Posted On 3. Mai 2016 By In Bücher, Litmag, News With 1914 Views

Roman: Ben Lerner: 22:04

Ben Larner_2204Brillante Meditation über Kunst und Sterblichkeit

– Der 1979 geborene Ben Lerner ist derzeit einer der interessanten Schriftsteller aus den USA. Er startete als Lyriker und war der jüngste Finalist für einen National Book Award in dieser Sparte, bevor er 2012 seinen überraschend erfolgreichen und autobiographisch gefärbten Debut-Roman „Abschied von Atocha“ vorlegte. Dieser Erfolg ist auch der Ausgangspunkt seines neuen Romans „22:04“, in dem Lerner den Leser in ein ebenso gewagtes wie gewitztes Spiegelkabinett aus Leben und Literatur schickt.

Ben Lerners Protagonist ist ein New Yorker Schriftsteller namens Ben (!), der aufgrund seines erfolgreichen Debut-Romans einen horrenden Vorschuss alleine schon für sein Exposé zum Nachfolger bekommen hat. Sein Roman-Plan: „Mich in der untergehenden Stadt von der Ironie zu Aufrichtigkeit vorarbeiten.“ Doch dann erkrankt Ben am Marfan-Syndrom, mit dem ein Riss in der Aorta droht. Zeitgleich geht ihn seine langjährige (platonische) und derzeit arbeitslose Freundin Alex um eine Samenspende an, da sie „nicht darauf warten kann, das der berufliche und der biologische Rhythmus übereinstimmen.“ Daraus entwickelt sich eine herrliche Groteske voller Witz und entwaffnender Ehrlichkeit in bester Woody Allen-Manier.

In einem Wechsel aus Gegenwart und Vergangenheit lässt Ben Lerner in seinem Roman Leben (und zwar seine eigenes wie das des Protagonisten) und Schreiben ineinanderfließen und der Leser kann hautnah den Entstehungsprozess (s) eines neuen Romans verfolgen. Während eines Stipendium-Aufenthaltes in Marfa / Texas beschließt Ben so „anstelle des Buches, das ich in meinem Exposé umrissen hatte, das Buch zu schreiben, das Sie nun lesen, ein Buch, das wie ein Gedicht weder Fiktion noch Nicht-Fiktion, sondern ein Flimmern dazwischen ist.“

Dieser Roman ist dabei auch ein Roman über New York, dem in der literarischen Jetztzeit durch einen gewaltigen Tornado gerade der Untergang droht und das dadurch in eine neue Aura getaucht wird. In einer der schönsten Stellen des Buches beschreibt Ben den Schauer, der ihn beim Flanieren durch die Stadt jedes Mal erfasst, „wenn ich die Skyline von Manhattan, die unzähligen erleuchteten Fenster, die flüssigen Saphire und Rubine des Verkehrs auf dem FDR Drive und die sehr präsente Abwesenheit der Twin Towers betrachtete“. Ebenso wie den Körper der Stadt atmet der Roman aber auch New Yorks Diskurse über Literatur und Kunst, über Authentizität und Vermarktung. Ein herrliches Beispiel dafür ist das „Institut für Kunstwerke mit Totalschaden“, in dem „utopische Readymades“ die Kunst aus der „Tyrannei von Preisen“ befreien sollen.

„22:04“ ist eine grandiose Meditation über das Schreiben und die Kunst, über die fein oszillierenden Empfindungen und Erinnerungen und über die Sterblichkeit – eines Menschen, einer Stadt, der Welt.

Karsten Herrmann

Ben Lerner: 22:04. Übersetzt von Nikolas Stingl. Rowohlt, 2016. 320 Seiten. 19,90 Euro.

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