Posted On 15. Februar 2017 By In Bücher, Crimemag With 718 Views

Matthew Weiner: Mad Men – The Book

mad_men_xl_gb_slipcase004_06778_1611101717_id_1091977

Breiteste Breitwand für eine Serie

– von Alf Mayer

Ein Buch ist keine TV-Serie, aber noch keines ist diesem Medium so nahe gekommen, wie das neueste monumentale Werk aus dem Hause Taschen, das am 23. Februar 2017 im Beverly Hills Store seine Hollywood-Premiere feiert. „Mad Men – The Book“ setzt seinen Gegenstand schon gleich quasi demonstrativ ins „richtige“ Format. Nämlich Breitwand. Nicht das Format des Fernsehens, sondern das des Kinos, Ultra Panavision 70 sozusagen. 1:2,76 statt 4:3.

Die beiden Bände kommen in einem stabilen Schuber, das müssen sie auch, denn das Werk wiegt beeindruckende 6,9 Kilo. “Eine Hommage an das Ereignis ‚Mad Men“ nennt der Verlag seine neue Großtat.

Band 1 zeichnet auf 840 Seiten, die gewiss auch die Buchbinderei vor Herausforderungen stellten, die sieben Staffeln und 85 Folgen der Serie anhand von chronologisch angeordneten Filmstills und Drehbuchauszügen zu den Schlüsselszenen nach. Mehr als hundert gewitzt und abwechslungsreich gestaltete Seiten stehen also für jede Staffel zur Verfügung: Breitwand, Splitscreens, Groß- und Nahaufnahmen, Details – der Eindruck ist absolut filmisch.

Und emotional. Für die Bildauswahl und die Bilddramaturgie wurde erkennbar Aufwand betrieben. Dian Hanson hat dabei mitgewirkt, und von Josh Baker sagt Serienschöpfer Andrew Weiner selbst, dass vermutlich niemand auf der Welt die „Mad Men“ so gut kenne wie er.

mad_men_ce_image010_06903_1612071210_id_1093268

mad_men_ce_image015_06903_1612071215_id_1093313

Ein Buch ist kein Film, aber noch kaum eines ist diesem Medium so nahe gekommen. Beeindruckend. Und grandios. Bei DVDs gibt es einen Markt für „special editions“, für extra schön gestaltete Boxen mit viel Bonusmaterial. Dies ist die Entsprechung im Buchformat – und auch wenn ich nun phantasiere, dass es so etwas doch bitte auch von „Boardwalk Empire“, „Sopranos“ oder „Deadwood“ geben sollte, wird dieses verlegerische Wagnis wohl leider ein Einzelfall bleiben. Die Kostümbildnerin Janie Bryant übrigens war bei „Deadwood“ dabei. Sie ist nur eine der vielen Kreativen, die für ihre Arbeit an „Mad Men“ für Preise nominiert oder ausgezeichnet wurden. Es dauert echt eine Weile, am Pokalregal dieser Serie entlang zu scrollen.

mad_men_ce_image011_06903_1612071210_id_1093403

Hinweis: Die Buchsprache ist Englisch. Die Staffeln werden je von Zitaten eingeleitet. Zum Beispiel:

Season Two: „I have been watching my life. It’s right there. I keep scratching at it, trying to get into it. I can’t.“ (S. 153)
Season Four: „People tell you who they are, but we ignore it because we want them to be who we want them to be.“ (S. 364)
Season Seven: „I am not the man you think I am.“ (S. 680)

mad_men_ce_image018_06903_1612071217_id_1093259

Band 2, „Die Interviews“, hat 208 überaus informative Seiten. So nah war noch kein anderes Buch über eine der erfolgreichsten Fernsehserien des TV-Geschichte an den Machern und Protagonisten dran. Dies muss nicht wundern – darf aber uns Wissensjunkies freuen -, denn Autor von „Mad Men – The Book“ ist niemand anderer als Andrew Weiner, der Schöpfer der Serie höchstselbst. Sechs Jahre war das Buch in Arbeit, Benedikt Taschen hat sich der nun so hochproduktiv vollendeten Zusammenarbeit versichert, als von „Mad Men“ gerade die dritte Staffel abgedreht war. Ist Band 1 ein visuelles Feuerwerk, das den Look der Serie feiert, so bietet der ebenfalls reich illustrierte Band 2 viele tiefenscharfe Einblicke hinter die Kulissen. Ein Gespräch etwa wie das mit den Autorinnen und Autoren der Serie (Lisa Albert, Semi Chellas, Jonathan Igla, Andre und Maria Jacquemetton, Janet Leahy, Erin Levy, Tom Smuts, Carly Wray) ist eine Sternstunde der Filmpublizistik, wer über „writers‘ rooms“ und die Komplexität des Schreibens für eine große TV-Serie wissen will, MUSS diese Seiten zur Kenntnis nehmen. (Fast wünsche ich, es gäbe – für arme Filmstudenten und Normalkonsumenten – eine Volksausgabe von Band 2; auch dies wäre ein Filmbuch par excellence. Von Band 1 zu schweigen.)

Ein langer Weg, dann die Brücke zwischen Kino und TV

Sieben Staffeln mit 85 Folgen, das ist „Mad Men“, Die erste Folge wurde am 19. Juli 2007 im Kabelnetzwerk von AMC ausgestrahlt, das bis dahin noch nie mit Qualitätsfernsehen aufgefallen war. Aber HBO hatte „Mad Men“ letztlich nicht gewollt, nicht zu den Bedingungen jedenfalls seines Schöpfers Andrew Weiner, der das Projekt ein gutes Jahrzehnt mit sich herumgetragen hatte. HBO wollte David Chase, den Erfinder der „Sopranos“, dafür haben. Aber für Weiner kam das nicht in Frage, er hatte sich – in dieser Hinsicht, professionell haben beide für einander bis heute die höchste Bewunderung – bei Chase & den „Sopranos“ freigeschwommen. David Chase hatte ihn zur Mitarbeit eingeladen, aufgrund des eingesandten Drehbuchs für die Pilotepisode von „Mad Men“. Für Weiner war es wie: „Come play with the Yankees!“ Plötzlich spielte er in einer anderen Liga, arbeitete mit bei jener avanciertesten TV-Show , die das Erzählen im Fernsehen auf immer verändert hat.

Sein „Mad Men“-Script blieb erst einmal in der Schublade, David Weiner nutzte die Zusammenarbeit mit Chase, um professionell zu wachsen. Zwölf Folgen der „Sopranos“ stammen von ihm, er übernahm immer mehr Produktionsaufgaben, fand in David Chase einen Mentor. So war er dann bereit, bei „Mad Men“ Schöpfer, Executive Producer, Drehbuchautor und Regisseur zu sein.

Die Idee zu seiner Beschäftigung mit der Welt der Werbung, zu den „Admen“, wie er sie zuerst nannte, bevor sie die „Mad Men“ wurden, die Madison Avenue Men, oder eben die Verrückten, war ihm bei der Arbeit an „Becker“ (1998 – 2003, 129 Folgen) gekommen, einer Vorläuferserie von „Dr. House“, noch böser und egoistischer und meines Wissens nie bei uns gelaufen. Irgendwann war es so weit, die Zeit war reif.

Zehn Tage Drehzeit und ein kleines Budget wie für einen Independent-Film gab es bei Lionsgate Television für die Pilotfolge von „Mad Men“. Man bekommt selbst ein wenig feuchte Handflächen, wenn man die in Band 2 versammelten und weithin von J.C. Gabel konduktierten Interviews liest. Zehn Drehtage, die die Fernsehwelt verändert haben. Zehn Drehtage, in denen kulminierte, was Andrew Weiner bis dahin über das Erzählen in Fernsehen und im Kino gelernt hatte. Zehn Drehtage, in denen das Fernsehen in die Breitwand ging. In denen sich das Erzählen über den Dialog mit den Momenten des Kinos verband. „Mad Men“, immer wieder, evoziert Räume für Gefühle, und noch wichtiger, lässt sie stehen, gibt ihnen Zeit. Erklärt und beredet nicht alles. Die gehörige Prise Melancholie, die „Mad Men“ immer wieder würzt, ist Kinogefühl pur.

mad_men_ce_image019_06903_1612071218_id_1093250

Andrew Weiners Inspirationen waren immer die Filme von Billy Wilder („The Apartment“, „Sunset Boulevard“) oder die Melodramen von Douglas Sirk. Sein Lieblingsfilm ist das Drama „Die besten Jahre unseres Lebens“ (The Best Years of Our Lives) von William Wyler, der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. Prägend waren die Romane von John Cheever und J.D. Salinger, Weiners Sohn trägt den Mittelnamen Holden, nach der Hauptfigur aus „Der Fänger im Roggen“ (1951). Und da ist dann auch noch Sloan Wilsons „Der Mann im grauen Flannel“ von 1955, erfolgreich mit Gregory Peck verfilmt. Mit dem Don Draper, wenn wir uns das überlegen, ja wirklich viel zu tun hat.

Was uns zu gutsitzenden engen Anzügen, schmalen Krawatten, Bleistiftröcken, Kostümen und Beehives bringt. Tolle Frisuren nicht zu vergessen. Darin lässt sich in diesem Buch ausgiebig schwelgen – und immer wieder in den großartigen, an die beste Zeit der Screwball Comedies erinnernden Dialogen. Was für Sätze. Was für eine coole, von Ironie triefende, lakonische Sicht auf die Welt. Es ist nicht der Sex, der sich verkauft, sagt Don Draper einmal. Es ist die Emotion. Und auch: Leute wie er hätten die Liebe erfunden, um Nylons zu verkaufen („What you call ‚love’ was invented by guys like me. To sell nylons“).
Aber das kennen Sie schon, wenn Sie sich für „Mad Men“ interessieren. So aber haben Sie „Mad Men“ noch nie gesehen.

Alf Mayer

Matthew Weiner. Mad Men – The Book. Ausgabe: Englisch. Hardcover, 2 Bände im Schuber, Format 36 x 22,5 cm. Verlag Benedikt Taschen, Köln 2017. 1048 Seiten, 150,00 Euro. Verlagsinformationen.

Es gibt auch eine „Script Edition“: Zwei leinengebundene Hardcover-Bände wie oben; zusätzlich die vollständigen Mad-Men-Drehbücher der Staffeln 1-7 in 7 Bänden im Schuber, Halbleinen, 20,3 x 25,4 cm, 3.936 Seiten; signierter Print von Brian Sanders. 750,00 Euro. Verlagsinformationen.

Hingewiesen sei auch auf:
Jürgen Müller: Die besten TV-Serien. Taschens Auswahl der letzten 25 Jahre. 744 Seiten, 49,99 Euro. CM-Besprechung hier.

Tags : , , , , , , ,