Posted On 15. April 2017 By In Bücher, Crimemag, Kolumnen und Themen With 273 Views

Essay: Thomas Wörtche über T.S. Eliot & die Kriminalliteratur

5177LircKUL._SX349_BO1,204,203,200_Im wüsten Land der Kriminalliteratur

Auch T.S. Eliot hat Krimis gelesen. Das konnte man wissen, aber auch wieder vergessen haben. Jetzt liegen seine einschlägigen Texte unter dem Titel „T.S. Eliot, Krimileser“ vor. Thomas Wörtche hat sie sich genauer angeschaut.

Es ist ein alter, aber stets beliebter Zopf, die Nobilitierung von Kriminalliteratur über möglichst prominente Leser zu betreiben. Tja, wenn sogar Konrad Adenauer gerne Krimis gelesen hat, dann … Gerne übersehen wird dabei, dass die meisten Mandarine ihre durchaus eigene Agenda mit dem Genre hatten – Brecht und Benjamin etwa, Ernst Bloch auch -, und (deswegen?) nur recht bescheidene Lektüreerfahrungen hatten, denen zudem etwas Zufälliges anhaftete.

Siegfried Kracauer immerhin interessierte sich für die Funktionsweisen „populärer Kultur“, Ludwig Wittgensteins Krimi-Lektüre hatte weder einen Erkenntnisgewinn über das Genre produziert und noch einen sichtbaren Einfluss auf sein Denken. Arno Schmidt tönte wie so oft präpotent mit als behauptete Kennerschaft getarnter Ahnungslosigkeit.

T.S. Eliot in The Criterion

Und jetzt also T.S. Eliot. Beziehungsweise – was heißt jetzt? Der Nobelpreisträger von 1948 gab in den Jahren zwischen 1922 und 1939 The Criterion heraus, ein poetologisches Flaggschiff der Moderne mit überragenden Prestigewerten. Dort dachte Eliot auch über Kriminalromane nach – diese Texte aus den Jahren 1927 bis 1929 versammelt nun das Schreibheft, was man auch als eine Art Prestigetransfer verstehen kann, denn das Schreibheft versteht sich ebenfalls als Edelkarosse des literarisch-ästhetischen Diskurses. Und wenn ein solches Organ sich auf „Krimis“ einlässt, dann darf man das angesichts des „Krimi-Booms“ schon als signifikant bezeichnen.

Soweit ich sehe, sind diese essayhaften Rezensionen hier zum ersten Mal auf Deutsch zugänglich gemacht – über das warum kann man spekulieren.

51XJoQdP0RL._SX331_BO1,204,203,200_Einen Hinweis gibt der kleine Text von Friedrich Ani: „Fingerabdrücke und andere Nebensächlichkeiten. T.S. Eliot als Krimileser“, der dem Konvolut nachgestellt ist: Ani findet es zurecht bemerkenswert, dass ein Vertreter der höchsten Hochkultur – und das war Eliot spätestens nach „The Waste Land“ (1922) – auch in Kriminalromanen strikt und kein bisschen hochmütig nach „literarischer Relevanz“ suchte, durchaus wissend, wie Fritz Wölcken es später formulierte, dass „schlechte Detektivliteratur oft nicht wesentlich verschieden ist von guter Detektivliteratur“ (Hier bei CrimeMag.), aber dass die Differenz durchaus essentiell besteht und nicht in der Frage Genre oder Nicht-Genre aufgeht, sondern sich aus der jeweiligen Literarizität (oder Nicht-Literarizität) der Kriminalromane herleitet.

Insofern wäre T.S. Eliots genregeschichtlich frühe Beschäftigung heute zu aktualisieren als Antidot gegen die grassierende „Herrschaft … außersprachlicher Romane, (die) den geneigten Leser und die noch viel geneigtere Leserin brutalmöglichst unterfordern“, wie Ani vorschlägt. Nicht weiter kommt man dann allerdings mit Eliots eigenen kanonischen Vorstellungen, mit denen er seine rezensierten Titel an den Probiersteinen Charles Dickens, Wilkie Collins und vor allem Edgar Allen Poe reibt, dessen „Das Geheimnis der Marie Rogêt“ er als normativen Text versteht.

51mnaBYl15LBritannia rules …

Das ist nicht nur von heute geschaut schon eine ziemlich museale Linie, führt aber zu einem zweiten, interessanten Punkt: Eliot bespricht u.a. Conan Doyle, S.S. van Dine, Ronald Knox, klammert bewusst die französische Tradition aus (und übersieht somit die mit Fantômas sichtbar gewordene Transmedialität des Genres, für die sich besonders Kracauer hellsichtig interessierte), bzw. kündigt lediglich an, noch über Arsène Lupin schreiben zu wollen. Gezielt außen vor bleiben – bis auf die dem britischen Muster verhafteten Autoren wie S.S. van Dine – die Amerikaner, die, allen voran, Dashiell Hammett, zeitgleich die „zweite Linie des Kriminalromans“ eröffnet hatten. Das mag nicht nur daran liegen, dass er Hammetts frühe Kurzgeschichten (seit ca. 1922) um den Continental Op, der sich erst 1929, also als Eliot schon nicht mehr über Kriminalliteratur schrieb, in „Red Harvest“ als Roman materialisierte, nicht kannte (wer weiß?), sondern weil er diese Art Kriminalliteratur misstrauisch beäugte. Der zum britischen Snob konvertierte Amerikaner T. S. Eliot ist skeptisch, „dass Kriminalliteratur auf amerikanischem Boden gedeihen kann“, und er fügt, leiser Ironiker der er ist, hinzu: „Aber in den meisten (amerikanischen, TW) Kriminalfällen bleibt sehr wenig Platz für detektivische Ermittlungen. Ein Mord wird vor den Augen mehrerer Zeugen verübt, und im Rest der Geschichte geht es dann bloß noch darum, wie der Mörder auf triumphale Weise freigesprochen wird.“ Ob dieses Verdikt nun auf die Verbrechenskultur (banal) oder auf die Kriminalliteratur der USA (unerheblich) zielt oder wahrscheinlich beides meint, ist im Grunde egal.

Anti-Moderne

Seine Fokussierung auf das, was man heute nicht unproblematisch „Detektivroman“ nennt, und da wiederum auf den Detektivroman des Golden Ages, ist nicht nur seiner Zeitgenossenschaft geschuldet, sondern hat einen Kontext und einen literaturtheoretischen Grund: Gerd Schäfer, der die kleine Aufsatzsammlung verantwortet hat, hebt in seinen Anmerkungen darauf ab, dass Eliot ein starkes „Ordnungs- und Gerechtigkeitsgefühl“ (wir spekulieren: vermutlich ein Echo des christlich-scholastischen Ordo-Gedankens) kultivierte und „bekannt (und gefürchtet) wegen seiner großen Empfindlichkeit für Gefährdungen der öffentlichen Ordnung“ war.  Kriminalliteratur, die die „öffentliche Ordnung“ aber nicht mehr als ordo universi, sondern als von interessegeleiteten Machtstrukturen generiert, verstehen, musste ihm ein Gräuel sein. Das Versprechen auf Aufklärbarkeit und Besiegbarkeit eines einzelnen, skandalösen Verbrechens und die danach wieder hergestellte Ordnung – also das „Programm“ des Golden Age – war für ihn die sinnstiftende Kategorie der Kriminalliteratur – und nicht ihr subversives amerikanisches Gegenkonzept. T.S. Eliots konservatives Christentum schafft sich hier einen Verbündeten in der Populären Kultur (was zumindest raffinierter ist als der penetrante Katholizismus von Gilbert Keith Chesterton, der bei Eliot nicht allzu freundlich behandelt wird) und reiht sich, für den Avantgarde-Lyriker im Grunde paradoxerweise, in die explizit anti-modernen Positionen von Agatha Christie und Dorothy Sayers (vgl. „Aristotle on Crime Fiction“) ein.

51JkxytUeJL._SX322_BO1,204,203,200_Der literaturtheoretische Grund ist damit eng verzahnt: die Abwehr eines spezifisch kriminalliterarischen Realismus: „Die Welt des realen Verbrechens (hat) sehr wenig mit dem Verbrechen in der Literatur zu tun“.  Aber genau das hatte Hammett widerlegt – nicht nur, weil Hammetts Erzählungen immer dezidiert realitätsbezogen waren, und den Blick darauf öffneten, dass selbstverständlich auch die Romane des Golden Ages nur in Bezug (auch wenn der ein scharfes Dementi war) auf die Realitäten der Zwischenkriegsgesellschaft waren oder Dickens ohne die des Viktorianismus undenkbar wäre. Die ästhetischen Implikationen bei Eliot sind klar, wenn auch nicht konsistent: Wenn „Realismus“ in den Kriminalroman einzieht, können auch die Sprache und die narrativen Strategien nicht mehr auf die als kanonisch verstandenen Texte des 19. Jahrhunderts von Poe über Dickens zu Collins bezogen und damit gerettet werden. Hammett hatte eine neue Grammatik und Syntax für Kriminalliteratur gefunden – Eliot hat ihn nie zur Kenntnis genommen, so wie überhaupt seine öffentlich sichtbare Beschäftigung mit Kriminalliteratur 1929 abbricht, dem Jahr, in dem „Red Harvest“ erschien.

Es ist natürlich sinnvoll und lobenswert, dass das Schreibheft diese fast vergessenen Texte von Eliot wieder zugänglich gemacht hat. Bei aller Prominenz des Autors allerdings sind sie wenig überraschend und bringen keine systematisch relevanten, neuen Erkenntnisse über das Genre. Zur Nobilitierung von Kriminalliteratur taugen sie wenig – es sei denn, man wolle eine obsolet gewordene Vorstellung dessen, was ein „Krimi“ ist, wieder neu beleben. Erledigte Fälle gegen einen wildgewordenen Markt zu setzen, wäre ein ziemlich naives Unternehmen, zumal „der Markt“ den heutige, seriösen State of the Art von Kriminalliteratur gerade nicht  abbildet.  

„T.S. Eliot, Krimileser“ ist eine, wenn auch interessante, so doch letztendlich historisch gewordene Fußnote zu einem extrem dynamischen Genre.

Thomas Wörtche

T.S. Eliot, Krimileser. Kritiken aus The Citerion. Zusammengestellt von Gerd Schäfer. Mit einer Nachbemerkung von Friedrich Ani. Deutsch von Georg Deggerich. In: Schreibheft. Zeitschrift für Literatur. Herausgeben von Norbert Wehr, N° 88, Februar 2017. S. 109 – 128. Essen: Rigodon Verlag 2017, 199 Seiten, € 13,00

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