heißen Probleme unserer Zeit bündelt und gleichzeitig vor dem Altbekannten warnt. Durch möglichst mühelose Konsumierbarkeit.
Und so dienen die Katastrophen der Welt mal wieder zu dem, was das Buch scheinkritisch beklagt: Zur Profitmaximierung. Verlegerisch gesehen: Top. Ansonsten eher schwierig. Und vor allem so gar nicht lustvoll. Denn wenn schon Apokalypse, dann doch bitte mit Wollust – schauen Sie sich mal „Fallout“ an.
Marc Elsberg: Eden – Wenn das Sterben beginnt. Blanvalet, München 2025. Hardcover, 768 Seiten, 28 Euro.
© 03.2026 Thomas Wörtche












