Geschrieben am 1. Mai 2025 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2025

Eggenberger über »Super-Cannes« von J.G. Ballard

Massenmord im Businesspark

Im Hinterland von Antibes an der Côte d’Azur gibt es den Technologie- und Wissenschaftspark Sophia Antipolis, benannt nach dem griechischen Wort für Wissen (Sophia) und der antiken Bezeichnung von Antibes (Antipolis). Er wird in Frankreich gerne als so etwas wie ein französisches Silicon Valley gesehen. Seit den 1970er Jahren hat sich Sophia Antipolis zu einer Art Retortenstadt entwickelt: In rund zweitausendfünfhundert Firmen arbeiten gegen vierzigtausend Menschen aus mehr als achtzig Ländern. Bedeutende Weltkonzerne wie Accenture, Bosch, Cisco, Dow, Hewlett-Packard, Hitachi, Huawei, IBM, Intel, SAP und Toyota haben hier Niederlassungen.

Mit seiner langjährigen Partnerin Claire Walsh hat der englische Schriftsteller J. G. Ballard (1930–2009) – berühmt geworden vor allem durch seine dystopischen Science-Fiction-Romane wie „Crash“(1973; verfilmt von David Cronenberg) und „High Rise“ (1975; verfilmt von Ben Wheatley) – gerne an die Côte d’Azur Ferien gemacht, und sie hat ihn auf einer Reise auf Sophia Antipolis aufmerksam gemacht, das ihn zum fiktiven Businesspark Eden-Olympia in seinem Roman „Super-Cannes“ inspirierte. Super-Cannes heißt ein Hügel hinter Cannes; in dieser Gegend liegt der Businesspark in Ballards im Original vor fünfundzwanzig Jahren erschienenen Roman, der erst jetzt, gut fünfzehn Jahre nach dem Tod des Autors, auf Deutsch vorliegt.

Nach Eden-Olympia schickt Ballard den leicht exzentrischen Paul Sinclair als Erzähler. Er hat nach einem Unfall mit einem Kleinflugzeug gesundheitliche Probleme und begleitet seine junge Frau Jane an die Côte, die einen Job als Ärztin in Eden-Olympia antritt. Sie begeistert sich schnell für die moderne Gesundheitskontrolle, die ihrem Mann eher als totalitäre Überwachung erscheint: „Jeden Morgen nach dem Aufstehen loggen sich die Leute in der Klinik ein und übermitteln ihre Gesundheitsdaten: Puls, Blutdruck, Gewicht usw. Ein kleiner Pieks in den Finger, ausgeführt von einem kleinen Scanner, und schon analysieren die Computer hier alles andere: Leberwerte, Cholesterinwerte, Prostatamarker, einfach alles.“

Während Jane in ihrer Arbeit aufgeht, beschäftigt sich Paul mit dem Ereignis, dass seiner Frau den Job beschert hat: Ihr Vorgänger David Greenwood, den sie aus einer Klinik in London kannte, hat in Eden-Olympia mehrere Kollegen und Freunde und schließlich sich selbst erschossen. Je länger Paul dem Massaker mit zehn Toten nachgeht, mit Zeugen und mit Freunden von Doktor Greenwood spricht, umso mehr zweifelt er an der offiziellen Darstellung des Ablaufs der Ereignisse an jenem tödlichen 28. Mai.

Er stößt auch auf andere seltsame Ereignisse in diesem isolierten Ort, an dem der Sicherheitsdienst allgegenwärtig scheint und wo der Psychiater Wilder Penrose offenbar die Fäden zieht. „Das Wichtigste ist“, gesteht Penrose Paul einmal, „dass die Bewohner Eden-Olympias glauben, sie überwachen sich selbst.“ Paul spürt bald, dass über den schicken Swimmingpools und gepflegten Rasenflächen „die Prophezeiung von Gewalt“ schwebt: „In Eden-Olympia blühte das Verbrechen, ohne dass die Bewohner sich ihrer Täterschaft überhaupt bewusst waren oder verstanden, was sie zu ihren Verbrechen motivierte.“

Die hochbezahlten „Mitglieder der neuen Elite“ in Eden-Olympia gehen offenbar düsteren Nebenbeschäftigungen nach. Paul stößt auf einen Sumpf von Drogen, Kinderpornografie und brutaler Gewalt faschistischen Zuschnitts. Warum glauben die Topmanager, dass sie damit durchkommen, fragt er sich. Frances, die Ex-Freundin von Greenwood, die zu Pauls Begleiterin wird, meint: „Sie wissen, dass die Welt ohne sie zusammenbräche und glauben daher, sie können sich alles erlauben.“

Ballard nimmt uns in „Super-Cannes“ mit auf eine Geisterbahnfahrt durch die Abgründe der menschlichen Seele. Streckenweise wirkt der Roman wie eine bitterböse Satire auf die moderne Businesswelt, die in der heutigen Welt, in der das Verhalten von Typen wie Trump, Musk & Co. gerade erschreckend schnell zu einer neuen Normalität wird, gar nicht mehr so surreal wirkt wie damals, als Ballard diese Visionen zu Papier brachte.

Als Zugabe gibt es die für Ballard typische Sprache, die mit allerlei einzigartigen Assoziationen gespickt ist und damit allein schon Unterhaltungswert hat. Nur ein kleines Beispiel:

Während die Prostituierten sich in einer Kreolsprache aus Französisch und Arabisch unterhielten, wehte ihr Duft zu meinem Tisch herüber, ein von der Nachtwelt der Croisette evozierter Huris-Traum von Paradiesjungfrauen – unversteuertes Schmuggelgut der Sinne im willfährigen Freihafen des Zufalls und des Begehrens.

Hanspeter Eggenberger – seine Website krimikritik.com hier

J. G. Ballard: Super-Cannes (Super-Cannes, 2000). Aus dem Englischen von Helma Schleif. Diaphanes, Berlin 2025. 480 Seiten, 25 Euro.

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