
Noir in Palermo
Was für eine kleine, schmutzige Geschichte, mit vielen Dimensionen. Frank Göhres neuer Roman „Sizilianische Nacht“ erzählt von einem Franzosen namens Jean-Paul Durand, der 1933 nach Palermo kommt, und sich „Heilung“ von der Heiligen Rosalia verhofft, die ihm ein „Bewusstsein für die Einzigartigkeit seiner Existenz“ gibt. Heilung hat er auch nötig: Er ist eine Art verspäteter Décadent, ein ferner Verwandter von Figuren à la Huysmans, ein Dandy à la Oscar Wilde, Freund von Marcel Proust, steinreicher Weltreisender, Schach-Genie und Erfinder, hypersensibel, bi-sexuell, Masochist und drogenabhängig. Begleitet wird er von einer Dame, Madame genannt, die ihr Verhältnis zu ihm als „eheähnlich“ bezeichnet, und seinem Chauffeur Pierre. Man steigt im „Grand Hotel et Des Palmes“ ab.
Um ganz nahe an seine verehrte Rosalia heranzukommen, schließt Durand Bekanntschaft mit zwei Herren, die einer „ehrenwerten Gesellschaft“ angehören und ihm privaten Zugang zur Kapelle der Heiligen versprechen. Diese beiden Herren, von der Sorte onorevoli signori, gegen die auch Mussolinis Faschisten erstmal machtlos waren, sind entzückt, von seiner neuesten Erfindung zu hören: Einem Super-Caravan für luxuriösestes Reisen, komplett ausgestattet mit Toilette, Salon und anderen Annehmlichkeiten. Dieses damals unerhörte Wunderwerk der Technik möchten die Herren gerne erwerben, am liebsten zum Nulltarif. Und so endet die Geschichte, wie sie enden muss. Durand kommt am 14. Juli 1933, in der Nacht des Festes zu Ehren der Heiligen Rosalie, unter mysteriösen Umständen ums Leben, wie auch später sein treuer Chauffeur und Diener Pierre. Madame, die eine rechte Schlange ist, verschwindet auf hoher See. Das Wohnmobil aber wird eine Zeit später in den USA vom FBI beschlagnahmt. Es diente der Cosa Nostra leicht modifiziert, als rollender Spielsalon.

Erzählt wird dieser kleine Noir, der die farbenfrohe palermitanische Lebenswelt mit ihren Märkten und Düften konterkariert, im typischen Göhre-Stil: knapp, auf den Punkt, schnell, kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig. Untypisch scheint für Göhre, dass es sich um einen Roman handelt, der einmal nicht in der deutschen Unterwelt angesiedelt ist. Wenn man sich aber im Werk Frank Göhres auskennt (und für diejenigen, die das nicht tun, liefert er im Nachwort die nötigen Erklärungen), weiß man, wie intellektuell breit er aufgestellt ist und dass er sich besonders mit dem Werk von Raymond Roussel (1877 – 1933) beschäftigt hat. Dieser Autor, den man als Proto-Surrealist bezeichnen könnte, war nämlich Schachgenie, Weltreisender, Pierre-Loti- und Jules-Verne-Fan, ganz wie Durand. Zumindest sein kapitaler Roman „Locus Solus“ sollte auch heute noch bekannt sein.
Roussel starb unter ungeklärten Umständen in Palermo, im „Grand Hotel et Des Palmes“, am 14. Juli 1933. Dem Hotel, in dem nicht nur Richard Wager seinen „Parzival“ komponiert hat, sondern das auch lange dem berühmt-berüchtigten Lucky Luciano als Hauptquartier gedient hatte und in dem traditionellerweise die Allianzen von sizilianischer Mafia und US-amerikanischer Cosa Nostra geschmiedet und vertieft wurden. Man hat sofort Lust, ein paar Tage in diesem Haus, das es heute noch gibt, zu verbringen.
So wird aus einer, kleinen fiesen Mordgeschichte ein Stückchen spekulativer Literaturgeschichte, palermitanische Stadtgeschichte und Kulturgeschichte von Mafia und Cosa Nostra. Das Ganze auf knappen 150 Seiten – hochkonzentriert, pitchblack und sehr intelligent. Großartig!
Thomas Wörtche
Frank Göhre: Sizilianische Nacht. Kriminalroman. CulturBooks, Hamburg 2025. Klappenbroschur, 168 Seiten, 17 Euro.











