Geschrieben am 3. April 2025 von für Crimemag, CrimeMag April 2025

Robert Rescue über David Foster Wallace

Unendlicher Spaß

Den wird man nicht haben, wenn man sich entschließt, das gleichnamige Buch von David Foster Wallace zu lesen. Foster Wallace war eine dieser tragischen Figuren der Literaturgeschichte. Zeitlebens von Depressionen und Alkoholabhängigkeit gequält, nahm sich der hochbegabte Mathematiker, leidenschaftliche Tennisspieler und starke Schwitzer 2008 im Alter von 46 Jahren das Leben und hinterließ ein beträchtliches und im wahrsten Sinne des Wortes „gewichtiges“ Werk. „Unendlicher Spaß“, 1996 veröffentlicht, aber erst 2009 auf Deutsch erschienen, zeichnet sich nicht nur durch die brillante Sprache aus, sondern auch durch die verwendeten Stilmittel und den Umfang. Dieser ist es nämlich, der Interessierte vom Lesen abhält. 1552 Seiten gilt es zu bewältigen bei einem Gewicht von 1,1 Kilogramm. Falls das Buch nicht gefällt, eignet es sich noch zum Totschlag.

Geübte Leser brauchen für den „unendlichen Spaß“ zehn Jahre, für langsame Leser, die mit dem Roman womöglich erst das Lesen beginnen, wird es das einzige Buch ihres Lebens sein. Von den 1552 Seiten sind etwa 1300 Seiten Handlung, der Rest besteht aus Fußnoten, die in einem Glossar im Anhang angeordnet sind, denn David Foster Wallace liebte neben dem Tennis das Schreiben von Fußnoten. Die längste in dem Roman ist etwa 12 Seiten lang. Auch das Buch: „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“, (ursprünglich eine Magazinreportage, deshalb nur lächerliche 176 Seiten) indem er eine Luxuskreuzfahrt in die Karibik schildert, kommt nicht ohne Fußnoten aus. Diese sind jedoch layouttechnisch an Ort und Stelle, also am Ende der Seite zu finden, und weil sie eben nicht aus zwei Wörtern oder zwei Sätzen bestehen, weiß man bei der Lektüre bald nicht mehr, ob man noch der Handlung folgt oder den Fußnoten, was nicht schlimm ist, denn meist sind Fußnoten bei Wallace Fortsetzungen der Handlung.

Wallace war, wie oben erwähnt, ein starker Schwitzer. Um das zu verschleiern, trug er oft ein Kopftuch und dazu Tennisklamotten, um den Eindruck zu erwecken, er käme gerade vom Platz und habe es nicht geschafft, zu duschen. Er selbst gibt, sowohl äußerlich wie innerlich, einen guten Eindruck auf die verschrobenen Charaktere, mit denen man es in „Unendlicher Spaß“ zu tun bekommt.

Das Buch ist wegen seiner enormen Seitenzahl mit Bibeldruckpapier gedruckt, was die Handhabung der Seiten verkompliziert. Bei jedem Umblättern blättert man unvorsichtigerweise gleich fünf, sechs Seiten um und weiß überhaupt nicht mehr, wo man sich gerade befindet. Es empfiehlt sich, beim Umblättern mit Bedacht vorzugehen und sicher zu stellen, dass man nur eine Seite umschlägt. 

Finger anfeuchten mag ein Weg sein, ich persönlich bin nie ein Freund von Spuckefinger gewesen, weshalb ich für das Umblättern einer Seite häufig länger brauche als das Lesen, weshalb ich zunehmend fürchten muss, den Stapel ungelesener Bücher nicht mehr zu schaffen bis zu dem Tag, an dem man mich mit den Füßen voraus aus der Wohnung tragen wird.

Für mich ungewohnt ist ebenso der Umstand, dass ich zum Lesen die Brille absetzen muss. Ohne Brille sehe ich den Text normalerweise verschwommen, aber „Unendlicher Spaß“ präsentiert sich ohne Brille glasklar. Ein Phänomen, für das ich keine Erklärung gefunden habe.

In „Unendlicher Spaß“ geht es um Tennis. Es geht in jedem Buch um Tennis, entweder in der Handlung oder in den Fußnoten. Foster Wallace hat 2006 die aufstrebende Tennis-Hoffnung Roger Federer getroffen und ein Interview mit ihm geführt, das später als Taschenbuch erschien und das mit Recht als das bedeutendste literarische Werk über Tennis gelten kann. Selbst Tennisspieler lesen dieses Buch und feiern bis heute Foster Wallace als den Einzigen, der sie versteht.

Im Weiteren geht es um einen Film, der einen umbringt. Also man fängt den an zu schauen und kann nicht mehr aufhören damit, bis man vor Erschöpfung stirbt bzw. geistig zerrüttet ist.

Worum es auch geht, sind die Vereinigten Staaten von Amerika in einer fiktiven Zeitebene. Präsident ist ein Typ namens Johnny Gentle, der zuvor als Schlagersänger sein Geld verdiente und der etwas, wie soll man es sagen, „wirr“ im Kopf ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass Foster Wallace Mitte der neunziger Jahre dachte, Shit, ein Schlagersänger als Präsident der USA, was für eine crazy Idee und dabei an Ronald Reagan dachte, der als ehemaliger Schauspieler in den Augen mancher als Fehlbesetzung galt, schließlich wurden Berufspolitiker, Banker oder Juristen Präsident der USA, aber doch nicht Schauspieler. Wenn man „Unendlicher Spaß“ 2025 liest, kann man Foster Wallace nur beglückwünschen, dass er schon tot ist und nicht erleben muss, wie sich seine crazy Idee in eine schlimme Realität verwandelt hat und das sogar zum zweiten Mal.

Dieser Präsident Gentle ist gewählt worden, weil er sich um die Müllprobleme des Landes kümmern will, die Steuern nicht erhöhen will, die Sündenböcke „jenseits der Grenzen unserer Gemeinschaft“ suchen möchte und die Entscheidungen für alle so treffen will, dass die Menschen sich zurücklehnen und „die Show genießen“ können. Angesichts dieser Beschreibung eines politischen Programms wird einem bewusst, dass Foster Wallace nicht nur ein großer Schriftsteller gewesen ist, sondern ein ebenso großer Prophet. 

Johnny Gentle hat noch mehr Ideen, die aus heutiger Sicht nicht mehr so fantastisch klingen wie zur Zeit der Drucklegung des Romans. Er schließt die USA mit Kanada und Mexiko zum Staatenbund O.N.A.N. zusammen, der „Organisation Nordamerikanischer Nationen“. In diesem Zusammenhang erfolgt die sogenannte „Territoriale Rekonfiguration“ im Rahmen des „Experialismus“. D. h., die US-Gebiete nördlich Boston werden an Kanada abgegeben und nach der Umsiedlung der Bevölkerung als Mülldeponie benutzt. Dabei wird der Giftmüll mittels großer Katapulte ins Zielgebiet geschossen. Auch ihre verschmutzte Luft blasen die USA mit riesigen Ventilatoren in diese nun unbewohnbare Zone. Um die Staatseinnahmen zu erhöhen, verkauft die Regierung an zahlungskräftige Firmen das Recht, jeweils ein ganzes Jahr nach ihren Produkten zu benennen, was eine eigene Zeitrechnung ergibt: die „Sponsorenzeit“ (SZ).

Die Haupthandlung spielt überwiegend im US-amerikanischen Boston im „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“, im 8. Jahr der SZ. Das entspricht dem Jahr 2009 der alten Zeitrechnung. Sichtbares Zeichen der Sponsorenschaft ist die mit einer riesigen Windel verhüllte Freiheitsstatue.

Mir wird angst und bange beim Lesen. Donald Trump hat eine eigene Kryptowährung eingeführt und einiges an Geld verdient. Die spinnerte Idee, Jahre an Sponsoren zu verkaufen und die Zeit nach ihnen zu benennen, hat bislang keiner ernsthaft in Erwägung gezogen. Aber wer weiß, während ich hier schreibe, steckt Trump mit Elon Musk die Köpfe zusammen und morgen heißt es, dass 2026 das „Space X Jahr“ wird und alle müssen diese Bezeichnung übernehmen, sonst gibt es Strafzölle, Krieg oder, noch schlimmer, Container voller Müll, die wie Granaten einschlagen. Das wiederum erinnert an die Attacken Nordkoreas gegen Südkorea 2024, als Kim Jong-un Ballons mit Müll über die Grenze treiben ließ. Kann ja sein, dass Kim Jong-un den „Unendlichen Spaß“ gelesen hat und sich dachte, den habe ich jetzt auch mal und Trump hat von der Aktion erfahren und droht irgendwem künftig mit Müllraketen. Kanada spielt in „Unendlicher Spaß“ eine große Rolle und ständig muss ich daran denken, was Trump gerade unternimmt, um Kanada als 51. Staat der USA aufzunehmen. 51. Staat der USA, Puerto Rico würde es gerne werden, der Hauptstadtbezirk Washington könnte es werden, aber sonst hat niemand in der Welt daran irgendein Interesse, Kanada schon gar nicht.

Ich kann nur hoffen, dass ich den „Unendlichen Spaß“ in etwa dreieinhalb Jahren durch habe, just zu dem Tag, an dem Präsident Trump hoffentlich seinen Hut nimmt. Keine Ahnung, wie die Welt dann aussehen wird, im schlimmsten Fall ähnlich wie in dem Roman. Vielleicht sollte ich künftig so etwas lesen wie „Malibu Rising“ von  Taylor Jenkins Reid.

Das Surfmodel Nina feiert ihre sehnsüchtig erwartete End-of-Summer-Party in ihrem großen Haus an der kalifornischen Küste. Doch Nina hasst es, im Mittelpunkt zu stehen, was ihr aber aufgrund ihrer Herkunft nicht erspart bleibt. Denn sie und ihre Geschwister sind die Kinder des berühmten Sängers Mick Riva, der sie schon früh alleine gelassen hat. 

Das klingt doch nett. Vermutlich hat es auch viel weniger Seiten und es geht nicht um Politik, weder real noch fiktiv.

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