Eine Liebeserklärung von Thomas Wörtche

Edward Gorey (1925 – 2000) gehört neben Alfred Jarry zu meinen frühesten, seriösesten und gleichzeitig dauerhaftesten ästhetischen Prägungen. Und obwohl ich nie auf einer Urne gestanden oder in einer Terrine gelegen bin und sowas auch nicht für erstrebenswert halte, ist der „doubtful guest“ vermutlich die einzige literarische Figur, zu der ich je so etwas wie ein identifikatorisches Verhältnis entwickeln konnte. Und es geht sehr wahrscheinlich auch auf Edward Gorey zurück, dass ich fortan von „murder and mayhem“, inszeniert mit stoischer Komik wie in „The Gashlycrumb Tinies“, fasziniert war und bin. Allerdings musste ich feststellen, dass Gorey und seine bizarren, enigmatischen Bilderwelten allmählich aus dem kollektiven Bewusstsein jenseits Nordamerikas zu verschwinden drohten, falls sie tatsächlich hierzulande wirklich Fuß gefasst hatten. Umso mehr freue ich mich, dass Walter Moers jüngst ein prächtig aufgemachtes und sehr kenntnisreich kommentiertes und ediertes Gorey-Kompendium vorgelegt hat, pünktlich zum 100. Geburtstag des Autors, Zeichners, Illustrators und Individuums abseits jeder Kategorisierbarkeit.

Eine Gorey-Zeichnung, ob als Comic oder Illustration, erkennt man innert einer Millisekunde. Seine irrwitzigen Kreuzschraffuren, die man vorher in ähnlicher Virtuosität eigentlich nur von Gustave Doré (einer von Goreys Säulenheiligen) kannte, bilden die Grundlage für fast alle seiner graphischen Arbeiten. Sie sind per se genial genug, um ein ganzes Buch ohne Handlung zu tragen – „The West Wing“ besteht mit wenigen Ausnahmen nur aus Bildern von leeren, verlassenen Räumen, in denen sich seltsame Dinge befinden, rätselhafte Strukturen an den Wänden oder auf den Böden zu sehen sind, die sich genauswenig in eine narrative Logik zwingen lassen wie ein paar verstreute Menschen – ein nackter Mann, ein nur so herumliegender Mann, ein Dienstmädchen. Ein fahles Gesicht blickt von außen in ein unfasslich aufwändig und dicht gezeichnetes, leeres Zimmer, in dem nur eine weiße Karte auf dem Boden liegt. Und dass im Westflügel eine Mumie umzugehen scheint, ist auch nicht bemerkenswerter als ein Riss im Boden. Interpretationsansätze wie „die perfekte Illustration des horror vacui“ zerschellen am jeweils nächsten Bild – wenn dann etwa ein fröhlich dreinschauendes Phantasiewesen des Wegs kommt. Gorey zitierte in diesem Zusammenhang gerne Raymond Queneau: „Wenn ein Buch nur das ist, worum es scheinbar geht, dann hat der Autor irgendwie versagt“.
Und was könnte der tiefere Sinn der Geschichte vom „fragwürdigen Gast“ sein, der eines Tages auftaucht und das Haus seiner Gastfamilie nie wieder verlässt? Wobei der Gast mit seinen Turnschuhen (wie sie Gorey selbst zeitlebens trug) und seinem Schal kaum einem menschlichen Wesen ähnelt, aber auch keinem Tier. Dass ich als junger Mensch mich oft so „fremd“ fühlte, wie der Gast von den Menschen empfunden wird, heißt aber noch lange nicht, dass „Der fragwürdige Gast“ eine gezeichnete Meditation zum Thema „Alienation“ (oder dergleichen) wäre, dazu ist der ganze Entwurf dann doch zu komisch.

Ein großer Vorzug der Herausgeberschaft von Walter Moers ist, dass er auf Synthetisierungen jeglicher Art verzichtet. Goreys Bildwelten wurzeln im Viktorianismus, wobei die Ideologien des Viktorianismus entschieden ausgeblendet bleiben. Dass die postviktorianische Agatha Christie zu Goreys Lieblingsautorinnen gehörte, passt nur im oberflächlichsten, dekorativsten Sinn zu seiner maliziösen Freude, mit der er kleine Kinder exquisiten bis banalen Todesarten zuführt, wie in den „Gashlycrumb Tinies“, und sein Vergnügen an Bram Stokers „Dracula“-Figur ist genauso aufs Dekor beschränkt und weniger auf die Streiche des Blutsaugers fixiert – einer seiner größten kommerziellen Erfolge war das Bühnenbild zu einem ansonsten nicht weiter bemerkenswerten „Dracula“-Theaterstück, das Gorey dann noch als viktorianisches Papiertheater kommerzialisierte. Was aber nun wiederum nicht heißt, dass Gorey ein „oberflächlicher“, rein dekorativer Künstler gewesen wäre. Im Gegenteil – seine virtuose Rätselhaftigkeit, seine absolute Originalität, seine manische Ernsthaftigkeit lässt „Sinn“ vermuten, den zu erkennen wir beklagenswerterweise nicht in der Lage sind. Unser Problem, würde Gorey sagen, der stichhaltige Selbsterklärungen weithin verweigerte. Gorey, so könnte man sagen, parodiert die philosophische Kategorie „Sinn“ mit rein ästhetischen Mitteln.
Auch Leben und Persönlichkeit von Gorey waren opak. Immer ein bisschen too much – seine Vorliebe für voluminöse Pelzmäntel, Ringe und anderen Schmuck, sein wunderliches Haus (Elephant House auf Cape Cod), vollgestopft mit Büchern, Platten, Kunst, Krempel, objets trouvés und Alltagsschrott, seine exzessive Ballettbegeisterung (ca. 160 Vorstellungen pro Jahr, die er sich zwischen 1953 bis 1983, also in seinen New Yorker Jahren anschaute, aber nur, wenn sein Idol George Balanchine am New York City Ballet choreographierte), seine orgiastische Freude an Typografie und albernen, selbstgemachten Stofffiguren („Fishbags“), die in Sammlerkreisen hochbegehrt sind, und andere Enthusiasmen mehr, stehen gnadenlose Arbeitsdisziplin (gerade auch als Illustrator fremder Werke) an einem mehr als spartanischen Schreibtisch gegenüber. Auch wenn er zeitlebens alleine und nur in Gesellschaft von Katzen wohnte, war er doch ein gastfreundlicher Mensch, der jedoch streng auf seine Alltagsrituale achtete. Will sagen: Auch Edward Goreys Leben gibt keinen Schlüssel zu seinem Werk her. Walter Moers betont völlig richtig, dass es neben kafkaesk (hoffmannesk könnte man noch dazu nehmen) goreyesk zum Status eines Begriffs geschafft hat.

© The Edward Gorey Charitable Trust 
© The Edward Gorey Charitable Trust
Anyway, Edward Goreys Riesenwerk zeigt schon fast paradigmatisch, dass Kunst und Literatur auch immer aus, gegen und dialogisch mit Kunst und Literatur entstehen. Egal, ob deren Minen und Quellen kanonisch, vermeintlich ephemer, hermetisch oder populärkulturell sind.
Auch wenn all das sich in seinen Arbeiten abbildet, bleibt er doch ein rätselhafter, bizarrer, grotesker, komischer, exzentrischer und grausamer Solitär, faszinierend und nicht auslotbar. So soll Kunst sein.
Thomas Wörtche
Edward Gorey – Großmeister des Kuriosen. Vorgestellt und mit Übersetzungen von Walter Moers. Berlin, 2024: Aufbau Verlag/Die Andere Bibliothek. 431 Seiten, € 68,00












