Geschrieben am 7. Mai 2011 von für Bücher, Crimemag

Don Winslow: Tage der Toten

Zu viel Geld im Spiel

– Normalerweise wird es gruselig, wenn US-Thriller-Autoren ihre Romane jenseits der Südgrenze ihres Landes ansiedeln. Da sind die Rollen gewöhnlich klar verteilt: im Norden die Guten, im Süden die Bösen. Don Winslow ist nach akribischer Recherche zu einem anderen Schluss gekommen – die Bösen sitzen auf beiden Seiten. Sein Roman „Tage der Toten“ ist fast schon ein Sachbuch über den Drogenkrieg in Mexiko hat Eva Karnofsky festgestellt und den Roman, der auf allen Besten-Listen zu finden ist, für CrimeMag noch einmal genau gelesen …

Don Winslows Message ist klar: Der Kampf gegen den Handel mit Kokain und Heroin ist nicht zu gewinnen. Dafür ist zu viel Geld im Spiel, das Begehrlichkeiten weckt. Und dies nicht nur bei dem Heer der Armen, die sich als Mohn- oder Kokabauern im Süden oder kleine Dealer in den Großstädten des Nordens durchschlagen. Auch für Polizisten, Soldaten und Politiker in Nord und Süd, also für die, die eigentlich die Guten in diesem Krieg sein sollten, ist es viel lukrativer, sich mit den Bösen gut zu stellen. So verlaufen die Fronten alles andere als klar.

In diesem Ambiente bewegt sich Art Keller, Vietnam-Veteran, ehemaliger CIA-Mann und nun für die US-Anti-Drogen-Behörde DEA in Mexiko tätig. Er ist von seinem Job überzeugt, zudem natürlich klug, stark, ehrlich, loyal und unbestechlich.

Ein Thriller-Held eben, wenn auch ein tragischer.

Seine Behörde, überbürokratisiert, schwerfällig und technisch schlechter ausgestattet als die Drogenmafia, wirft ihm mehr Knüppel zwischen die Beine, als dass sie ihn bei seiner Arbeit unterstützt. Die Kontakte zu den mexikanischen Kollegen haben ebenfalls ihre Tücken, weil er nie weiß, auf wessen pay roll sein jeweiliges Gegenüber sonst noch steht. Und als Keller dann doch mal einen Etappensieg gegen einen Mafiaboss erringt, stellt sich dieser vermeintliche Sieg nur wenig später als bittere Niederlage heraus. Keller hat lediglich dem Barrera-Clan – Miguel Angel und seinen beiden Neffen Adán und Raúl – die Konkurrenz vom Hals geschafft. Keller hatte die Barreras bis dahin für rechtschaffene Freunde gehalten.

Pablo Escobar

Hart an der Realität

Für die Barreras hat vor allem die Félix-Familie – Miguel Angel Félix Gallardo und seine Neffen – Pate gestanden, doch Winslow hat ihnen auch Wesensmerkmale sowie Verbrechen anderer Drogenbosse zugeschrieben. Und man trifft in dem Roman auf so manche bekannte Nebenfigur, etwa auf Kolumbiens Drogenzar Pablo Escobar. Überhaupt hat sich Don Winslow eng an die Wirklichkeit angelehnt, verknüpft fiktive mit realen Elementen.

So hat Pater Juan Parada, eine von Kellers wenigen Vertrauenspersonen, nicht nur viele Züge des Kardinals Juan Jesús Posadas. Der Pater wird auch, wie der Kardinal, 1993 auf dem Flughafen von Guadalajara erschossen. Als er aus seinem Auto stieg, geriet er angeblich in die Schusslinie sich bekriegender Drogenkartelle. Winslow nutzt den Roman, um über den bis heute unaufgeklärten Mord an Posadas zu spekulieren und schließt nicht einmal aus, dass ultrakonservative Kirchenkreise dahinterstecken könnten, denen der Kardinal zu fortschrittlich war.

Oft ist Keller versucht, den Kampf als verloren aufzugeben, doch die Verbitterung darüber, von den Barreras einst reingelegt worden zu sein, sowie die Ermordung von Pater Juan lassen ihn, den Helden, dann doch nicht aufgeben. Zwar bringt er die Barreras schließlich zur Strecke, doch der Preis ist hoch. Und der Eindämmung des Drogenhandels ist Keller damit auch keinen Schritt näher gekommen.

Winslows Roman setzt 1977 ein und zeichnet das Drogen-Szenario bis ins neue Jahrtausend nach, wobei er sich nicht auf Mexiko beschränkt. Er geht auf die Verknüpfungen zwischen kolumbianischen und mexikanischen Kartellen ein und macht deutlich, dass die Bösen aus dem Süden ohne die tatkräftige Unterstützung seitens nordamerikanischer Mafiosi nicht so erfolgreich wären.

Lieutenant Colonel Oliver North, wichtigste Schlüsselfigur der Iran-Contra-Affäre

Iran Gate

Genüsslich baut der Autor auch die für die USA so unrühmliche Iran-Contra-Affäre in seinen Thriller ein: Mit Wissen der amerikanischen Regierung hatte die CIA zu Beginn der Achtzigerjahre tonnenweise Kokain aus dem Süden ins eigene Land verschoben, um damit am Kongress vorbei Waffen für die rechten Contra-Rebellen in Nicaragua zu finanzieren. Klar, dass DEA-Agent Keller in jenen Jahren mit seinem missionarischen Drogenbekämpfungseifer auf besonders verlorenem Posten stand.

Zart Besaiteten mag Winslows Buch brutal erscheinen, denn die Killer der Kokainkönige foltern, schießen und bomben viel und gnadenlos. Verglichen mit dem Tatort stimmt dies zwar, doch der Autor hält sich auch damit nur an die Wirklichkeit. Allein in den vergangenen fünf Jahren wurden in Mexiko 30.000 Menschen erschossen, erstochen, in Stücke gehackt, in Säure aufgelöst.

Über die Innenwelt von Mexikos Drogenmafia gibt es relativ wenig gesicherte Informationen, nicht zuletzt, weil sich kaum ein Reporter traut, darüber zu recherchieren. Über 60 ermordete Journalisten in den letzten fünf Jahren erklären, warum. Doch so, wie Winslow diese Innenwelt schildert, könnte sie aussehen: Da gibt es den Mann fürs Grobe, hier heißt er Raúl Barrera, dann den Finanzfachmann, der sich, wie Adán Barrera, nicht die Finger schmutzig macht und sich von einem Unternehmer oder Börsenmakler kaum unterscheidet, und schließlich Miguel Angel, den Boss der Bosse, der dafür sorgt, dass Generäle, Abgeordnete, Gouverneure, ja sogar Präsidenten, den Geschäften nicht im Wege stehen. Und wie jede normale mexikanische Familie halten sie zusammen wie Pech und Schwefel und sind sich in Liebe zugetan. So zärtlich und sensibel, wie sie sich in der Familie zeigen, so eiskalt sind sie gegenüber der Außenwelt.

Don Winslow

Da es sich bei „Tage der Toten“ um einen Thriller handelt, bleibt noch zu erwähnen, dass er flüssig geschrieben und hochgradig spannend ist. Don Winslow erreicht dies mit einem einfachen Trick: So wie sich ein Ereignis seinem Höhepunkt nähert, lenkt er das Auge des Erzählers zu einem anderen Schauplatz. Kurz: ein gelungenes Buch.

Eva Karnofsky

Don Winslow: Tage der Toten. (The Power of the Dog, 2005). Aus dem Amerikanischen von Chris Hirte. Berlin: Suhrkamp Verlag 2011. 690 Seiten. 14,95 Euro.
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