Geschrieben am 1. November 2024 von für Crimemag, CrimeMag November 2024

Eggenberger über »Scharfe Munition« von Ken Bruen

Die beste Munition ist die, die man in Reserve hat

Ein Skandal nach dem anderen erschüttert in den letzten Jahren die Londoner Polizei, die Metropolitan Police, kurz Met genannt. Rassismus, Sexismus, Homophobie sind in der Truppe in der britischen Hauptstadt an der Tagesordnung; selbst offizielle Untersuchungsberichte belegen das. Alltägliche Korruption gehört zu den harmloseren Unsitten. Unlängst wurde ein Beamter gar als Serienvergewaltiger erwischt. Sogar einen Sexualmörder gab es in er Truppe. Allein 2023 wurden mehr als tausend Beamte wegen Fehlverhalten suspendiert oder in ihren Befugnissen eingeschränkt. Das sind Fakten, nicht Geschichten eines Krimiautors. Und diese Zustände bei der Met sind nicht neu.

Schon vor fünfundzwanzig Jahren startete der irische Noir-Meister Ken Bruen seine siebenteiligen Romanreihe um den Met-Inspektor Brant, in welcher er auf unzimperliche Art die Brutalität und die Übergriffe der Londoner Polizei darstellt. Bruen lebte damals in London. Im deutschen Sprachraum ist er vor allem für seine schräge Serie um den irischen Ermittler und schweren Alkoholiker Jack Taylor bekannt (bis heute 17 Bände, die ersten 9 sind, wundervoll ins Deutsche übertragen von Harry Rowohlt, im Atrium Verlag erschienen), die Vorlage für eine TV-Serie war.

Jetzt ist endlich auch der letzte Band seiner Reihe um Detective Sergeant Tom Brant und Chief Inspector James Roberts von der Met auf Deutsch erschienen: „Scharfe Munition“. „Britische Krimis scheinen polizeiliche Korruption eher von oben herab zu betrachten“, schreibt der irische Autor Anthony J. Quinn im Nachwort der deutschen Ausgabe, „es gibt ein paar korrupte Beamte, faule Äpfel, meistens als Außenseiter und Einzelfälle dargestellt, aber nur selten wird die Polizei als Institution so umfassend und brutal kritisiert, wie Bruen es tut.“ (Den vollständigen Text finden Sie bei uns hier gleich nebenan, d. Red.)

Im letzten Band wird der zutiefst korrupte Brant angeschossen. Nicht in einer Auseinandersetzung mit Gangstern, sondern gezielt, während er in einer Bar an der Theke steht und Whisky runterkippt. Der Auftragskiller, der nicht gut genug getroffen hat, wird bald selbst erschossen aufgefunden. Und Brant ist rasch wieder auf den Beinen und auf der Suche nach dem Auftraggeber. Der ist ebenfalls bald gefunden. Ein Banker aus der City, der Brant für den Tod seines Bruders verantwortlich macht. Auch der Banker wird schon bald erschossen. Brant hat ein Alibi für den Tatzeitpunkt. Er muss sich auch nicht zwingend selbst die Hände schmutzig machen, denn er hat genug Kolleginnen und Kollegen, die ihm etwas schuldig sind. Etwa die Schwarze Polizistin Fall, die eben im dritten und letztmöglichen Anlauf die Sergeant-Prüfung nur geschafft hat, weil Brant ihr die Prüfungsfragen besorgt hatte.

Das ist nur eine von vielen kleinen Nebengeschichten, die Bruen erzählt. Er tut dies auf raffinierte Art: Er reiht Episoden weitgehend fragmentarisch aneinander. Der Effekt ist frappant: Der Verzicht auf eine konventionell durchgehende Erzählung und dafür die Konzentration auf einzelne Szenen macht besonders deutlich, die Brant und Konsorten funktionieren. Dabei hält sich Bruen jedoch keineswegs mit moralischen Wertungen auf, sondern schildert rasant, direkt, brutal, was geschieht. Sarkastisch, mit düsterem Humor und triefender Ironie geht es schonungslos zur Sache. Damit wird sichtbar, wie die unselige Kameraderie bei der Polizei funktioniert, die all die Übeltaten der Beamten erst möglich macht: Wer etwas gegen Kollegen sagt, gilt als Verräter. Wer nicht selbst mitmacht, schaut darum einfach weg.

Messerscharfe Dialoge und charmante Lakonie gehören ebenso zu Bruens Repertoire wie allerlei eingestreute Weisheiten, wie zum Beispiel: „Geld erholt sich schneller als andere auf der Welt.“ Oder diese von Brant: „Die beste Munition ist die, die man in Reserve hat.“

Mit „Scharfe Munition“ liegt die Brant-Reihe von Ken Bruen nun erfreulicherweise vollständig auf Deutsch vor. Die Übersetzungen – bis auf einen Band alle von Karen Witthuhn vorzüglich besorgt – sind in den letzten Jahren im Polar Verlag nicht in der Reihenfolge der Originalausgaben erschienen, die sich so präsentiert:

1. Saubermann (2021; A White Arrest, 1998)
2. Aliens Bändigung (2022; Taming the Alien, 1999)
3. McDead (2023; The McDead, 2000)
4. Brant (2017, Deutsch von Len Wanner; Blitz, 2002)
5. Füchsin (2016; Vixen, 2003)
6. Kaliber (2015; Calibre, 2006)
7. Scharfe Munition (2024; Ammunition, 2007)

Ken Bruen: Scharfe Munition (Ammunition. New York 2007). Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Mit einem Nachwort von Anthony J. Quinn. Polar, Stuttgart 2024. 203 Seiten, 17 Euro. – Das Nachwort von Anthony J. Quinn finden Sie in dieser Ausgabe hier nebenan.

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