Posted On 15. Oktober 2016 By In Bücher, Crimemag With 1402 Views

Roman: Dennis Lehane: Ein letzter Drink

41phfutfkzl-_sx321_bo1204203200_Vom Bordstein bis zur Skyline

Von Alexander Roth

Dennis Lehane ist einer der Großverdiener des US-amerikanischen Literaturbetriebs. Seine Weltbestseller Mystic River und Shutter Island wurden ebenso prominent wie gewinnbringend verfilmt, und sein Prohibitions-Epos Live by Night wird sich unter Aufsicht von Ben Affleck, der schon Lehanes Gone Baby Gone auf die Leinwand brachte, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in diese Erfolgsserie einreihen. Auch sonst scheint der Autor sich in Hollywood heimisch zu fühlen: The Wire. Boardwalk Empire. The Drop.

Der Legende nach verdankt er seinen steilen Aufstieg Bill Clinton höchstpersönlich, der sich beim Aussteigen aus seiner Air Force One mit Prayers for Rain (Regenzauber), dem fünften Band der Reihe um die beiden Privatdetektive Kenzie und Gennaro, hat ablichten lassen. Der erste Roman über das Duo, das sein Büro in einem Bostoner Glockenturm aufgeschlagen hat und sich von eisgekühltem Dosenbier ernährt, war gleichzeitig auch Lehanes Debüt als Schriftsteller. Steffen Jacobs hat es gerade für den Diogenes Verlag neu übersetzt.

Reinigungskraft + Regierung + Romantik = Riesensauerei

Senator Brian Paulson hat ein Problem: Seine Putzfrau ist weg. Er macht sich jedoch weniger Sorgen um die Sauberkeit seines Büros als um die Dokumente, die sie als Abfindung mitgehen ließ, und engagiert für deren Wiederbeschaffung Patrick Kenzie und Angelina Gennaro. Was wie ein Routineauftrag klingt, entpuppt sich als äußerst komplizierte Kiste. Kenzie macht schon nach wenigen Stunden erfolglosen Ermittelns ein unfreiwilliges Nickerchen auf dem Asphalt, wäre angesichts der „Dokumente“ vielleicht lieber liegen geblieben und hat nicht einmal genug Zeit, den in ihm aufkeimenden Gewissenskonflikt auszutragen, schon schlittert er mitsamt Partnerin in einen ausgewachsenen Bandenkrieg. Hätten sie sich doch nur nicht auf einen Politiker eingelassen. Aber Jammern hilft nicht. Mit der .44er-Dirty-Harry-Gedächtnis-Magnum-Automatic im Anschlag und einem schießwütigen Fleischberg von Freund im Rücken machen Kenzie und Gennaro sich auf, Boston zu befrieden.

Das Schaufenster war herausgeplatzt, und Einschusslöcher klafften wie Akne in der Hauswand. Das Innere war verkohlt und ausgebrannt, und das Kunststoffschild über dem Fenster, auf dem einst in Vietnamesisch ‚Feinkost‘ gestanden hatte, war zerbrochen. Das Geschäft mit Feinkost war in dieser Gegend nicht mehr, was es mal gewesen war. Dem Geschäft mit Crack schien es hingegen prima zu gehen.

Die beiden Protagonisten sind laut ihrem Schöpfer so etwas wie eine hardboiled-Variante von Nora und Nick Charles aus Dashiel Hammetts letztem Roman Der dünne Mann. Gennaro ist eine attraktive Draufgängerin, auf deren tougher Fassade sich der Schatten ihrer Ehe mit einem gewalttätigen Mann in Form von Blutergüssen abzeichnet. Aus irgendeinem Grund – nennen wir es mal Liebe – verschont sie ihn, während sie sonst nicht davor zurückschreckt, sich mit vollem Körpereinsatz zur Wehr zu setzen. Ihr gegenüber sitzt Kenzie, der Erzähler, in all seiner Gestaltlosigkeit und schmachtet sie an. Er lässt keine Gelegenheit aus, seiner Jugendfreundin auf ebenso plumpe wie pubertäre Weise den Hof zu machen, und geizt auch sonst nicht mit markigen Sprüchen, um seine wahren Gefühle zu verbergen.

Oder seinen Vaterkomplex. Kenzie scheint gefangen zwischen dem Vater seiner Erinnerung, dem cholerischen Feuerwehrmann, der sich ihm wortwörtlich einbrannte, und dem Helden, den der Rest der Welt in seinem Erzeuger sieht, seit er einmal unter Einsatz seines Lebens zwei Kinder aus den Flammen rettete. Doch so sehr beide Protagonisten auch von ihren familiären Dämonen geplagt werden – die weitaus größere Dynamik entsteht durch ihre unklare Beziehung zueinander. Präziser ausgedrückt stellt sich beim Lesen die Frage: Kriegen die sich nun oder nicht oder was?

lehane-a-drink-before-the-warFrüh übt sich …

Vieles von dem, was Lehane heute ausmacht, ist auch in seinem Erstling zu finden. Die geschliffene Lässigkeit der Sätze, das Gefühl von Tiefe, dass er um sie herum zu erzeugen weiß, und das mangelnde Interesse an akribischer Recherche. Doch nicht alles gelingt beim ersten Mal. Auch wenn man durchaus bereits seinen Willen zur Epik erkennen kann (alleine der Originaltitel: A Drink Before the War), wirkt sein Versuch, die Story mithilfe einer erzählerischen Klammer über brennende Städte in einen größeren, bedeutenderen Kontext zu setzen, viel zu bemüht.

Wer Ryan Gattis‘ In den Straßen die Wut kennt und dann liest, wie Lehane seinen fiktiven Bandenkrieg in eine Reihe mit den Los Angeles Riots stellt, den hält ein Verweis auf die deutlich geringere Einwohnerzahl Bostons bestimmt nicht davon ab, ungläubig den Kopf zu schütteln. Auch der Spagat zwischen absurder Komik („it’s gallows humor“) und düsterem Realismus ist ihm in Ein letzter Drink nicht annähernd so gut gelungen, wie in seinen späteren Werken. Diese beiden Aspekte seines Stils, die für den Autor zu Repertoire und Realität gleichermaßen gehören, wollen sich nicht so recht zusammenfügen.

Was sich im Debüt ebenfalls bereits bemerkbar macht, ist Dennis Lehanes ganz eigenes Verständnis des Noir. Bei ihm geht es um die hart arbeitenden Frauen und Männer, deren Leben von Entscheidungen determiniert ist, die in Kreisen getroffen werden, zu denen sie niemals Zugang haben werden. Wir da unten gegen die da oben. Klassenkampf. Seine Protagonisten sind keine hyperintelligenten Profiler, keine exzentrischen Antiquitätensammler, sondern Menschen aus der unteren Mittelschicht, für die ihr Job erstmal nur ein Job ist, und Idealismus etwas, das im Zweifelsfall die Grundlage ihrer Existenz bedroht. Oder, um es mit den Worten des Autors zu sagen: „In Greek tragedy, they fall from great heights. In noir, they fall from the curb.” Ihm geht es in seinen Büchern nicht darum, dass wir seinen Figuren Sympathie entgegenbringen. Lehane will Empathie. Sein Debüt ist Anklageschrift und Augenöffner, Plädoyer für eine gerechtere Welt und gleichzeitig grimmige Befriedigung der eigenen Gerechtigkeitsfantasien.

„Es ist einfach zu viel Dummheit auf der Welt“, sagte er.

Ich nickte. „Und zu viel Wut.“

Darf‘s etwas mehr sein?

Ein letzter Drink ist wunderbar überdrehte hardboiled-Kost, vorgetragen von der damals schon einzigartigen Erzählstimme Dennis Lehanes. Und, wie beinahe jedes Debüt, auch ein Stück für die Nachwelt dokumentierte Selbstfindungsphase. Der Autor will Privatdetektivgeschichte, Politthriller, seinen working class noir, und die Erzählung vom großen Bandenkrieg unter einen Hut bringen, ob die Buchbindung das nun aushält oder nicht. Kein Wunder also, dass hier und da mal kurz Gedulds- und/oder roter Faden reißen. Und ja, auch was Gewalt- und Waffeneinsatz angeht, ist Lehane vielleicht etwas übers Ziel hinausgeschossen. Das schadet mitunter der Glaubwürdigkeit seiner Protagonisten, die ja nicht etwa kriegserfahrene Haudegen der Marke Rambo, sondern den Durchschnittsbürger repräsentieren sollen. Aber, um ihm das letzte Wort zu lassen:

I don’t know about this question of believability – when did we come to expect believability of genre writing? Does anybody believe that the Three Musketeers could have actually had all those adventures? That’s what fiction is. If there was that much bloodshed in the House of Hamlet, they would have shut things down around Act Three.”

Alexander Roth (Zu seinem Blog geht es hier)

Dennis Lehane: Ein letzter Drink (A Drink Before the War). Aus dem Amerikanischen von Steffen Jacobs. Klappenbroschur. Diogenes, Zürich 2016. 368 Seiten, 16 Euro.

Das Buch erschien bereits 1999 unter dem Titel „Streng vertraulich“  in der Übersetzung von Andrea Fischer bei Ullstein. Die Zitate des Autors, direkte wie indirekte, die im Text verwendet wurden, stammen größtenteils aus diesem Interview.
Für CrimeMag unterhielt Alf Mayer sich im Frühjahr 2014 mit Dennis Lehane, über seine Schreibregeln berichtete er hier.

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