
Mädchen, die verschwinden
Mädchen verschwinden mal wieder. In „So ist das nie passiert“ von Sarah Easter Collins ist es die jüngere Schwester von Willa, die eines Tages einfach verschwunden ist. In Emiko Jeans „The Return von Ellie Black“ gibt es zwei Mädchen: Ellie Black, die im Alter von 17 Jahren verschwindet und dann nach zwei Jahren wieder auftaucht. Und Lydia, die vor 20 Jahren vermisst wurde. Sie war die Schwester von Chelsey Calhoun, die mittlerweile erwachsen ist und als Polizistin in dem Fall von Ellies Verschwinden ermittelt. Schon bald entdeckt sie, dass mit Ellies Verschwinden weitere Vermisstenfälle in Verbindung stehen.
Beide Titel ähneln sich in der Erzählweise: Die Perspektiven wechseln zwischen den Kapiteln, hauptsächlich erzählt die Schwester, die noch da ist. Das hat einen klaren Vorteil: Die Schwestern haben einen anderen Blick auf die Verschwundene als die Eltern. Sie sind näher dran, kennen Geheimnisse, können aber noch weniger mit Schuldgefühlen ob des Verschwindens umgehen als Erwachsene. Außerdem gesteht man ihnen als Leserin ein irrationaleres Verhalten zu, auch unzuverlässigere Erinnerungen. Schließlich waren sie fast noch Kinder, als es passierte. Weder Chelsey noch Willa haben das Verschwinden ihrer Schwester überwunden – obwohl es bei Chelseys Schwester eine Aufklärung gibt. Nach und nach kommen dann weitere Perspektiven hinzu und am Ende weiß man, was passiert ist. Leider – möchte ich fast hinzufügen.

Ellie Black kehrt zurück
„The Return of Ellie Black“ ist eindeutig das interessantere Buch: Geschrieben hat es Emiko Jean, die als Jugendbuchautorin recht erfolgreich ist. Das ist ihr erster Thriller für erwachsene Leser*innen. Sie kennt sich aus mit Spannungsaufbau, Cliffhangern und kurzen Kapitel. Gerade die jugendlichen Figuren sind überzeugend und plausibel, auch stecken in dem ersten Drittel viele gute kleine Alltagsbeobachtungen. Dazu ist Chelsey als Figur interessant: In Japan geboren, von einem weißen amerikanischen Ehepaar adoptiert, hatte sie eigentlich eine glückliche Kindheit bis ihre Schwester verschwand. Aber über die Alltagsrassismen, die Verletzungen hat sie nie mit jemanden gesprochen. Sie ist stets bemüht, den Erwartungen ihres mittlerweile verstorbenen Vaters gerecht zu werden, hat den Verlust der Schwester nie überwunden. Ihre Mutter hat sie und den Vater verlassen – und das bleibt komplett außen vor. Was schade ist, denn darin steckt eine spannende Geschichte. Wie auch in den anderen Mütter: Ellie Blacks Mutter, die Mutter der Täter. Aber sie interessieren gar nicht.
Stattdessen verheddert sich das Buch in dem zunehmend absurden Fall: Ellie Black war zwei Jahre verschwunden, dann taucht sie einfach wieder auf einem Waldweg auf. Chelsey will den Fall unbedingt aufklären, ist aber zunehmend von Ellies Verhalten irritiert: Sie blockt Nachfragen ab, weicht aus, scheint wenig Interesse daran zu haben, dass der Fall aufgeklärt wird. Chelsey ist überzeugt, dass sich mehr als Trauma hinter dem Verhalten verbirgt. Offensichtlich verbirgt Ellie etwas – und wer schon mehr als eine Criminal-Minds-Folge gesehen hat, weiß ganz genau, was im Folgenden passiert. Inklusive der Nebengeheimnisse. Nun ist die Handlung nicht alles – aber sie ist hier wirklich hanebüchen.
Angeblich ist das passiert
Auch in „So ist das nie passiert“ verheddert sich Sarah Easter Collins – vor allem weil sie sich nicht recht entscheiden kann, ob das hier ein Buch über ein Verschwinden oder eine Familiengeschichte sein soll. Im Mittelpunkt steht Willa. Sie quälen Schuldgefühle. Denn in der Nacht ihres Verschwindens hat Laika (wirklich benannt nach dem Hund. Das steht in dem Buch.) sie geweckt und sie hat nicht ganz so gut reagiert. Das war das letzte Mal, dass sie sie gesehen – und seither fragt sie sich, was sie hätte anders machen müssen. Mittlerweile ist Willa erwachsen, mit einem ziemlich unmöglichen Typen zusammen und hat wenig aus ihrem Leben gemacht. Eines Abends ist sie bei ihrer Freundin Robyn zum Essen eingeladen – und ist überzeugt, dass die neue Freundin von Robyns Bruder ihre Schwester ist.
Ausgehend von diesem vermuteten Wiedersehen geht die Handlung in der Zeit zurück. Wir erfahren mehr aus der Familie, der Kindheit der Schwestern – und von Anfang an spielt der Roman mit möglichen unzuverlässigen Erinnerungen. Aber letztlich sind diese Erinnerungen gar nicht so unzuverlässig. Vielmehr zeigt sich in diesem Roman eine Schwäche der meisten Geschichten über Verschwundene: Es wird eine Erklärung gefunden, die – offenbar ist das die angenommene Erwartung – ein Happy End ermöglicht. In diesem Fall sorgen vollkommen unglaubliche (und unglaubwürdige) Zufälle sowie unfassbar eindimensional böse Männer dafür. Dieser Roman lässt nichts aus: Häusliche Gewalt, Demenz, Holocaust, selbstlose Retter, Yoga. Interessant ist möglicherweise, dass es einen queeren Subsubplot gibt, der sehr selbstverständlich erzählt wird. Aber das sollte eigentlich im Jahr 2025 auch nicht mehr bemerkenswert sein.
Brave Mädchen lösen Vermisstenfälle
Verschwundene Mädchen sind kein neuer Topos – gerade in den vergangenen Jahren gab es sie oft. Die Kombination aus (angenommener) Unschuld und Verbrechen, lolitahafte Verdachtsmomente sind reizvoll. Oftmals war das Verschwinden Anlass, von Gesellschaften zu bestimmten Zeiten zu erzählen – Erin Flanagans „Dunkelzeit“, Felicity McLeans „Cordie“ oder auch Naomi Hiraharas „Clarks & Division“ beispielsweise. Doch in den aktuellen Titeln wird der Blick stärker auf die Dynamiken innerhalb der Familien sowie die Auswirkungen auf einzelne Personen gelenkt wird. Chelsey muss erst die Fehler ihres Vaters erkennen. Laika und Willa indes sind einer reichen Familie voller Gewalt und Unterdrückung aufgewachsen. Es dauert, bis sie begreifen, dass ihr Elternhaus nicht „normal“ ist. Und auch dann schweigen sie darüber – aus Scham, aus anerzogenem Gehorsam. Möglicherweise hätte Laika allerdings das Schweigen gebrochen. Dennoch wird hier der Blick aufs Verbrechen quasi privatisiert. Die Gründe des Verschwindens liegen nicht mehr in der Gesellschaft, sondern in den individuellen Entscheidungen einzelner Personen.
Auffällig ist zudem: Es sind die Rebellinnen, die verschwinden. Ellie Black hat eine Party veranstaltet, dort an Minderjährige Alkohol verkauft, um sich ein Handy leisten zu können. An diesem Abend ist sie verschwunden. Laika hat gegen Vater und sein Regime rebelliert. Die braven angepassten Schwestern bleiben zwar zurück. Aber auch körperlich unversehrt. Darin steckt eine Warnung: Solche Dinge passieren denjenigen, die sich auflehnen, die feiern wollen, die etwas mehr vom Leben haben wollen als das, was ihnen die Kleinstadt geben kann. Die mutig sind, laut, unangepasst. Pass also auf, dass Du immer schön brav bleibst – sonst passiert Dir das auch. Bleibst Du aber brav, kannst Du zur Heldin werden, wenn Du das Verschwinden aufklärst.












