Geschrieben am 9. April 2011 von für Bücher, Crimemag

Klassiker-Check: Graham Greene zum 20. Todestag

No Risk, No Fun, No Book !

Von wegen Entertainment: Was im „Third  Man“, „Our Man in Havanna“ oder dem „Quiet American“ so leicht und locker anmutete, waren literarische Hochkaräter, auch wenn diese von Kritikern und Nobelpreis-Komitees permanent unterschätzt  wurden. Eine Würdigung des Altmeisters aus Anlass seines 20. Todestags (er starb Anfang April 1991 in Vevey, Schweiz) von Peter Münder

Irgendwas musste er immer kompensieren: entweder seinen tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex, die schweren Depressionen oder seine Angst vor Misserfolgen und vor einer paralysierenden Langeweile. Daher war Graham Greene (1904–91) auch meistens auf der Suche nach dem ultimativen Kick: Seine kreativen Schübe holte er sich auf abenteuerlichen Reisen, als Geheimdienstmitarbeiter beim MI6 oder sogar beim Russischen Roulette, als er mit dem geladenen Revolver seines Bruders hantierte, um „den gefährlichen Rand der Dinge“, den er regelmäßig und mit Inbrunst auskosten wollte, zu eruieren.

Outsider

Das Outsider-Dasein hatte Greene schon als völlig unsportlicher, depressiver Schüler im kleinen Provinznest Berkhamstead internalisiert. Als eher literarisch orientierter Sohn des Schuldirektors wurde er von den Mitschülern gemobbt, vom Vater aber als Spitzel und Denunziant angeheuert: Graham sollte ihm die Missetaten der Kameraden verraten. Die Aufnahmeprüfung für Oxfords renommiertes Balliol College schaffte er zwar erst im dritten Anlauf; umso intensiver genoss er dann die neuen Freiheiten: Als Student der Geschichtswissenschaft will er sogar ein ganzes Trimester im Vollrausch verbracht haben. Diese Phase ohne einen bevormundenden autoritären Daddy bescherte dem enorm vielseitigen Schreiber den befreienden Durchbruch. Als Mitarbeiter des Studentenmagazins „Oxford Outlook“ machte sich Greene schnell unersetzbar: Er schrieb Gedichte, Kurzgeschichten, Kritiken und Reportagen und wurde bald Herausgeber des Magazins.

Der Konvertit

George Orwell

Evelyn Waugh

Wenn Greene sich als konvertierter Katholik später auf Themen wie Schuld und Sühne oder auf die Suche nach dem rechten Glauben usw. kapriziert, dann sollte man auch seine eigenen Selbstzweifel und Unsicherheiten berücksichtigen, die sich hinter dieser Sinnsuche verbergen. George Orwell  hat Greenes Diskussionen über Hölle und Erlösung übrigens nie richtig ernst genommen und dem katholischen Kollegen mit dem Faible für exklusive sinnliche Reize  eine snobistische Marotte unterstellt: „Für Graham Greene ist die Hölle ein exklusiver Nachtklub, er genießt die Vorstellung, zu einer elitären Gruppe von Sündern zu gehören“, höhnte er. Das dürfte auch stimmen und trifft sicher auch auf den snobistischen  Super-Katholiken Evelyn Waugh  zu.

Der Zocker

Eigentlich war Greene ein amoralischer Zocker, dem Loyalitäten völlig schnuppe waren, weil es ihm vor allem um Abwechslung und aufregende Abenteuer im versifften, sündigen, gefährlichen Greene-Land ging, die er literarisch verarbeiten konnte. Als Literatur-Junkie war Greene eben immer auf der Suche nach anregendem, aufregendem Stoff. Und schließlich war er ja auch als abgebrühter Kriegsreporter an den gefährlichsten Schauplätzen gewesen: Aus Kenia berichtete er für die „Sunday Times“ von den Mau-Mau-Aufständen, in Malaysia war er mit Gurkhas und britischen Spezialeinheiten durch den Dschungel gezogen, um die Guerillakämpfe kommunistischer Befreiungsgruppen für „Life“ zu beschreiben. Seine Vietnam-Reportagen waren in „Paris Match“ und „Le Figaro“ veröffentlicht worden. Kaum ein brisantes Krisengebiet ließ er aus: Ob Haiti, Paraguay, Chile, Kuba – wo Diktatoren bekämpft und gestürzt wurden, da war GG  nicht weit. Da er seine Erfahrungen in den meisten Romanen verarbeitet hat, ist das Werk kaum von der Biografie zu trennen – daher dann auch die medienwirksamen, extrem polemisch ausgetragenen Kontroversen und Schlammschlachten, als 1994 (zum 90. Geburtstag des Meisters) gleich drei große Greene-Biografien veröffentlicht wurden, von denen nur die  monumentale dreibändige von Norman Sherry autorisiert war.

Standortverweigerung

Das  voyeuristisch anmutende Credo seines alter ego Fowler, dem desillusionierten englischen „Times“-Reporter im Saigon des französischen Indochina-Kriegs („The Quiet American“), dem  jede Form von politischem Engagement und moralischem Anspruch zuwider ist, muss auch als Greenes eigene Überzeugung gelten: „Laß sie kämpfen, laß sie lieben, laß sie morden, ich habe mich da immer herausgehalten. Ich schrieb, was ich sah; ich handelte nicht – selbst eine Meinung ist eine Tat.“ Diese fragwürdige moralische Standpunktverweigerung  ist so stark pointiert, um den Kontrast zum missionarischen Eifer des „stillen Amerikaners“ Alden Pyle zu verdeutlichen, dessen verschwiemelte Weltverbesserungs-Attitüde nur Unheil anrichtet. Es ist immer noch von frappierender Aktualität, wie scharfsinnig Greene hier oder auch in der grandiosen Geheimdienst-Satire  „Our Man in Havanna“ Konflikte beschreibt, die dann später während des Vietnamkriegs, im Irak und in Afghanistan zur brisanten Ausweitung aller  Kampfzonen führte. Kein Wunder, dass konservative US-Politiker „The Quiet American“ besonders hassten und Film-Aufführungen in den USA verhindern wollten.

http://www.youtube.com/watch?v=qyjmKeL0ER0

Skrupellosigkeit

Der australische, in London lebende Geheimdienstexperte und Buchautor Phillip Knightley, der für die „Sunday Times“ jahrelang brisante Enthüllungsgeschichten geliefert hatte, attestierte dem Geheimdienstagenten Greene (dessen Dienstnummer 59200 verwendet sein fabulöser Anti-Held, der in Havanna tätige Staubsauger-Verkäufer Wormold)  eine extreme „moralische Skrupellosigkeit“, die für diesen Job eine absolute Grundvoraussetzung sei. Wenn Wormold sich mit fingierten Geheimdienstaktivitäten und erdachten Mitarbeitern ein hübsches Zubrot verdient und mit den Schaltkreis-Skizzen seines  kleinen Turbo-Saugwunders der Londoner MI6-Zentrale suggerieren kann, es handele sich um geheime Konstruktionspläne gefährlicher russischer Raketen, dann  mokiert sich Greene mit diesen scharlatanesken Eskapaden natürlich auch über die unbedarften Whitehall-Bürokraten und ihre grotesk übersteigerten Feindbilder – seine eigenen Auftraggeber.

Kim Philby

War Greene skrupellos oder einfach nur clever? Mitglied in der englischen KP war er geworden, weil er sich davon einen Gratis-Trip nach Moskau erhofft hatte – als das nicht klappte, trat er wieder aus der Partei aus; katholisch wurde er, weil die vorübergehend angebetete Katholikin sonst nicht willig gewesen wäre. 1924, zur Zeit der französischen Rheinland-Besetzung, fädelte er als Student Kontakte zur deutschen Botschaft ein, um prodeutsche Artikel für „Oxford Outlook“ anzubieten, die französischen Separatisten auszuspionieren und einen Trip ins Rheinland finanziert zu bekommen. Gleichzeitig bot er den Franzosen an, als Doppelagent die  Deutschen auszuspähen, woraus jedoch nichts wurde. Dieses Faible für ein gefährliches Doppelspiel zieht sich durch die gesamte Biografie und erklärt auch Greenes Sympathie für den britischen KGB-Doppelagenten Kim Philby, der als MI6-Spion während des Kalten Krieges alle wichtigen Geheimnisse an Moskau verriet. Nach Philbys Flucht nach Moskau schrieb Greene dann ein umstrittenes, sehr verständnisvolles Vorwort zu Philbys Autobiografie „My Secret Life“. Überhaupt schien die Spionage eine Art Familien-Hobby des Greene-Clans zu sein: Der Onkel Sir William Greene hatte den Nachrichtendienst der Marine aufgebaut, die jüngere Schwester Elisabeth war seit 1939 beim SIS-Geheimdienst und knüpfte für ihn die Kontakte zum MI6, wo er ja auch unterkam und eine Agentenausbildung absolvierte. Der Bruder Herbert – das schwarze Schaf der Familie – betätigte sich sogar als Spion für die Japaner. Offenbar lag das Spionieren der Greene-Family im Blut.

MI6

Der unbeholfene Greene schwärmte zwar gern vom MI6 als perfektem Reisebüro, das er gern in Anspruch nahm. Er war allerdings nicht zur Karriere als Meisterspion prädestiniert. Als er 1941 vom MI6 in Sierra Leone eingesetzt wurde, um den Schmuggel südafrikanischer Industrie-Diamanten im Auge zu behalten, der für das Nazi-Reich damals von großer Bedeutung war, scheiterte er meistens an technischen Problemen und lieferte seinen Chefs in London eine peinliche Komödie permanenter Pannen: Den Chiffriercode beherrschte er nur mit Mühe, die Zahlenkombination für seinen Panzerschrank vergaß er regelmäßig und einmal musste er den Safe sogar sprengen, um an geheime Unterlagen zu gelangen. Aber Greene hatte längst den Charme maroder Nissenhütten und heruntergekommener Puffs im afrikanischen Greene-Land entdeckt und konnte sich für die Jagd auf Kakerlaken ebenso begeistern wie für das Erschießen der Ratten, die an den Vorhängen in seiner Bruchbude herumzappelten – zusammen mit seinem MI6-Kumpel hatte der begeisterte Zocker ein ausgeklügeltes Punktsystem für die toten Tierchen erarbeitet: ein Punkt für zerquetschte Kakerlaken, drei Punkte für erschossene Ratten.

Sex, Realität & Fiktion

Über diese Marotten, Affären, sexuelle Vorlieben (er trieb es gern in Kirchen unter dem Altar, Analsex soll er laut Biograf Shelden auch gern praktiziert haben)  und schrillen Exzesse dieser schillernden Künstlerfigur werden immer noch heftige Debatten geführt. Kein Wunder, denn  auf der Suche nach dem springenden Punkt, der den Übergang von der realen Erfahrung zum fiktiven Plot erklärbar macht, will jeder Interpret eben möglichst hautnah am tatsächlichen auslösenden Erlebnis dran sein.

Die mysteriöse, faszinierende Grauzone zwischen Realität und Fiktion hat wohl kein anderer Autor so intensiv ausgelotet und ausgekostet wie Graham Greene. Sicher war er im menschlichen Umgang ähnlich ekelhaft und moralisch bedenkenlos gewesen wie der versnobte Evelyn Waugh. Aber Greene war eben auch ein genialer Erzähler, von dem etliche Romane immer noch aktuell und absolut lesenswert sind. Ob man als Leser  also mit den streckenweise unerquicklichen biografischen Details im Hinterkopf  neue Dimensionen der Romane erschließen kann, muss jeder selbst entscheiden. Den Schweinen ist ja alles Schwein, dem Reinen alles rein – aber Klassiker wie „Der  stille Amerikaner“ oder „Unser Mann in Havanna“  dürften auch durch streckenweise auf Stammtisch-Niveau geführte Diskussionen über düstere Aspekte im Leben Graham Greenes nichts an Durchschlagskraft und aufklärerischem Impetus eingebüßt haben.

Peter Münder

Graham Greene: Eine Art Leben (Autobiogr.). Wien: Zsolnay 2004. Gebunden. 224 Seiten. 19,90 Euro.
derselbe: England made me, Penguin 1962.
derselbe: Der stille Amerikaner – Übersetzung: Walther Puchwein und Käthe Springer. Wien: Paul Zsolnay Verlag 1958. Neuausgabe: München: dtv Juni 2003. 235 Seiten. 8,50 Euro.
Norman Sherry: The Life of Graham Greene. London: Jonathan Cape 1994.
Michael Shelden: Graham Greene: The Man within. London: Heinemann 1994.
Anthony Mockler: Graham Greene. Three Lives. London: Hunter Mackay 1994.
Julia llewellyn Smith: Traveling on the Edge. Journeys in the footsteps of Graham Greene. New York: St. Martin´s Press 2000.

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