Geschrieben am 3. März 2025 von für Crimemag, CrimeMag März 2025

Frank Schorneck über Michael Köhlmeier

Einmal einen Menschen töten

Selten hat mich ein Buch so ratlos zurückgelassen wie Michael Köhlmeiers neues Werk „Die Verdorbenen. Dabei ist der Ausgangspunkt so vielversprechend:

„Was ist ein Wunsch für dein ganzes Leben? (…) Etwas, was du auf alle Fälle wenigstens einmal in deinem Leben tun willst?“ – Der Sechsjährige, dem der Vater kurz vor dem ersten Schultag von seinem Vater diese Frage stellt, erschrickt ob der Antwort, die ihm in den Sinn kommt. Er weiß, er darf es nicht laut aussprechen, eigentlich darf er es nicht einmal denken: „Einmal in meinem Leben möchte ich einen Mann töten“ fährt es ihm durch den Kopf.

Für diesen Wunsch seines Ich-Erzählers Johann verrät Michael Köhlmeier in seinem neuen, novellenartigen Roman nicht den Hauch eines Motivs. Insgesamt wirkt Johann antriebs- und lustlos bei allem, was er tut. Er studiert in Marburg, schlägt sich, als der elterliche Geldhahn versiegt, mit einem Job in der Gastronomie durch, schreibt für den Hessischen Rundfunk und wird Tutor am germanistischen Institut. Hier lernt Johann Christiane und Tommi kennen, ein unzertrennliches Paar seit Kindertagen. Sehr unvermittelt und ohne dass sich erkennbar zwischen ihr und dem Tutor etwas angebahnt hätte, verkündet Christiane im Beisein Tommis, dass sie fortan mit Johann zusammenleben wolle. Es entwickelt sich eine Dreiecksbeziehung, die mehr von einem absurden Theaterstück als einer verruchten Ménage à trois hat. So wird Tommi etwa weiterhin gestattet, am Fußende des Bettes zu schlafen, in dem sich Johann und Christiane vergnügen. Wobei „vergnügen“ kaum der richtige Begriff ist, denn Gefühlsregungen scheinen allen Figuren dieses Romans seltsam fremd zu sein. Ohne Prickeln, ohne Erotik wird der Akt vollzogen, von Liebe ist schonmal gar keine Rede. Man lebt nebeneinanderher, die pure Anwesenheit des bzw. der anderen ist eigentlich lästig, störend. Man will am liebsten nichts miteinander zu tun haben, fühlt sich aber auf gesellschaftlicher Ebene gewissermaßen verpflichtet, eine „Beziehung“ zu haben. Man verletzt einander mit Worten und Gesten, und nimmt diese Verletzungen duldsam und fast ohne Reaktion an. Mehrfach kommt es zu Zerwürfnissen, auch diese verlaufen weitgehend emotionslos.

Und ebenso leidenschaftslos ist auch Köhlmeiers Erzählweise. Seine Prosa kommt sprachlich sehr spröde daher. Er erschafft einen Ich-Erzähler, der seltsam außerhalb des Geschehens steht, was eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Keine der Figuren bietet Identifikationspotential, im Gegenteil: Als Leser möchte man jeden einzelnen dieser Charaktere zumindest schütteln, wenn nicht kraftvoll in den Hintern treten. Gleiches gilt übrigens auch für das Buch selbst. Es gibt kaum einen nennenswerten Spannungsbogen, nichts geht wirklich vorwärts, alles scheint sich im Kreis zu drehen. Und wenn sich eine Wendung in der Geschichte und in Johanns Leben andeutet, lässt der Protagonist die Gelegenheit unmotiviert aus. Es kommt im weiteren Verlauf noch zu zwei Toten, doch selbst hier hat der Zufall seine Hände im Spiel.

Man begleitet in „Die Verdorbenen“ also mehrere zutiefst unsympathische Menschen dabei, wie sie sich gegenseitig das Leben schwer machen. Die gerade mal 160 übersichtlichen Seiten ziehen sich dabei immer mehr in die Länge. Auch wenn man dem Buch einen gewissen Reiz nicht absprechen kann, lässt einen die Lektüre letztlich ratlos und unbefriedigt zurück.

Michael Köhlmeier: Die Verdorbenen. Hanser Verlag 2024. 160 Seiten. 23 Euro.

Frank Schorneck – seine Texte bei uns hier.

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