
Farewell für Doris Gehrke: Ein Buch mit letzten Texten, ein Vortrag – und ihre Bibliografie
Zu den Toten des letzten Jahres gehört auch die Schriftstellerin Doris Gercke (7. Februar 1937 in Greifswald – 25. Juli 2025). Für unserem Jahresrückblick 2025 hat die Autorin Monika Geier („Antoniusfeuer“) einen Nachruf geschrieben. Auszug: „Doris Gercke besaß den Mut, sich allein mit ihrer schönen, spröden Sprache als Licht in Abgründe zu begeben, die selten so besonnen und kritisch erforscht wurden wie von ihr. Wie im Chandler-Krimi, wo dem Helden Marlowe letztlich nur die Worte bleiben, in denen er denkt und spricht, um seine Integrität zu wahren, ist auch in Doris Gerckes Texten die Sprache eine eigene moralische Instanz.“

Jetzt hat ihre langjährige Verlegerin Else Laudan (Argument Ariadne) einen Band mit letzten Texten herausgebracht. Ein schlankes, aber überaus gehaltvolles Buch. Sehr zu empfehlen.
Doris Gercke: Von den Bewohnern der Städte. Letzte Texte: Szenen, Gedichte, Kurzgeschichten. Literaturbibliothek Argument . Ariadne, Hamburg 2026. Gebunden mit Lesebändchen, 104 Seiten, 12 Euro. – Verlagsinformationen hier.
Mit freundlicher Erlaubnis veröffentlichen wir daraus in Auszügen einen Vortrag, den Doris Gercke 1995 aus Anlass einer Ausstellung über den Kriminalroman im Literatur-Archiv in Marbach gehalten hat. Sie hieß Ausstellung „Mord in der Bibliothek – Zur Geschichte des Kriminalromans“ (dokumentiert in Marbacher Magazin 73, 1995).
Im Anschluss finden Sie noch eine Bibliografie der Bücher von Doris Gercke.
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Doris Gercke: Auf Leben und Tod – Wie man einen Krimi schreibt (oder auch nicht)
Sehr geehrte Damen und Herren,
manchmal, nicht nur von den Veranstaltern hier, und vielleicht jetzt auch von Ihnen, werde ich gefragt, wie man einen Krimi schreibt. Ich hab darüber nachgedacht und festgestellt: Ich weiß nicht, wie »man« einen Krimi schreibt. Deshalb könnte ich, eine einfache Antwort auf eine einfache Frage, meine Überlegungen hier schon beenden. Auch kurze Antworten, wenn sie denn wahr sind, sollten ja ihr Geld wert sein.
Da ich aber ein paar andere Dinge weiß, die mit dem Thema zusammenhängen und die Sie, vielleicht, interessieren werden, rede ich noch ein bisschen. So weiß ich zum Beispiel dank des Katalogs zu dieser Ausstellung, wie ein dummer Mann sich vorstellt, dass eine Frau einen Krimi schreibt. Da Sie vielleicht noch nicht alle diesen Katalog studiert haben, zitiere ich: »Und erst die Frauenkommissarinnen in der neu-deutschen Krimilandschaft! Die sind dann ja richtig der Gipfel an zeitgeistiger Rechtschaffenheit, ökologisch und emanzipationsmäßig (ich bitte Sie, das Wort »emanzipationsmäßig« besonders zu würdigen) auf der Höhe, immer ein tadelndes Wort für Andersdenkende auf den Lippen, fit in allen Betroffenheitsritualen und natürlich mit Birkenstock flott zu Fahrrad … Paff, selbst hartgesottene Gangster gestehen plötzlich detailverliebt ihre Missetaten. Alles wieder im Lot«. Und weiter unten: »Der Krimi braucht Charaktere mit Tiefenschärfe … was er nicht braucht, sind reaktionäre Bullen(Kommissarinnen eingeschlossen).«
Ich möchte hinzufügen: Was es ganz sicher erst recht nicht braucht, sind dumme Männer, die von Dingen reden, die sie nicht kennen. Oder denen der Neid die Sinne benebelt und die in diesem Zustand zu dummen Aussagen neigen. Was im Übrigen überall und nicht selten und nicht erst seit heute vorkommt und eigentlich nur im Zusammenhang mit einer ernst zu nehmenden Ausstellung verwundert. So weit das Unwichtige. Nun zum Thema:
Ich weiß nicht, wie man einen Krimi schreibt, aber ich weiß, welche Grundsätze ich habe, wenn ich einen Krimi schreibe. Ich zähle sie Ihnen auf, und Sie werden feststellen, dass ich den Krimi als eine Form der Literatur betrachte, die herzustellen sich in ihren wesentlichen Arbeitsprinzipien nicht von anderen Kunst- und Literaturformen unterscheidet.
1. Es geht mir beim Schreiben um den Versuch der Annäherung an die Wahrheit und damit verbunden um die Zertrümmerung von Illusionen.
2. Es geht mir darum, die Rezipientin, den Rezipienten ernst zu nehmen.
3. Es geht mir um das Abarbeiten von Privilegien, der privilegierten Lebensweise als Autorin.
4. Es geht darum, einen Standpunkt zu haben und nicht in Beliebigkeit zu verfallen.
5. Der Rest, er ist nicht klein, aber es ist der Rest: Es geht darum, das Handwerk des Schreibens so gut, wie es mir möglich ist, zu beherrschen.
Ich möchte Ihnen zu diesen Überlegungen einige Erläuterungen geben:
Die Wahrheit ist natürlich durchaus ein schillernder Begriff. Für Schriftstellerinnen, für mich konzentriert er sich in einem Satz von Ruth Berghaus: »Ich kann nicht unter dem bleiben, was ich weiß.« (Hier las ich die ersten Seiten des Weinschröter-Romans vor.)
Ich zitiere jetzt Heiner Müller: »Jedem Autor passieren Texte, gegen die sich die Feder sträubt; wer ihr nachgibt, um der Kollision mit dem Publikum auszuweichen, ist, wie schon Friedrich Schlegel bemerkt hat, ein Hundsfott, opfert dem Erfolg die Wirkung, verurteilt seinen Text zum Tod durch Beifall.«
Ich versuche, meine Bücher auf diese Art zu schreiben.
Wenn mir das gelingt (und es gelingt längst nicht so oft, wie ich es gern hätte), hoffe ich, damit gleichzeitig Illusionen zu zertrümmern, die über den Zustand der Welt bestehen. Hierher, in diesen Zusammenhang, gehört auch meine Erkenntnis, dass beim Schreiben Übertreibung nicht möglich ist. Die Wahrheit ist immer schrecklicher als die Phantasie.
Die Rezipientin, den Rezipienten ernst nehmen: Es kommt vor, es ist wahrscheinlich »normal«, dass es mitunter schwer ist, die Wahrheit zu ertragen. Wir alle suchen dann nach Möglichkeiten, ihr zu entgehen. Auch meinen Leserinnen und Lesern geht das mitunter so. Dann sind sie erleichtert, wenn sie in den Büchern Zeilen finden, bei denen sie sich zurücklegen, träumen, genießen, mit der Heldin ein schönes Leben führen können (beliebt ist in diesem Zusammenhang »Liebe«).
Ich versuche, seit ich das weiß, bewusst entsprechende Passagen aus meinen Texten zu entfernen. Heiner Müller (den ich noch einmal zitiere) sagt: »Ich habe nicht das Talent, ein abgearbeitetes Publikum mit Harmonien aufzumöbeln, von denen es nur träumen kann.«
Ich möchte für mich hinzufügen: Ich möchte dieses Talent auch gar nicht haben. Es verführte mich vielleicht zum Lügen, unter Umständen natürlich auch zum Geldverdienen, wogegen ja eigentlich nichts zu sagen wäre, außer dass es schwer ist, sich nicht kaufen zu lassen. (…)
Es geht darum, einen Standpunkt zu haben. In einer Zeit, in der es
1. links nicht mehr gibt und
2. keiner mehr so genau weiß, was das eigentlich war, scheint mir eine solche Äußerung nicht mehr erlaubt.
Ich sage stattdessen: Mein Standpunkt ist unten. (…)
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DIE BÜCHER VON DORIS GERCKE:
Die Nacht ist vorgedrungen. Ariadne bei Argument, Hamburg 2021
Frisches Blut. Deutsche Geschichten. Ariadne bei Argument, Hamburg 2018
Wo es wehtut. Ein Milena-Proháska-Krimi. Haymon, Wien 2016
Königin der Insel. Hoffmann und Campe, Hamburg 2015
Zwischen Nacht und Tag. Hoffmann und Campe, Hamburg 2012
Tod in Marseille. Hoffmann und Campe, Hamburg 2010
Pasewalk. Eine deutsche Geschichte. Hoffmann und Campe, Hamburg 2009
Schweigen oder Sterben. Hoffmann und Campe, Hamburg 2007
Georgia. Hoffmann und Campe, Hamburg 2006
Schlaf, Kindchen, schlaf. Ullstein, München 2004
Beringers Auftrag. 2003 / Neuaufl. 2016 bei Haymon
Milenas Verlangen. 2002 / Neuaufl. 2016 bei Haymon
Bella Ciao. Ullstein, München 2002
Duell auf der Veddel. Ein Krimimärchen. Hamburger Abendblatt 2001
Die schöne Mörderin. Ullstein, Berlin 2001
Die Frau vom Meer. Hoffmann und Campe, Hamburg 2000
Der Tod ist in der Stadt. Hoffmann und Campe, Hamburg 1998
Für eine Hand voll Dollar. Jugendbuch. Elefanten Press 1998
Eisnester. Gedichte. Hoffmann und Campe, Hamburg 1996
Dschingis Khans Tochter. Hoffmann und Campe, Hamburg 1996
Auf Leben und Tod. Hoffmann und Campe, Hamburg 1995
Ein Fall mit Liebe. Hoffmann und Campe, Hamburg 1994
Kein fremder Land. 1993 / Neuaufl. 2003 bei Edition Nautilus
Versteckt. Ein Kinderkrimi. Espresso/Elefanten Press, Berlin 1993
Kinderkorn. Verlag am Galgenberg, Hamburg 1991
Die Insel. Verlag am Galgenberg, Hamburg 1990
Der Krieg, der Tod, die Pest. Verlag am Galgenberg, Hamburg 1990
Moskau meine Liebe. Verlag am Galgenberg, Hamburg 1989
Nachsaison. Verlag am Galgenberg, Hamburg 1989
Weinschröter, du mußt hängen. Verlag am Galgenberg, Hamburg 1988
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