Geschrieben am 1. Oktober 2023 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2023

Bloody Chops – Oktober 2023

Kurzbesprechungen von Joachim Feldmann (JF), Alf Mayer (AM), Hazel Rosenstrauch (haz), Frank Rumpel (rum) und Tobias Gohlis (TG):

A. F. Carter: Die Höfe
Antonio Fian: Präsidentenlieder
Monika Geier: Antoniusfeuer
Frank Göhre: Harter Fall
Kai Hensel: Wo ist Valentin?
Andrej Kurkow: Samson und das gestohlene Herz
Laurent Mauvignier: Geschichten der Nacht
Patrick O’Brian: Master und Commander// Der verliebte Kapitän
Yrsa Sigurdardóttir: Nacht
Thomas Willmann: Der eiserne Marquis

Reggae-Groove mit offenem Ende

(AM) Er hat es wieder getan. Noch nie aber auf derart lässige Art. Lakonisch, kein überflüssiges Wort, dabei großes Kino, geile Musik. (Zum Spotify-Soundtrack hier.) Elmore Leonard, dem er mit „King of Cool“ Referenz erwiesen hat, schwingt mit in dieser rhapsodischen Noir-Story zwischen Hamburger Kiez und Jamaika, Frank Göhre aber hat seinen ganz eigenen Sound, und mit Harter Fall schenkt er sich selbst zum im Dezember anstehenden 80. Geburtstag sein möglicherweise musikalischstes Buch. Die insgesamt neun Kapitel haben teils bis zu elf oder dreizehn Erzählströme, kommen im Takt von 11, 8, 9, 7, 10, 10, 6, 9, 14 und erzeugen mit ihren synkopischen Auslassungen einen Rhythmus, der Sog und Zug hat. – Siehe auch unseren exklusiven Textauszug in dieser Ausgabe.

Jedes Kapitel beginnt mit einer Weitererzählung des jamaikanischen Crime-Films „The Harder They Come“ von 1972, berühmt für seinen Reggae-Soundtrack und für den Hauptdarsteller Jimmy Cliff. Man sagt, dass dieser Film Reggae in die Welt gebracht habe. Zugleich war er (in den USA von Roger Corman verliehen) einer jener Mitternachts-Movies, die eine Gegenkultur jenseits der Erwachsenenwelt begründeten. Frank Göhre beginnt seinen Roman im Winter 1978/79, nach der großen norddeutschen Schneekatastrophe.

In Deutschland wird nach Terroristen gesucht, am Flughafen patrouilliert der Bundesgrenzschutz mit Maschinenpistolen, als zwei Abiturienten zusammen mit einem ehemaligen Schulkameraden auf den Spuren von „The Harder They Come“ nach Jamaika aufbrechen. Gleichzeitig wird eine ermordete junge Frau gefunden. Eine andere verbandelt sich im Hamburger Kiez-Milieu, wo Figuren wie Karate-Kalle nicht nur zu etwas rabiaten Methoden greifen, wenn es um einen fairen Mietvertrag für eine Wohnung geht. Eric Burdon, der echte, spielt im „Chikago“, Stücke wie „Tobacco Road“ und alles. Überhaupt viel Musikreferenz. Bis hin zu Abba und italienischen Schlagern. Rock’n’Roll bis zum frühen Morgen. Und Filme. Django, wie er den Sarg hinter sich her zieht. Liedzeilen. Zitate. Zeitgefühl. Ein Bankraub, 23 Schüsse, ein Toter. Die Geschichte der Reisenden verzahnt sich mit denen der Daheimgebliebenen, mit einem Polizisten mit müden Augen, mit zerbrechenden Freundschaften und mit Schuld. Vor allem mit der Sehnsucht, rauszukommen, egal wohin, „so my journey’s just a ride with an open end…“ 

Frank Göhre: Harter Fall. CulturBooks, Hamburg 2023. Klappenbroschur, 166 Seiten, 17 Euro.

(Persönliche Anmerkung AM zur redaktionellen Hygiene: Ich hatte 2016–2019 das Vergnügen, zusammen mit Frank Göhre die Portrait-Bücher „Cops in the City“ und „King of Cool“ über Ed McBain und das 87. Polizeirevier sowie über Elmore Leonard zu schreiben.)

Schwarze Romantik, episch

(AM) Was für ein Werk. Wie aus der Zeit gefallen – und doch natürlich explizit für uns geschrieben, für heute. „Für solche Bücher wurde die Literatur einmal erfunden“, findet die Jury des Münchner Tukan-Preises, die den Roman Der eiserne Marquis gerade „als sprachlich, formal und inhaltlich herausragende literarische Neuerscheinung“ ausgezeichnet hat. Thomas Willmann, der 2010 mit seinem Debütroman „Das finstere Tal“ überraschte, schlüpft für sein 924-Seiten-Buch (ich bin versucht, Schmöker zu sagen, wenn das nicht für manche Ohren eine negative Konnotation hätte) in Kostüm und Maske des 18. Jahrhunderts. Dies auch sprachlich. Uns heute vom „Weiß von Amaliens Haut“, von Gemütstumulten, Herzensumwälzungen, von Siechenhäusern, Kerkern, Masken- und Kostümfesten, elektrischen Zitteraalen, Schnupftüchern, Abbés und Vetteln, eklen Geschöpfen und dem Kot der Gassen zu erzählen, das ist nah am Abgrund von Pastiche.

Willmanns Sprache aber erhebt sich darüber, zeichnet gewaltige Panoramen und nicht nur weiße Wangen, lotet die Geistesgeschichte der Aufklärung aus und ihre Versprechen vom neuen Menschen. Vor allem aber – um Schillers „Räuber“ zu zitieren: „Ich bin mein Himmel und meine Hölle“ – dessen dunkle Seite, die Schatten und Schrecken menschlicher Selbstermächtigung und Hybris. Motive der Schwarzen Romantik, Alchimistenträume, rücksichtslose Laborversuche, der Mensch als Schöpfer und Zerstörer, Weltenformel, Genversuche und KI, finden sich ins 18. Jahrhundert gespiegelt. Besonders seelenverwandt fühlt Willmann sich Louis-Sébastien Mercier (1740-1814), dessen große Utopie „Das Jahr 2440: ein Traum aller Träume“ von 1771 die Science Fiction mitbegründete. Noch mehr aber war er ein Impressionist des Großstadtlebens, seine „Tableau de Paris“ (Pariser Nahaufnahmen, Andere Bibliothek, Band 182) begründeten eine neue Form der Stadtbeschreibung.

Thomas Willmann gelingt so etwas wie die von Schlegel postulierte „Transzendentalpoesie“, Literatur über Literatur. Spannend, hinreißend, verwegen, groß. So steigen wir gern in den hirnrissigen Erzählrahmen, vor den Ratten eines Irrenhauses eine Lebensbeichte abzulegen: „Ich habe gemordet. Vor euch sitzt ein Mörder…“

Thomas Willmann: Der eiserne Marquis. Liebeskind Verlag, München 2023. 924 Seiten, Hardcover, 36 Euro.

Nicht der übliche „Wer hat es getan“-Krimi

(JF) Der Trick ist simpel, aber effektiv. Man lässt die Handlung abwechselnd von mehreren Figuren wiedergeben, gibt ihnen aber keine Gelegenheit, sofort all das auszuplaudern, was sie wissen. Also dürfen wir bis Kapitel 36 rätseln, was es mit den Morden, die Polizei und Unterwelt einer heruntergekommenen 100.000-Einwohner-Stadt im Mittleren Westen der USA in Atem halten, auf sich hat. Dass es nach dieser vorzeitigen Aufklärung noch zehn Kapitel spannend weitergeht, verdankt sich dem handwerklichen Geschick eines New Yorker Schriftstellers, der unter dem Pseudonym A. F. Carter eben keinen üblichen „Wer hat es getan“-Krimi vorgelegt hat.

Die Höfe spielt in der fiktiven Stadt Baxter, wo von den sechs Fleischfabriken, die einst für relativen Wohlstand sorgten, noch eine übrig ist. Wann die geschlossen wird, ist nur eine Frage der Zeit. Dafür floriert das Geschäft mit Drogen aller Art. Und das Leben ist teuer. Bridget ‚Git‘ O’Rourke, 27, Krankenschwester und alleinerziehend, braucht zwei Jobs, um über die Runden zu kommen. Siebzig Stunden Arbeit in der Woche und ab und an ein bisschen Spaß. Zum Beispiel mit einem attraktiven Typen namens Bradley Grieg, den sie in einer Abschleppkneipe aufgegabelt hat. Dummerweise ist der Kerl nicht nur ein lausiger Liebhaber, sondern auch noch ein Junkie. Dass er am Morgen nach dem enttäuschenden One-Night-Stand erschossen aufgefunden wird, macht die Sache nicht besser. Zumal ein Geldbündel, auf das der örtliche Gangsterboss Carl Schmidt Anspruch erhebt, verschwunden ist. Hat Git es als Entschädigung eingesteckt? Vielleicht sogar, nachdem sie Grieg eine Kugel in den Kopf gejagt hat? Man möchte es nicht glauben, aber weiß man’s? Denn bevor sie mit der Wahrheit herausrücken kann, lässt Carter die clevere Polizistin Delia Mariola weitererzählen. Und wenig später vervollständigt Carls präpotenter Filius Connor Schmidt, dem sein alter Herr schon lange auf die Nerven geht, das narrative Trio. Wem unsere Sympathien gehören, ist keine Frage.

„Die Höfe“, souverän übersetzt von Karen Witthuhn, ist ein sozialkritischer Kriminalroman von Format. Das Ende der Geschichte ist so gut, wie es die Umstände zulassen. Sogar für Baxter gibt es Hoffnung. Ob diese berechtigt ist, wird „The Hostage“, der bereits im Original vorliegende zweite Band um Detective Delia Mariola, zeigen. Zweifel sind angebracht.

A. F. Carter: Die Höfe (The Yards, 2021). Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn. Polar Verlag, Stuttgart 2023. 279 Seiten, 26 Euro.

Bigotterie und Pragmatismus

(rum) Geister und Dämonen, das ganze schattige religiöse Beiprogramm mit all dem potentiell Vagen, Raunenden, Halbgaren, das nur mit Glaube greifbar wird, stürzt im aktuellem Roman von Monika Geier auf ihre bodenständige Halbtagskommissarin Bettina Boll ein – die Spirituelles eher befremdet. Und genau das sorgt bei diesem schon etwas breit getretenen Stoff für angenehme Distanz, für einen frischen Zugang. 

Zunächst ist da ein Tod im Jugendknast, ein Afghane, in dessen Koran ein Totenbildchen steckt, das einen Ausschnitt von Grünewalds Isenheimer Altar zeigt – auf dem eine ganze Schar rachsüchtiger  Mischwesen auf einen Heiligen einprügelt. Bei der Frage, wie denn dieses Bild zu dem jungen Mann gekommen sein könnte, führt eine Spur ins pfälzische Frohnwiller, wo gerade ein beschädigtes Wandbild in der Dorfkirche für Aufsehen sorgt. Jemand hat den neben Maria gepinselten Jesus geschwärzt. Einem afghanischstämmigen Kollegen mag die Pfälzer Polizei diesen sensiblen Fall nicht anvertrauen, fürchtet angesichts der religiösen Komponente Ungemach, weshalb die an einem katholischen Internat gestählte Bettina Boll übernehmen soll. Sie hat, wie immer, auch außerhalb des Jobs alle Hände voll zu tun.

Gerade das spielt in Monika Geiers Kriminalromanen – für den vorigen gab’s den Deutschen Krimipreis – eine entscheidende Rolle, lässt sich doch bei ihrer Kommissarin Privates und Berufliches nie sauber trennen. Sie ist mit den beiden Kindern ihrer verstorbenen Schwester ins Haus einer verhassten Tante gezogen, hat den maroden Kasten geerbt, in dem vor allem nachts noch jemand ein- und auszugehen scheint. Und weil es bei ihr gern ein bisschen mehr sein darf, verschwindet prompt ein Zeuge mit illustrer Vergangenheit, wird plötzlich ein alter Fall um eine vermisste Psychologin wieder interessant, die in kirchlichen Scheidungsverfahren Gutachten erstellte, scheint ein schwer kranker junger Mann gar nicht so krank zu sein. Eine Vergiftung mit Mutterkorn, das lange als Antoniusfeuer bezeichnet wurde, spielt eine Rolle, ein Exorzismus und die Frage, wo denn das Zuviel des Guten anfangen könnte.

Bettina Boll wurschtelt sich auch in ihrem achten Fall lässig durch dieses Dickicht, arbeitet intuitiv, spontan, zupackend, kämpft mit festgefahrenen Hierarchien und unpraktischen Vorschriften. Derweil lotet sie die Untiefen des Diesseitigen aus und erkundet die üppigen Weidegründe innerer Dämonen, während sie versucht, Verbindungen herzustellen, Kreuzungen zu finden, an denen ihre Gegenüber falsch abgebogen sein mochten. Dabei stößt sie auf ganz unterschiedliche Motive spiritueller Haltsuche in der unübersichtlich gewordenen Gegenwart, auf diverse Formen von Verbohrtheit, Bigotterie, Pragmatismus und ganz irdischer Besessenheit. Auch wenn der Plot bald einigermaßen absehbar ist, hält Geier ihre vertrackte Geschichte doch mit Witz, Wahnsinn und prägnanten Figuren gekonnt zusammen und spannend überdies, erdet sie, wo es es nur geht und das ganz ohne Überheblichkeit, weil ihre Kommissarin eben auf Vieles glücklicherweise keine fertigen Antworten hat. 

Monika Geier: Antoniusfeuer. Argument Verlag, Hamburg 2023. 432 Seiten, Hardcover, 24 Euro.

Der Horror hinter Schauder, Lakonie und Satire

(TG) Mit einem Stadtplan von Kiew aus der Zeit, als sich dort die Sowjetmacht etablierte (1919 gründeten die Bolschwiki die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik) und illustrierenden Aquarellen Juri Nikitins signalisiert der Diogenes-Verlag die Nähe von Andrej Kurkows zweitem Samson-Roman Samson und das gestohlene Herz zum behaglichen Golden Age englischer Rätselkrimis. Noch deutlicher als im ersten „Samson und Nadjeshda“ von 2021 verbirgt sich hinter dem gemächlichen Handlungsfortschritt und der eher betulichen Tonlage ein satirisches Element. Kurkow hat für seine Geschichte vom naiven Milizionär Samson und seiner zukunftsfreudigen Braut Nadjsheda (im Schießkurs für Angestellte der Statistikbehörde eine der besten) die Stilebene gefunden, in der man vom überstandenen Schrecklichsten als von der „guten alten Zeit“ redet. Von Terror und Fanatismus der Tscheka, von Hunger, Aufständen, Geiselnahmen, bürokratischer Willkür und dem Versuch, dabei seine Menschlichkeit zu bewahren, redet der zweite Band zwingender als der erste.

Hinter dem Spiel mit dem Schauder verbirgt sich der Horror. Das Herz, das Samson sucht, ist ein Schweineherz, lebenswichtige Schwarzmarktware in Hungerzeiten. Davon hat die Ukraine genug gehabt.

Andrej Kurkow: Samson und das gestohlene Herz (Serdze nje mjaso, 2021). Aus dem Russischen von Claudia Zecher und Johanna Marx. Diogenes Verlag, Zürich 2023. Hardcover, 432 Seiten, 24 Euro.

Erzählkunst, meisterhaft

(AM) „Die Sophie stank nach frischer Farbe und gebratenen Sardinen. Sie lag bekalmt fünfzehn Meilen vor Kap Tortosa und dümpelte in einer öligen Dünung. Noch eine halbe Stunde nach dem Mittagessen zog der blaue, fettige Fischdunst (die Sardinen stammten von einem Fischer, dessen ganzen Fang sie aufgekauft hatten) übelkeitserregend durch die Decks und durchs Rigg.
Der Bootsmann hing mit zahlreichen Gehilfen in Bootsmannsstühlen außen an der Bordwand und strich gelbe Farbe über das propere Schwarzweiß der Werft. Der Segelmacher und ein Dutzend Leute mit Segelmacherhandschuhen stichelten an einem langen Persenningstreifen, der als Reelingskleid ihr Aussehen kaschieren sollte. Und der Erste pullte in der Jolle rund ums Schiff, um die Wirkung zu studieren…“

Nach der Neuausgabe von Simenon macht der Kampa Verlag sich nun an den größten aller Seefahrt-Erzähler, an Patrick O’Brian. Leinen los, Backbord voraus!, heißt es mit den überaus erfreulichen Wiederauflagen von Master und Commander und Der verliebte Kapitän: je im Hardcover, je mit Glossar und – sehr hilfreich – dem doppelseitigen Aufriss eines Vollschiffs zu Nelsons Zeit auf dem Vorsatzpapier, vom Bugspriet über die Fockbrassen bis zum Besanbaum. Lauter Begriffe, die Landratten erst einmal fremd sind, bei Patrick O’Brian (1914-2000) aber zum Bestandteil einer grandiosen Erzählwelt werden, der man in zwanzig Romanen von meisterhafter Erzählkunst fortgerissen über alle Meere folgt. Im Mittelpunkt: eine himmelsweite Männerfreundschaft und die Liebe zur Musik – dazu ganz viel Neugier auf Welt.

Über die Bücher mit dem Marineoffizier Jack Aubrey und dem Schiffsarzt Stephen Maturin (ebenso wichtig: auch ein Geheimagent) muss man eigentlich nicht mehr sagen als der Londoner „Guardian“: „Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt: Patrick-O’Brian-Fans – und solche, die ihn noch nicht gelesen haben.“ 

Patrick O’Brian: Master und Commander. Das erste Abenteuer für Aubrey und Maturin (Master and Commander, 1970). Übersetzt von Jutta Wannenmacher, 1995 zuerst als Kurs auf Spaniens Küste. Kampa Verlag, Zürich 2023. 528 Seiten, Hardcover, 26 Euro.

– “ –: Der verliebte Kapitän. Das zweite Abenteuer für Aubrey und Maturin (Post Captain, 1972). Übersetzt von Jutta Wannenmacher, zuerst 1997 als Feindliche Segel. Kampa Verlag, Zürich 2023. 624 Seiten, Hardcover, 28 Euro. 

PS: Wir haben´s schon lange gewusst: TW 2003 über Patrick O´Brian: … Ohne Zweifel, hintereinder gelesen haben Faser, Textur und Prosa des Zyklus, seine große Themen Freundschaft, Loyalität und Verrat, eine ähnliche Komplexität und Tiefenschärfe wie Prousts »Recherche«. Dass man sowas auf Kriegsschiffen des 19. Jahrhunderts ansiedeln und auch noch rasend spannend in Literatur umsetzen kann, mag Feingeistern bis jetzt verborgen geblieben sein. Aber Patrick O’Brian zu ignorieren, heisst einen der größten Erzähler des 20.Jahrhundert zu ignorieren. Und das kann man sich nicht leisten.

Ebenso realistisch wie spannend

(JF) Keine Angst, Kai Hensels neuer Roman Wo ist Valentin? ist kein Katzenkrimi. Obwohl ein Kater, besagter Valentin, eine Hauptrolle spielt. Das graue Pelztier mit den grünen Augen ist verschwunden. Und weil seine Besitzerin, die Biologie- und Chemielehrerin Katja, ihn vorher unsanft vor die Tür gesetzt hat, plagt sie ein schlechtes Gewissen. Das heißt, „Besitzerin“ ist eigentlich der falsche Ausdruck. Denn ehrlich erworben hat sie den Kater nicht. Weshalb sie gelegentlich lügen muss. Das fällt ihrer Schülerin Ricky auf, die einen Artikel über Valentin und Katja für die Lokalzeitung schreiben möchte, um dort einen Praktikumsplatz zu ergattern. Aber das ist schwieriger als gedacht. Besonders für eine junge Frau, die von widersprüchlichen Gefühlen aller Art geplagt wird. Und die betreffen nicht nur die Beziehung zu ihrem ebenso attraktiven wie gebildeten Mitschüler Friedrich.

Also kein Katzenkrimi, aber Young Adult Fiction? Doch auch dieser Zuschreibung entzieht sich Hensels Roman, obwohl man ihn jungen Leserinnen gerne empfehlen würde. Denn „Wo ist Valentin?“ überzeugt durch fein beobachteten Alltagsrealismus ebenso wie durch seine spannende Handlung. Das Verschwinden des Katers nämlich löst eine ganze Kette von Ereignissen aus, deren Schilderung immer wieder für Überraschungen sorgt und letztlich in einen veritablen Krimiplot samt aktionsgeladenem Finale mündet.

Dass Kai Hensel bei der Gestaltung seines Figurenensembles Klischees nicht scheut – vom scheinbar coolen Vertrauenslehrer über die strenge Musikpädagogin bis zum zynischen Lokalzeitungschef  –  steigert den Unterhaltungswert des Buches, ohne seinen realistischen Anspruch zu mindern. Schließlich ist ein gewisser Wiedererkennungseffekt nicht zu unterschätzen, wenn es ums Lesevergnügen geht. Und dafür garantiert der gewiefte Erzähler Kai Hensel.

Kai Hensel: Wo ist Valentin? Kanon Verlag, Berlin 2023. 333 Seiten, 22 Euro.

Bedeutende Männer, Fossile

(haz) Da wird einer besungen, ein Präsident, kein Staatspräsident. Er könnte dem Fußballverein oder einer gewichtigen Charity-Organisation präsidieren, das ist wurscht. Denn diese hinterlistigen (hinterfotzig geht nicht mehr) Lieder widmen sich der Bedeutung des nicht näher beschriebenen Kerls, der Bescheid weiß, gern Witze erzählt, gebüldet-belehrend die Welt erklärt und immer recht hat. Der Präsident hat in diesen bösen Liedern keine Untergebenen, aber er hat Kinder und eine Frau, und mir scheint, die Familie nimmt ihn nicht ernst.

„Die Gattin wiegt den Kopf bedächtig. Und denkt bei sich: ‚Jaja, schon recht’”. Ein bisserl komisch, und auch ein bisserl melancholisch und immer in Gedichtform hat der für seine Dramolette bekannte Autor sich die Keimzelle vorgeknöpft. Fazit: Es steht nicht gut um bedeutende Männer, zumal wenn sie Familienväter sind. Falls Sie solch ein Fossil kennen, schenken Sie ihm (oder dessen Gattin) diese Lyrik.  

Antonio Fian: Präsidentenlieder. Literaturverlag Droschl, Graz 2023. Gebunden, 72 Seiten, 18 Euro.

Ein Thriller in Zeitlupe

(TG) Jeden Abend bekommt die zehnjährige Ida von ihrer Mutter Marion vor dem Einschlafen eine Geschichte vorgelesen, aus einem Buch mit dem Titel Geschichten der Nacht. Oft sind die Geschichten gruselig, aber Ida entdeckt an ihnen immer einen Aspekt, mit dem sie sich trösten kann. Und so lesen wir wohlgemut den Roman Laurent Mauvigniers (*1967 in Tours) mit dem gleichen Titel und hoffen, dass er auch irgendetwas Tröstliches enthalten wird.

An irgendeiner Stelle hat Mauvignier einmal bemerkt, er interessiere sich besonders für die Ereignisse und Gefühle, die verborgen gehalten werden. Solche werden in diesem Buch auf die grausamste Weise zu Tage gefördert. Drei bewaffnete Brüder, die sich ziemlich einschüchternd und pathologisch verhalten, haben die vier Bewohner des Weilers La Bassée gefangen genommen: den Bauern Bergogne, Marion, seine Frau, Ida, die Tochter, und die Künstlerin Christine. Die Geiseln werden gezwungen, ihr Innerstes nach außen zu kehren, sollen Ängste, Wissen, das sie sorgsam vor den anderen verborgen halten, den bösen Brüdern offenbaren und dabei Buße tun. Eine Ausgangssituation, wie sie Beckett in seinen pessimistischen Dramen ersonnen haben könnte, mit blutigem Ende.

Laurent Mauvignier erzählt diesen „Thriller in Zeitlupe“ unendlich verlangsamt, kurvt und kriecht um Gedanken- und Erinnerungsklippen der Gefangenen, verharrt oft unerträglich lange. Das macht die Spannung aus: Welches unterdrückte, uneingestandene intime Detail wird ans Licht kommen? Die Leserinnen und Leser bangen mit.

Laurent Mauvignier: Geschichten der Nacht (Histoires de la nuit, 2020). Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2023. Hardcover, 512 Seiten, 28 Euro.

Waschbeckenrealismus

(JF) Ein abgelegener, aufwendig renovierter Bauernhof, vier grausam zugerichtete Leichen und eine unheimliche Vorgeschichte, die parallel zur Schilderung der Ermittlungsarbeit erzählt wird: Dass es „Nacht“, dem  neuen Thriller der Isländerin Yrsa Sigurdardóttir, inhaltlich an nichts fehlt, was die Leserinnen skandinavischer Gruselepen wohlig schaudern lässt, versteht sich von selbst. Und wenn es große Kunst sein sollte, derlei Schröcklichkeiten in dröge Funktionsprosa zu verwandeln, ist die Autorin vielleicht wirklich eine „der besten Kriminalschriftstellerinnen der Welt“ (The Times).

Zusatz AM: Dem Realismus von „Scandi Noir“ zuzurechnen ist wohl auch das eine Kapitel, in dem die Heldin ihre Unterhosen – so das nicht besonders schöne Wort – ausgiebig im Waschbecken wäscht und rubbelt…

Yrsa Sigurdardóttir: Nacht (Lok loko g loes, 2021). Aus dem Isländischen von Anika Wolff. btb Verlag, München 2023. 430 Seiten, 18 Euro.

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