Posted On 27. September 2014 By In Bücher, Crimemag With 754 Views

Gene Kerrigan: Die Wut

kerrigan_wutIn Dublin ist die Hölle los

– Erst reißen durchgeknallte irische Bankster das Land in eine Finanz-und Wirtschaftskrise, dann drehen auch die kleinen Ganoven durch, die den großen Coup landen wollen: In seinem fulminanten Krimi „Die Wut“ zeigt Gene Kerrigan, wie sich zwei kriminelle Sektoren überlappen …. Von Peter Münder

Die Arroganz der Macht entlarvt sich ja meistens in Phrasen wie „Wissen Sie überhaupt, wer ich bin? Wissen Sie, was passieren wird?“ Das war schon so in Ken Bruens wunderbarem Galway-Krimi „Jack Taylor fliegt raus“, als der alkoholaffine Jack Taylor (mehr bei CM) noch als Polizist ein hohes Regierungstier wegen Speeding anhielt und dem blasierten Bürokraten mit der Replik „Ich weiß genau, was passieren wird“ ihm seine Faust in die Fresse donnerte – was allerdings auch die letzte Amtshandlung war, bevor er dann umsattelte und Privatdetektiv wurde. Sein „Büro“ wurde die einzige Kneipe am Ort, in der er noch kein Hausverbot hatte.

Auch der Dubliner Journalist und „Irish Independent“-Kolumnist Gene Kerrigan, 1985 und 1990 als „Journalist of the Year“ ausgezeichnet, beschreibt diese bornierte „Wir hier oben- ihr da unten-Arroganz“. Er kombiniert sie allerdings mit den extremen Turbulenzen und Auswirkungen der Bankenkrise und Immobilienblase, woraus dann ein besonders brisantes Gemisch wird. Erst wird der millionenschwere Banker Emmett Sweetman erschossen, dann überfällt der auf Ballermann getrimmte Kleinkriminelle Vincent Naylor, der gerade acht Monate im Knast abgesessen hat, mit seinen Kumpels einen Geldtransporter und mittendrin steht der ruhende Pol in diesem anarchistischen Chaos Detective Sergeant Bob Tidey. Er will einer verängstigten ehemaligen Nonne helfen, die verdächtige Typen beim Deponieren von Fluchtfahrzeugen beobachtet hat. Tidey ermittelt im Ganoven- Milieu und entdeckt über eine gefundene Waffe Verbindungen zwischen dem Bankster und einem Auftragskiller. Wurde der Spekulant Sweetman wegen seiner gigantischen illegalen Offshore-Konten erpresst und umgelegt, als er andere Beteiligte verpfeifen wollte?

Irish Noir

Kerrigan gelingt es, den Plot seines „Irish Noir“- Krimi vor dem Hintergrund des großen Banken- und Immobilien-Crash spannend und rasant mit realistischen Figuren ablaufen zu lassen. Sein Kommissar Tidey bewegt sich auch gelegentlich in moralischen Grauzonen, weil er lieber mit fragwürdigen Mitteln die große Gier der Bad Boys bekämpft, als die kleinen Kriminellen mit Hilfe kleinkarierter Paragraphen zur Strecke zu bringen. Tidey ist ein großartiger Pragmatiker der alten Schule, der Chandler wahrscheinlich heimlich im Schulunterricht gelesen hat: Jedenfalls hat er mit Karriere-Schleimern genauso wenig am Hut hat wie mit korrupten Politikern und Rechtsverdrehern, die für jeden lukrativen Deal zu haben sind.

Die große irische Gier hat Kerrigan in seinen Kolumnen und Sachbüchern während des Kollapses des irischen Finanzmarkts beschrieben und die Verdummungsstrategien der Politik und Banker scharf kritisiert. Auch auf die jetzt anrollende Verharmlosungswelle nach dem Motto: „Wir Iren haben alles im Griff und es geht mit dem wirtschaftlichen Aufschwung rapide voran“ sollten wir nicht hereinfallen. Die meisten Iren müssen sich mit fast 25% Lohneinbußen abfinden, weil das Network aus Wirtschaft und Politik die Finanz-Machenschaften der Banken mit Milliarden-krediten aus Brüssel abfederte, die von der Bevölkerung noch jahrelang zu tragen sind.

michael_lewis_flah_boyLook Back in Anger: Zustände wie im Tollhaus

Als der amerikanische Wirtschafts- und Börsen-Journalist Michael Lewis („Boomerang“) (mehr bei CM) durch alle vom Banken-Crash betroffenen europäischen Länder reiste, um sich ein Bild vom allgemeinen Finanz-Chaos und dessen Ursachen zu machen, hatte er neben den Hauptübeltätern Griechenland, Spanien und Italien auch Irland besucht. Und die grüne Insel toppte alles, was er bis dahin an skrupellosen Betrügereien und Lügen gesehen hatte: Das Kreditgebaren der Banken war völlig irre, das jahrelange Verdrängen der massiven Krisen war unglaublich dreist. Aber die lammfromme masochistische Natur der Iren, die sich mit diesen milliardenschweren Betrugsmanövern abgefunden hatten, verblüffte ihn am meisten.

Die kleine Insel mit 4,3 Millionen Einwohnern, auf der die für das Chaos verantwortliche Anglo Irish Bank nur acht Filialen hatte, war völlig pleite und hatte aufgrund der Zockerei von insgesamt drei Banken rund dreihundert Milliarden Euro Schulden, wofür die irischen Steuerzahler aufkommen sollten? Der betrunkene Finanzminister Cowen hatte übrigens, wie Lewis in seinem Buch berichtet, nach dem Genuss etlicher Pints Guinness aus einem Pub ein Fax nach Brüssel geschickt, in dem er für die Übernahme und Rückzahlung von Krediten in Höhe von 440 Milliarden Euro garantierte. Und das wurde auch so akzeptiert. Ging´s noch?

Die schlimmsten Bankster und Politiker mit ihren Cayman-Offshore-Konten kamen alle davon, weil sie zum Kreis der Untouchables im Network eines Zirkels von Politik, Kirche und Finanzwelt operieren konnten – ähnlich wie bei der Mafia. Dass angesichts dieser Tollhaus-Szenerie dann doch einige Typen durchdrehten, ist leicht nachvollziehbar. Und wie Kerrigan dann ihren aus dem Ruder laufenden Frust und die entfesselte Gewaltspirale beschreibt, das ist einfach ein furioser, gelungener Mix aus Noir-Thriller und Sozialreportage. Bei ihm köchelt in fast jedem Satz (auch wenn das in der eher suboptimalen deutschen Übersetzung nicht so ganz rüberkommt) auch die Wut und Empörung über die Gangster im weißen Kragen mit. Kein Wunder, dass Kerrigan 2012 für „Rage“ mit dem Golden Dagger Award ausgezeichnet wurde!

Peter Münder

Gene Kerrigan: Die Wut (Rage, 2011). Deutsch von Antje Maria Greisiger. Hamburg: Polar Verlag 2014. 292 Seiten. 14, 90 Euro.

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  • Dr. Heidrun Werner

    Peter Münders inhaltlicher Einschätzung des Romans „Wut“ von
    G. Kerrigan kann man nahezu uneingeschränkt zustimmen. Irritierend
    und Widerspruch herausfordernd ist indes ein Nebensatz, in Klammern
    gesetzt. Er bezieht sich auf die
    deutsche Übersetzung.

    Welchen Stellenwert Übersetzungen in der
    Literaturkritik einnehmen, lässt sich
    leider auch an dieser Besprechung exemplarisch festmachen. Im besten Fall wird der Übersetzer mit
    Indifferenz bedacht, also gar nicht erst erwähnt. Die beiden anderen Fälle
    markieren in der Regel lakonisch-wertende
    Extreme: „kongenial“ oder, wie hier, “suboptimal“. Eine
    nachvollziehbare, kritisch-produktive Auseinandersetzung mit den Leistungen (und Defiziten) der
    Übersetzungsarbeit findet meist nicht statt.
    Dabei leisten Übersetzer eine in doppeltem Wortsinn unbezahlbare Arbeit; sie schlagen
    bewusst die gefährliche Gratwanderung zwischen „traduttore“ (Vermittler)
    und „traditore“ (Verräter ) ein und bieten damit immer wieder
    Angriffsflächen für die Kritik.
    Erfreulicherweise findet inzwischen auch ein öffentlicher Diskurs über die vielschichtige
    Problematik dieses „intellektuellen Handwerks“ statt. Es sei an dieser Stelle auf den Beitrag von
    Christian Geyer (FAZ, 21. 09. 2014)
    verwiesen.

    Was sollte also eine
    Übersetzung leisten, wie ist sie zu beurteilen, ohne dass man ihr, wenn man sie
    schon wahrnimmt, pauschal eines der bequemen Prädikate anheftet?

    Wenn es dem „Vermittler“ (dem „traduttore“) gelingt, Plot,
    Atmosphäre, Eigenarten des Stils, der Figuren sprachlich so einzufangen und zu
    transportieren, dass das besondere Etwas des Originals spürbar wird, wenn die „zweite Schöpfung“ mit einem Wort stimmig wirkt, ist er seiner wichtigsten Aufgabe gerecht
    geworden. Dass es darüber hinaus auch immer Anlass zu einer kritischen
    Betrachtung einzelner Aspekte gibt – denn auch
    das ist Übersetzung: eine
    Interpretation des Originals -, macht gerade die Herausforderung für Übersetzer und Kritiker aus.

    Die vorliegende deutsche Übersetzung des Romans „Wut“ von G.
    Kerrigan leistet in diesem Sinne
    durchaus ihren Part, der Kritiker bleibt
    eine fundierte Begründung seines Urteils
    schuldig.

    • TW

      Danke, sehr geehrte Frau Dr. Werner, für Ihre Belehrung in Sachen Übersetzungskritik. Über so etwas haben wir ja noch nie nachgedacht. Aber haben Sie mal darüber nachgedacht, dass man möglicherweise lieber nur dezent auf eine gewisse Übersetzungsproblematik hinweist (um dem pp Publikum zu signalisieren: Ja, wir haben es gemerkt! Und für den Verlag: Guckt Euch das bitte noch einmal an), anstatt sie – gerade bei an sich gelungenen Buch – groß und breit auseinander zu nehmen?
      Mit freundlichen Grüßen
      TW

      • TW

        Korrektur: „Bei einem an sich …“