Posted On 6. März 2017 By In Bücher, Litmag With 768 Views

Sachbuch: Harald Lesch, Klaus Kamphausen: Die Menschheit schafft sich ab – Die Erde im Griff des Anthropozän

lesch_kamphausen_erdeBreiter Überblick zur Problemlage, aber in der Ursachenanalyse zaghaft

von Michael Höfler

Als Harald Lesch von 1998 bis 2007 in der Sendung „Alpha Centauri“ das Universum in Viertelstunden-Sendungen an einer Schiefertafel erklärte, hatte das Thema Menschheitsrettung nur am Rande Platz („Wir Menschen machen ja gerade das große Experiment: Leben ohne Ozonloch“). Seine schon damals gepflegte Leidenschaft, auch über philosophische und anthropologische Themen zu fabulieren (damals bereits bei einem Glas Rotwein im Fernsehen, heute auch in naturphilosophischen Vorlesungen), macht es nicht verwunderlich, dass er sich inzwischen intensiv mit der Krise der menschlichen Zivilisation auseinandersetzt. Der übliche Rezensenten-Impuls „jetzt schreibt der auch noch über Weltrettung“ stockt nicht nur in Anbetracht der Weltlage, sondern auch des Personals, das in Deutschland die öffentliche Debatte dominiert (siehe etwa die kaum glaubliche jährliche „Intellektuellenliste“ von Cicero). Daher muss man einem scharfsinnigen Kopf wie Lesch dafür dankbar sein, dass er sich hervortut, zumal der Wechsel zu den ungleich bunteren ZDF-Sendungen und Youtube seiner Begeisterung, über Wissenschaft zu erzählen, nichts genommen hat. Die zeigt sich auch in seinem neuen Buch „Die Menschheit schafft sich ab“.

Lesch und Koautor Klaus Kamphausen erzählen erstmal die komplette Geschichte der Universums, der Welt, der Arten und des Menschen nach. Das haben zwar schon etliche vorher, kürzer oder länger, gröber oder genauer getan, aber hier ist die Souveränität im Umgang mit dem auch von Lesch selber mehrfach behandelten Stoff besonders. Die Menschheitsgeschichte mündet dann in die des nachwirkenden Eingreifens in die Natur. Im Mittelteil des Buches folgt ein umfassender Überblick über das Problemgemengelage, das der Mensch in Wasser, Luft und Erde angerichtet hat. Objektive Zahlenquellen, Expertenstimmen und Interviews ergeben ein breites Bild darüber, was bereits wie sehr zerstört ist, und was auf welche Reaktion seitens der Menschheit (z.B. das Ziel der Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad) wahrscheinlich trotzdem folgte. Es werden u.a. noch die Themen Energie, Mobilität und Künstliche Intelligenz angerissen und einige Umweltschutz-Institutionen vorgestellt (wobei der Konzern Greenpeace kritiklos wegkommt und Non-Government-Organisationen fast ganz fehlen). Das Buch endet mit einer Reihe von Interviews (von Lesch selber oder anderen geführt) und Debattenbeiträgen von Wissenschaftlern und Ethikern, die u.a. fragen, wie eine Veränderung basierend auf welchem Menschenbild möglich ist.

Präzise, einnehmend, pointiert

Der Duktus von „Die Menschheit schafft sich ab“ hat vieles von dem des TV-Lesch, ist präzise, einnehmend, mitunter so pointiert wie nötig, um eine breite Leserschaft zu erreichen („Wir setzen die stärkste Kraft des Universums in Kernkraftwerken frei, um Wasser damit heiß zu machen. Das ist doch völliger Irrsinn.“). Die Rolle des Ko-Autors Klaus Kamphausen bleibt aber unklar. Es fällt auf, dass viel mehr Phrasen und übergefällige Wortspiele vorkommen als bei dem vortragenden Lesch. Das ist schade, denn mit zunehmender Lesedauer dominiert diese hohle Nullsprache aus Wirtschaft und Politik (auf nur einer Seite: „Innovationen“, „Nachhaltigkeit“, „Synergieeffekte“, „Zielkonflikte“, „Lösungen“), die in den letzten Jahrzehnten dazu beigetragen hat, dass sich die Öffentlichkeit kaum ernsthaft mit der Erhaltung unserer Lebensgrundlagen beschäftigt hat.

Das Buch ist durchweg für einen aufgeklärten Menschen wie Lesch erstaunlich religionsfreundlich, z.B. wird Papst Franziskus mehrmals einseitig als Hoffnungsträger gelobt (obwohl er noch praktisch nichts gegen das Unrecht im eigenen Laden der katholischen Kirche erreicht hat), und ein Bischof deutet den Bibelsatz „macht Euch die Erde Untertan“ in Fürsorge um (wenn man solches zulässt, ist die Bibel nicht falsifizierbar). Ein anderer Theologe behauptet in einem Interview unwidersprochen, dass man Religion (gemeint: das Christentum) bräuchte, um die Großartigkeit der Natur schätzen zu können und nicht in Zynismus zu verfallen. Bestimmt sollte man sich heute im Sinne der Sache mit gutwilligen Religionsvertretern zusammentun, aber nicht deren Propaganda weiterreichen.

Trotz der breiten Information über Umweltzerstörungen bleibt in „die Menschheit schafft sich ab“ (Lesch selbst hätte das Buch lieber treffenderer – und weniger polemischerweise „Die Erde hat Mensch“ genannt) die Analyse der systemischen Ursachen teils hinter bereits Gedachtem zurück, z.B. liest man nicht, dass die Individualisierung das Bonbon war, mit dem man den Menschen die Ökonomisierung schmackhaft gemacht hat (wovon aber nur die profitieren, die entsprechend verdienen; sinngemäß: Georg Seeßlen).

Das Buch wurde durch die große Schrift auf 500 Seiten gestreckt. Zwar machen es der farbige Hintergrund auf den zahlreichen Einschubkästen (sogar ein Gastwort von Dietmar Wischmeyer gibt es) und die bunten Graphiken für Durchschnittsleser konsumierbarer (!). Der dadurch hohe Preis von €29,95 dürfte aber einige sozial Benachteiligte vom Kauf abhalten. Ein Bestseller ist das insgesamt als Problemüberblick schöne Buch aber schon längst.

Michael Höfler

Harald Lesch, Klaus Kamphausen: Die Menschheit schafft sich ab – Die Erde im Griff des Anthropozän. Verlag Komplett-Media, 2016. 520 Seiten. 29,95 Euro. Der Youtube-Kanal zum Buch.

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