Geschrieben am 1. März 2026 von für Crimemag, CrimeMag März 2026

Gerd Conradt über Fabio Biasio

schon jetzt – noch nicht

Ordnung ist das halbe Leben, ein Spruch, der meine Jugend in der Nachkriegszeit bestimmte bis zu dem Tag, als ich Urlaubsbilder des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer beim Bocciaspielen in Cadenabbia am Comer See sah. Ich spürte die Leichtigkeit, mit der an diesem Ort Weltpolitik gemacht wurde und verliebte mich in das Land von La dolce Vita.

Den  amerikanischen Pianisten und Komponisten Frederic Rzewski lernte ich 1965 kennen, als er als Stipendiat der Ford Foundation in Berlin lebte,  über die ich ein Buch zusammenstellte. Er und seine Frau Nicole luden mich ein, sie in Rom zu besuchen. Weihnachten 1965 fuhr ich mit meiner damaligen Frau Lena nach Rom – wir entschieden uns fürs Bleiben in der Ewigen Stadt, dem Sehnsuchtsort vieler Deutscher. Am Fuße vom Gianicolo, in der kleinen Straße Via Oreste Tiburzi fanden wir eine Wohnung mit Terrasse und Blick über die Dächer von Trastevere. Ich war Fotograf und drehte meinen ersten 16-mm-Farbfilm. Ich besuchte Künstler in ihren Ateliers, zum Beispiel den Bildhauer Mario Ceroli, der mit einer Kettensäge aus rohem Kistenholz Skulpturen formte, die für Aufregung und Anerkennung sorgten. Seine Skulptur von den „Roten Garden“ versprach eine neue Ordnung – Einheitslook, Diktatur des Proletariats. – Das wollten wir, süchtig nach einer neuen Gesellschaft, nicht sehen.

Mario Ceroli: La Grande Cina (1968) © wiki-commons

Nach einem Jahr Rom und der Geburt einer Tochter kehrten wir nach Berlin zurück. Ich war zum Studium an der neugegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin zugelassen. Dort lernte ich den Hamburger Maler und Fotografen Holger Meins kennen. Im Sommer 1970 schloss dieser sich der militanten Gruppe „Rote Armee Fraktion“, RAF, an. Im November 1974 starb er in der Strafanstalt Wittlich nach einem langen Hungerstreik.

Vor seinem „Abtauchen“ hatten wir uns ausgesprochen, er illegalisierte sich, während ich meine Suche nach einem Leben in einer neuen Ordnung intensivierte. Im Gedenken an unsere Freundschaft veröffentlichte ich 2001 das Buch „Über Holger Meins – ein Porträt als Zeitbild“. Zehn Jahre später meldete sich ein Italiener, der das Buch  übersetzte und in Italien veröffentlichte: „Starbuck – Il Corpo come Arma“.

Der Italiener heißt Fabio Biasio, 1961 in Rom geboren – wo er Dekoration am Istituto Statale d’Arte und Malerei an der Accademia di Belle Arti studierte. Seit 1986 lebt er in Berlin. Wir wurden Freunde. Seit einigen Monaten arbeitet Fabio an einer Bildwelt, die mich fasziniert, die ich als neue, so noch nicht gesehene Kunst betrachte. Von der will ich hier erzählen – als Teil meiner Liebe zu Italien.

Geordnetes Leben wird in Museen präsentiert. Die Berliner Gemäldegalerie zeigt als Highlight das über mehrere Jahre restaurierte Meisterwerk „Die Grabbereitstellung Christi“ von Vittore Carpaccio. Das 145 x 185 cm große Leinwandbild wurde Millimeter für Millimeter, Schicht für Schicht studiert, restauriert und leuchtet heute so wie in seinem Originalzustand vor 500 Jahren.

Das Bild ist ein moderner Roman, ein Comic, man muss es ersehen, den Blick wandern, schweifen lassen. Im Vordergrund aufgebahrt der junge Jesus, fast noch ein Knabe, ruhend, leuchtend, ein Versprechen. Langes dunkles Haar umhüllt seinen zur Seite geneigten Kopf, ein silbern leuchtendes Tuch bedeckt seinen Unterleib, gut sichtbar die Wunde, an der mit der Lanze geprüft worden war, ob sein Körper noch lebte.

Den Finger in die Wunde legen. Vor der Gemäldegalerie befindet sich der teuerste Museumsbau in der deutschen Geschichte. Bei der Auftragsvergabe sollte „Berlin Modern“ 149 Millionen Euro kosten, inzwischen ist der Preis auf 600 Millionen angestiegen – geplante Eröffnung 2028. Garage heißt der schmucklose Bau im Berliner Sprachgebrauch. Umweltstandards wurden nicht eingehalten, Luftschleusen statt Türen verursachen hohe Energiekosten, auf Solardächer wurde verzichtet. Ein Skandal, für den niemand haftet.

Zwei Kilometer vom prächtigen Kulturforum entfernt zeigte Fabio Biasio in der Ausstellung @cetera neueste Werke. Wir sehen Menschen, einzeln sowie als Paare oder Gruppen, die Inkommunikabilität ausstrahlen, entgeistete Wesen in schönen Dekorationen, die sich zu fragen scheinen: Gehöre ich dazu, was tue ich hier? Fabio Biasios Gemälde basieren auf  Kreuzungen von Bildern, Prompts und analoger Maltechnik. 

Es entstehen Schablonen, die der Künstler mit den ursprünglichen (naturnahen) Techniken der Malerei bearbeitet, sie vom Zustand des künstlichen KI-Bildes zu einem in der traditionellen Kunstgeschichte angesiedelten Werk entwickelt. KI schlägt vor, der Maler reagiert mit einer prächtigen Farblichkeit, diese erinnert an das  Rot, Gold, Blau, erdige Grün bei den Malern der Renaissance. In den KI-Vorlagen sieht er Didaskalien, Regieanweisungen. Durch seine Kunst haucht er ihnen Atem ein.

Das Bild Caino/Abele (60×90), Kain und Abel, zeigt zwei junge Männer mit roten Armbinden, leicht nach vorne gebeugt, einer legt seinen Arm über die Schulter des anderen Brillenträgers. Freunde, verliebte Jungen – Rotgardisten? Jeder könnte Mörder des anderen sein. Gehört das Bewusstsein der Gleichzeitigkeit von Leben und Tod zu ihrer Verbindung?  Oder träumen sie von einer Ordnung, in der Liebe statt Gewalt, Vergebung statt Vergeltung, Gerechtigkeit für Arme und Ausgegrenzte, Gesetz ist? Von einem Leben in einem Staat ohne Grenzen?

Fabio Biasios Bilder sind Grenzgänge voller Humor und Ironie zwischen dem, was ist (was wir sehen) und dem, was Betrachtende in ihrem Inneren erahnen. Eine von mathematischen Codes geprägte Welt, die im Kern grausam ist. Das künstlerische Wunder besteht  jedoch darin, dass es sie gibt – diese Welt. Gottes Reich: schon jetzt – noch nicht.

Auch Gott scheint das Italien mit seinem Dolce Vita zu lieben. Seine Stellvertreter auf Erden, die Päpste, wählten Rom als Lebensort. – Fabio Biasio: https://biasio.de/

Die Texte von Gerd Conradt bei uns hier.

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