Posted On 11. Oktober 2014 By In Bücher, Crimemag With 670 Views

George Packer: Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika

George_Packer_Die_AbwicklungDer Stoff, aus dem die Dramen sind

– George Packer und seine USA-Bestandsaufnahme „Die Abwicklung“ – von Alf Mayer.

Das Genre „True Crime“ erstreckt sich bei weitem nicht auf Serienkiller-Porträts, Profiler-Storys oder Pathologen-Memoiren, der Stoff der Kriminalliteratur ist die Wirklichkeit der ganzen Gesellschaft, siehe dazu zum Beispiel die CM-Besprechung von Michael Lewis spannende Hochfrequenzhandel-Analyse „Flash Boys“. Viel zu wenige Menschen lesen den Wirtschaftsteil der Zeitung, Autoren wie Eric Ambler oder Ross Thomas haben sich hier zu großen Romanen inspirieren lassen.

Seit den 1960ern sieht der New Yorker Journalist und Schriftsteller George Packer seine Nation in einem Prozess, der zwischen Niedergang und Transformation alter Gewissheiten oszilliert, eben einer „Abwicklung“. Dieses Wort lässt hierzulande an die generalstabsmäßig von der bundesunmittelbaren Treuhandanstalt betriebene Auflösung der DDR-Betriebe und Institutionen denken, an den Ausverkauf eines ganzen Landes. Das „Unwinding“ des amerikanischen Originaltitels meint etwas Diffuseres. Packer beginnt sein Buch „Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika“ so:

„Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann die Abwicklung begann – wann die Bürger Amerikas zum ersten Mal spürten, dass die Bande sich lösten, die sie sicher, manchmal erdrückend fest wie eine eng gewickelte Spule, zusammengehalten hatten. Wie jeder große Umbruch, begann die Abwicklung unzählige Male von neuem – bis eines Tages ein Punkt in der Geschichte erreicht war, an dem das Land endgültig und unwiderruflich verändert war.“

dos passos USAVorbild Dos Passos, Lehrer Studs Terkel 

Wie Salzsäulen seien sie zerfallen, die Bauwerke und Institutionen, die Farmen und Fabriken, die Wohnsiedlungen und Schulen, ebenso Tabus, Normen, Manieren und Moral. Die Lücke des alten, auf gemeinsame Werte begründeten Amerika „schloss eine Macht, die in Amerika immer zur Stelle ist: das organisierte Geld“, schreibt Packer. Sein panoramisches, auf einen weiten Gesellschaftsblick angelegtes Buch (auch wenn es da seine Einschränkungen gibt), ist keines dieser schnell zusammengeschriebenen Sachbücher. Packer hat größere Ambitionen, sein Job als festangestellter Redakteur des „New Yorker“ ermöglichte ihm jedwede Reisefreiheit und wochenlange Begleitung mancher seiner Protagonisten, was sein Buch wirklich auszeichnet ist der lange Atem. Einer Handvoll Personen ist Packer über Jahrzehnte gefolgt, so kann er entlang einiger Biografien tatsächlich viel von der Entwicklung des Landes erzählen – von einer gewaltigen und vielgestaltigen Transformation. Hinter der, vergessen wir es nicht, nur eines steht: DAS KAPITALINTERESSE.

Packers große Erzählung ist zweifelsfrei geschult an Meistern der oralen Tradition wie Studs Terkel und an John Dos Passos und seiner großen U.S.A.-Trilogie „The 42nd Parallel“, „1919“ und „The Big Money“.

Packers „Die Abwicklung“ oszilliert zwischen allerlei Einzelstücken und den Nahaufnahmen der Hauptpersonen – es sind dies die von der Industrie- zur Sozialarbeiterin gewordene Tammy Thomas, der Lobbyist und anderen Herren dienende Staatsdiener Jeff Connaughton, der PayPal-Gründer und Silicon-Valley-Unternehmer Peter Thiel (aus Frankfurt) und Dean Price, ein Beförderer alternativer Energien aus North Carolina. Es gibt poetische Zusammenschnitte aus Reden, Zeitungsüberschriften, Nachrichten- und Liedtexten, je einer Jahreszahl zugeordnet, und kleinere Porträts von Personen, die gewisse Zeitumstände erhellen. Colin Powell, Newt Gingrich, Robert Rubi, der Rapper Jay-Z und die Showmasterin Oprah Winfrey gehören dazu. Über Oprah zum Beispiel heißt es: „Sie war so mächtig, dass ihr der Buchstabe O gehörte.“

The Deer Hunter_plakatVerlierergeschichten

Ich persönlich wusste nach dem Kapitel über Raymond Carver, betitelt „Das Handwerk des Schreibens“, dass ich bei Packer in guten Händen bin. „Ray war ein Trinker … Ray war ein Schriftsteller … er hatte seinen Finger auf dem Puls einer tieferen Einsamkeit. Er hatte ein intuitives Verständnis dafür, dass gerade die Normalität des Landes – der späte Einkauf im Supermarkt, das Verscherbeln der letzten Habseligkeiten – auf eine unheilvolle Zukunft deuteten. Er spürte, dass unter dem dünnen Boden, auf dem das Leben stattfand, kein fester Grund, sondern Leere war.“ Packer erwähnt nicht Robert Altman, der dessen „Short Cuts“ kongenial verfilmte und dazu auch eine brillante Musikauswahl zusammenstellte, aber er erzählt Carvers Geschichte bis zum bitteren Ende; als der nämlich dann doch erfolgreich wurde mit seinen Verlierergeschichten über Säufer und gescheiterte, beschämte und beschämende Männer und wie das den Yuppies, die seine Bücher in Massen kauften, nur eines bestätigt – ihre Überheblichkeit.

Carver und seine Erzähltradition stehen weiterhin hoch im Kurs. Nicht nur auf den Independent-Festivals, auch am Rande des Mainstreams finden sich seit Jahren zunehmend wieder Filme wie es sie seit Ciminos Stahlwerker-Epos „The Deer Hunter“ nur noch selten gegeben hat. Ein Beispiel dafür aus diesem Jahr „Out of the Furnace“ (deutscher Banalitäts-Titel „Auge um Auge“, Regie und Buch Scott Cooper), ein sehr dunkler Film aus der Provinz um zwei Brüder, der eine (Casey Affleck) nach dem Kriegseinsatz im Irak erledigt und nur noch auf das schnelle Geld aus, wie immer auch riskant der Einsatz, der andere (Christian Bale) ein Stahlwerker, der selbst nach Gefängnis und Kündigung nicht aufgeben will und wird. Bis in die Hirschjagd nachempfunden ist die Deer-Hunter-Parallele, aus dem destruktiven Russisch-Roulette-Spiel mit Revolvern sind bare-knuckle-Kämpfe geworden. Am Schwärzegrad von „Out of the Furnace“ gegenüber dem gewiss nicht leichtfüßigen „Deer Hunter“ (1978) lässt sich der Fortgang der Abwicklung Amerikas erkennen. Muss es wundern, dass der wuchtige Film an den Kinokassen kein Erfolg war, den Stars Christian Bale, Woody Harrelson, Casey Affleck, Willem Dafoe, Zoe Saldana, Forest Whitaker und Sam Shepard und den Produzenten Leonardo DiCaprio und Ridley Scott zum Trotz?

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Loblied der Freiheit statt Systemkritik

Doch zurück zur Lektüre. Packers Buch erzählt entlang von vierzehn exemplarischen Biographien, die meisten von ihnen eher aus dem Establishment. Okay, es gibt zwei „Occupy“-Aktivisten und die im Schwarzenghetto der Stahlstadt Youngstown/ Ohio aufgewachsene Tammy Thomas, deren Stadt nach dem Kollaps der Stahlindustrie den Drogen und der organisierten Kriminalität zum Opfer fiel. Fast jeder von Packers Protagonisten befindet sich ab irgendwann im freien ökonomischen Fall. Ein freundlicher US-Rezensent verglich das mit dem Staub der „dust bowl“, der in den Zeiten der Großen Depression die Landbevölkerung in alle Winde wehte.

AUA.PL_A1_RZ.inddPacker beschreibt das Auseinanderdriften der USA, aber ein System-Radikalinski ist er nicht gerade. Während Dos Passos sehr wohl die gesellschaftlichen Mächte benannte, die das soziale Gefüge zermalmten, wird der Liberale Packer, Autor auch von „Blood of the Liberals“ und Befürworter des Irak-Kriegs von 2003, immer dann etwas flach und uneigentlich, wenn es Ursachen zu benennen gälte: Warum Fabriken ins Ausland verlagert werden, warum der Mittelstand und die kleinen Farmen Pleite gehen, warum gute Bildung mit viel Schulden erkauft werden muss, was an der Wallstreet geschieht und was in Silicon Valley eigentlich angerichtet wird. Packer greift dann zu Allgemeinheitsfloskeln wie: „Das Establishment war viel einflussreicher als jeder Präsident.“

Schon im Vorwort, ich hatte das erst unter allgemeine Poesie verbucht, hatte er „der Freiheit“ ein Loblied gesungen: „Abwicklungen verheißen Freiheit, eine Freiheit, die die Welt noch nie gesehen hat. Sie erreicht mehr Menschen als je zuvor. Es ist die Freiheit fortzugehen, die Freiheit zurückzukehren, die Freiheit sich neu zu erfinden, den Tatsachen ins Auge zu sehen, einen neuen Beruf zu ergreifen, entlassen zu werden… pleitezugehen … den Ruinen den Rücken zu kehren, erfolgreicher zu sein, als man für möglich gehalten hatte, über seine Erfolge zu prahlen …“

All der marktliberale Scheiß also, mit Verlaub, mit dem auch bei uns die Schere immer weiter auseinander geht. Die Sache ist nur: Was Packer dann auf gut 500 Seiten schildert, sind keine Erfolgsgeschichten, es geht tatsächlich um eine große Abwicklung, um das Große Verlieren – um den Stoff, aus dem letztendlich viele gute Romane und Filme sind. Deshalb lohnt sich dieses Buch.

Ein junger Mann, allein …

Und es lohnt gewiss wieder ein Blick auf Dos Passos (1896–1970) und seine 1958 zur „U.S.A.“-Trilogie vereinten Bücher „The 42nd Parallel“, „1919“ und „The Big Money“. In seinem Vorwort dazu schrieb er damals:

„U. S. A. is the slice of a continent. U. S. A. is a group of holding companies, a set of laws bound in calf, a radio network, a chain of moving picture theatres, a column of stockquotations…, a public library full of old newspapers ans dogeared historybooks with protest scrawled on the margins in pencil. U. S. A. ist he world’s greatest rivervalley, U. S. A. is a set of bigmouthed officials with too many bankaccounts. U. S. A. is a lot of men buried in their uniforms in Arlington Cemetery. U. S. A. ist he leters at the end of an adress when you are away from home. Must mostly U. S. A. is the speech of people.“

Der erste Satz in der U.S.A.-Trilogie lautet: „The young man walks fast by himself through the crowd…“, ein wunderschöner, lang gewundener, eleganter Satz. In Packers Vorwort wird daraus: „Diese Freiheit bedeutet, dass wir auf uns selbst gestellt sind. Mehr Amerikaner als je zuvor leben allein.“ (Siehe dazu auch den CM-Artikel in dieser Ausgabe über die Zunahme der Massaker und Amokläufe in den USA.)

PS: Ein Blurb der US-Originalausgabe lautete: „The hearts and lives broken in this second great depression have now found their eloquent voice and fierce champion in George Packer. The Unwinding is an American tragedy and a literary triumph.“

Autor: der konservative Journalist David Frum, ein Studienkollege Packers in Yale, ökonomischer Redenschreiber des früheren US-Präsidenten George W. Bush. Muss es da wundern, dass Robert Rubin und Lawrence Summers in Packers Buch ziemlich ungeschoren bleiben, zwei Vertreter der Bankenelite und Protagonisten der Hinterzimmerkampagnen, in denen dannClinton dem Finanzmarkt die freien Zügel gab? Die demokratische Kongressabgeordnete Elizabeth Warren, der eine größere Karriere versagt blieb, die aber heute noch im Bankenhaus des Senats unangenehme Fragen stellt – kürzlich etwa zu geheimen Absprachen von Goldman Sachs mit der Bankenaufsicht –, hat bei Packer einen Auftritt als „Populistin aus der Prärie“.

PPS: Ein unbestechlich kritischer Begleiter der amerikanischen Abwicklung ist unser Korrespondent Thomas Adcock – und er war es bereits schon in seinen Polizeiromanen „Hell’s Kitchen“ (Sea of Green, 1989), „Feuer und Schwefel“ (Dark Maze, 1991), „Ertränkt alle Hunde“ (Drown All the Dogs, 1994), „Der Himmel des Teufels“ (Devil’s Heaven, 1995) und der nicht mehr übersetzten „Thrown-Away Child“ (1996) und „Grief Street“ (1997).

Alf Mayer

George Packer: Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika (The Unwinding. An Inner History of the New America). Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2014. Gebunden. 512 Seiten. 24,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

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