Geschrieben am 1. Februar 2026 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2026

Thomas Wörtche liest Simenons »Brief an meinen Richter«

Georges Simenons „Brief an meinen Richter“. Ein Bausteinchen zur Genese des Psychopathen in der Kriminalliteratur.

„Ich habe über Liebe geschrieben wie über eine Geschlechtskrankheit“, gestand Georges Simenon seinem verehrten Freund und Förderer André Gide 1948 in einem Brief. Bis jetzt, denn jetzt ist alles anders: „Ich lernte die Liebe kennen, zufällig, die leidenschaftliche Liebe, deren geradezu griechische Schönheit, gepaart mit Zärtlichkeit, ich entdeckte“, heißt es euphorisch weiter. Was war passiert? Im Oktober 1945 hatte sich Simenon mit seiner Noch-Gattin Régine „Tigy“ Renchon, Sohn Marc und Liebhaberin/Haushälterin Boule (Henriette Liberges) nach Amerika abgesetzt und dort bald die Kanadierin Denise Ouimet als Dolmetscherin/Sekretärin angeheuert. Denise, die sich selbst lieber aparterweise Denyse schrieb, was Simenon allerdings nie akzeptierte, wurde zu seiner neuen, großen Obsession, eben zu seiner „leidenschaftlichen Liebe“.  Und weil es ein oft unhinterfragter Topos der Simenon-Rezeption ist, ist man versucht, in den Büchern, die rund um biographische Veränderungen oder markante Ereignisse in seinem Leben entstanden sind, autobiographische Substrate zu suchen und dann auch prompt zu finden. So entstand dann das „Phänomen Simenon“, ein mehr oder weniger selbstreferentieller Kosmos.

Im Fall der Denise-Epiphanie zieht man gerne „Drei Zimmer in Manhattan“ heran, den Roman, der kurz vor „Brief an meinen Richter“ erschienen war und den man gerne als Ausnahmeerscheinung in Simenons Gesamtwerk aufruft, weil er ein „positives“ Ende habe. Eine Hymne auf die Liebe, wie der Meister der Rezeptionslenkung Simenon immer wieder betonte. Ob „Drei Zimmer in Manhattan“ tatsächlich der heitere, optimistische Roman ist, wie anscheinend der Konsens lautet, mag dahingestellt sein. Die Grundkonstellation: Mann mit desinteressierter Ehefrau nimmt sich aufregende, junge Geliebte, passt natürlich auf Simenons aktuelle Lebensumstände, ist aber angesichts der inversen Tradition „Madame Bovary“ oder „Effie Briest“ letztendlich nicht allzu außergewöhnlich und trennscharf. Und sie ist auch, evident, die Grundkonstellation von „Brief an meinen Richter“, dem 1947 in dem Wochenblatt „Nuit et Jour“ erschienenen Fortsetzungsroman in zehn Folgen, dessen Buchausgabe noch im selben Jahr herauskam.

„Der goldene Phallus“, Odile Dessane, 1981

Dem angesprochenen Interpretationsparadigma zufolge, müsste man konsequenterweise den „tragisch“ endenden „Brief“ als Dokument des Scheiterns lesen. Also schon wieder alles vorbei mit der großen Liebe? Was dann wiederum mit der realen Biographie Simenons kollidieren würde – während er den „Brief“ in Bradenton Beach in Florida heruntertippte, war Tigy zwar noch offiziell Teil dieser für Simenon nicht ungewöhnlichen menage à trois (oder genau: à quatre, denn vorher und wieder ab 1948 war Boule ja auch noch im Spiel, allerdings zusammen mit Tigy und Sohn Marc aus dem Haus ausquartiert, in dem Simenon und Denise Ouimet ihre neue Liebe zelebrierten), aber eine tragische Komponente zwischen Denise und Simenon sollte erst viel später aufkommen, wenn dann auch richtig mit Heulen und Zähneklappern. (Siehe auch auch den 1981 unter Pseudonym veröffentlichten „Schlüsselroman“ von Denise und die damals z.B. im „Spiegel“ berichteten Rechtsstreitigkeiten – d. Red.)

Aus Georges Simenons Perspektive war die Welt noch gut und schön, für misogynen Zynismus à la „Brief an meinen Richter“, der literarisch bearbeitet werden müsste, um die berühmten „Dämonen auszutreiben“, gab es für ihn keinen Grund. Aber das wäre nur überzeugend, wenn man die biographisch-autorpsychologische Lesart akzeptieren möchte. Und selbst die wäre nicht konsistent, siehe Chronologie. Wie man überhaupt bei dem notorischen „Selbstentblößer“ Simenon nach Konsistenzen gar nicht groß suchen sollte. Ich bin eher geneigt, seine gewaltige Produktion an Bekenntnissen, Memoirs, psychologischen Sessions und so weiter als massiven cordon sanitaire zu verstehen – als geschicktes Marketing-Tool, als, eben, Instrument der cleveren Rezeptionslenkung, die der „Unternehmer“ Simenon so virtuos handhabte. Aber seine Texte, belässt man ihnen ihre Dignität, sagen etwas anders – oder zumindest auch etwas ganz anderes.

„Brief an meinen Richter“ ist auf den ersten Blick ein ganz „normaler“ roman dur: Die tödlich endende Geschichte eines biederen Durchschnittsmannes, in diesem Fall ein Provinzarzt, der, des eintönigen Lebens und seiner dominanten Gattin sowie seiner servilen Mutter überdrüssig, einem „banalen, kleinen Geschöpf“ namens Martine Englebert (aus Liège of all places, was natürlich der biographischen Lektüre Vorschub leistet) verfällt, sich ruiniert und sein obskures Objekt der Begierde und sich selbst am Ende tötet. Noir as usual.

Wenn man die Handlung so herunterdampft, macht man sich noch nicht einmal der Sünde des Spoilerns schuldig. Denn die Konstruktion – Mörder schreibt nach dem Prozess an seinen Richter – nimmt die Oberflächenspannung weg. Eminent spannend ist der Roman wegen seiner vielen Implikationen, seiner vielen Schichten und Themen – auch und gerade wegen der Aspekte, die nicht artikuliert werden, die aber dennoch unübersehbar vorhanden sind.

Zum Beispiel – noch bevor Autoren wie Jim Thompson oder Robert Bloch in den 1950er Jahren die Keime für die heute noch aktuelle Serialkiller-Welle (Serialkiller- und Psychopathen-Narrative gehen meist Hand in Hand) gelegt haben – finden sich in „Brief an meinen Richter“ gedankliche Konstruktionen, die man durchaus als Präfigurationen der späteren „serial killer industry“ verstehen kann, obwohl das vermutlich weit außerhalb von Simenons Kalkül gelegen hat, der nichtsdestotrotz ja seinerseits der Faszination des Serial Killers (avant la lettre) durchaus etwas abgewinnen konnte, und zwar recht bald: „Die Phantome des Hutmachers“ etwa, sein profiliertester Text in diesem Subgenre,  entstand in zeitlicher Nähe 1948 in Arizona.

Kontextualisiert man „Brief an meinen Richter“ also entgegen der üblichen Lektürepraxis im Umfeld der Psychopathen/Soziopathen-Narrative, werden solche Präfigurationen sichtbar, die zudem geeignet sind, das angeblich geschlossene Universum Simenons als Impulsgeber für die Evolution des Genres zu verstehen. Simenon war, nolens volens, auch unter diesem Aspekt ungemein folgenreich.

Charles Avaloine, der Briefschreiber und, für Simenon untypisch, deswegen auch der Ich-Erzähler des Romans, ist schon beinahe der klassische „Soziopath“: Im Grunde ein belangloser Langweiler, „a bore“, wie später Derek Raymond den akzentuiert unspektakulären, unglamourösen Killer im kritischen Kontrast zu dem dämonischen Genie à la Hannibal Lecter beschreiben sollte. Gewalt ist für ihn ein Modus des Umgangs mit Frauen. Psychische und physische Gewalt. Frauen sind entpersonalisiert: „Sie gehörte zu meiner Umwelt“, wie Haus, Möbel und Garten. Sie zu betrügen, also ihre Würde anzugreifen, eine Petitesse („Ich betrog Jeanne kaum“,   – ein eisiger Satz par excellence), jederzeit zu einer beiläufigen Vergewaltigung bereit. Als Arzt fixiert auf seine gesellschaftliche Stellung in der Nomenklatura der französischen Provinz (die, wie meistens bei Simenon aus der Zeit gefallen scheint, in das „Formaldehyd von Simenons Phantasie“ eingelegt, wie sein Biograph Fenton Bresler maliziös anmerkt), in einem sozialen Umfeld, in dem ein Mord an einer gesellschaftlich niedriger angesiedelten Frau noch einigermaßen verzeihlich wäre, die Mesalliance mit „dem Mädchen“ allerdings nicht – die ist das wahre Skandalon, ein Faux pas, „peinlich und schockierend“.

Die Gewalt, die Avaloine ausübt, ist hierarchisch, sie geht von oben nach unten. Seine dominante zweite Gattin, Armande, stammt aus „besseren Kreisen“, ihr indolentes Sexualverhalten („im Bett mit der Würde“, wie Avaloine sich mokiert) toleriert ihr an dieser Stelle devote Gatte ohne Gewalt auszuüben. Ihre benevolente Tyrannei kanalisiert Avaloines Gewaltpotential nach unten. Selbst die Demütigung, betrogen zu werden, zerschellt an ihrer „Würde“, an ihrer Autonomie – „sie brauchte niemanden. Sie wollte niemanden brauchen.“ In diesem sozialen Rahmen, der eine gewisse „Normalität“ der Zeit abbildet, funktioniert Avaloine prächtig, er ist eine Stütze des Systems. Seine Gewaltausbrüche bis schließlich zum Mord sind keinesfalls subversiv. Er affirmiert die sozialen Normen seiner Umwelt und funktionalisiert sie gleichzeitig als Deckmantel für seine Untaten. Der Psychoanalytiker Arno Gruen hat diesen Typus des Soziopathen in seinem Buch „Der Wahnsinn der Normalität“ (1987) präzise beschrieben.

Aber klinische Korrektheit ist nicht Simenons Kerngeschäft, schon gar nicht seine Intention. Bemerkenswert allerdings ist sein frühes Gespür für Konstruktionen, Konstellationen und Entwicklungen, die viel später, Jahre und Jahrzehnte später, virulent werden.  So sollte später Jim Thompson in seinem Klassiker „The Killer inside me“ die Rechtfertigungsrhetorik in der Ich-Perspektive und angesichts des eigenen Todes übernehmen, die Charles Avaloine seinem Richter gegenüber einnimmt – ein Richter, nebenbei bemerkt, namens Ernest Coméliau, der seit 1928 im Simenon´schen Universum beheimatet ist, zum ersten Mal in dem Roman „Mademoiselle X“, den Simenon für Fayard noch unter seinem Pseudonym Christian Brulls verfasst hatte, und seit „Pietr der Lette“ gehört Coméliau zum immer changierenden Figuren-Ensemble der Maigret-Romane.

Abgesehen davon, dass Avaloine ungeachtet der sozialen Unterschiede, er ein Bauernsohn, Coméliau ein Bourgeois, versucht, eine Art Augenhöhe herzustellen, weil er vermutet, dass auch der Richter ein ehebrecherisches Verhältnis unterhält – das Laster als kumpelhafter Code sozialer Äquivalenz -, versucht er, eine Art höherstufige Hierarchie zu konstruieren. Und diese Hierarchie beruht auf einer statuierten höheren epistemologischen Kompetenz, die Avaloine für sich reklamiert. Er bittet zwar Coméliau um Verständnis für seine Bluttat, räumt aber gleichzeitig ein, dass dieses Verständnis eigentlich nur realisierbar vom Standpunkt eines Mörders wäre. Mord als epistemologische Qualität, als letztlich „moralische“, weil wahrhaftige Qualifikation: wer getötet hat, weiß mehr: „Und ich sehe alles so klar und nüchtern, wie man es nur sieht, wenn man erst einmal auf der anderen Seite steht“.

Das ist die typische Stimme aus dem belly of the beast, die sich, in immer neuen Modulationen durch die Zeiten und Kontinente bis heute fortschreibt: Von Jim Thompson über James Ellroy, von Rubem Fonseca bis Patrícia Melo, bis hin zu Aidan Truhen.

Bei so viel Selbsterhöhung oder eher mörderischer Selbstermächtigung, liegt, Nietzsche hin, Nietzsche her, der Schritt ins Metaphysische nicht fern: Die Selbstermächtigung exaltiert im „Erlösungsgedanken“, zumal es sich bei dem Objekt der Erlösung um ein sozial, also auch moralisch minderwertiges Wesen („durchtrieben und hurenhaft“) handelt, dessen einzige Option die „Ergebung“ in die als notwendig verstandene Lösung ist: Nachdem Martine zum Orgasmus gekommen ist (was vorher anscheinend bei vielen Versuchen nicht der Fall war) – „Endlich“ – folgt sofort für Avaloine alternativlos: „Und eines Tages werde ich sie töten müssen“. Simenon lässt diese Erhöhung natürlich sogleich  herunterplumpsen – auf die Ebene erbärmlicher Eifersucht auf Martines zaghaft autonomes Vorleben: „Musste ich sie nicht ein für allemal von ihren Erinnerungen befreien? … Warum, wenn nicht um sie zu erlösen, hätte ich mir stundenlang ihre Bekenntnisse (zu denen er sie manisch und gewaltsam zwingt, TW) anhören und in den schmutzigsten und erbärmlichsten Winkeln herumstöbern sollen?“

Auch wenn er sofort rechtfertigend nachschiebt: „Ich halte mich nicht für Gottvater“, bestätigt das lediglich die These Wolfgang Isers, dass „in der Negation das Negierte bestehen bleibt“, wie wir dann bei Jim Thompsons „Killer inside me“ oder auch in seinem Roman „Pop.1280“ beobachten können, deren psychopathische Mörder sich gottgleich gerieren. Auch in diesem Bezugssystem kann man „Brief an meinen Richter“ als eine Art Quellcode lesen, auch wenn das rezeptionsästhetisch kaum zu belegen ist. Dennoch: Zu deutlich gehört Avaloine an dieser Stelle zu dem Typus des „demonic punishers“, des „redeemers“, wie sie etwa Philip L. Simpson in seiner vielzitierten Typologie „Psycho Paths“ beschrieben hat.

Bleibt noch die Sache mit der Liebe. Auch da können wir beruhigt im Fall Avaloines vom  Simpson´schen Typus des „masculine hero“ ausgehen – denn an der männlichen Superiorität zweifelt Avaloine in all seiner Jämmerlichkeit keine Sekunde, sie ist ein Pfeiler seiner psychopathologischen Selbstermächtigung. In der Simenon-biographischen Lesart gehört „Brief an meinen Richter“ in die Phase der „Denise-Romane“ (auch wenn der hier die düstere Variante sein sollte), die sich eher mit Liebe denn mit Geschlechtskrankheiten befassen. Wir wissen aber nicht erst seit Eva Illouz was für ein vertracktes soziales Konstrukt „Liebe“ ist; auf jeden Fall ist sie ein Gebiet, auf dem die Warnleuchte „Authentizitätsfalle“ hektisch blinkt und wobei man Naivität schnellstens suspendieren sollte. Auch und gerade weil Avaloine seine Liebe zu Martine mit so viel Emphase auflädt, immer wieder die echte, tiefe, leidenschaftliche, existentielle Liebe beschwört, die ihn in seine Malaise treibt, zwanghaft und konsequent. Das Liebesleid, vulgo narzisstisch gekränkte Eifersucht, die ihn umtreibt, wird auch deswegen mörderisch, weil er, unbewusst, aber systemisch, der „Freud´schen Kultur“ angehört, und die legt nun einmal nahe, „dass das Liebesleid im Großen und Ganzen unvermeidlich und selbstverschuldet sei … in der privaten Verantwortung des Individuums und dessen Kontrolle unterliegend“ (Eva Illouz). Bei dieser Verengung, die nicht wahrhaben will, dass Liebesleid „nicht in dysfunktionalen Kindheiten  oder mangelnder Selbsterkenntnis (begründet liegt), sondern in einem Bündel sozialer und kultureller Spannungen und Widersprüchen“ (Illouz) – Simenons Alavoine hat einen suizidanten, gewalttätigen Alkoholiker als Vater und klebt an seiner traditionellen  Männer-Rolle, Simenon spielt die Freud´sche Variante voll aus – , liegt es nahe, dass es nicht „Liebe“ ist, von was hier gesprochen wird, sondern von einem Simulacrum. Vielleicht sogar ein doppeltes Simulacrum: Avaloine spricht eindeutig über ein Simulacrum von Liebe. Simenon auch? Dann wäre ein konsistenter biographische Konnex wiederhergestellt, aber nur dann.

Und weil wir das nicht wissen können, was angesichts der schieren Menge inkonsistenter und vermutlich intentional inkonsistenter Selbstaussagen Simenons einleuchtend erscheint, bekommen wir einen freien und weiteren Blick auf sein Werk nur, wenn wir es in immer neue Kontexte, die schließlich in den Texten selbst angelegt sind, setzen.  Das mag zwar ein wenig an Simenons (Selbst-)Bild als Solitär kratzen, macht ihn aber für eine Menge anderer Diskurse anschlussfähig, und bewahrt ihn von dem fatalsten Schicksal: dem Musealen.

© 12/2018 und 01/2026 Thomas Wörtche

Dieser Text wurde vom Kampa-Verlag als Nachwort zu Georges Simenons Roman „Brief an meinen Richter“ im Rahmen der angekündigten Simenon-Gesamtausgabe bestellt. Das war 2018. Bis heute ist dieser Band nicht erschienen. Ich habe den Text milde redigiert.

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Georges Simenon: Brief an meinen Richter (Lettre à mon juge, Paris 1947, Verlag Presses de la Cité, zuvor 3. April bis 5. Juni 1947 in 10 Folgen der Wochenzeitschrift Nuit et Jour; engl. Titel: Act of Passion). Aus dem Französischen von Hansjürgen Wille und Barbara Klau. Zuerst 1961 bei Kiepenheuer & Witsch, 1969 bei Heyne, 1977 bei Diogenes, erstmal ungekürzt, von den gleichen Übersetzern, dann mehrere Auflagen, zuletzt 2012.

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