
Ich bin der Tod
Felix freut sich seit Langem auf ein Wochenende mit Ben und Laura in einer einsamen bayerischen Waldhütte – und ist entsprechend frustriert, als die beiden unangekündigt Gäste mitbringen. In die angespannte Stimmung platzt ein alter Mann und fordert die Gruppe auf, eine Person auszuwählen, die es verdient, weiterzuleben. Alle anderen müssen sterben. Er stellt sich als der Tod vor.
Das Setting von Autor Daniel Alvarenga macht neugierig. Nehmen die jungen Leute die Drohung und Prophezeiung ernst? Zucken sie über die verrückte Ankündigung nur mit den Schultern? Verjagen sie den Fremden oder drohen ihm gar mit einem Jagdgewehr?
Aus dieser Ausgangslage entwickelt sich – wie es in der Ankündigung heißt – ein „schonungsloses“ Drama „über menschliche Abgründe und die Grenzen von Moral“. In dem gruppendynamischen Prozess, der seinen Lauf nimmt, werden weder die Personen des Romans noch die Leser geschont.
Alvarenga versucht, jede Figur psychologisch auszuleuchten und so die Spannung voranzutreiben. Im Zentrum stehen Felix und Laura, die sich gegen sein egoistisches und manipulatives Verhalten zur Wehr setzt und es öffentlich machen will. Erzählt wird in wechselnden Perspektiven und Zeitsprüngen.
Beim Lesen tat ich mich eher schwer. Vielleicht bin ich doch sehr weit von den Figuren und der zwanzig- oder dreißigjährigen Zielgruppe dieses Psycho-Mystery-Krimis entfernt. Zudem bin ich kein Fan von Mystery-Literatur, an die sich der Autor anlehnt.
Sein Felix hat wenig, dem ich folgen möchte.
Gut, bei Thrillern ist es üblich, dass man mit dem Bösen nicht übereinstimmt. Schließlich soll es eine dunkle Faszination entfalten, um den Leser in die Abgründe mitzureißen. Aber hier hat mich wenig mitgerissen, zumal einem im realen Leben schon genug manipulative und sozial gestörte Menschen begegnen.
Und werde ich zum Schluss des Buches wenigstens fürs Durchhalten, für meine Lesezeit belohnt? Nein, das Ende wirkt eher verwirrend.
Daumen also nach unten?

Nein, leider gibt es für die Auswahl von Büchern keine bequemen Raster wie Schuh- oder Kleidergrößen. Es dauert meist etliche Seiten, bis man weiß, ob alles passt.
Lesern, die Psycho-Mystery-Stories lieben, möchte ich das Buch nicht vermiesen.
Daniel Alvarenga hat mit dem Dorfkrimi „Hundswut“, einer Hexenjagd von 1932 in einem bayerischen Dorf, sein Debüt gegeben und danach auch noch das Buch als Spielfilm-Erstling in naturalistischer, eher grobschlachtiger Heimatfilm-Manier verfilmt. Mit diesem Vorgänger-Buch, das ihm sofort den Titel Erfolgsautor in der Verlagswerbung einbrachte, hat er sich eine Fangemeinde geschaffen, die weitgehend positiv auf „Ruf der Leere“ reagiert – falls einige Bewertungen nicht Freundschaftsdienste sind.
Leser hinterließen bei Amazon mehrfach fünf Sterne samt Lob für den „Pageturner“, im Durchschnitt 3,9. Da heißt es, das Buch schmeiße den Leser ohne Vorwarnung in eine Situation, die sich anfühle wie ein schlechter Traum, aus dem man nicht aufwacht. Gelobt werden die Blicke in Abgründe und die Konfrontation der Figuren mit der menschlichen Moral.
Es gibt aber auch enttäuschte Leser, die gespannt auf den Nachfolger von „Hundswut“ warteten, nicht in die Geschichte fanden, von den vielen Rückblicken und Zeitsprüngen verwirrt waren und monieren, dass das Ende „lose Fäden“ hinterlässt. Einiges liest sich wie ein Wink mit dem Zaunpfahl an das Lektorat.
Roland Keller
Daniel Alvarenga: Ruf der Leere. HarperCollins, Hamburg 2024. Taschenbuch, 384 Seiten, 14 Euro.












