Geschrieben am 18. Mai 2013 von für Bücher, Crimemag

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikaner. Ein Bericht aus dem Jahr 1757

Cooper_24135_MR.inddDraußen vom Walde komm ich her

– Die Waldläufer-Erzählung als Archetyp des Kriminalromans, ein paar Überlegungen von Alf Mayer anlässlich der fulminanten Neuübersetzung von Coopers „Der letzte Mohikaner“.

Vor dem Dschungel der Großstadt gab es die Wildnis der Wälder, vor dem hartgesottenen Einzelgänger der amerikanischen Detektivliteratur gab es den Waldläufer, Spurenleser, Trapper und Grenzgänger, gab es Lederstrumpf. Hellmut Lange und Daniel Day-Lewis haben ihn verkörpert, als Wildtöter, Falkenauge, Pfadfinder oder Lange Büchse wanderte Nathaniel „Natty“ Bumppo durch fünf Romane James Fenimore Coopers (1789–1851). Als Kind weißer Eltern wuchs Natty bei den Indianern auf, wurde ein furchtloser Krieger; eine seiner Waffen war eine Steinschlossflinte, seine Devise „One shot, one kill“, was ihn in „The Last of The Mohicans“ die Namen „Hawkeye“ und „La Longue Carabine“ eintrug.

Kühe in Halbtrauer. Radierung von Jens Rusch zu Arno Schmidts Erzählung Kühe in Halbtrauer

Kühe in Halbtrauer. Radierung von Jens Rusch zu Arno Schmidts Erzählung Kühe in Halbtrauer

Der Lederstrumpf und Coopers Werk insgesamt sind bei uns unter den Klassikern der Abenteuerliteratur verbucht, jede Menge verstümmelter Fassungen befinden sich im Umlauf, „für die liebe Jugend frei bearbeitet“, wie es beispielsweise 1885 über die Version von Oskar Häcker hieß. Wer James Fenimore Cooper bislang als Jugendlektüre abgetan hat, wird in der – man muss es sagen – zeitlos schönen, mustergültigen, mit vielen erhellenden Anmerkungen versehenen und wie eine exzellent erhaltene Flaschenpost aus dem 19. Jahrhundert anmutenden Übersetzung von Karin Lauer einem ernsthaften und interessanten Schriftsteller begegnen.

Okay, wir Älteren wissen noch, es gab auch vier von Arno Schmidt selig übersetzte Cooper-Romane, nämlich „Conanchet oder Die Beweinte von Wish-Ton-Wish“ , „Satanstoe“, „Tausendmorgen“ und „Die Roten“. In einem Artikel für den „Spiegel“ warb Schmidt 1964 für eine „zage Cooper-Renaissance“, sie lässt immer noch auf sich warten.

James Fenimore Cooper. Gemälde von John Wesley Jarvis, 1822.

James Fenimore Cooper.
Gemälde von John Wesley Jarvis, 1822.

„Das kann ich selber besser schreiben!“

Die Wildnis, die James Feminore Cooper in seinen „Lederstrumpf“-Romanen beschwor, war zu seiner Zeit schon zu einem guten Teil nur Erinnerung; sie war die Idealisierung einer verschwindenden Welt – und vermutlich gerade deshalb so mächtig. Als er 1789 in Burlington, New Jersey, in eine Quäkerfamilie hineingeboren wurde, waren die Vereinigten Staaten nach einem Guerilla-Krieg gegen die Kolonialmächte gerade sechs Jahre als unabhängig anerkannt.

Coopers Vater William hatte die Landerschließung im Hinterland des Staates New York zu seinem Geschäft gemacht und rühmte sich, er habe „mehr Hektar Land besiedelt als irgendjemand sonst in Amerika“. Der Sohn war aufmüpfig, wurde vom Yale College verbannt, nachdem er einem Mitschüler Schießpulver ins Schlüsselloch gesteckt und es angezündet hatte. Mir 16 riss er aus, um auf einem Schiff nach Südamerika anzuheuern und an der Revolution in Venezuela teilzunehmen. Als das ebenso scheiterte wie eine Bewerbung bei der U.S. Navy, verschaffte ihm sein Vater eine Transozeanpassage als Matrose, eine Erfahrung, von der er in seinen späteren Seefahrerromanen zehrte.

Daniel Boone (1820 erstelltes, unvollendetes Ölgemälde von Chester Harding, das einzige zu Boones Lebenszeiten erstellte Porträt)[1]

Daniel Boone (1820 erstelltes, unvollendetes Ölgemälde von Chester Harding, das einzige zu Boones Lebenszeiten erstellte Porträt)[1]

Zum Schreiben kam er, weiß die Fama, weil er an einem Winterabend vom Inhalt eines aus England eingetroffenen Bücherpaketes gelangweilt war und ausgerufen hatte: „Da kann ich selber ein besseres Buch schreiben!“ Und tatsächlich, er wurde zu einem der ersten amerikanischen Schriftsteller, die vom Schreiben leben konnten.

Zu seinen ersten Romanen gehörten „Die Ansiedler“ (The Pioneers, 1823), wo von dem erzählt wird, was sein Vater tat, und wo ein alternder Freigeist namens Nathaniel „Natty“ Bumppo, auch „Lederstrumpf“ genannt, die besiedelte Welt nicht aushält und in die Wälder geht. In seinen zwischen 1827 und 1841 entstanden fünf, chronologisch durcheinandergewürfelten „Lederstrumpf“-Romanen – heute in der Filmwelt der Prequels und Sequels wäre so etwas gang und gäbe – schweifte Cooper durch die ersten Jahrzehnte neuen Nation.

Die Romane spielen von 1740 bis 1804, Karl Mays „Waldläufer“ übrigens datiert von 1879, „Winnetou I“ von 1893. Coopers Thema ist immer wieder die Zerstörung der Wildnis und die Ausrottung der indianischen Ureinwohner, der Clash der Kulturen und des grundsätzlich verschiedenen Umgangs mit der Natur. Er recherchierte viel, traf sich des Öfteren mit indianischen Delegationen, als Vorbild für Natty Bumppo gilt der vielschillernde Daniel Boone (1734–1820). Im nationalbewussten Deutschland reklamierte ein gewisser Carl Suesser 1934 den Trapper als Deutschen: „War Lederstrumpf ein Deutscher?“ (Westermanns Monatshefte, Mai 1934), was immerhin im pfälzischen Ort Edenkoben zu einer Gedenktafel für den ausgewanderten Pelzjäger Johann Adam Hartmann und zu einem Lederstrumpfbrunnen führte.

Buchdeckel einer deutschen Ausgabe aus dem Jahr 1889 der Erzählung Der letzte Mohikaner.

Buchdeckel einer deutschen Ausgabe aus dem Jahr 1889 der Erzählung Der letzte Mohikaner.

„Verschmähet mich ob meiner Farbe nicht“

Einen „Bericht“ nennt Cooper seinen 1826 erschienenen Roman „Der letzte Mohikaner“, Angelpunkt ist das Massaker bei Fort William Henry während des Französisch-Indianischen Krieges. Die eigentlich europäischen Konflikte dringen bis in die fernsten, dunklen Wälder, „kein verschwiegener Ort so schön, dass er hätte hoffen können, dem Vordringen jener zu entgegen, die bei ihrem Blut geschworen hatten, ihr Verlangen nach Rache zu stillen oder die kalte, selbstsüchtige Politik der fernen europäischen Monarchen durchzusetzen“.

Seine Skepsis gegenüber dem Industriekapitalismus, die sich bereits im ersten seiner Lederstrumpf-Romane ankündigt, formulierte Cooper in mehreren kritischen Schriften und Satiren, etwa in „A Letter to his Countrymen“ (1834) oder „The American Democrat“ (1838). Bereits in „The Pioneers“ stehen der Richter Temple und Lederstrumpf gemeinsam gegen die sittenlose Art, mit der die Siedler mit der Natur umgehen, als seien deren Schätze unerschöpflich. Seinen Kapiteln setzt Cooper im „letzten Mohikaner“ jeweils Motti voran, meist sind es Shakespeare-Zitate, etwa im 18. Kapitel, wo das „Massaker von William Henry“ berichtet wird: „Dass ich ein ehrenvoller Mörder sei; / Denn nichts tat ich aus Hass, für Ehre alles (Othello).

Auf den etwas anderen Helden und seine Perspektive auf ihn verweist Cooper bereits im Eingangsmotto: „Verschmähet mich ob meiner Farbe nicht, / Die schattige Livrei der lichten Sonne.“ Es sind die ersten Worte des dunkelhäutigen Prinzen von Marokko in der ersten Szene des zweiten Aufzugs in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“. Am Ende des Romans und am Grab von Uncas, dem letzten Mohikaner und edlen Wilden, dem das erzählerische Schicksal die Ehelichung mit der weißen Cora und damit eine zukunftsträchtige rotweiße Nachkommenschaft verwehrte, heißt es:

„Die Bleichgesichter sind Herr über die Erde, und die Zeit des roten Mannes ist noch nicht wieder gekommen.“

„Going native“ – sich mit den Wilden gemein machen

Altbacken ist Cooper keineswegs, stellenweise etwas umständlich, ein Buch eben aus der Vorzeit des Kinos, in dem viele Landkarten ausgerollt und enzyklopädische Literatur eingebracht wird. Cooper war es, der uns Bleichgesichtern den Blick schärfte für all die Unterschiedlichkeiten der Indianer, für die Kosten des unaufhaltbaren „Fortschritts“ wie für die zivilisatorischen Ungeheuerlichkeiten, und der uns parallel dazu mit einer genuin amerikanischen Figur vertraut machte: mit dem Vorläufer des Privatdetektivs, mit dem Waldläufer, dem Spurenleser, dem gerechtigkeitssuchenden Einzelgänger, dem Helden der Grenze, dem romantischen Helden, dem „American Adam“, der es dann als auf sich selbst gestellter Ermittler mit den Sünden und Verbrechen unserer modernen Welt zu tun bekommt …

bruce-willis-die-hard„Going native“, zu den Wilden überlaufen/ sich zu sehr mit den von den Mächtigen Unterdrückten gemein zu machen/ gar deren Interessen wahrzunehmen, das zeichnet auch den Privatdetektiv aus – und seine Bereitschaft, im Kampf David gegen Goliath zu jedem nur denkbaren Kampfesmittel zu greifen. Ein filmisch ikonographisches Bild ist hier der halbnackte Bruce Willis in „Die Hard“, der über Scherben läuft und keinen Schmerz mehr kennt. Eine eigene kleine Filmgeschichte wäre es, der Frage nachzugehen, warum moderne Filmhelden immer noch mit nacktem Oberkörper in den Kampf ziehen müssen. Auch hier lässt der letzte Mohikaner grüßen.

Hanry Bambord Parkes sah im Lederstrumpf-Archetypen jene Qualitäten, die auch die Detektivliteratur von ihren Protagonisten fordert:

„Technical skill, along with physical courage and endurance; simplicity of character, with a distrust of intellectualism; an innate sense of justice; freedom from all social or family ties eccept those of loyality to male comrades; and above all a claustrophobic compulsion to escape from civilization, supported by a belief that social organization destroys natural virtue and by a generally critical attitude toward all established institutions.“

C.S. Lewis sah es so:

„If there is a fictional Adamic hero unambigously treated – celebrated in his very Adamism – it was the hero of Cooper The Deerslayer, a self-reliant you man who does seem to have sprung from nowhere and whose characteristic pose, to employ Tocqueville’s words, was the solitary stance in the presence of Nature and God.“

Der romantische Held – ein Killer, wenn es sein muss

Natty Bumppo, der erste amerikanische Bestseller-Held, ist ein Mann der unbestimmten Grenze, ein „Mr. Nobody from Nowhere“ (wie F. Scott Fitzgerald seinen Gatsby nannte; der aktuelle Film übrigens sehenswert, und dazu ein Mann der Tat:

„What I’ve been, or what I’ve seen in youth is of less matter now … It’s of more account to find out what will happen in the next twenty-four hours than to talk over what happened twenty-four years since.“ (The Deerslayer, 1841)

Klar ist für James Fenimore Coopers Helden, dass es in der Natur des Menschen liegt, seinen individuellen Willen nötigenfalls auch mit Gewalt durchzusetzen:

„Human natur’ is a fighting natur’, I suppose“, as all nations kill in battle, and we must be true to our rights and gifts.“ Oder um es mit D.H. Lawrence zu sagen:
„You have there in Bumppo the myth of the essential white America. All the other stuff, the love, the democracy, the floundering into lust, is a sort of by-play. The essential American soul is hard, isolate, stoic, and a killer.“

Gleichzeitig ist er, sonst könnten wir ihn und seine Nachfahren ja gar nicht mögen, der archetypische „romantische Held“. Wanderlust, Melancholie, eine gewisse Einsamkeit und Distanz zu den meisten anderen Menschen zeichnen ihn aus, etablierte Normen und Konventionen ignoriert er, das Zentrum seiner Existenz ist das eigene Ich. Eben weil er außerhalb steht, vermag er die Dinge in die Hand zu nehmen und Konflikte zu regeln, bei denen die Gesellschaft versagt.

In seiner Einleitung von 1831 räsoniert Cooper über seine Grenzgängerfigur :

„… indem er das Bild eines Mannes entwirft, der als Kundschafter auftritt … ein Mann, der von Natur aus gut ist, der fern von den Versuchungen des zivilisierten Lebens lebt, der dem Einfluss barbarischer Sitten ausgesetzt ist, dabei jedoch durch die Verbindung eher gewonnen als Schaden genommen hat und der die Schwächen und Stärken, die seine Lebensweise und seine Herkunft erwarten lassen, in sich vereint. Es wäre der wirklichen Welt vielleicht eher entsprochen, ihn als weniger moralisch erhaben darzustellen, aber das wäre auch weniger reizvoll gewesen; und wer ein literarisches Werk schreibt, sollte doch der Poesie so nahe kommen, wie es seine Fähigkeiten erlauben.“

2592582602_17c78fd8d5_oDer Fährtensucher wird zum Flaneur

Für die Literaturwissenschaft in den USA wie auch für sich ihrer Tradition bewusste Autoren ist die Verbindungslinie von Lederstrumpf zum Kriminalroman ganz selbstverständlich. Arbeiten wie etwa „Looking for Natty Bumppo: the confluence of the frontier hero and the private eye in the Montana novels of James Crumley“ (Daniel L. Wilson, 1992) sind keine Ausnahmefälle, die direkte Linie zu Marlowe, dem Continental OP, zu Lew Archer und sogar zu Luke Skywalker oder Batman gilt als Gemeingut.

Robert B. Parker bezog sich in seiner Dissertation von 1971, „The Violent Hero, Wilderness Heritage and Urban Reality: A Study of the Private Eye in the Novels of Dashiell Hammett, Raymond Chandler and Ross Macdonald“, explizit auf Natty Bumppo. In den Pulp-Magazinen der 30er und 40er Jahre kohabitierten Western- und Hardboiled-Stories völlig ungeniert. Autoren wie Elmore Leonard, Loren D. Estlemann, Ed Gorman oder Robert B. Parker wechseln immer wieder zwischen diesen Genres.

SueMysteriesParisDer Spurensucher mit seinem Auge für den genickten Zweig strahlte auch nach Europa. In Eugène Sues 1842/43 entstandenen „Geheimnissen von Paris“ wird die Großstadt zur urbanen Form von Urwald und Prärie. Sue nennt im Vorwort explizit James Fenimore Cooper als sein Vorbild, bei ihm werden die Verbrecher und die Slumbewohner zu den Indianern der Metropole. Auch Alexandre Dumas bezog sich auf Cooper, als er einem seiner Romane den Titel „Die Mohikaner von Paris“ (1854–55) gab.

Der Held überlässt darin ein Stück Papier dem Spiel des Windes, läuft hinterher und erlebt dann Abenteuer in der Großstadt (1985 variiert dann von Paul Auster in seinem Debütroman „City of Glass“). Walter Benjamin nahm das auf, als er in seiner Studie zu Charles Baudelaire über den Flaneur bemerkte, er sei die Antwort der urbanen Welt auf Coopers Natty Bumppo: „Welche Spur der Flaneur auch verfolgen mag, jede wird ihn auf ein Verbrechen führen.“

Alf Mayer

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikaner. Ein Bericht aus dem Jahr 1757 (The Last of the Mohicans. A Narrative of 1757; Philadelphia 1826). Herausgegeben und übersetzt von Karen Lauer. München: Carl Hanser Verlag 2013. 656 Seiten. 34,90 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

Die Cooper-Übersetzungen von Arno Schmidt:
Conanchet oder Die Beweinte von Wish-Ton-Wish (The Wept of Wish-Ton-Wish, 1829). Stuttgart: Goverts 1962. 683 Seiten.
Satanstoe. Bilder aus der amerikanischen Vergangenheit I (Statanstoe; or, The Littlepage Manuscripts. A Tale of the Colony, 1845). Frankfurt: Goverts 1976, 591 Seiten.
Tausendmorgen. Bilder aus der amerikanischen Vergangenheit II (The Chainbearer; or, The Littlepage Manuscripts). 565 Seiten.
Die Roten. Bilder aus der amerikanischen Vergangenheit III (The Redskins; or, Indian and Injiin, Being the conclusion of The Littlepage Manuscripts, 1846). Frankfurt: Goverts 1978. 632 Seiten.

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  • René Artois

    Dz, dz, dz … wie kommen Sie denn auf „Hartmut“ Lange. Im unvwergessenen ZDF-Vierteiler spielte HELLMUT Lange die „weiße“ Hauptrolle.

    • Redaktion CM

      Danke für den Hinweis! Völlig richtig, Hellmut Lange … Ist korrigiert …
      Best
      TW

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