Posted On 15. April 2017 By In Bücher, Crimemag With 1182 Views

Roman: Anne Kuhlmeyer: Drift

Kuhlmeyer_DriftZwischen Tag und Traum

Von Joachim Feldmann

Es regnet ununterbrochen, der Fluss steigt über die Ufer, Berge geraten ins Rutschen. Fünf Menschen finden in einem Haus zusammen, dessen erhöhte Lage sie vor der Flut bewahren könnte. Sie sind einander fremd und nur bedingt sympathisch: die Gerichtsmedizinerin auf dem Weg ans Meer, der Verlagslektor ohne festes Ziel, die junge Frau unterwegs zu einem online arrangierten Date, das Kind aus dem Internat, das die Ferien bei seinen Eltern verbringen möchte, und schließlich der Bauer, dem das Haus gehört. Lebensmittel und Energie sind knapp, an zeitige Rettung ist nicht zu denken. Und immer höher steigt die Flut.

In ihrem Roman „Drift“ entwirft Anne Kuhlmeyer gekonnt ein Thriller-Szenario, doch das ist nur der Anfang. Schon bald tauchen fantastische Elemente auf, vermischen sich mit dem Realismus der Handlungsführung und verblüffen den Leser, der nicht ahnen konnte, dass er plötzlich mit dem Geheimnis ewiger Jugend konfrontiert werden würde. Älter als das Jahrhundert nämlich ist Dr. Metha Engelhart, die Medizinerin, deren Erzählstimme uns durch den Roman begleitet. Die anderen Figuren kommen ebenfalls zu ihrem Recht, verbleiben aber in der dritten Person.

Michial Bulgakow, Kiew

Michial Bulgakow, Kiew

Das klingt kompliziert, ist es aber nicht. Perspektivwechsel und narrative Leerstellen werden souverän zur Spannungssteigerung eingesetzt. Doch Anne Kuhlmeyer, deren Romane sich noch nie an die angeblichen Regeln des Genres gehalten haben, gibt sich damit nicht zufrieden. Ist man erst einmal im „Niemandsland zwischen Tag und Traum“, von dem Metha erzählt, angelangt, wird alles möglich. Ein Lesegerät für digitale Bücher entwickelt magische Kräfte und transportiert die Figuren an die Schauplätze der Romane, die auf ihm gespeichert sind, Leonardo Paduras Havanna zum Beispiel oder Andrej Kurkows Kiew. Dort sind sie Fremde und machen zumindest ansatzweise Erfahrungen, wie sie für die Flüchtlinge dieser Tage alltäglich sind. Eine Geschichte, wie die der jungen Frau, die, kaum ist sie 18 geworden, in ein Land abgeschoben wird, das sie nur aus Erzählungen kennt, wirkt selbst im Kontext dieses Romans unglaublich – realistisch ist sie allemal.

havanna

Havanna

Die Kraft des Erzählens als Errettung

„Drift“ erscheint in einer Buchreihe, die politisch engagierter Spannungsliteratur vorbehalten ist. Autorinnen wie Dominique Manotti, Malla Nunn oder Liza Cody stehen für Kriminalromane, in denen anspruchsvolle Unterhaltung und aufklärerische Absicht eine gelungene Symbiose eingehen. Auch in Anne Kuhlmeyers Roman wird geschossen. Und es gibt Tote, deren Körper auf genrekonforme Weise beseitigt werden. Doch es bleibt bei solchen Reminiszenzen. Wahrscheinlich trifft der Begriff des „magischen Realismus“, den Else Laudan, die Herausgeberin der Reihe, in ihrem Vorwort ins Spiel bringt, genauer. Es geht um die Magie der Literatur, um die Kraft des Erzählens angesichts einer Wirklichkeit, die in hohem Maße verunsichert. Ob es Rettung gibt, bleibt offen. Gelegentlich scheint Optimismus auf, die konkrete Utopie anderer Formen des Zusammenlebens. Doch der letzte Satz des Buches – er gehört Metha – ist im Konjunktiv II gehalten, nicht nur der Modus des Wünschens, sondern auch der Vergeblichkeit.

Nicht zuletzt in dieser Offenheit liegt die Qualität dieses Romans, der das Attribut „fantastisch“ nicht nur aus gattungstheoretischen Erwägungen heraus verdient.

Joachim Feldmann

Anne Kuhlmeyer: Drift. Roman. Ariadne Verlag, Hamburg 2017. 317 Seiten, 12,00 Euro. Verlagsinformationen.

Offenlegung: Anne Kuhlmeyer gehört zur Redaktion von CrimeMag. Mit dieser Besprechung wurde sie überrascht. Ihr Buch würde hier nicht besprochen, schon gar nicht von einem so versierten Rezensenten wie Joachim Feldmann, wenn es nichts Exemplarisches darüber zu sagen gäbe.

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