Geschrieben am 1. Juni 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2025

Joachim Feldmann: »Smiley« von Nick Harkaway

Ein Spion kehrt zurück – Die Wiederbelebung einer literarischen Figur

Joachim Feldmann über die Fortführung der Smiley-Romane von John Le Carré

„Atemberaubend gewöhnlich“! So charakterisiert Lady Ann Sercomb, gleichermaßen attraktiv wie wohlhabend, ihren zukünftigen Ehemann, den sie zwei Jahre später zum ersten Mal verlassen wird. Was ihre Freunde im Londoner Nobel-Stadtteil Mayfair nicht überrascht. Denn die Verbindung zu George Smiley, übergewichtig, von kleiner Statur und schlecht gekleidet, gilt von Beginn an als Mesalliance. „Die Sercomb heiratet einen Ochsenfrosch in Ölzeug und Südwester“, heißt es wenig schmeichelhaft. Dass sie ihn nach recht kurzer Zeit gegen einen gutaussehenden kubanischen Rennfahrer eintauscht, wundert niemanden. Schon eher, dass sie nach der Affäre zu ihrem Gatten zurückkehrt. Aber so weit ist es noch nicht. Bei seinem Eintritt in die Welt der Spionageliteratur ist George Smiley frisch getrennt.

Wir schreiben das Jahr 1961. Der britische Geheimagent David Cornwell ist in Deutschland stationiert, als sein erster Roman „Schatten von gestern“ beim renommierten Verlag Victor Gollancz erscheint. Cornwell wählt das Pseudonym John Le Carré, unter dem er zwei Jahre später berühmt werden sollte. Denn 1963 gelingt ihm mit seinem dritten Roman, „Der Spion, der aus der Kälte kam“, ein Welterfolg, eindrucksvoll mit Richard Burton in der Hauptrolle verfilmt. George Smiley tritt in dieser Geschichte von Täuschung und Verrat im Kalten Krieg nur am Rande auf. Zur zentralen Figur wird er erst wieder ab 1974. In rascher Reihenfolge erscheinen gleich mehrere Romane, die den traurigen Liebhaber deutscher Barocklyrik zum Mythos werden lassen, ebenso wie Karla, seinen Gegenspieler auf sowjetischer Seite.

Die Biographie seines Anti-Helden hat Le Carré im Laufe der Jahre mehrfach den Bedürfnissen der jeweiligen Romanhandlung angepasst, andernfalls wäre er 2017 bei seinem letzten Auftritt in „Die Erbschaft der Spione“ mehr als 100 Jahre alt. Aber wie sagt Le Carrés Sohn Nick Harkaway im Vorwort zu seinem Roman „Smiley“, mit dem er die Serie über den alterslosen Agenten fortsetzt: „Die Dinge ändern sich, und woran wir uns mit absoluter Klarheit erinnern, stellt sich nur als eine Gestalt im Nebel heraus.“

Dass der profilierte Autor von Science-Fiction-Romanen in die Fußstapfen seines Vaters tritt, war sicherlich keine unproblematische Entscheidung. Als Franchise-Produkt á la James Bond mag man sich Smiley nicht vorstellen. Doch Nick Harkaway zeigt Respekt vor dem literarischen Erbe. Die Handlung, angesiedelt kurz nach den in „Der Spion, der aus der Kälte kam“ geschilderten Ereignissen, ist purer Le Carré. Ein missglückter Anschlag auf einen Londoner Literaturagenten ungarischer Herkunft sorgt für Unruhe im „Circus“, so Le Carrés popkulturelles Gemeingut gewordene Bezeichnung für den britischen Geheimdienst MI6. George Smiley, inzwischen im Ruhestand, wird für einen kurzen Einsatz reaktiviert. Denn der gescheiterte Killer kam vom KGB, und sein geplantes Opfer ist spurlos verschwunden. Die Nachforschungen führen über Berlin bis nach Portugal. Was sie ans Licht bringen, ist allerdings keine weltpolitische Intrige, sondern eine sehr menschliche Tragödie. Und auf diesem Gebiet kennt sich Smiley aus.

Joachim Feldmann

Nick Harkaway: Smiley (Karla’s Choice, 2024). Aus dem Englischen von Peter Torberg. Ullstein Verlag, Berlin 2025. 366 Seiten, 24,99 Euro.

Anm. d. Red.: Siehe auch unser Klassiker-Check der George-Smiley-Figur von Dirk Schmidt, dessen Thriller »Die Kurve« gerade in der Edition TW bei Suhrkamp erschienen ist.

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And here some latest news from The Rap Sheet:
Following the success of Karla’s Choice, Nick Harkaway’s 2024 novel continuing the espionage adventures of George Smiley—the series protagonist introduced by his late father, John le Carré, in Call for the Dead (1961)—the author has concocted a sequel, The Taper Man, to be published in 2026.

In his new novel, Nick Harkaway will send George Smiley for the first time on an operation to America, pursuing an old communist network across the West Coast. It’s 1965, eighteen months after the events of Karla’s Choice, and within the missing decade between the two instalments in the Smiley Saga, The Spy Who Came in From the Cold [1963] and …Tinker Tailor Soldier Spy [1974]. Against the backdrop of the Civil Rights era and the Vietnam War, Smiley finds himself dealing with a crisis involving the ‘Cousins’, which throws him once again in a struggle to find a path in the dark. To whom does he owe his allegiance? To this investigation in America or to the wider geopolitical gameboard?

In related news, a stage adaptation of The Spy Who Came in From the Cold is set to premiere this fall in London’s West End. “Adapted by award-winning playwright and screenwriter David Eldridge and directed by Jeremy Herrin,” writes Shotsmag’s Ayo Onatade, “this is the first novel by the undisputed master of the modern spy genre to be brought to life on London’s stage. Following a sold-out premiere at Chichester Festival Theatre in 2024, the play will be produced by Ink Factory and Second Half Productions in association with Nica Burns.”

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