Posted On 6. März 2017 By In Bücher, Litmag With 1055 Views

Debütroman: Jens Eisel: Bevor es hell wird

eisel_hellEindringliches Debüt

Von Frank Göhre.

Die erste Veröffentlichung des zu der Zeit 34jährigen Jens Eisel waren 17 kurze Geschichten unter dem Titel „Hafenlichter“. Sie wurden von den Rezensenten sehr kontrovers beurteilt. Was für den einen „bildmächtige Beschreibungen“ und „genaue Zeichnungen seiner Figuren“ sind, bezeichnet der andere als „Fleißarbeiten ohne Seele“, nicht ohne voraus zu schicken, dass

Eisels Kurzgeschichten „auf eine Tradition [verweisen], der sie nichts hinzuzufügen haben.“ Gemeint sind Ernest Hemingway und Raymond Carver – „diesen Meistern der Reduktion“. Da hat er uns – in diesem Fall ein freier Autor der „Zeit“ – aber mal gezeigt, wo der Hammer hängt!

Den Ball ein wenig flacher haltend, könnte man nämlich eher sagen, dass Jens Eisel ein dem Realismus verpflichteter Autor in der Tradition von Heinrich Böll, Siegfried Lenz und vor allem des

aufgrund seiner politischen Haltung nach wie vor missbilligend betrachteten Christian Geissler ist. Wie bei Geissler sind auch Jens Eisel´s Protagonisten die Menschen in den alten Hamburger Arbeitervierteln, und wie sie sich zurechtfinden und ihren Alltag leben, ist Thema seines jetzt erschienenen ersten Romans „Bevor es hell wird“.

Die Geschichte zweier Brüder

Es ist eine sich über mehrere Jahre erstreckende Erzählung von zwei Brüdern. Sie beginnt mit der Verhaftung des Jüngeren, der nach seiner Entlassung aus dem Knast an die Orte seiner Kindheit und Jugend zurückkehrt. Die sind da, wo in Sichtweite die Elbe fließt, wo der Sohn die Autoreparaturwerkstatt des Vaters übernimmt und weiterführt, wo sich in den Eckkneipen die Nachbarn treffen, es einen soliden und preiswerten Mittagstisch gibt, den Kiosk und das Stadtteilkino.

Und hin und wieder fährt man an die See, sitzt vor einem alten Wohnwagen, trinkt Bier aus der Flasche, raucht und denkt über sich und das Schicksal seiner Angehörigen nach. Die Mutter der Brüder Alex und Dennis ist an Krebs gestorben, die Jungs kommen damit nicht klar. Dennis, der Ältere schmeißt seine Ausbildung zum Koch, verludert und verpflichtet sich schließlich bei der Bundeswehr. Zweimal hat er einen Einsatz in Afghanistan. Danach ist er ein psychisches Wrack, unternimmt einen Selbstmordversuch und kurz darauf einen zweiten: „Dennis lag im Koma … Die Ärzte konnten nicht sagen, ob er noch einmal aufwachen würde, doch auch wenn er die Augen wieder öffnen sollte, war klar, dass er für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt wäre. Und er würde nie selbstständig atmen können.“

„Bevor es hell wird“ ist ein eindringlich erzählter, schmaler Roman – emotional anrührenden, aber nie in kitschige Sentimentalität abrutschend. Es ist eine Geschichte aus dieser, unserer Zeit und sie erhellt das Leben der literarisch gern vernachlässigten „kleinen“ oder „einfachen Leute“.

Frank Göhre

Jens Eisel: Bevor es hell wird. Roman. Piper Verlag, München 2017. 207 Seiten. 18,00 Euro.

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