Geschrieben am 1. Oktober 2025 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2025

Bloody Chops – Kurzbesprechungen Oktober 2025

Gar nicht so kurze Kurzkritiken zu aktueller Kriminalliteratur von: Hanspeter Eggenberger (hpe), Joachim Feldmann (JF), Tobias Gohlis (TG), Alf Mayer (AM) und Frank Rumpel (rum):

Philipp Ammon: Get Your Kicks. Ein altes Gleichnis.
James Lee Burke: Clete
James Lee Burke: Im Süden
Michael Connelly: Der Inselcop von L.A.
Minyoung Kang: Plant Lady
Mercedes Rosende: Ursula fängt Feuer
Susanne Tägder: Die Farbe des Schattens

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Sumpfblüten

(hpe) In seinem 24. Roman mit Dave Robicheaux wechselt Altmeister James Lee Burke den gewohnten Blickwinkel: Statt Robicheaux erzählt in Clete sein bester Freund und Gefährte im Kampf gegen das Böse: Cletus „Clete“ Purcel. Dadurch kann Burke den sonst von sich erzählenden Protagonisten von außen betrachten. Das beginnt schon auf der ersten Seite so: „Dave Robicheaux sagte mal, wer Louisiana liebt, liebt die Hure Babylon. Ich sagte, stimmt, aber wenigstens hat man Spaß. Diese Bemerkung hat Dave eindeutig nicht gefallen, er nannte sie vulgär und einfältig. Dave hätte Priester werden sollen statt Cop, dann hätte er aus seinem Leben auch nicht so ein Schlamassel gemacht, und Leute wie ich müssten ihn nicht vor sich selbst beschützen.“

Auch wenn sich Robicheaux und Purcel auf den ersten Blick stark unterscheiden – Dave arbeitet für das Sheriff’s Department in New Iberia, ist eher in sich gekehrt, lebt, jedenfalls fast immer, abstinent, pocht, zwar nicht ganz immer, auf die Einhaltung gewisser Regeln; Clete ist Privatermittler in New Orleans und New Iberia, ist extrovertiert, säuft und kifft, schert sich einen Scheiß um Regeln –, ticken sie doch im gleichen Takt. Beide werden von Alpträumen aus dem Vietnamkrieg verfolgt, beide kennen kein Pardon, wenn Frauen, Kinder, Arme und Wehrlose misshandelt werden, und sie hassen alte und neue Nazis. Sie wollen ihr Möglichstes tun, damit die Welt etwas besser wird. Große Illusionen machen sie sich nicht. Trotzdem bemühen sie sich, denn, wie es Clete auf den Punkt bringt: „Alle landen in derselben Scheune. Was zählt, ist, wie man dorthin kommt.“

In diesem Roman erinnert sich Clete an einen verworrenen Fall, bei dem nicht Drogen, wie er zunächst angenommen hatte, sondern ein gefährliches Gift in seinem 1959er Cadillac Eldorado Coupé versteckt wurde. Üble Subjekte suchten nach dem verschwundenen Stoff und behelligten nicht nur Clete, sondern auch Freundinnen von ihm. Bei der Suche nach den Hintermännern stießen Clete und Dave an den Bayous und in den Sümpfen im Süden Louisianas auf allerlei widerliche Zeitgenossen, darunter ein Schneeballsystem-Finanzhai, ein skrupelloser Kleingangster, der selbst seinen Bruder reinlegte, Neonazis in „6 Millionen sind nicht genug“-T-Shirts und korrupte Polizisten. Clete möchte den einen oder anderen gerne endgültig aus dem Verkehr ziehen, „aber die Leute, die man umlegt, haben die lästige Angewohnheit, neben deinem Bett aufzutauchen“. So musste er sich damit begnügen, dem Finanzhai eine Ladung Beton in das Wohnzimmer seiner noblen Südstaatenvilla zu kippen.

Daneben ufert die Geschichte, wie üblich bei Burke, immer wieder aus in allgemeine Betrachtungen. Manche Moralpredigten sind etwas penetrant und redundant. Doch „Clete“ ist ein typischer Robicheaux-Noir, der ein düsteres Bild der Welt und des US-Bundestaates Louisiana malt. Dank Burkes teuflisch gutem Erzählstil mit trockenem Humor, Situationskomik, Action und schlagfertigen Dialogen folgt man ihm gerne auch in die dunkelsten Abgründe.

James Lee Burke: Clete (Clete, 2024). Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Pendragon Verlag, Bielefeld 2025. 346 Seiten, 24 Euro.

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Grandioses Alterswerk

(TG) Immer wieder hat James Lee Burke, der im kommenden Jahr 90 wird, Filmcrews in seinen Romanen die Handlung spiegeln lassen, oft finster und verwickelt in die geschilderten Verbrechen. Aber nur wenige seiner gefühlt über 40 Bücher sind verfilmt worden, zu filmisch, zu expressiv ist die Sprache des Altmeisters.

„Flags on the Bayou“ nimmt in seinem Werk eine Sonderstellung ein. Es ist nämlich der Roman eines Films, dessen Entstehungsgeschichte in einem anderen Roman erzählt wird. Es gehört zu den wunderbaren Zufällen des Verlagswesens, dass auch dieser Roman, der übrigens erst ein Jahr später geschrieben und auf Deutsch in einem anderen Verlag veröffentlicht wurde, auch 2025 erschienen ist – und auf dieser Krimibestenliste Oktober steht: „Clete“.

Im Süden ist ein wildes, grausames Epos, so wild und unübersichtlich wie die Lage in Louisiana 1863. Die Union hatte die Gegend oberflächlich unter Kontrolle, aber unbesiegte Konföderierte und vor allem Freischärler marodierten, konfizierten, schändeten, soweit ihre Gewehrläufe reichten. In dieses Chaos hinein erzählt Burke die Geschichte von Hannah, einer gebildeten Sklavin (sie spricht und liest mehr Sprachen als ein  mittelhoher Nordstaatenoffizier), die ihren in den Kriegswirren verlorenen Sohn Samuel sucht. Da auf ihrer Plantage ein weißer Frauenschänder ermordet wurde, ist sie automatisch unter Verdacht. Gesucht, aber auch verehrt wird sie von Constable Pierre Cauchon, einem von den Plantagenbesitzern verabscheuten Menschen aus dem weißen Abschaum, der zuständig ist für die Rechte und vor allem des Gesetzesvollzug unter der Schwarzen Bevölkerung. Auf Hannahs Seite steht Florence, eine abolitionistische, puritanische Lehrerin aus dem Norden, friedfertig, damenhaft, eine Mörderin aus Notwehr.

Wie diese drei Menschen ihre Menschlichkeit im Chaos soldatischer Gewalt in aller Widersprüchlichkeit zu bewahren suchen, wird von Burke in diesem grandiosen Alterswerk ebenso ernsthaft geschildert wie die komplexen Regeln der Ehrhaftigkeit brutaler Südstaaten-Gentlemen.

James Lee Burke: Im Süden (Flags on the Bayou, 2024). Aus dem Amerikanischen von Alexander Wagner. Verlag btb, München 2025. Broschur, 352 Seiten, 15 Euro. –Tobias Gohlis ist Gründer und Sprecher der Krimibestenliste (siehe hier bei uns in dieser Ausgabe), zu seinem Bolg Recoil hier.

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Auf der Flucht

(rum). Eine andere werden. Sich von altem Ballast befreien. Das zieht sich als Motiv durch Mercedes Rosendes bisher vier Romane um Ursula Lopez, wobei sich die Lektüre der drei vorigen Romane lohnt, aber für das Verständnis von Ursula fängt Feuer nicht unbedingt nötig ist. Ursula ist eine Frau Ende Vierzig, übergewichtig und unzufrieden mit ihrem bisherigen Leben, aus dem sie eher zufällig rutscht – und nun eine gesuchte Kriminelle ist. 

Da war dieser Überfall auf einen Geldtransporter, die Beute bisher unauffindbar, weil Ursula sie mit Hilfe ihrer Schwester längst in Sicherheit gebracht hat. Die paar Millionen sollten ihr beim Start in ein irgendwie neues Leben helfen, wenn da nicht ständig weitere Hindernisse auftauchen würden. In diesem Fall wieder in Gestalt von Leonilda Lima, einer Kommissarin, die sich mit all den Ungereimtheiten rund um den Überfall nicht abgeben will, die sich festgebissen hat, nicht loslässt, auch, als ihr Chef den Fall beerdigt. Sie ahnt, dass er darin verwickelt sein könnte, Ursula weiß, dass er es ist. 

Und dann ist da noch ein alternder Mafiaboss, der einen filmreifen Gefängnisausbruch hinlegt, indem er zusammen mit drei anderen Insassen einfach durchs Haupttor nach draußen spaziert – und von niemandem aufgehalten wird. Auch er ist auf der Flucht, doch nicht immer bei sich. Er leidet an Demenz, sein Gedächtnis schaltet sich in den ungünstigsten Momenten ab, lässt ihn ahnungslos ins Leere fallen. Zufällig ist sein Ziel auch das von Ursula, eine abgewrackte Ferienanlage an der brasilianisch-uruguayischen Grenze, wo Ursula, im Stil von Highsmiths Ripley, tatsächlich beschießt, eine andere zu werden – was ihre Probleme vervielfacht.

Die Ursula-Romane von Mercedes Rosende leben von diesen etwas grell gezeichneten Figuren, clevere, sehr konsequente Frauen und nicht ganz so clevere Männer, in immer wieder surreal anmutenden Situationen. Das ist gelegentlich etwas absehbar, was Rosende, die als Anwältin und Journalistin arbeitete, bevor sie 2005 ihren ersten Band mit Erzählungen veröffentlichte, mit robustem Humor auszugleichen weiß. Erzählt ist das alles sehr filmisch. An einer Stelle im aktuellen Roman sagt die Erzählerin, um eine Szene zu verstehen, „müssen wir den Film ein kleines Stück zurückspulen“. Rosende dazu: „Das Kino schleicht sich in meine Bücher, ohne dass ich es will.“ Dafür klappt es hervorragend und macht diesen Roman zu einem bildreichen, wilden Ritt durch ein Uruguay mit korruptem Polizeiapparat, desolatem Gefängnissystem und regen  mafiösen Netzwerken. Und einer Ursula, die sich mit allen anlegt, weil sie genug hat von ihrem alten Ich, das sie endlich abzustreifen hofft. 

Mercedes Rosende: Ursula fängt Feuer (Nunca saldrás de aquí, 2023). Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2025. 304 Seiten, 19 Euro. – Ein Interview von Alf Mayer mit der Autorin bei uns hier, d. Red.

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Zeitloses Gleichnis

(AM) Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Lukas-Evangelium (10,29–37) ist eine der zentralen Lehrstellen der Bibel, ruft zur tätigen Nächstenliebe auf. Es gibt einen frühchristlich-innerjüdischen Zusammenhang: Es ist ein jüdischer Schriftgelehrter, der Jesus die Frage stellt, was zum Erwerb des ewigen Lebens zu tun sei. Jesus fragt zurück, was denn die Tora dazu sage. Darauf zitiert der Schriftgelehrte das Schma Jisrael als das zentrale jüdische Glaubensbekenntnis mit der Aufforderung zur Gottesliebe und verbindet es mit dem Gebot der Nächstenliebe. Daraufhin wird erzählt: Ein Mann auf dem Weg von Jerusalem hinab nach Jericho gerät unter die Räuber, die ihn ausplündern und schwerverletzt liegen lassen. Ein vorüberkommender Priester sieht den Verletzten und geht weiter, ebenso ein Levit (ein mit dem Tempeldienst Betrauter). Schließlich sieht ein heidnischer Samaritaner den verletzten Mann, erbarmt sich seiner, versorgt dessen Wunden und transportiert ihn auf seinem Reittier zu einer Herberge, einem Ort der Sünde. Dort gibt er am nächsten Morgen, bevor er weiterzieht, dem Wirt Geld für die weitere Pflege, verbunden mit Zusage zu Wiederkehr und Erstattung weiterer Kosten.

Philipp Ammon, Historiker und Kaukasiologe, macht daraus in GET YOUR KICKS ein bitterböses »Lustspiel in mehreren Auftritten«, ein Dramolett. Zum Personal gehören u.a. ein Glücksschmied, ein Pädagoge, Brother Bro, ein Sozialist, Fräulein Fromm, eine Straßenmissionarin, Fürst Rastoptschin, ein einfühlsames Krokodil, eine Grinsekatze, Gerda aus dem Königreich Dänemark, ein argloser Hyänenchor, ein deutschdeutscher Schäferhund, ein armer stubenreiner schwarzer Kater, Libertäre, Konservative und Gleb Borrisow, ein Himmelsleitersteiger.

Sie alle streiten sich um die »richtige« Perspektive. Zitat: »Des einen Maulwurfshügel ist des anderen Himalaja. (…) Gerda legt sich in eine Sanddüne, genießt den Ausblick auf die Fata Morgana von einem Eisberg und macht es sich hyggelig.« Auch die »Völuspá«, das Eingangsgedicht der Lieder-Edda und das erste der Götterlieder, taucht auf. Kulturelle, religiöse, poetologische und mythologische Referenzen türmen sich, Pop-Kulturelles nicht zu vergessen. Die Textdichte des schmalen Bandes ist enorm. »Get your kicks on Route Kvish Akhad. Imagine. Hier werden sie geholfen«, heißt es. Diese Route meint den Highway 1 in Israel, der Tel Aviv mit Jersualem verbindet. Tja, und wem wir – falls wir nächstenliebend sind – heutzutage helfen sollen, dazu braucht es wohl nicht unbedingt der Bibel…

Philipp Ammon: Get Your Kicks. Ein altes Gleichnis. Moloko Print 281, Berlin 2025. Broschur, 72 Seiten, 15 Euro. – Verlagsinformationen: molokoplusrecords.de

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Auch für geduldige Leser ermüdend

(JF) Weiß der Teufel, was Michael Connelly bewogen hat, neben Harry Bosch, Renée Ballard, Mickey Haller und, nicht zu vergessen, Jack McEvoy, einen weiteren Serienhelden aus dem Hut zu zaubern. Dass er erstmals die erzählerische Herausforderung angenommen habe, einer seiner Hauptfiguren eine stabile Beziehung zu gönnen, wie der Autor in einem Interview mit der Los Angeles Times zu Protokoll gab, ist eine recht dürftige Erklärung. Und als Rechtfertigung für einen nicht einmal durchschnittlichen Kriminalroman taugt sie noch weniger. Schon deshalb sollte man dem Kampa Verlag dankbar dafür sein, dass die deutsche Ausgabe den abschreckenden Titel Der Inselcop von L.A. trägt. (Im Original heißt das Buch schlicht „Nightshade“.)

Die Handlung lässt sich kurz zusammenfassen: Detective Sergeant Stilwell wird auf die kleine Insel Santa Catalina vor der kalifornischen Küste strafversetzt. Der ebenso aufrichtige wie tugendhafte Polizist hat sich mit einem Kollegen angelegt, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Als im Hafenbecken eine weibliche Leiche gefunden wird, bekommt er es ausgerechnet wieder mit diesem Unsympathen zu tun. Doch Stilwell lässt sich nicht einschüchtern, auch als einige einflussreiche Inselbewohner in den Fokus seiner Ermittlungen geraten.

Man kennt das. Aber es ist weniger die Versammlung bekannter Versatzstücke aus dem Genrefundus, die diesen Roman zur quälenden Lektüre werden lassen, sondern die Art ihrer Präsentation. Langatmige Dialoge, detailfreudige Beschreibungen und redundante Erklärungen dürften auch die geduldigste Leserin ermüden. Ihr
Rezensent jedenfalls hatte große Mühe, das Buch zu Ende zu bringen. Wer die Dame im Wasser auf dem Gewissen hat, war ihm zu diesem Zeitpunkt herzlich gleichgültig. Und dem auf dem Buchrücken zu lesenden Wunsch der Los Angeles Times, dass es „hoffentlich schon bald den nächsten Stilwell geben“ werde, kann er sich nicht anschließen.

Michael Connelly: Der Inselcop von L.A. Der erste Fall für Detective Stilwell (Nightshade, 2025).
Aus dem amerikanischen Englisch von Sepp Leeb. Kampa Verlag, Zürich 2025. 379 Seiten, 23 Euro.

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Bedächtig und genau beobachten, heißt die Methode

(TG) Mit „Wechtershagen“ (das nicht sehr vom realen Neubrandenburg unterschieden ist), der unmittelbaren Nachwende-Zeit und dem aus Wechtershagen stammenden, aber in Hamburg professionell sozialisierten Kommissar Arno Groth hat Susanne Tägder ein Setting geschaffen, das fasziniert. Schon ihr erster Roman „Das Schweigen des Wassers“ (2024) stand auf der Krimibestenliste, mit ihrem neuen Die Farbe des Schattens reiht sie sich endgültig in die Riege der bedächtigen, genau die sozialen und emotionalen Schattierungen eines Kriminalfalls beobachtenden Autoren wie Mathijs Deen und Matthias Wittekindt ein.

Ein elfjähriger Junge aus einem Plattenbau am Rande von „Wechtershagen“ verschwindet spurlos beim abendlichen Einkaufen. Groth, immer noch traumatisiert vom Unfalltod seiner eigenen Tochter, ist ratlos. Alle Hinweise verlaufen sich in der Trostlosigkeit jener Jahre – Arbeitslosigkeit, rechte Verführer, Alkohol. Erst ein literarisches Verfahren, Uwe Johnson abgeschaut, hilft, nicht das Kind zu finden, aber den Täter aus dem Verkehr zu ziehen.

Susanne Tägder: Die Farbe des Schattens. Tropen Verlag/ Klett-cotta, Stuttgart 2025. Klappenbroschur, 336 Seiten, 17 Euro.

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Wo Männer nur als Dünger taugen

(hpe) Mit viel Engagement und Kreativität führt Yu-hee in einer (fiktiven) Stadt in Südkorea einen zunehmend erfolgreichen Pflanzenladen. Vor allem Frauen besuchen den originellen Shop der sympathischen Pflanzenfrau. Mit Männern hat Yu-hee immer wieder schlechte Erfahrungen gemacht. Dann erweist sich ein Unternehmensberater, der ihre fachliche Hilfe braucht, als netter Mensch. Nachdem Yu-hee sich mit ihm eingelassen hat, erweist er sich als genauso toxisch wie die meisten Männer, die sie kennt. So macht er sich schließlich als Dünger für die Pflanzen in ihrem Hof nützlich.

Blutige Mordszenen gibt es nicht im subtilen Rachethriller Plant Lady der südkoreanischen Autorin Minyoung Kang, auch wenn die Pflanzenfrau noch zu reichlich Dünger für die Hofpflanzen kommt. Die Männer werden fast beiläufig aus dem Verkehr gezogen – bevor man die eigentliche Tat mitbekommt, liegen sie schon unter den Pflanzen. Es spricht es sich bei der weiblichen Kundschaft offenbar herum, dass die Ladeninhaberin nicht nur eine Leidenschaft für Pflanzen hat, sondern sich ebenso leidenschaftlich um miese Männer kümmert. Sie muss einfach etwas tun, wenn ihr von schlimmen Typen berichtet wird. Für sie sind die Ausbrüche übergriffiger Männer vorbestimmt: „Um den Teufelskreis zu durchbrechen, der sich bei allen zufällig betroffenen Frauen wiederholt, muss der Auslöser gefunden und spurlos beseitigt werden.“

Diese Beseitigungen werden nicht explizit geschildert. Mal schwingt die Gärtnerin kurz eine Schaufel oder eine Hacke, und einmal kommt ihr neuer Häcksler zum Einsatz. Doch auch da bleibt es bei einem flüchtigen Blick auf Tat. Diese Zurückhaltung mag man als diskrete asiatische Art sehen, aber aus anderen Romanen und aus Filmen wissen wir längst, dass die Koreaner das Blut gerne mal üppig spritzen lassen. Mit Diskretion hat Kangs behutsame Erzählweise denn auch kaum zu tun. Vielmehr erzeugt sie eine unterschwellige Bedrohung. Und sie vermeidet es, dem niederträchtigen Denken und Handeln der Männer viel Raum zu geben.

Die Geschichte mag zu Beginn etwas simpel wirken, aber die vordergründig unspektakuläre Erzählweise macht sie mit der Zeit immer faszinierender. So abgeklärt haben wir Female Rage bisher nicht gelesen.

Minyoung Kang: Plant Lady (Plant Lady, 2024). Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel. Heyne Verlag , München 2025. 205 Seiten, 20 Euro.

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