Geschrieben am 3. März 2025 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag März 2025

Sebastian Knauer über Stefan Wimmers „Lost in Translatione“


 Der Münchner Autor und Journalist Stefan Wimmer legt einen weiteren Band seiner romanhaften Jugenderfahrungen vor. Diesmal geht es für die etwa 16-jährigen Jungmänner der sogenannten „Kajal-Clique“ aus dem bayerischen München-Pasing in den italienischen Küstenort Milano Marittima an der Adria.
In den Sommerferien der 10.Klässler zur Ergänzung der humanistisch klassischen Bildung ihres Karls-Gymnasiums steht allerdings altersgerecht die brennende Frage auf der Tagesordnung: wie komme ich zu meinem ersten Geschlechtsverkehr. Die potentiellen Opfer sind ein bunter Strauß aufblühender und gerissener Italienerinnen im heißen Strand-Urlaub sowie paarungsbereite deutsche Töchter von Adria-Touristen. Wieder überrascht Wimmer mit einer gnadenlosen Ehrlichkeit, was bei einer solchen Mission fürchterlich alles schiefgehen kann – eine Prägung für`s Leben.

Schon der Buchumschlag gibt die Marschrichtung vor, wie wichtig im Ausland sprachliche Kenntnisse für die Umwerbung des anderen Geschlechts sein können: „In Italy – I can fax“.
Die drei Pasinger Jugendlichen der „Kajal-Clique“ – benannt nach der schwarzen Schminke zur Eltern-schockenden Gesichtsentstellung der Punk-Gothic-Szene – wollen es diesmal wissen. Roderick Thorwald, der Gruppenführer mit einem Vater, der sich in München als „Staranwalt“ einen Namen gemacht hat und seinen Sohn stets mit ausreichenden Hunderter-Scheinen versieht … Michi Meindorff mit dem hübschen Schauspielergesicht, und natürlich der Erzähler Stefan Wimmer, meist eingekleidet in eine zweifelhafte Military-Hose – diese drei ziehen in einen erotischen Feldzug. Wegen seines Bücherkonsums trägt Wimmer in der Clique den Spitznamen „der Belesene“. Ergänzt wird dieses Personal für die prickelnde Sommerfrische um den sich wieder einmal aufdrängenden und permanent klammen Deibel, der zu allen Themen immer den Oberschlauen gibt und all seinen Kumpels damit mächtig auf die Nerven geht.
So verlässt diese Gang an einem bayerischen Sommertag unter dem bangen Winken der Eltern den örtlichen Bahnhof, den Wimmer bereits in seinem Kultbuch „Die 12 Leidensstationen nach Pasing“, Blond Verlag, portraitiert hat. (siehe Culturmag Mai 2020)
 
Zurückgelassen in Pasing werden auf dem Weg in einen beschwingten Sommerurlaub drei Mädchen des benachbarten Bertolt-Brecht-Gymnasiums mit wenig „gymnasialer Anmut“, um nicht zu sagen: „mit den Umgangsformen australischer Zuchthäuslerinnen“. Zu Hause bleibt auch der ewig herumstreichende Päderast „Lochlippe“ sowie der langhaarige Gelbwurst-Verkäufer Lutz, der seine bayerische Ware stets mit dem rätselhaften Spruch „Frisch aus dem Kutter“ anpreist.
 
Trotz des zwischenzeitlichen Verlustes eines Brustbeutels mit allen Pass-Dokumenten (der verpeilte Deibel hatte ihn mit einem Porno-Heftchen auf der Zugtoilette zurückgelassen) trifft das Quartett planmäßig im mondänen Urlaubsort Milano Marittima an der adriatischen Küste ein. Im Hotel „Solemare“, einem mehrstöckigen Klotz im heutigen Retro-Design, belegen Roderick und Wimmer ein gemeinsames Zimmer, in dem „es“ in den kommenden drei Wochen passieren soll. Meindorff und der klamme Deibel kommen bei dem gemeinsamen italienischen Bekannten Flavio privat unter – keine optimalen Voraussetzungen für erotische Stunden, wenn die Gasteltern im Nebenzimmer die Pasta vorbereiten.

Hotel Solemare damals (c) Wimmer

Die freundliche und durchaus attraktive Signora Maria des habituell immer lauten Hotelbesitzers Enzo erklärt beim Check-In – Vater Thorwald hat einstweilen von Deutschland aus die Bürgschaft übernommen –welche Leistungen (Pool, Frühstück, Strandnutzung etc.) in dem Zimmerpreis enthalten sind oder kostenpflichtig hinzugebucht werden können. Ihre gute Aussprache erinnert die urlaubenden Schüler an ihre Latein-Lehrerin. „Vogliono aaaveeere…“ („Wollen sie haben…“), fragt sie bis Roderick zielbewusst den Satz ergänzt: „…Geschlechtsverkehr?“
 
Alle lachen, nicht ahnend, dass das Unglück damit seinen Lauf nimmt. Entgegen den vollmundigen Ankündigungen im stickigen Zugabteil bis Cesena, dass man schon am ersten Abend die örtliche Disco aufmischen werde, schaffen es die Jungmänner kaum bis zu Dusche und plumpsen ins Bett.
 
Im Speisesaal der Touristenabsteige stellt sich schon am nächsten Vormittag das weitere Personal dieser adriatischen, parodistischen Operette ein. Es gibt da den „Chefober“, einen „hochgeschossenen Dürren mit einer gelben Showmaster-Brille auf der Nase, der die Wünsche der Gäste mit dem Schrei ‚Daaanke-Bitte‘“ quittiert. Der polnische „Unterober“ dagegen setzt den Gästen das Essen „mit „abschätzigen Blick wie eine Höchststrafe“ vor.
 
„Was sind denn bitte „Linguine con…“ wollte Wimmer bei Ausgabe der Fragebögen für das Abendessen wissen. „Breite-Nudeln-mit-Zitrone-Koriandersoße-DankeBiiiitttte!“ schrie der Chefober und riss den Hungrigen das Blatt aus der Hand.
 
Dann geht es zunächst ans nahe Meer, das wenig mit einer romantischen Mittelmeerküste gemein hat. Der Sandstrand war belegt von „Trauben von beleibten Matronen mit Raupenkörpern“. Auch ihre Begleiter-Strizis zeigten unverhohlen ihre „schadhaften“ Köper.   Wimmer fühlte sich ebenfalls sehr unwohl wegen seines wenig muskulären Köpers unter dem New-Wave-Outfit. Roderich beglich ohne Murren die vom Strandbetriebsangestellen geforderten 8000 Lire Tagesgebühr für einen Liegestuhl. Wimmer saß „wie der Hund von Nero“ zu seinen Füßen, da er sich die Leihgebühr nicht leisten mochte. Roderick bestellte sich dagegen trotz gerade eingenommener Mittags-Speisung ein weiteres Sandwich, einen Cappuccino und eine Flasche San Pellegrino. Und las dazu die Bild.
 
So verging der erste Tag im Paradies, in dem zur Verwunderung des Autors, der eine kleine Stadtrunde drehte, auch Tretgondeln für Touristen im öffentlichen Nahverkehr eingesetzt wurde. „Voll der Jetset hier“, schwadronierte der selbsternannte Italienexperte Deubel. Überall belegten die Preisschilder der zahlreichen sogenannten Italienischen Pizzerien und Bars, dass die Pasinger Jungs in einer absoluten europäischen Hochpreiszone gelandet waren, die ihre Budget-Kalkulationen zu Nichte machte. Auch Wimmer wollte schon wieder einpacken und nach Hause fahren. Aber dann gab es da diese beiden ersten italienischen Geschöpfe auf eine Bank vor dem Hotel, die schon in der Spielhalle Blicke auffällige Blicke geworfen hatten. Das waren die Pasinger nicht gewohnt, dass Frauen die Initiative der Kontaktaufnahme ergriffen. Roderick traute sich schließlich und schlenderte hinüber zu den Ragazzis. Zur Verstärkung holte er sich Flavio, der italienische Bekannte aus der Privatunterkunft. Die Blonde strich zwar „gelangweilt“ ständig durch ihre kurzen Haare, doch keineswegs „abweisend“ wie Wimmer beobachtete. Schon jubelte Deibel aus sicherer Entfernung in der zweiten Reihe: „Hey Wahnsinn! Erster Erfolg, erster Erfolg“. Die Mädchen hatten Interesse. Aurora und Maura. „Geht ihr auch ins Papagayo?“, wollte Flavio wie nebenbei wissen. Nach künstlich langem Nachdenken sagten sie zu. Großer Jubel auf der Pasinger Seite.

Freunde (c) Wimmer

Blieb noch die Sprachbarriere mit dem Englisch wie bei vielen Italienern. Ihr, wie sie sagten, „little English“, war ein kaum verständlicher Sprachen-Salat, der von angeblichen Abendessen mit Mick Jagger und einer Liebesbeziehung mit dem Gitarristen von Frankie Goes To Hollywood und anderen Promi-Begegnungen berichtete. Ihre Mutter, so die blonde Maura, sei Chefin eines ´TV-Kanals in Turin, berichtete sie in „schweren, verhuschten Tonfall.“
 
Dann also zur späteren Stunde die Ankunft in dem führenden und angesagten Nachtclub von Milano Marittima, dem Papagyo. Die Gentlemen luden die Damen an der Kasse zum Eintritt ein, während schon schweres „Italo-Disco Blubbern, pumpender Synthesizer sowie Frauenstimmen“ die Vorfreude steigerte.
 
In der Disco „standen an die 80 Mädchen herum, alle in unserem Alter, alle bildhübsch“. Der Anblick, so Wimmer, „beendete unsere Jugend“: „Mädchen mit arabischen Nasen, Mädchen mit Stupsnasen, Mädchen mit schlanken Nasen, Mädchen mit dunkelhäutigen Gesichtern, Mädchen mit germanischen Gesichtern. Mädchen mit Satinhosen und Perlen Colliers. Mädchen mit Fitness-Tops und Bauchkettchen. Mädchen mit Stachelfrisuren, Mädchen mit verknoteten nabelfreien Hemden. Mädchen mit Schweißstirnbändern, Mädchen mit Hotpants und Kaskaden von Löckchen, Mädchen mit jeder erdenklichen Art von Sexappeal. Sie glitzernden im Discolicht wie Blinkköder und waren atemberaubend schön“.
 
Aber natürlich kam es anders als man denkt. Denn Maura wollte nörgelnd mit Wimmer, der gerade das Staunen lernte, unbedingt sofort die Disco verlassen. Sie wolle jetzt, und zwar sofort, zum Strand, während Wimmers Bier warm wurde. Am Strand gab es dann ein wenig Petting mit happy end, das war es erstmal. Aber Maura und eine ebenfalls entzückende Genoveva aus dem Sizilianischen luden für die nächsten Tage zu einem Abendessen in ihr privates Feriendomizil zu einer „Überraschung.“
 
Das war vielversprechend. Zwei Stunden arbeite Wimmer an „seinem Aussehen, das dem jungen Jimi Hendrix auf Strandurlaub entsprach. Bei Ankunft in der Fantasie-überladenen Lusthöhle war die Enttäuschung groß. Die Damen zeigten sich uninteressiert und uncharmant gegenüber ihrem Besucher und widmeten sich einem Brettspiel auf dem schmuddeligen Küchentisch, hatten nichts zu Essen vorbereitet und ließen die zarten, romantischen Gefühle von Wimmer oder seine Lust auf Sex im Dauerrauch ihrer Zigaretten aufgehen. Wimmer: „Und ich hatte einen solchen Hunger.“
 
Dann ergriff Aurora ziemlich direkt die Initiative und bemühte ihr bestes English zu der unerwartenen Anweisung: „She (gemeint war ihre Freundin Genoveva) wants to suck your cock“.

(c) Wimmer

Wimmer ließ sich von der „irren Genoveva und der nicht minder durchgeknallten Aurora“ in das Untergeschoss der Wohnung geleiten. Der Hobbyraum, der mit einem Gästebett und der angrenzenden Toilette eher einem „Folterkeller“ glich. Das Opfer zog seine Hose aus und wenig später „nagte“ die schon studierende offenbar erfahrene Traumfrau mit einem „bürgermiliz-artigen von Verachtung geprägten Köper geisteskrank an meinem Ding“. Ihre Freundin schaute mit kalten, grünen Augen zu. So ging es wenig Amore-mäßig bis zu verkrampften Höhepunkten nach einem Analverkehr, dessen Beschreibung jeden:e LGBT-Lektor:in untersagen würde, von wegen Menschenrechtsverletzung.
 
Nach dem Eintreffen eines farbigen Mitbürgers, der sich als Canabis-Dealer entpuppte, entspannten sich die Mädchen, Genoveva gewährte Wimmer noch einen kurzen aber Bambini-mäßig folgenreichen Ritt auf seinem gesäuberten Schwanz und verzogen sich dann zum Kiffen endgültig in die Küche. Der verlassenen Wimmer kam sich in diesen Momenten „ziemlich einsam vor“.
 
Man muss Wimmers Schreibe nicht mögen – aber sie ist so ziemlich das Ehrlichste auf dem breiten Feld der Jugendliteratur. Seine Erfahrungen mit Verlagen, für die schon der US-Schriftsteller Charles Bukowski ein rotes Tuch ist, hat Wimmer in eigener Sache seine Erfahrungen zu Papier gebracht. Sie sind für Deutschlands Verleger nicht gerade schmeichelhaft.

Wimmer, Jahrgang 1969, ist einer der wenigen Schriftsteller seiner Generation die nicht jammern, sondern unternehmerisch tätig wurden: Um sich ellenlange Diskussionen mit Verlagszensoren zu ersparen, hat er den ganzen kleinen Blond-Verlag in Eigenregie übernommen. Mit Erfolg, da „ich noch nie soviel verdient habe“ wie in der neue Selbstständigkeit.

Und das überraschende Ende des Jungmännerausflugs nach Italien spielt nach einer nächtlichen Eisenbahnfahrt ausgerechnet in einer italienischen Eisdiele „Portofino“, genauer unteres Portofino, am Pasinger Bahnhof. Dort putzen zwei fröhliche Angestellte in Schürzen und mit Häubchen („Sie waren einfach nur jung und hübsch“) unter Mithilfe ebenfalls properen Besitzerin gerade den Fußboden und bereiteten den Tag vor. Es roch nach frischem Kaffee. Roderick, der später an Drogen sterben sollte, und Wimmer schauten sich an. „Das sind ja Italienerinnen.“ Man beschloss jetzt häufiger ins Untere Portofino zu kommen.

Stefan Wimmer: Lost in Translatione. Blond Verlag 2025.

Tags : , ,