Posted On 15. August 2016 By In Bücher, Crimemag With 1968 Views

Roman: Charlie Stella: Johnny Porno – Zwei Perspektiven

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Ein Buch – zwei Perspektiven:
Katja Bohnet und Tobias Gohlis über
Charlie Stellas „Johnny Porno“.

Eine Autorin und ein Kritiker – ein Mann und eine Frau – über ein Buch, in dem es um viel Sex, um die Mafia in New York und ein buchstäblich „gutes Stück“ subversiver Filmgeschichte geht.

Böse wie Sackratten

„New York is killing me“

Von Katja Bohnet

Der New Yorker Mob hat Anfang der Siebziger ein neues, altes Spielzeug: den Pornofilm. „Deep Throat“ ist das große Ding, das alle sehen sollen, und die Mafia will an jedem lüsternen Zuschauer verdienen. Johnny Porno, Protagonist des Romans, heißt eigentlich Johnny Albano. Den anzüglichen Spitznamen erbte er von seinem Vorgänger, dem ein sehr finales Schicksal zuteilwurde. Aber Johnny braucht das Geld, weshalb er neben anderen Jobs die Kinos frequentiert, um Zuschauer zu zählen und — was in seinem Umfeld jeden brennend interessiert — die Tageseinnahmen kassiert. Auf einmal hängen alle an ihm dran: Cops, ein Killer, sogar das FBI, weil jeder ein Stück von dem Kuchen haben will. Nicht alle überleben das. Auch Johnnies Ex-Frau bekommt den Hals nicht voll. Nancy ist ein mieses Biest, das den Überblick über ihre Ex-Männer zunehmend verliert. Aber der, den sie liebte, interessiert sich nicht für sie. Nur für ihr Geld. Seitdem drangsaliert sie ihren neuen Ehemann und presst jeden Cent Unterhalt für den gemeinsamen Sohn aus ihrem Ex heraus. Ein Sohn, für den sie sich weniger interessiert als für den regelmäßigen Besuch im Schönheitssalon. Diese Figur kann an der klassischen Mutter- und Hausfrauenrolle nichts mehr finden. Sie ist durchtrieben und stünde zur Not für einen schnellen Blowjob bereit, wenn es ihr einen Vorteil eintrüge. Männer können also manchmal doch die besseren Mütter sein. Apropos Blowjob: zuverlässig liefert der Autor gleich mehrere mögliche Definitionen ab. Ziemlich uneindeutig, was genau Oralverkehr eigentlich ist.

Deep_Throat_in_Tokyo_(Spanish)Menschen, die sich um Kopf und Kragen reden

Ein handwerkliches Mittel Stellas sticht heraus: der Dialog. Selbst wer mit dialoglastigen Romanen seine Schwierigkeiten hat, wird hier bestens unterhalten. Können zu viele Dialoge schnell den Eindruck von Geschwätzigkeit erwecken, ist es genau dieser Effekt, der entstehen darf und soll. Sittenbild oder Milieustudie, beides trifft zu. Stellas Figuren reden tatsächlich alle ohne Punkt und Komma, immerdar. Jeder will das letzte Wort haben. Besonders die Männer nehmen den Mund so voll, dass sich der Leser zu Beginn fragt, wann irgendeiner dieser Maulhelden seinen großen Worten endlich Taten folgen lassen will. Doch über fünfhundert Seiten entwickelt sich der Roman von einer Screwball-Comedy zu einem erstaunlichen Gemetzel. Dieser Weg aus seichtem, urkomischem, zum Teil tieftraurigem Gerede bis hin zum Shootout sorgt für eine Fallhöhe, die ihresgleichen sucht. Entfernt erinnert das New York Charlie Stellas an die Stadt aus „Der Pate“ und „Shaft“, nur schärfer, präziser und gemeiner, ohne den Faktor Übermensch.

„Das da draußen ist Buschland. Ich weiß nicht mal, wo wir sind.“

„Brooklyn“, sagte Billy. „Viertgrößte Stadt der Welt.“

Alle wollen Liebe

Aber bis über das Morden nicht nur geredet, sondern auch gehandelt wird, plottet Stella mit bissigem Humor. Ein Fahrer des Mobsters soll für den Star des Pornofilmes, Linda Lovelace, Plakate signieren. Und verschreibt sich dabei jedes Mal. Gestandene Männer spielen sich gegenseitig Kinderstreiche, nur um zu beweisen, wer den Längsten in der Hose hat. Überhaupt: jedes Figurenego ist überlebensgroß. So viele Egoisten auf einem Haufen hat man höchstens schon bei einem Diktatorengipfel abgelegener Bananenrepubliken erlebt. Aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wird völlig klar, warum jeder, vom Mobster bis zum Ermittler des FBI, sich benachteiligt oder im Unrecht fühlt. Die Frauen sind laut und unbequem. Sie lassen sich nichts sagen. Nur wenige arrangieren sich. Manche tragen Rollschuhe, andere pinkfarbene Bikini-Oberteile. Alle brauchen Geld, aber keiner hat genug davon. Alle wollen Liebe, keiner findet sie. Und falls doch, passt es eben nicht. Alle haben Affären. Das ständige Verlangen macht die Figuren krank und blind. Wo die Liebe versagt, können Männerfreundschaften entstehen. Komischerweise wirkt das nicht wie ein Klischee. Jeder erwartet Ehrlichkeit, aber es wird gelogen wie gedruckt. Oder Wahrheiten werden hinausposaunt, die keiner glauben will. Natürlich schlagen die emotionalen Wellen ständig hoch. Es wird geschrien, gebrüllt, geächzt. Jeder ist geschieden, mindestens. Und, oder arbeitslos. Aus der Gewerkschaft rausgeflogen oder kurz davor. Drogenabhängig, krank oder spielsüchtig. Normale menschliche Beziehungen finden eigentlich nur noch in Filmen oder Büchern statt. Die heile Welt hat sich für immer ins Nirwana verabschiedet.

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Der Titel lässt bereits erahnen, dass Sex nicht ganz unwichtig ist für den Roman. Alle haben Sex: vor dem Essen, danach, als Zwischenmahlzeit oder Zeitvertreib, als Sucht oder Job, Druckmittel, Arbeitgeber oder Ventil, je nachdem. Ungemütlich wird es nur, wenn Mann oder Frau keinen Geschlechtsverkehr haben kann. Hatten Sie schon mal Filzläuse? Der Roman klärt darüber auf. Die rührendste, großartigste Sexszene findet statt, wenn ein korrupter Cop seine Ehefrau so bedingungslos liebt, dass er sie nicht mehr anzufassen vermag. Am besten kann er kommen, wenn sie ihm jedes Detail ihrer Affären erzählt. Dieser verzweifelte Polizist ist die vielleicht vielschichtigste, tragischste Figur des Romans. Sex auf Distanz, keiner berührt den anderen, aber man kommt doch zum Höhepunkt, wenn sie den Namen des anderen hinausschreit. „Ich liebe dich.“ „Ich weiß.“ … „Ich dich auch.“ Danach werden lakonisch Speckpfannkuchen aufgetischt. Grausam akkurat. Ein Denkmal für diese Sexszene.

Von der Unmöglichkeit des Glücks

Selbsterkenntnis findet nur in seltenen Augenblicken statt. Zum Beispiel wenn ein Ermittler zugibt, dass er Pornos meidet, weil die an seinem Ego kratzen.

„Ich hab schon genug Minderwertigkeitskomplexe, da muss ich nicht auch noch `nem Kerl zuschauen, der sein Kinn auf seinem Ständer abstützen kann.“

Wenn mehrere Männer diese Art von Selbsterkenntnis besäßen, wäre die Pornoindustrie vom Aussterben bedroht. Was Stella zeigt, ist eine korrupte, sexbesessene Gesellschaft, die nach Dollarscheinen giert und doch nie genug davon haben kann. Die wenigen guten Kerle müssen kämpfen, um nicht unterzugehen. Lüge, Liebe, Laster und Leben im Schatten des Kapitals. Nichts läuft ohne die Mafia, „La Famiglia“, die ihre Kinder wie Medea fressen wird. Das ist nicht nur herrlich unterhaltsam, sondern auch geballte Sozialkritik und böse wie Sackratten.

„Johnny Porno“ von Charlie Stella, präsentiert vom Master of Ceremonies, Thomas Wörtche, bei Suhrkamp: ein urkomischer, tragischer Roman, ein Mikrokosmos gegenseitiger Abhängigkeiten unter dem Lupenglas. Die Gewalt wartete in jedem Dialog auf einen Ausbruchsversuch. Happy End als Zufallsprodukt, Glück kaum möglich, Tod vorprogrammiert.

Katja Bohnet

Charlie Stella: Johnny Porno. Kriminalroman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, Aus dem Amerikanischen: Andrea Stumpf, Hrsg.: Thomas Wörtche, 496 S., 9,99 Euro


Und hier Kritik Nr. 2:

Die US-Erstausgabe (2010)

Die US-Erstausgabe (2010)

Multiple Vergnügen, scharfer Realismus

Von Tobias Gohlis

Seinen ermordeten Vorgänger nannten sie Tommy Porno. Jetzt fährt Johnny Albano für Boss Eddie, der wiederum der Vignieri-Familie verantwortlich ist, Filmrollen durch  New York und kassiert die Einnahmen in den Schuppen, Kellerlokalen und Sportstudios, die die Mafia-Franchise-Unternehmer als illegale Abspielstätten für den verbotenen Superfilm Deap Throat benutzen. Und wird von jedermann Johnny Porno genannt.

„Ich heiße Johnny Albano!“ Er mag es so oft wiederholen, wie er will. So wie sie ihm seinen Namen nehmen, verfügen sie auch über seine Selbstbestimmung. Wollen es zumindest.

Johnny ist ein guter Mann, das sagen alle. Er ist aber auch zu gutherzig. Und aufbrausend. Das hat ihn seinen Job als Bauschreiner gekostet. Jetzt muss er am Wochenende eben für Eddie Vento fahren, um den Unterhalt für seinen Sohn Jack zu bezahlen. Geld, das Nancy, seine Ex, eigentlich gar nicht braucht, weil sie mit dem Mitglied der Philharmoniker Nathan Ackerman als neuem Gatten das große Existenz-Sicherheitslos gezogen hat.

Aber Nancy hat Pläne: Sie will in der Ehe so lange aushalten, bis sie das Anrecht auf die Hälfte des Hauses erworben hat, das Ackermann für die Familie gekauft hat. So lange bumst sie mit Louis, ihrem Ex-Ex (Ackermann minus Johnny Albano = Louis, der erste und letzte) nachmittags, wenn sich Nathan um den Stiefsohn kümmert, nur undercover. Louis, ein notorischer Spieler, der ungefähr so weit denkt wie sein von etlichen Nancys umschwärmter (und zeitweise filzbelauster) Schwanz reicht, hat noch größere Pläne. Er will Johnny Porno überfallen, die Mafiaknete rauben und ab nach Florida, wo es noch mehr dumme „Paradeschnecken“ (so Andrea Stumpf in kongenialer Übertragung) gibt, die auf ihn reinfallen.

Louis ist nur einer von denen, die es auf Johnny abgesehen haben. In der Reihe stehen noch Nick, Eddies blöder Neffe, Billy, der perverse Bulle, der sich an den Affären seiner Frau aufgeilt, um dann ihre wahren oder eingebildeten Lover umzunieten, und etliche Cops, die teils gegen, teils mit Eddie arbeiten. Und dann warten noch die, denen Johnny einfach so in die Quere gekommen ist.

Eines der multiplen Vergnügen, das Charlie Stella uns Lesern bereitet, besteht in der Knüpfung des Netzes, in dem sich der brave Johnny immer tiefer verstrickt. Wir sehen diese Deppen, Perverslinge, Gangster und Cops auf Abwegen ihre Fallen basteln – über etliche 200 Seiten – und wie sich das Missgeschick über ihm zusammenballt. Und hoffen, dass die einzig Frau, die das Herz auf dem rechten Fleck hat, auch über genug Verstand verfügt, um in Johnnys unzugänglicher Welt von Machotum und Ehrpusseligkeit klarzukommen und dem Kerl aus dem Schlamassel zu helfen.

Kein Missverständnis: Stella überzeichnet nur ein bisschen, seine Figuren sind keine Karikaturen, sondern Menschen, wie sie in ihren Trieben und Widersprüchen ticken. Er überhebt sich nie über seine Leute, sondern zeichnet scharf die Mechanismen einer Gesellschaft nach, in der das verfassungsmäßige Recht auf Glückssuche zum Kampf aller gegen alle mutiert ist.

Der historische Hintergrund ist scharf umrissen: Um von ihrem umfassenden Versagen (Vertiefung des Krieges in Vietnam, Watergate-Affäre) abzulenken, kam es der Nixon-Administration gerade recht, einen miesen kleinen Fellatio-Film, den die Columbo-Familie in sechs Tagen für 25.000 Dollar produziert hatte, verbieten zu lassen. Im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe beschreibt Stella, wie das Verbot des Films, den sich sonst kaum jemand angeschaut hätte, zum Geschenk einer zweiten Prohibition für die Mafia wurde: Deep Throat  spielte geschätzt 600 Mio Dollar ein. Natürlich nutzt Stella das Terrain für etliche herrliche Einblicke in die verklemmt-enthemmte Triebwelt der Großstadt-Amerikaner Anfang der siebziger Jahre, in dem „Deep Throat“ auch der Deckname des Whistleblowers war, der Watergate enthüllte.

deepthroat-poster-la-2-17-12deep-throat-deep-throat-part-ii-sm-webJohnny Porno ist Charlie Stellas erster Roman, der auf Deutsch erscheint, und wahrlich kein loop. So hießen die kurzen Pornofilm-Ausschnitte, die zwischen den großen Epen wie Deep Throat als Wichsvorlage in den Kaschemmen gezeigt wurden. Johnny Porno ist Mafiaroman in Superbreitwand: Stella ist ein Meister schneller Szenen und knapper Dialoge. Er schneidet bewusst unsauber, beleuchtet dieselbe Szene aus verschiedenen Blickwinkeln, schürt dadurch Leserteilnahme an den Sehnsüchten und Irrtümern der Figuren. So schnell läuft das durch, dass die groteske Komik der einzelnen acts oft erst später ins Bewusstsein dringt – etwa beim Atemholen.

Der 1956 in Manhattan geborene und in Canarsie aufgewachsene Charlie Stella hat eine wilde Vergangenheit, unter anderem als Buchmacher. Seine Straßen- und Lebenserfahrungen, nachhaltig inspiriert durch George V. Higgins, dessen Die Freunde Eddie Coyles auch Johnny Pornos Lieblingslektüre ist, und Elmore Leonard, brachte Stella zunächst aufs Theater. Seit 2001 hat er acht Romane veröffentlicht und er wird in US respektvoll als „best writer of mob fiction“ tituliert.

Das ist der kleine Unterschied, Ihr Anti-Amerikaner: Hier gibt es einen Mob, den kaum jemand wahrhaben will, in den USA gibt es dazu noch hervorragende Literatur über ihn. Mehr davon wäre erzieherisch nützlich, unterhaltsam sowieso.

Als Hintergrundinformation für das wechselseitige Geben zwischen Staat und Mafia-Unternehmen sehr lesenwert: die Beiträge von Charlie Stella (Die Mafia in Amerika – die perfekte Fressmaschine im perfekten Umfeld, oder: Verbrechen lohnt sich) und Thomas Adcock (Die Unberührbaren) in Gohlis/Wörtche: Crime&Money

Tobias Gohlis

Charlie Stella: Johnny Porno. Aus dem Englischen von Andrea Stumpf. Hrsg. von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag,Berlin 2016. 496 Seiten, 9,99 Euro.

Offenlegung: Thomas Wörtche, der Herausgeber dieses Buches, macht zusammen mit Alf Mayer die Redaktion von CrimeMag. Die Rezension wurde von ihm weder bestellt noch bezahlt, wohlgleich gehört es zum Selbstverständnis unseres Magazins, zu einer Qualitätsdebatte im Genre beizutragen – und eben beispielhaft Werke zu diskutieren. Siehe oben auch den Beitrag von Katja Bohnet zu diesem Buch.

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