Geschrieben am 1. Mai 2025 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2025

Tobias Gohlis: Robert Saviano stellt in Hamburg »Treue« vor

Auf immer gefangen, auf immer in Gefahr

Was mich verwunderte: Vor dem Magazin-Kino in Hamburg-Winterhude standen am 19. März 2025 keine Polizisten, wir Besucher wurden nicht kontrolliert. Der große Kinosaal war ziemlich voll, hin und wieder mussten 15 oder 20 Leute aufstehen, wenn jemand zu seinem Platz in der Mitte wollte.

Auf der Bühne: ein langes Podium mit vier Mikrophonen, Wasserflaschen, Leselampen. Flankiert von Bannern der Veranstalter: NDR Kultur und Literaturhaus Hamburg. Wir blätterten noch ein wenig in den Smartphones.
Und plötzlich war er da, es war fast wie der Auftritt einer kleinen Marschkolonne: Zuerst die Übersetzerin von der Uni Kiel, die für den erkrankten zweisprachigen Moderator eingesprungen war, dann der Napolitaner vom Typ Lenin, dann der Moderator, der vor Aufregung vergaß, seinen Namen Alexander Solloch zu nennen, dann die Schauspielerin Julia Wieninger, die die Texte lesen sollte.

Angekommen an seinem Platz, hob er beide Arme, als wolle er winken wie ein Fußball-Star, wüsste aber nicht genau, ob man ihn hier überhaupt willkommen heißen würde: Roberto Saviano, 47 Jahre alt, seit 2006 unter Polizeischutz, personifizierter Widerstand gegen die Mafia. Das Publikum, ein Drittel davon Italiener – mein Sitznachbar war aus Neapel – klatschte ausdauernd.

Ob er das alles so wieder machen würde, gejagt, Personenschutz, Prozesse, die Bedrohung? Saviano antwortete höflich, als hätte er die Frage noch nie gehört. Sprach von Zweifeln, vom Trotz des Süditalieners. Während des ganzen Abends wirkt er erschöpft, fuhr sich mit den Händen über die Augen, rieb sich die Wangen, war aber hellwach, konzentriert bei seinen Antworten.

Saviano beschrieb die Cosa Nostra wie einen Orden: Wer eintrete, wisse um die Alternativen: Gefängnis oder Tod. Der Preis der Macht: Weder darf man Kommunist sein noch Faschist, darf nicht trinken, Drogen nehmen, betrügen, ins Bordell. Das Ideal der Gefühlsbeherrschung. Wer zu lebenslänglich verurteilt wurde, schlug die Hände nicht vors Gesicht oder schrie „mein Gott“, sondern nahm das Urteil mit unbewegtem Gesicht entgegen.

Liebe wird als Schwäche angesehen – das erinnert mich an Elon Musk, der Empathie als Weichheit verteufelt (aber sich massiv nach rechts radikalisierte, als einer seiner Söhne sich als weiblich registrieren ließ).

Die Textpassagen aus TREUE, die Julia Wieninger bravourös vortrug, zeigten eine Mafia, wie man sie kennt. Erratisch, blutig, verschwiegen, immer auf Machterhalt durch maximale Abschreckung aus. Der Spielsüchtige, der seine Frau verspielt, wird umgebracht, weil so einer nicht vertrauenswürdig sein kann. Der Mafioso muss seine Geliebte erschießen, um Einkommen, Einfluss und Macht zu behalten, die seine Ehefrau garantiert. Die junge Frau, deren Mann zu zwanzig Jahren verurteilt wurde, muss wegen eines Internetchats mit einem anderen Mann Salzsäure trinken – wahnwitzige Vorstellungen von Reinheit, die zum Terror dazugehören.

Als Saviano am Ende eines langen, spannenden Abends gefragt wurde, ob er, wir, in unserer Lebenszeit das Ende der Mafia erleben würden, lachte er: „Wenn der Kapitalismus endet, dann ja.“

Als Italien Gastland der Frankfurter Buchmesse war, war der berühmteste Schriftsteller Italiens nicht als Mitglied der offiziellen Delegation dort. Melonis postfaschistische Kulturschergen funktionieren auch im Ausland. Ein italienisches Kulturinstitut in Frankreich wollte „einen italienischen Autor“ präsentieren. Sobald Melonis Regierung erfuhr, dass der Autor Saviano war, wurde er ausgeladen. In Hamburg nicht. Er war da, sprach, und vermutlich alle wünschten ihm ein langes, gutes Leben.

Tobias Gohlis – Der Text erschien zuerst auf seinem Blog Recoil.

Roberto Saviano: Treue. Liebe, Begehren und Verrat – die Frauen in der Mafia (Noi due ci apparteniamo. Sesso, amore, violenza, tradimento nella vita dei boss, 2024). Aus dem Italienischen von Anna und Wolf Heinrich Leube. Hanser, Müchen 2025. 272 Seiten, Euro.

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Siehe auch: Alf Mayer zum Roman ”Falcone« von Roberto Saviano: Realität als Protest: Die Wirklichkeit als Grenze der Fiktion. Über ein Epos von bleibender Bedeutung.

Auszug: Ein Buch, dessen Ausgang man schon vor der ersten Zeile kennt. Die Chronik eines angekündigten Todes. Und so viel mehr. Giovanni Falcone wusste, dass er sterben würde, nur nicht wann. Auch Roberto Saviano, der Autor von »Falcone«, hat ein schwarzes Kreuz auf dem Rücken. Die Mafia will seinen Tod. Seit dem 13. Oktober 2006, zwei Monate nach Erscheinen seines undercover recherchierten Buches »Gomorra – Eine Reise in das Wirtschaftsimperium der Camorra und ihren Traum von der Vorherrschaft«, so der vollständig übersetzte Titel, steht Saviano unter Personenschutz und lebt seitdem versteckt an wechselnden Orten, die er alle zwei Tage verlassen muss. „I Am Still Alive“ verkündete er trotzig per Graphic Novel (Cross Cult, 2023)…
Das Buch ist nicht nur eine Verneigung vor einem mutigen Mann, »der den Tod erwartet wie ein Samurai« und unbeirrt seine Ermittlungsarbeit tut, nicht nur eine für alle Zeiten aufzubewahrende Chronik, nicht nur eine literarische Leistung, vor der es den Hut zu ziehen gilt – es ist selbst ist Teil jenes Staffellaufs, von dem darin die Rede ist. An uns Nachgeborenen und uns Zeitgenossen ist es, unsern Teil dafür zu tun, dass solcher Mut nicht vergeblich bleibt. »Die Gegenwart ist ein verlorener Krieg … In welche Schublade soll er seine Hoffnung legen?«, heißt es einmal im Buch. Wer gegen die Mafia kämpft, kann bald »einen kleinen persönlichen Friedhof alleine mit den Gräbern von Freunden und Kollegen füllen«. Italien ist »ein Land, das sich auf seine Märtyrer verlässt«.

In «Treue« nähert sich Saviano in zwölf Kapiteln den Frauen der Mafiabosse. Manche von ihnen vertrauten sich ihm an, teilten ihre Geschichten mit ihm. Ihm, der schon gleich mit seinem ersten Buch die bittere Erfahrung machen musste, dass »wenn man sich zu sehr auf bestimmte Geschichten, auf bestimmte Figuren einlässt, Gefahr läuft, paradoxerweise ihr Schicksal zu teilen. Freiheitsentzug ist eine drastische Strafmaßnahme.« Er kennt das seit dem 13. Oktober 2006, als er, »ein junger Mann, erleichtert, endlich die Arbeit abgeschlossen zu haben – ein Buch mit dem Titel Gomorrha –, meine Freude mit meinen Lieben teilen wollte. Stattdessen schlossen sich die Türen eines gepanzerten Autos von Personenschutz hinter mir, als schlössen sich die Gitterstäbe eines Gefängnisses, und dieses banale dumpfe Geräusch, begleitet von einem leichten Luftzug, hat sich im Lauf der Jahre in meinem Kopf immer mehr in das widerliche Klirren von Zellengittern verwandelt.«

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