Geschrieben am 25. April 2012 von für Bücher, Musikmag

Marks/Tannenbaum: I Want My MTV: The Uncensored Story of the Music Video Revolution

MTV killt den Radio-Star … und der Video-Star ist als nächstes fällig

– Sobald Musik im Fernsehen spielt, also für Augen statt Ohren, läuft anscheinend nichts ohne die Nostalgietröte – wie eine Festschrift zu 30 Jahren MTV suggeriert. Von Ann Wood.

Schaltet man heutzutage den Fernseher auf MTV, dann wird man mit großer Wahrscheinlichkeit nicht einen einzigen Musikvideoclip zu sehen bekommen. Stattdessen nudelt eine Reality-Show nach der anderen über den Bildschirm. Während der Sender, der das Bedürfnis nach Musikvideos überhaupt erst kreiert hat, diese gar nicht mehr zeigt, sieht die Wirklichkeit anders aus, als sie von vielen mittlerweile – im Nachhinein – dargestellt wird. In Wahrheit war es früher gar nicht viel besser. In Wirklichkeit hat sich nämlich wenig geändert. Früher liefen die Bilder zu Musik, heute mit Musik. Das Unternehmen wurde von Anfang an, und es wird immer noch geführt von einer Vorstands-Etage voller Abzocker, die kostenlosen, schnell und billig hergestellten Content verlangen, damit MTV Unmengen Profit macht – und zwar auf Kosten von Musikern und, inzwischen, auf Kosten der Unterschicht. Wer will, kann das Geschäftsmodell typisch amerikanisch nennen.

In ihrem Buch „I Want My MTV: The Uncensored Story of the Music Video Revolution rollen Craig Marks und Rob Tannenbaum die 1981 begonnene Erfindung des Musikfernsehens auf – und zwar bis hin zu The Real World mehr als ein Jahrzehnt später. MTV wird als eine Firma dargestellt, die vom allerersten Tag an von Plattenfirmen verlangt hat, dass die Musikvideos herstellen und bezahlen und dem Sender kostenfrei zur Verfügung stellen. Selbstverständlich haben die von Unternehmern gelenkten Plattenlabel schnell herausgefunden, wie sich das für sie rechnet – nämlich indem sie die Produktionskosten jedes Videoclips zur Hälfte mit den Vorschüssen der Musiker verrechnet haben. Wer hat draufgezahlt, gegebenenfalls mit geschmälertem Budget fürs nächste Album? Die Bands, die ursprünglich diese Vorschüsse erhalten haben, um beim Komponieren und Aufnehmen neuer Songs zu überleben. Hinzu kam nun, dass Looks zum alles entscheidenden Killerargument wurden. Wer will, kann es das Milli-Vanilla-Syndrom nennen: Reich und berühmt wurden Acts, die es nie hätten werden sollen – Vanilla Ice, Milli Vanilli, Great White, Whitesnake und etliche andere, an die man sich kaum erinnert.

Marks und Tannenbaum vertrödeln wenig Zeit oder Zeilen mit tiefergehenden Analysen. Stattdessen haben sie ein paar Interviews mit MTV-Bossen, Plattenfirmen-Heinis, Video-Regisseuren und Musikern zusammengeschmissen. Seltsam abwesend sind Interviews mit MTV-Giganten – Madonna, Prince und Michael Jackson –, obwohl immerhin die Sprache auf den Rassismus des Senders kommt. Ursprünglich wurden keine schwarzen Künstler gezeigt, auch kein Michael Jackson – mit der nicht erst bei näherer Betrachtung äußerst wabbeligen Begründung, es sei eben ein Rock’n’Roll-Sender. Erst als die Herrschaften in der Vorstandsetage merkten, wie viel Geld ihnen so durch die Lappen ging, wurde die Vorgabe modifiziert.

„I Want My MTV“ bringt ein paar dolle Stories, speziell zu Video-Drehs. Als Van Halen das Video zu Pretty Woman drehten, verschwand ein für eine Szene engagierter Zwerg spurlos vom Set. Schließlich hat man ihn entdeckt, randvoll zugekokst, in einem Wohnwagen und bekleidet mit schwarzer Kappe sang er Satisfaction, wobei er anstelle eines Mikrophons den Penis eines Transsexuellen umklammert hielt. Dann gab es den MTV-Wettbewerb namens „Lost Weekend with Van Halen“, den Kurt Jefferis gewann, ein Fan mit einer Metallplatte am Kopf. Er hatte mit der Band abgehangen, gesoffen, gedrogt und gevögelt – bis ihn der Van Halen Exzess fast umgebracht hätte. Man muss es ihnen lassen, Roth und den Van Halens: sie waren das perfekte Rock-Klischee. Was Jefferis betrifft – „Bin jetzt bei den Anonymen Alkoholikern“ – bleibt unklar, ob er immer noch zu „1984“ rockt und durch die Gegend springt.

Was im Buch nicht erwähnt wird, ist, dass MTV kaum Geld locker macht für die Reality-Stars und -Darsteller von „Teen Mom (junge Mädchen, vor allem aus Unterschichten, mit Babies), „Caged (junge Erwachsene aus einem Kaff in den Südstaaten, die von da rauskommen, wenn sie sich in einem Käfig verkloppen); dass aber ein bisschen mehr Geld abfällt für die inzwischen richtig berühmt-berüchtigten Stars von „Jersey Shore (junge Italo-Amerikaner, strunzdumm, saufen und prollen sich durch Partymarathon). Alles ohne Worte, ohne Skript oder Drehbuchschreiber, nicht so sehr low-budget wie no-budget. Während das Internet es ermöglicht hat, dass MTV seine Sendeformate modifiziert, hat sich das Geschäftsmodell nicht im Geringsten verändert – weiterhin geht es darum, auf Kosten anderer Profit zu machen.

Ann Wood (Übersetzung: Matthias Penzel)

Craig Marks, Rob Tannenbaum: I Want My MTV: The Uncensored Story of the Music Video Revolution. Dutton Books, USA 2011.

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