Posted On 15. November 2017 By In Bücher, Crimemag With 369 Views

Ein Buch – zwei Perspektiven: John le Carré (1)

91hF7-tJEgLEin ganz spezieller Kosmos

Wir freuen uns sehr, Bodo V. Hechelhammer, den Chefhistoriker des Bundesnachrichtendienstes (BND), im Kreis unserer CrimeMag-Autoren begrüßen zu können. Seinen Einstand als Rezensent gibt er mit John le Carrés „Das Vermächtnis der Spione“. Der Großmeister ist uns klar „Ein Buch – Zwei Perspektiven“  wert, und wir haben nebenan auch Peter Münder um eine Expertise gebeten, der seinen eigenen Spionagebezug zu der ganzen Sache hat. 

 

Er ist zurück: der wohl weltweit bekannteste und erfolgreichste Autor anspruchsvoller Spionageromane: John le Carré. David John Moore Cornwell, so Carrés bürgerlicher Name, ist Jahrgang 1931 und war selbst während der Hochzeit des Kalten Krieges in den 50er und 60er Jahren nachrichtendienstlich für den britischen MI5 und MI6 tätig. Dabei war der studierte Germanist auch in Deutschland, in Bonn und Hamburg, stationiert.[1] Seine aktive Geheimdienstkarriere ist zwar schon lange vorbei. Aber glücklicherweise setzt er sich seit über fünfzig Jahren äußerst erfolgreich literarisch mit der Spionagethematik weiterhin auseinander.

Le Carré widmet sich erneut einer Facette des alten Ost-West-Gegensatzes, schlägt mit seinem neusten Buch zugleich ein weiteres Kapitel um seine charismatische Romanfigur, den fiktiven, englischen und eulenartigen Spionagespezialisten George Smiley, auf. Allerdings steht diesmal weniger Smiley selbst, sondern sein ehemaliger Assistent Peter Guillam im Mittelpunkt. Le Carré, der selbst schon in wenigen Jahren auf die Neunzig zugeht, lässt in seinem Roman den inzwischen noch älteren Smiley und seinen ebenfalls bereits sehr betagten Assistenten nicht ohne Grund auftreten, denn es geht bei seinem »Vermächtnis« sehr viel um den wehmütigen Blick zurück, um das Erinnern an die verdrängte Vergangenheit, deren Aufarbeitung bzw. Rekonstruktion und letztendlich um die Frage nach der eigenen Verantwortung. Hintersinnig wird dazu im Buch festgestellt:

»Historische Schuldzuweisungen sind der neueste Megatrend. Unser neuer Nationalsport. Die unbescholtene heutige Generation gegen ihre schuldige. Wer wird für die Sünden unserer Väter büßen, auch wenn sie damals nicht als Sünden galten?«.[2]

Aber Nostalgie ist gänzlich fehl am Platz, denn früher war wahrlich nicht alles besser; erst recht nicht im Geheimdienst.

Dankbare Zustimmung als Leser

Peter Guillam ist schon lange aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und lebt zurückgezogen auf einem Bauernhof in der Bretagne. Doch von seiner Vergangenheit kann man sich mitunter auch räumlich nur schwer distanzieren. Auch Guillam kann sich seiner nicht einfach oder gar endgültig entledigen, diese zu den Akten legen. Sie holt ihn nach all den Jahren wieder ein und konfrontiert ihn mit einer früheren schild1Operation gegen das Ministerium der Staatssicherheit (MfS) in der DDR zur Zeit des Mauerbaus 1961. Ein britischer Spion und seine Freundin wurden damals in Ost-Berlin erschossen und deren Kinder drohen nun dafür die britische Regierung zu verklagen. Peter Guillam und George Smiley sind persönlich davon betroffen, Guillam muss daher zurück nach London. Aber die Akten zum Fall, so wie es sich bei einem guten Geheimdienst klischeehaft gehört, sind nicht mehr vollständig auffindbar oder bereinigt. Nur warum? Aber nicht alleine die alten Operationsakten fehlen, auch von dem damals Verantwortlichen George Smiley selbst fehlt jede Spur. So führt Peter Guillam die Untersuchungen zur Rekonstruktion des alten Falls durch, die allerdings eine Vielzahl immer neuer Fragen aufwerfen. Am Ende betritt auch noch George Smiley für wenige Seiten leibhaftig die Bühne und der personale Erzähler stellt erleichtert fest:

»George hatte schon immer älter ausgesehen, daher war ich erleichtert, ihn so unverändert zu entdecken. Er war noch immer derselbe und wirkte nur wie in das Alter gekommen, das er schon immer gehabt zu haben schien«.[3]

Als Leser kann man ihm nur dankbar zustimmen.

smileyJohn le Carré breitet auf 14 Kapiteln in bekannter Art und Weise langsamst den Plot aus, zeigt Wege und noch mehr Irrwege auf, verknüpft Vergangenheit und Gegenwart, wobei er den Fall aus Sicht von Peter Guillam mittels der Ich-Perspektive schildern lässt. Detaillierte Berichte der Verhörprotokolle lassen einen regelrecht selbst in die ergebnisoffene Ermittlungsarbeit eintauchen, was durch Geheimdienstschreiben und nachrichtendienstliche Meldungen noch verstärkt wird. Sehr anschaulich werden hierbei Methoden der Informationsgewinnung und -verarbeitung sowie der nachrichtendienstlichen Analyse unauffällig mit beschrieben; mit all ihren Möglichkeiten und vor allem Grenzen. Gekonnt werden die für le Carré typisch gebrochenen Charaktere und Psychogramme der Protagonisten in grauen Farben gezeichnet und hinsichtlich ihrer Motivstränge immer wieder hinterfragt, wobei stets die Sicht auf die Dinge selbst neu justiert werden muss, nicht zuletzt, weil sich die moralischen Grenzen stets zwischen idealisiertem Wunschdenken und realistischen Notwendigkeiten ausrichten. Eine Lebensweisheit, die nicht alleine auf die spezielle Welt der Nachrichten- und Geheimdienste zutrifft und selten Raum für wahres Heldentum lässt.

Smiley als bekennender Europäer

Wunderbar ist, aus Sicht des thematisch vorbelasteten Lesers, vor allem auch, dass und wie die Figur George Smiley bzw. sein methodischer Ansatz wieder inszeniert wird, der zudem grundsätzlich viel besser als »Vorbild« für echte Geheimdienstmitarbeiter geeignet ist als etwa James Bond. So hat es auch unlängst Sir Alex Younger (*1963) gegenüber dem »Guardian« formuliert und er muss es wissen, denn er leitet seit 2014 den britischen MI6.[4] Bemerkenswert ist auch, dass John le Carré über seinen sonst doch sehr englisch agierenden Spionagespezialisten George Smiley ein aktuelles politisches Bekenntnis für Europa und gegen den »Brexit« ablegt. Smiley als bekennender Europäer:

»Natürlich gab es mal eine Zeit. Aber wessen England? Welches England? Ganz allein England, Bürger von Nirgendwo? Ich bin Europäer, Peter. Wenn ich eine Mission gehabt habe – falls mir je eine bewusst gewesen ist, über unser Geschäft mit dem Feind hinaus, dann bestand sie in Europa. Wenn ich herzlos war, dann für Europa«.[5]

le CarreOhne Frage gibt es weitaus spannendere und literarisch anspruchsvollere Bücher vom Altmeister kultivierter Spionageromane. So reicht das »Vermächtnis der Spione« in keiner Weise etwa an »Der Spion, der aus der Kälte kam« (1963) oder an »Dame, König, As, Spion« (1974) heran. Dennoch ist es eine gelungene Episode des ganz speziellen Kosmos um den noch älter gewordenen George Smiley und damit ein Muss für jeden Liebhaber der Gedanken- und Erfahrungswelt John le Carrés. Lesenswert.    

John le Carré: Das Vermächtnis der Spione (Legacy of Spies, 2017). Aus dem Englischen von Peter Torberg. Ullstein Verlag, Berlin 2017. 320 Seiten,  24 Euro.

Anmerkungen:
[1] Vgl. John le Carré: Der Taubentunnel: Geschichten aus meinem Leben, Berlin 2016, S. 34-36.
[2] Vgl. John le Carré: Das Vermächtnis der Spione, Berlin 2017, S. 43.
[3] Vgl. Ebd., S. 309.
[4] „MI6 boss: George Smiley a better role model for agents than James Bond”, in: The Guardian vom 28. September 2017.
[5] Vgl. John le Carré: Das Vermächtnis der Spione, Berlin 2017, S. 314.

Verweise:

Bodo V. Hechelhammer ist seit 2010 Leiter des Historischen Büros Bundesnachrichtendienst sowie Herausgeber der Mitteilungen der Forschungs- und Arbeitsgruppe „Geschichte des BND“.

Mit Susanne Meinl: Geheimobjekt Pullach. Von der NS-Mustersiedlung zur Zentrale des BND, Chr. Links Verlag, Berlin 2014. Crime-Mag-Besprechung hier.

Und gerade erschienen: Bodo V. Hechelhammer: Doppelagent Heinz Felfe entdeckt Amerika. Der BND, die CIA und eine geheime Reise im Jahr 1956. Mit einem Vorwort von Kevin C. Ruffner. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017.  256 Seiten, 187 s/w Abb., Festeinband, 39,90 Euro. CrimeMag-Besprechung und Interview mit Alf Mayer hier: „Geheimdienst ist besonders spannend unter kulturhistorischer Sicht.“

Tags : , , ,