Posted On 20. September 2014 By In Bücher, Crimemag With 1540 Views

Philip Kerr: Wolfshunger

U1_978-3-8052-5066-5.inddTriff mich dann am Massengrab

– Der historische Hardboiled-Thriller „Wolfshunger“ von Philip Kerr. Eine Rezension von Alf Mayer.

Wie der Deckel des eigenen verdammten Sarges liegt die Tür ihm auf dem Gesicht. Weil er für den Abschied nach einem schönen Essen schon zufällig im Türsturz steht, überlebt er die Explosion einer verirrten Fliegerbombe. Das Datum: 1. März 1943, Berlin Lützowstraße. In seinem Beinahegrab, auf der siebten Seite von „Wolfshunger“, haben Bernie Gunther und sein Autor Philip Kerr kurz Gelegenheit zur Rekapitulation. Kerr beherrscht es meisterhaft, Zeitgeschichte und Spannung, Charakter und Politik zu verschränken. Nicht Los Angeles, sondern das Berlin der Nazi-Zeit ist bei ihm die Hauptstadt des noir. Angemessen, wenn man die grimmigen Umstände bedenkt.

„Wolfshunger“ ist bereits das neunte Bernie-Gunther-Buch, die deutsche Ausgabe ist damit auf dem aktuellen Stand. Der Originaltitel „A Man Without Breath“ spielt darauf an, dass Bernie nie die Klappe halten kann. Der ruhelose Kerr hat inzwischen drei weitere Bücher vorgelegt: „Prayer“ mit einem religiösen FBI-Agenten in Houston, „Research“ mit einem Bestsellerautor und jetzt im Oktober 2014 „January Window“ mit einem Londoner Fußballtrainer als Protagonisten. Ein neuer Bernie Gunther sei im Entstehen, verriet er mir per Mail. Doch hier und jetzt nun ganz uneingeschränkt „Wolfshunger“ – wenn Sie mich fragen, der bisher beste Roman in einer bärenstarken Serie. Hier geht es zum CM-Porträt.

Den Nazis Paroli bieten Kerr_man_without_breath_english_250– im Genre

„Kriminalromane sind die Literatur der Demokratie. Der Kriminalroman und sein Detektiv sind nur in einer Welt möglich, die nicht der Allgewalt des Staates, der Gestapo oder des NKWD ausgeliefert ist. In einem Polizeistaat ist ein Sherlock Holmes selbst als literarische Figur undenkbar“, so argumentierte im Deutschland des Wiederaufbaus der heimgekehrte Emigrant und Widerstandskämpfer Karl Anders, der in seinem Nest-Verlag mit den legendären „Krähen-Büchern“ dem deutschen Publikum Autoren wie Dashiell Hammett, Raymond Chandler und Eric Ambler nahezubringen suchte. Kerrs Bernie-Gunther ist jener deutsche Hardboiled-Ermittler, den es in der Realität nicht gab, den man sich aber genau wie ihn wünschen würde, wäre die Nazizeit eine Zeit für Detektive und gradlinige Polizisten gewesen. Nur allzu gerne hätte ich mit dem 1997 gestorben Karl Anders darüber geredet.

Bernie-Gunther ist eine Figur, die den Nazis in bester Bogart-Manier Paroli gibt, ohne dass das je ins Lächerliche gleitet. Gunther ist Überlebenskünstler, Hauptmann im SD, dem Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS, er war Kriminalkommissar am Berliner Alex, hat sich schon als Privatdetektiv durchgeschlagen und als Hoteldetektiv im Adlon (siehe auch „Die Adlon-Verschwörung“; das Adlon ist für Kerr das beste Hotel der Welt). Die Serie begann als Trilogie, „Berlin Noir“ besteht aus „March Violets“ (1989), „The Pale Criminal“ (1990) und „A German Requiem“ (1991). Dann blieb die Figur 14 Jahre liegen, bis es 2006 mit dem ambitionierten „The One from the Other“ weiterging und mit einer Erzählstruktur, die es Kerr erlaubt, über Jahrzehnte und Kontintene zu springen.

„Die Griechen haben ein Wort für diese Art von Komödie“

Bernie also liegt nun halb verschüttet unter einer Tür. Zeit, dass er uns auf den neuesten Stand bringt:

„Ich hatte die Kripo im Sommer 1942 verlassen und mit stillschweigender Duldung meines alten Kollegen Arthur Nebe bei der Wehrmachts-Untersuchungsstelle für Verletzungen des Völkerrechts angefangen. Als Kommandant der SS-Einsatzgruppe B in Smolensk, wo Zehntausende russischer Juden ermordet worden waren, wusste Nebe selbst das eine oder andere über Kriegsverbrechen. Ich bin sicher, es gefiel seinem Berliner schwarzen Humor, dass ich mich zu einer Organisation alter preußischer Richter hingezogen fühlte, von denen die meisten unerschütterliche Nazigegner waren. Sie waren dem humanitären Völkerrecht verpflichtet, wie es in der 3. Genfer Konvention von 1929 niedergeschrieben war, und glaubten, es gebe für die Armee – jede Armee – eine anständige und ehrenvolle Art, Krieg zu führen …“

Es gab sie tatsächlich, diese juristische Körperschaft innerhalb des Oberkommandos der Wehrmacht mit der Abkürzung WUSt, ihr englischer Name War Crimes Bureau klingt noch besser. Sie duldete nicht nur keine Parteimitglieder in ihren Reihen, sie konnte beachtliche Ressourcen für die Ermittlung und Strafverfolgung von Verbrechen einsetzen, die von und gegen deutsche Soldaten verübt wurden: Diebstahl, Plünderung, Vergewaltigung, Mord. Manchmal führten diese Verfahren zu Todesurteilen gegen die Täter.

Bernie Gunthers Berliner Humor hat hier ein sich durch das ganze Buch ziehendes Thema. Wir Nachgeborenen kennen das ja alle auch mit der vorgeblich doch so anständigen Wehrmacht. Bernie delektiert sich sardonisch daran, wie es sein kann, dass ein Unteroffizier der Wehrmacht verurteilt und hingerichtet wird, der ein russisches Bauernmädchen vergewaltigte und umbrachte, während in der nächsten Stadt eine ungeschoren bleibende SS-Einsatzgruppe gerade 25.000 Männer, Frauen und Kinder ermordet. „Ich glaube“, sinniert Bernie, „die Griechen haben ein Wort für diese Art von Komödie.“

Bernie wacht im Krankenhaus wieder auf, soll wegen seiner Rauchvergiftung ein paar Tage bleiben. Ganz der Hardboiled-Held, macht er sich davon und wir lesen von ihm: „Ich habe Krankenhäuser immer schon verabscheut. Für meinen Geschmack bieten sie einfach zu viel Realitätsnähe.“

kerr_kripomarkeZwischen den Zeilen der Geschichte

Das Spiel mit und das Reiben an der Realität, das ist Vergnügen und Beklemmung bei Kerr, der mir von sich sagte: „Ich arbeite sozusagen zwischen den Zeilen der Geschichte. Das ist für mich die einzige Art, zu arbeiten. Ich brauche reale Fakten und reale Historie, um daraus Fiktion zu machen. Reale Personen ebenso, davon werden Sie immer viele in meinen Romanen finden. Das macht es interessant für mich selbst.“

Ritte auf einer Rasierklinge sind seine Berlin Noirs, möglich vielleicht eben nur mit dem großzügigen Extraschuss an britischem Humor und einer Respektlosigkeit vor dem autoritären Charakter, dem immer noch viele brave deutsche Erzähler verhaftet sind. Kerrs Bernie-Gunther-Romane sind enorm unterhaltsame Lektionen in Geschichte und Zivilcourage. So hätte man seine eigenen Familienmitglieder gerne in der Nazizeit agieren gehabt. Aber pardon, Kerr ist Schotte, in Edinburgh geboren. Den Separatisten las er mit einer ätzenden Attacke die Leviten. Das „Los von England“ habe seine Wurzeln in Rassismus und Hass, auch Mel Gibsons Historienverklärung „Braveheart“ sei daran nicht ganz unschuldig (siehe dazu).

Das kleine schwarze Dreieck des SD an seinem Uniformärmel verwirrt manche, die er trifft, aber der respektlose Bernie ist „es gewohnt, mich in Nazideutschland fehl am Platz zu fühlen“. Auch bei der Gestapo hätten sie ihre Witze, versichert einer ihrer Kommissare, dessen schwarzer Ledermantel bei jeder Bewegung wie Schnee unter den Stiefeln knirscht. „Klar haben Sie die“, antwortet Bernie. „Allerdings werden sie vor dem Volksgerichtshof in Moabit als Beweise gehandelt.“ Bernie hatte zuvor gefeixt, dass dessen Lohnstufe wohl keinen schwarzen Humor ermögliche, nur schwarze Krawatten und Mäntel. Nun, all seinen eigenen Humor und Überlebenswillen muss er bald aufbieten, um einigermaßen heil aus dem aktuellen Auftrag herauszukommen, der Aufklärung des Massakers im Wald von Katyn bei Smolensk. In Kapitel 12 gibt es dazu ein Treffen mit „Mahatma Propagandi“ persönlich, wie Bernie Joseph Goebbels gerne nennt. (Dessen Ministerium für Volksaufklärung hat in der englischen Version den schönen Titel Ministry of Enlightment.)

Kerr_adlonErfahrungen mit Massenmord

Goebbels schickt ihn nach Gnezdowo in der Nähe von Smolensk, Bernie war dort schon in „Field Grey“ (Mission Walhalla). Ein Wolf hat dort im Wald menschliche Überreste ausgegraben, wo Berichte schon im Frühsommer 1940 einen Massenmord an polnischen Offizieren vermuten ließen. Sowjetische politische Gefangene könnten es sein, die vermissten polnischen Offiziere, ein Massengrab russischer, im Kampf gegen die Deutschen gefallenen Soldaten, oder, vierte Möglichkeit, von der SS ermordete Juden. „Zwanzig Jahre lang hat der NKWD – und vor ihm der GPU und die Tscheka – im großen Stil gemordet. Wir machen das erst seit achtzehn Monaten“, sagt Bernie. Goebbels findet das lustig.

Bald wird, wir sind im März 1943, das Tauwetter in Russland einsetzen und was dann im Wald von Katyn zutage kommt, kann ein Propagandacoup werden, der Russland den Alliierten entfremdet. Zudem wurden, dies ein Fall für nebenbei, aber natürlich mit der großen Sache verschränkt, gerade zwei deutsche Soldaten, Telefonisten im 537. Nachrichtenregiment, ermordet, ihre Kehlen mit einem deutschen Bajonett aufgeschlitzt, der Mörder entkam mit einem BMW-Motorrad.

Zuständigkeiten? Das Außenministerium? Von Ribbentrop? Goebbels schnauft verächtlich. „Im Moment sieht die Außenpolitik dieses Landes vor, seine Feinde mit Totalem Krieg zu überziehen. Es gibt also faktisch keine Außenpolitik.“

Kerr_one_from_other_english_250Bernie schlägt vor, die Leichen vor den Augen der ganzen Welt auszugraben, unter Kontrolle des Internationalen Roten Kreuzes. Bernie als erfahrener Polizist, der in der Vergangenheit schon öfter mit Goebbels aneinander rasselte – beide haben da ein gutes Gedächtnis -, soll das alles regeln.

Diesmal also Goebbels, mit Heydrich hatte er sich im letzten Buch herumzuschlagen („Böhmisches Blut“, CM-Besprechung hier). Bernies Gefühle dabei? „Angst. Das ist ein Problem, das jeder Deutsche mit den Nazis hat. Zumindest jeder Deutsche, der noch am Leben ist“, heißt es auf Seite 188. „Ich bin Polizist, kein verdammter Lohengrin“, sagt er einmal. Im Original klingt das deftiger: „I’m a cop, not fucking Lohnengrin.“ An anderer Stelle findet er das Leben „zu kurz, um Wagner zuzuhören“.

Nach fast 20 Jahren bei der Berliner Polizei glaubt Bernie, alles über Korruption zu wissen, aber wenn man selbst nicht korrupt ist, kann man sich vermutlich kaum vorstellen, sinniert er, wie korrupt andere sein können. Das Leben wird ihm erst noch die härteste Lektion erteilen, dass man sich nämlich in einer korrupten Welt nur auf Korruption verlassen kann, auf den Tod und schließlich auf noch mehr Korruption. Und zwar nicht nur die des Geldes, sondern aller Werte. So viel zu sauberen Wehrmacht. Kerr über den Krieg und die Nazis zu lesen, ist durchaus edukativ. Aber eben ohne Zeigefinger.

„Ich bin in den letzten zehn Jahren jeden Morgen mit einem miesen Gefühl aufgewacht“, schleudert Bernie auf Seite 487 in einem Disput mit einem Offizier heraus. „Kaum ein Tag, an dem ich mich nicht gefragt habe, ob ich unter einem Regime leben kann, das ich weder verstehe noch will. Aber was soll ich machen? Für den Moment möchte ich einen Mann für einen Mord an drei anderen drankriegen – vielleicht waren es auch fünf. Ich stimme Ihnen zu, das ist nicht viel. Und selbst wenn ich Erfolg habe, wird mich das nicht zufrieden stellen. Im Moment aber scheint die Arbeit als Polizist das Einzige zu sein, was ich machen kann.“

Erneut hat Bernie kein (dauerhaftes) Glück in der Liebe, obwohl sein Autor ihm die schönsten femmes fatales im Genre schreibt. Kerr sagte mir dazu: „I think poor Bernie would hate me if ever we met. Ines is quite a woman. She wrote herself into the story.“

PS: Die Sowjetunion beKerr_Experimentstritt bis 1991, für die Morde an den mehr als 14.500 polnischen Offizieren im Wald von Katyn verantwortlich zu sein. Erst die Russische Föderation bestätigte deren Ermordung. Die Wehrmachts-Untersuchungsstelle für Verletzungen des Völkerrechts, darauf weist Kerr in seinem Nachwort hin, existierte bis 1945.

PPS: Widerstand war möglich. Das setzen einem die Bernie-Gunther-Romane als Stachel ins Fleisch. Kerr betont das – ohne jeden pädagogischen Impetus – in diesem Buch etwa, indem er die Episode aus der Berliner Rosenstraße erzählt (die Margarethe von Trotta zum gleichnamigen Film machte). 1943 wurden die letzten 10.000 Berliner Juden zusammengetrieben, um die Stadt „judenfrei“ zu machen. 1700 von ihnen, die arisch verheiratet waren, wurden in der Rosenstraße separiert. Ihre Angehörigen und Familien demonstrierten allen Einschüchterungen zum Trotz so lange, bis die Gefangenen frei gelassen wurden. Fast alle von ihnen überlebten den Krieg.

PPPS: Als Recherchejunkie flicht Kerr immer wieder zeithistorisch interessante Begebenheiten ein, etwa die Praxis der deutschen Straßenbenennung in den besetzten Städten. Die kleine Liebesgeschichte mit der Pathologin Ines gibt Gelegenheit zu einem grimmigen Rekurs auf Euthanasie-Experimente der Faschisten im Ausklang des Spanischen Bürgerkriegs. You knever know with Philip Kerr.

Alf Mayer

Philip Kerr: Wolfshunger (A Man Without Breath, London 2013). Aus dem Englischen von Juliane Pahnke. Wunderlich/Rowohlt 2014. 544 Seiten. 22,95 Euro. Verlagsinformationen zum Buch. Mehr zum Autor Philip Kerr und seinen in deutscher Fassung erschienenen Romanen. Webseite für Bernie. Kerr auf Facebook über Smolensk.

Die Bernie-Gunther-Romane
March Violets, 1989 (Feuer in Berlin, rororo 1995), spielt 1936.
The Pale Criminal, 1990 (Im Sog der dunklen Mächte, rororo 1995), spielt 1938.
A German Requiem, 1991 (Alte Freunde, neue Feinde, rororo 1996), spielt 1947 im besetzten Deutschland und Österreich.
Die drei Romane erschienen 1993 als Sammelband „Berlin Noir, dann war schwieg Bernie Gunther eine lange Zeit.
The One from the Other, 2006 (Das Janusprojekt, Rowohlt 2009), spielt 1949 in Dachau und München.
A Quiet Flame, 2008 (Das letzte Experiment, Wunderlich 2009), handelt 1950 in Buenos Aires und 1932 in Berlin.
If the Dead Rise Not, 2009 (Die Adlon-Verschwörung, Wunderlich 2011), hat Berlin 1936 und Havana 1954 zum Thema.
Field Grey, 2011 (Mission Walhalla, Wunderlich 2011), spielt 1954 auf Kuba, in New York und Deutschland und 1941 in Minsk.
Prague Fatale, 2011 (Böhmisches Blut, Wunderlich 2014), spielt 1941 in Berlin und in und um Prag.
A Man Without Breath, 2013 (Wolfsblut, Wunderlich 2014), führt Bernie 1943 nach Weißrussland.

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