Posted On 18. März 2015 By In Bücher, Litmag With 506 Views

Helen Hessel: Ich schreibe aus Paris. Über die Mode, das Leben und die Liebe

Hessel_ParisManifeste einer klugen, selbstbewussten Frau

–Manche Biografien lesen sich so unglaublich, als seien sie die Erfindung besonders phantasievoller Drehbuchschreiber – im Falle Helen Hessels war es vielmehr so, dass ihre Geschichte zum Filmemachen inspirierte. Konkret: Die 1886 in Berlin geborene und aufgewachsene Helen Grund, später verheiratet mit Franz Hessel, lebte ein so pralles, kühnes Leben, dass Francois Truffaut es in seinem Klassiker „Jules et Jim“ unsterblich machte. Von Christina Mohr

Helen entstammt einer Berliner Bankiersfamilie, wollte zunächst Malerin werden, war Schülerin von Käthe Kollwitz. Als sie 1912 studienhalber nach Paris ging, lernte sie dort den Schriftsteller Franz Hessel kennen und heiratete ihn 1914, kurz zuvor brachte sie Sohn Ulrich zur Welt. 1917 gebar sie ihren zweiten Sohn Stefan, der sich später Stéphane nennen sollte und als 92-jähriger mit seiner Streitschrift „Empört euch“ die Welt aufrüttelte. Im Jahr 1919 begann Helen die amour fou mit dem besten Freund ihres Ehemanns, Henri-Pierre Roché – und lebte viele Jahre lang die Dreiecksgeschichte, die in Truffauts Film nacherzählt wird. Helen Hessel liebte übrigens „Jules et Jim“, den sie sich häufig ansah.

In den frühen 1920er Jahren begann Helen Hessel mit dem feuilletonistischen Schreiben: Sie verfasste Aphorismen, Novellen, Anekdoten aus und über Paris und vor allem Texte über Mode. Bis 1938 erschienen ihre Artikel in deutschen Zeitungen und Zeitschriften (z.B. in der Frankfurter Zeitung und der vom Ullstein Verlag herausgegebenen Die Dame) und vermittelten lebendige Eindrücke aus der Sehnsuchtsmetropole Paris. Für Hessel war Mode mehr als Bekleidung: Sie sah Mode und Schmuck nicht als Zierrat, sondern als Ausdruck von Kultur und Zeitgeschichte – und ganz plakativ als „Waffe im Kampf der Geschlechter“. Die Nationalsozialisten verachteten ihren flamboyanten, freigeistigen Stil, was dazu führte, dass Hessel in Deutschland ab den späten dreißiger Jahren nicht mehr publiziert wurde. Nach dem Krieg lebte sie in den USA und arbeitete als Übersetzerin vom Englischen ins Deutsche (u.a. Vladimir Nabokovs „Lolita“), 1950 kehrte sie in ihr geliebtes Paris zurück, wo sie 1982 starb.

Eine eigene Kunstform zwischen Glosse, Tagebuch, Reportage und Erzählung

Der Literaturprofessorin Mila Ganeva ist es zu verdanken, dass unlängst im Schweizer Nimbus Verlag ein außergewöhnliches Buch erschien, das die wichtigsten Artikel Helen Hessels versammelt: „Ich schreibe aus Paris“ ist prächtig ausgestattet mit vielen Fotos und Zeichnungen von KünstlerInnen wie Man Ray, Marianne Breslauer und Mariette Riederer und ist dadurch weit mehr als ein reines „Lesebuch“ – das aber zuallererst und umfassend. Hessels Stil zeichnet sich durch minutiöse Beobachtungsgabe, Schnelligkeit, Intelligenz und Humor aus. Ihre Texte über Kleider, Schmuck, Menschen und Straßen bilden eine eigene Kunstform zwischen Glosse, Tagebuch, Reportage und Erzählung. Hessel beschreibt mit Freude am Detail und in poetischer Weise die neueste Mode: „Die jugendlichste Form nähert sich dem Vorbild des kindlichen Matrosenhuts. Seine Krempe ist ringsum in sanft gewölbter Rundung aufgebogen. Wie ein Heiligenschein liegt sie um den Kopf der Blonden…“. Sie interviewt Modistinnen, Modelle, Schauspielerinnen und Modeschöpferinnen und versteht es, sophisticated und bodenständig zugleich zu sein – was ihr unzählige begeisterte Leserinnen verschafft. Der Clou ihrer Texte ist ihre Intellektualität: Stets findet sie historische oder literarische Beispiele, die ein Hutband, einen Rocksaum oder eine bestimmte Art zu zwinkern erklären. Hessel gelingt es, in aller Kürze und im Plauderton die Besonderheiten von Jean Patous Kreationen hervorzuheben; an anderer Stelle ist ihre Beschreibung gestreifter Pyjamas im wahrsten Sinne des Wortes so bunt, dass die Farben nur so aus den Zeilen springen. Und immer: Mode und Eleganz als Manifeste der klugen, selbstbewussten Frau – nicht etwa Zeichen von Oberflächlichkeit.

„Ich schreibe aus Paris“ ist dank Text- und Bildauswahl ein wahrer Glücksfall: Die späte Entdeckung dieser unerhört modernen Autorin ist eine bereichernde, inspirierende Lektüre.

Christina Mohr

Helen Hessel: Ich schreibe aus Paris. Über die Mode, das Leben und die Liebe. Hg. von Mila Ganeva. Hardcover. Nimbus Verlag 2014. 380 Seiten. 32,00 Euro.

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