Posted On 15. November 2016 By In Bücher, Crimemag With 1086 Views

Bloody Chops: November 2016

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Bloody Chops im November 2016

– Diesmal am Beilchen: Katja Bohnet (KB), Joachim Feldmann (JF), Alf Mayer (AM), Frank Rumpel (rum). Über Bücher von: Eugène Atget, Jens Kirschneck, Erika Krouse, Nausicaa Marbe, Patrick Millikin, Benjamin Percy, Ross Thomas.

chop-ross-thomas-protokoll-9783895814235Politik als Farce

(AM) Pech hätte hier, wer Bücher auf Seite 99 zu beurteilen können glaubt. Aber lassen wir den Meister selbst zu Wort kommen. Auf Seite 100: „Als die Tür geöffnet wurde, begriff ich völlig, warum Amfred Killingworth dem US-Außenministerium gesagt hatte, es könne zur Hölle fahren. Zwar sind Schönheit und Anmut völlig unzureichende Worte, aber sie besaß beides in einem Maß, das Könige zur Abdankung, Staatspräsidenten zum Rücktritt und Ministerpräsidenten zum Hochverrat treiben konnte.

Sie strahlte die Wildheit des Balkans aus und auch dessen Traurigkeit, und beides vermischte sich zu einer fast unmöglichen Anmut, die versprach, ein unverschämt köstliches Geheimnis zu teilen. In ihren Augen war das Meer, die düstere, graublaue Kühle der winterlichen Adria. Aber wenn man tiefer hinsah, fand man auch die lachende Verheißung der goldenen Wärme des nächsten Sommers darin. Das Haar, lang, dicht, schwarz und zum Streicheln verlockend, fiel ihr fast bis zur Taille. Es umrahmte ein blasses, ovales Gesicht mit zwei Augen, einer Nase, einem Mund und einem Kinn, und wenn man ein absolut tadelloses, sündenfreies Leben gelebt hätte, wäre die Belohnung in Form eines langen, tiefen Blicks in diese vollkommene Symmetrie all diesen Ärger wert gewesen.“

Die Frau, die hier hereinschwebt, heißt Gordana Panić und ist die Enkelin eines eingekerkerten jugoslawischen Poeten, der sehr seltsam in den Westen freigepresst werden soll. Mitverwoben in den Deal ist der amerikanische Geheimdienst, der den amerikanischen Botschafter in Belgrad entführte, weil der eine zukünftige Nonne heiraten wollte. Für dessen Freilassung nun zahlt die CIA eine Million Dollar – an sich selbst! –, und das ist erst der Anfang eines sehr schrägen Balletts, für das Ross Thomas den Gentleman-Protagonisten Philip St. Ives aufs internationale Parkett schickt.

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Erstausgabe von 1971

Die insgesamt fünf St. Ives-Thriller, alle zwischen 1969 und 1976 unter dem Pseudonym Oliver Bleek veröffentlicht, sind leichtere, komödiantischere Kost als die oft süffig sardonischen Romane von Ross Thomas. Poliert freilich, überraschend in den Wendungen & Intrigen und lustvoll in der Beschreibung allerlei seltsamen Personals sind auch sie. „Kopfpreis eine Million“, wie die deutsche Erstausgabe von 1971 betitelt war, war   (nach „Der Messingdeal“) der zweite Fall für St. Ives. Erstmals ist der Roman nun vollständig übersetzt, die Ullstein-Ausgabe von 1971 hatte gut 100 Seiten weniger.

Schon bemerkenswert, wie der damals äußerst produktive Ross Thomas 1971 mit „Protokoll für eine Entführung“ auf ein die Welt erschütterndes Ereignis im Nachbarland Kanada reagierte. Am 5. Oktober 1970 wurden dort der britische Diplomat James Cross und der Quebecer Regionalpolitiker Pierre Laporte von der „Front de libération du Québec“ (FLQ) entführt. „La crise d’Octobre“, die mit dem Tod Laportes und freiem Geleit der Entführer nach Kuba endete, sah ein Kanada unter Kriegsrecht.

Nach dem Vorbild der lateinamerikanischen Stadtguerilla der späten 1960er, etwa der Tupamarows in Uruquay, waren im Sommer 1970 auch die „Brigate Rosse“ in Italien und in Deutschland mit der Befreiung Andreas Baaders die „Rote Armee Fraktion“ entstanden. Bei Ross Thomas wird aus dem damals recht neuen politischem Kidnapping eine Farce auf dem Balkan. Und ich frage mich, warum mir ausgerechnet bei diesem Roman wieder einfiel, dass Stephen King (anlässlich „Missionary Stew“) Ross Thomas „die Jane Austen des politischen Spionageromans“ genannt hat: „Ross Thomas is often sharper–he is, if you like, the Jane Austen of the political espionage story.“

Ross Thomas: Protokoll für eine Entführung. Ein Philip-St.Ives-Fall (Protocoll for a Kidnapping, 1971 als Oliver Bleek). Thriller. Aus dem Amerikanischen von Wilm W. Elwenspoek, bearbeitet von Jana Frey und Jochen Stremmel. Band 17 der Ross-Thomas-Edition im Alexander Verlag, Berlin 2016. Broschur, 264 Seiten, 14,90 Euro. Verlagsinformationen zu Buch und Edition.

41k6dqstill-_sx351_bo1204203200_Spritgetränkter Fußballkrimi

(JF) Erst 35 und fast schon am Ende. Dr. Berg, den Theo Grabowski eigentlich aufgesucht hat, weil er unter einer akuten Hodenkrebsphobie leidet, wird pädagogisch. Mit den Testikeln des Fußballreporters scheint alles in Ordnung zu sein, doch klar sei, dass er zu viel saufe und sich überhaupt ungesund ernähre. Eine Diagnose, der man nicht widersprechen mag. Wir lernen Grabowski kennen, als dieser gerade einen Mordskater auskuriert, Filmriss inclusive. Dass der Grund für den Alkoholabusus Pamela heißt, scheint logisch, ist aber unwahrscheinlich. Unser trauriger Held trinkt aus reiner Gewohnheit und, wenn ihm die Freundin den Laufpass gibt, erst recht.

Jens Kirschnecks spritgetränktem Fußballkrimi „Schweine befreien“ entführt uns in die triste Welt des Drittligafußballs. Um den FC Teutonia ist es schlecht bestellt. Wiederholte Trainerwechsel brachten nicht den gewünschten Erfolg und auch die frisch eingekauften Spieler vom Balkan erweisen sich als trübe Tassen. Für einen notorisch mies gelaunten Berichterstatter wie Grabowski eigentlich genau das Richtige. Und doch lässt ihn der Verdacht nicht los, dass etwas mit dem Verein nicht stimmen kann, vor allem, als die Erinnerungen an seinen von siebzehn Tequila und vier Bieren induzierten Absturz bruchstückhaft zurückkommen. Hatte er nicht, während er auf dem Heimweg volltrunken gegen das Gitter eines am Schlachthof geparkten Schweinetransporters hämmerte, inmitten der armen Viecher Teutonias Sportdirektor entdeckt?

Grabowski beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen. Schließlich hat er Ross Macdonalds Klassiker „Der blaue Hammer“ bereits fünf Mal gelesen, das qualifiziert zum Amateurermittler. Nun erweist sich der Fall, in den sich der Sportreporter in Teilzeitstellung verstrickt, zwar nicht als so kompliziert wie die kalifornischen Familientragödien, mit denen sich Macdonalds Privatschnüffler Lew Archer regelmäßig konfrontiert sieht, ist aber allemal undurchsichtig und gefährlich genug. Irgendwann setzt es sogar die klassische Tracht Prügel. Doch dabei bleibt es auch. Wenig beeindruckt recherchiert Grabowski weiter und dann ist der Fall um krumme Geschäfte mit Spielertransfers gelöst, ohne dass es nennenswerte Konsequenzen gibt. Überhaupt interessiert man sich im September des Jahres 2001 für andere Dinge als für schmutzige Fußballgeschäfte. Wir haben es nämlich auch mit einem historischen Roman zu tun. Und es ist nicht zuletzt dieses Wissen, das Jens Kirschnecks Geschichte eines unbedarften Freizeitdetektivs zu einer verzweifelt-vergnüglichen Lektüre macht.

Jens Kirschneck: Schweine befreien. Roman. Verbrecher Verlag, Berlin 2016. 327 Seiten, 14,00 Euro.

atget_paris_hc_bu_int_3d_45533_1608161226_id_1072102Paris auf Straßenhöhe

(AM) Zu Lebzeiten verkannt, später das Vorbild von Fotografen wie Walker Evans und Bill Brandt, zählt er heute klar zu den Größen der frühen Fotokunst. Er war der erste richtige Straßenfotograf. Dies mit einer sperrigen 18 x 24-Großformatkamera, ausgestattet mit einem Aplanat-Objektiv mit wahrscheinlich kurzer Brennweite, einem schwerem Holzstativ, zwei oder drei Kästen mit Glasplatten und einigen weiteren Utensilien – ein Minimum von 15 Kilo, die er täglich kilometerweit zu transportieren hatte. Eugène Atget (1857–1927) zog jahrzehntelang durch die Straßen und Vororte von Paris, um Prostituierte, kleine Gewerbetreibende, Gassen, Hinterhöfe, Fassaden, Parks , Straßenfluchten und architektonische Details aufs Bild zu bannen. Er war ein unermüdlicher Dokumentarist, trug flanierend und fotografierend eine umfassende Dokumentation seiner Wahlheimat Paris zusammen.

Abzüge der entwickelten Platten machte er bei Tageslicht auf Rahmen, die er auf seinem Balkon in der fünften Etage ausstellte. Das von ihm verwendete goldgetonte Zitratpapier gab seinen Bildern den charakteristischen bräunlich-roten Ton. Seine Arbeitsmethode produzierte Bilder von bemerkenswerter Präzision, die er nicht beschneiden musste. „Wahre“ Bilder. Er unterschied sich damit radikal von der damaligen Ästhetik, war mit der Technik des 19.Jahrhunderts bereits ein Fotograf des 20. Jahrhunderts. Während der „Piktorialismus“ triumphierte, die Kunst der manipulierten Bilder, die sich den Maltechniken anzupassen suchte, war er ein Einzelgänger, er ergriff Partei „für die Wahrheit“, fiel damit letztlich dann den Surrealisten auf.

Gar mancher Schriftstellerblick, gar manche Roman- oder Kriminalromanpassage, die ein Stück historisches Paris beschreibt, hat in Wahrheit eine Fotografie von Eugène Atget zur Vorlage.

„Monsieur, im Lauf von mehr als 20 Jahren habe ich mit meiner Arbeit und auf rein persönliche Initiative hin in allen Straßen des alten Paris Negative im Format 18 x 24 aufgenommen… Diese enorme künstlerische wie dokumentarische Sammlung ist inzwischen vollendet. Ich kann nun sagen, ich besitze das gesamte alte Paris … Da ich auf die siebzig zugehe und weder Erben noch Nachfolger habe, treibt mich die Sorge um die Zukunft dieser schönen Sammlung um. Sie könnte jemandem in die Hände fallen, der ihren Wert nicht kennt, und auf diese Weise schließlich verschwinden, ohne dass sie für die Nachwelt von Nutzen wäre“, schrieb er am 22. November 1920 an das französische Erziehungsministerium. Fast 100 Jahre später liegt nun sein Werk in einer wahrhaft demokratischen, internationalen Volksausgabe vor. 14,99 Euro bei 672 Seiten Umfang und bestem Fotodruck kostet die schwergewichtige Ausgabe in Taschens Bibliotheca Universalis. Eine schöne Komplementärlektüre dazu ist Luc Santes „The Other Paris. An Illustrated Journey Through a City’s Poor and Bohemian Past“ (London/ New York 2015, CrimeMag-Besprechung hier.)

Eugène Atget: Paris. Eingeleitet und kommentiert von Jean Claude Gautrand. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Verlag Bendikt Taschen, Bibliotheca Universalis, Köln 2016. Hardcover, mit rund 500 Fotografien. 672 Seiten, 14,99 Euro. Verlagsinformationen.

41dzavkamsl-_sx317_bo1204203200_Doku-Soap Amerika

 (KB) Bruce Lee is back. Er heißt jetzt Nina Black und raubt in Denver Männer aus. Bis es dazu kommt, muss Nina sich jedoch durchschlagen. Sie gewinnt immer, weil sie nichts zu verlieren hat. Bis ihr Bruder stirbt und ihr ein Kind, Kate, hinterlässt, was die Alleingängerin Nina mehr verstört als ein aufgeräumtes Zimmer es je vermögen würde. Mit Kate stolpert auch Isaac in ihr Leben, ein alter Kindheitsfreund, verkappter Schauspieler, verkleideter Gorilla, Fruchtzwerg, Dalmatiner unzähliger dämlicher Werbespots, der zu allem Überfluss noch Kates Ersatzvater spielt.

„Fight Girl“ nimmt klassische Motive auf: Heldenreise, Starwars, Schwarz gegen Weiß. Fehlt nur noch Obi-Wan. Auch er tritt auf. Gefärbtes Haar, Kriegsveteran, ein alter Meister, dessen schlechter Atem allein töten kann. Ein Spannungsfeld, das der Sagrotan- und Steroidfreak Cage noch weiter auflädt, weil Nina ihm in einem Kampf einst seine Marke stahl. Nicht zu verwinden für den zwielichtigen Polizisten und Egoshooter namens Cage. Aber was ist Liebe, was ist Hass? Und so kommt es, wie es kommen muss: Ein Kampf auf Leben und Tod wird die Entscheidung bringen.

Erika Krouse beschreibt eine Art Kammerspiel, das mit Minimalbesetzung glänzt. In den spannendsten Momenten wird gekämpft bis die rote Suppe spritzt — asiatische Kampfweisheiten leiten jedes Kapitel ein —, in den schwächeren passiert schlicht und ergreifend nichts. Da wird beschrieben, bis es nichts mehr zu beschreiben gibt. Das aber überwiegend witzig, sozialkritisch und mit Blick für das Wahre, Echte in dieser Doku-Soap Amerika. Zerrissene Figuren auf der Suche nach jemandem, der sie zusammenhält. Tragikomisch und allzeit bereit, für etwas zu kämpfen. Ob sie wollen oder nicht. Poesie mit Pathos, ganze Wagenladungen davon. Ein feines Stück Literatur. Kein Krimi. Vielleicht ein Martial-Arts-Roman? Eine sachliche Romanze ganz bestimmt.

Erika Krouse: Fight Girl (Contenders, 2015). Deutsch von Teja Schwaner. Blumenbar, Berlin 2016. Hardcover, 302 Seiten, 20,00 Euro.

chop-patrick-millikenHighway-Stories, samt Playlist

(AM) Als Präsident Ike Eisenhower im Jahr 1956 den Federal Aid Highway Akt erließ, war das der Beginn eines die ganzen USA umspannenden Straßennetzes. Highways waren und sind alles für dieses große Land, immer schon waren sie mehr als einfach nur Straßen von A nach B. Sie sind ein Zustand. Der unlängst herausgekommene üppige Bildband „Automobile Design Graphics“ von Taschen hat das noch einmal illustriert (CM-Kritik hier).

Straßen, das war und ist die alte Wanderlust (ein ins Amerikanische übernommenes Wort), das ist der Übergang vom Pferd zum Automobil, vom Westernhelden zum Detektiv, der frei unterwegs ist – oder zu all den Figuren des Noir auf der Flucht oder beim Herumtreiben. Jim Thompsons „The Drifters“ lassen grüssen. Crime fiction in den USA, das ist das Land auf Augenhöhe, „street-level view“ heißt der entsprechende Ausdruck.

Schnelle Autos, verzweifelte Fahrer und dunkle Straßen verspricht die gerade erschienene Kurzgeschichtensammlung „The Highway Kind“, die sich ihren Titel von einem Townes Van Zandt-Album geborgt hat. Organisiert und editiert wurde sie von Patrick Millikin. Als Buchhändler beim Poisoned Pen Bookstore in Scottsdale, Arizona, ist er mit astreinem Geschmack dort für all things Hardboiled zuständig, hat bei Akashic Books den Band „Phoenix Noir“ herausgegeben. Für die dunklen Auto-Stories konnte er unter anderem Michael Connelly, George Pelecanos, C. J. Box, Diana Gabaldon, Ace Atkins, James Sallis, Joe R. Lansdale, Wallace Stroby, Sara Gran, Willy Vlautin, Luis Alberto Urrea und Ben H. Winters gewinnen.

Herzerweichend erzählt da zum Beispiel Willy Vlautin von einem Anstreicher, von einem Pontiac Le Mans und dem Erwachsenwerden eines Jungen. George Pelecanos nimmt uns mit zu nächtlichen Straßenrennen zur Zeit des Vietnamkrieges, Diana Gabaldon phantasiert sich einen realen Autobahnunfall in Nazi-Deutschland, der von Dr. Ferdinand Porsche erzählt wird. Joe R. Lansdale schickt zwei Kids während der Großen Amerikanischen Depression auf den Highway, bei Wallace Stroby kommt es zu einem nächtlichen Straßenduell zwischen einem Mob-Kurier und einem Biker, Luis Alberto Urrea steuert mit einer Rachegeschichte um den Kartellboss El Surfo ins Surreale.

Wie sich bei diesem Subjekt ziemt, sind die Geschichten schnell und gemein und dreckig, insgesamt ein großer Spaß. Patrick Millikin hat zu seinem Buch auch eine Playlist zusammengestellt. Joe Lansdale schlug dafür Woody Guthries „Car Song” als perfekte Begleitung für seine Geschichte vor. Wallace Stroby nannte Dave Alvins „Interstate City”, Gary Phillips steuerte Rihannas „Shut Up and Drive” bei. James Sallis mochte Robert Johnsons „Terraplane Blues”, für George Pelecanos gibt Robin Trowers „Daydream” die Stimmung seiner Geschichte wieder. Willy Vlautin und Patterson Hood, selbst zwei gute Musiker und Songwriter, sind mit „Stateline” und mit Mike Cooleys „Zip City” vertreten. Millikin übrigens restauriert gerade einen 1960 Cadillac Sedan Deville.

Patrick Millikin (ed): The Highway Kind: Tales of Fast Cars, Desperate Drivers, and Dark Roads. 15 Original Stories. Mulholland Books, New York 2016. Trade Paperback, 340 Seiten, 15,99 USD. Playlist.

In der Krise bröckeln die Standardschop-schmiergeld

(rum) Dreiste Immobiliendeals, gefakte Ausschreibungen, gekaufte Journalisten – die niederländische Kleinstadt Haarlem westlich von Amsterdam ist ein einziger Sumpf, zumindest in Nausicaa Marbes bösem Roman „Schmiergeld“, mit dem die 1963 in Rumänien geborene Autorin voriges Jahr die „Diamanten Kogel“ für den besten niederländischen Thriller holte. Den korrupten Machenschaften der Verwaltungsspitze kommt zufällig der Stadtarchitekt Job van Emmerik auf die Spur – und verliert prompt seinen Job.

Eine neue Arbeit ist in der sich 2008 abzeichnenden Wirtschaftskrise nicht in Sicht. Da zählt auch Jobs guter Ruf als Architekt und Stadtentwickler: nichts. Das Geld wird knapp. Die Familie muss auf einige kostspielige Gewohnheiten verzichten, weshalb Jobs Frau damit beginnt, den eigenen Hausrat zu verkaufen. Eine neue Nachbarin hilft mit großzügigen Zuwendungen aus. Job kennt sie nur zu gut. Sie ist die Tochter eines vor allem in Osteuropa aktiven Immobilienhais, der geschäftlich auch mit der Haarlemer Stadtspitze zu tun hat. Mit der Frau hatte Job ein halbes Jahr lang ein Verhältnis, das er abrupt beendete. Nun ist sie ganz in seine Nähe gezogen und  drängt sich in seine Familie.

Nausicaa Marbe, die wöchentliche Kolumnen für zwei niederländische Zeitungen schreibt, dazu  Sachbücher, und nun mit „Schmiergeld“ ihren zweiten Roman veröffentlicht hat, lässt ihren Ich-Erzähler Job innig mit seinem neuen Leben hadern, mit seinen Werten und Gewissheiten, die da allmählich bröckeln. Marbe untergräbt nach und nach dessen hohe Meinung von sich selbst, moralisch doch mindestens solide und jenen bei weitem überlegen zu sein, die da schnödem Mammons wegen ihre Integrität aufgeben. Doch dann muss er plötzlich nochmals sehr intensiv über seine Affäre nachdenken, muss staunend zusehen, wie sich seine eigene Familie nur zu gern kaufen lässt und feststellen, dass der korrupten Stadtspitze mit legalen Mitteln wohl nicht beizukommen ist.

Geschickt drängt Marbe ihre Figur immer tiefer in eine Zwickmühle aus Zweifeln und Schuldgefühlen, aus der sie sich schließlich nur noch gewaltsam befreien zu können glaubt. Das ist alles sehr fein beobachtet, schlüssig und mit Witz erzählt, wenngleich Marbe bisweilen allzu weit ausholt und eine Spur zu dick aufträgt, um dieser bürgerlichen Doppelmoral mit reichlich Sarkasmus zu Leibe zu rücken.

Nausicaa Marbe: Schmiergeld (Smeergeld, 2014). Aus dem Niederländischen von Heike Baryga. Eichborn-Verlag, Frankfurt 2016. 432 Seiten, 22 Euro.

chop-benjamin-percy-thrill-me-jpg-largeMit Percy sieht man besser

(AM) „Über meine Romane denke ich in der gleichen Art nach, wie ich mir über ein Tattoo Gedanken mache: Du musst dich damit verdammt gut und lange beschäftigen, weil das Ding dann ewig bleibt und zu dir gehört.“ Das ist nur einer der Ratschläge, die Benjamin Percy in seiner Essaysammlung „Thrill Me“ zu vergeben hat. Percy, Jahrgang 1979, zählt für mich zu den interessantesten „jungen“ Genre-Autoren der USA. Gerade, weil er „crime“ sehr weit gefasst versteht. Gerade, weil er bisher in jedem seiner Bücher unter allen Grenzpfosten weggetaucht ist, und vor allem auch, weil er ein Kind der amerikanischen Populär- und Superheldenkultur ist, von dem noch Großes zu erwarten ist. Er wuchs mit den Superhelden von Marvel und DC auf, Stephen Kings „Gunslinger“ ist das von ihm am öftesten wiedergelesene Buch. Tim Burtons „Batman“ durfte er mit Zehn nicht sehen, weil der Film erst ab 13 frei war. Die eigene Version, die er sich aus den ihm zugänglichen Bildern schuf, war besser als der Film, den er dann später endlich sehen konnte.

Seine Story-Sammlung „Jemand wird dafür bezahlen müssen“ bewies genauen Blick für die gewalthaltigen Abgründe des Alltags und verblüffte mit Falltüren der Phantastik. Sein Erstlingsroman „Wölfe der Nacht“ führte den amerikanischen Mann als Vater, Sohn und Großvater hinaus in die Wildnis und auf einen Höllentrip zu den Gründungsmythen der USA (CrimeMag-Kritik hier). Sein allegorischer Thriller „Roter Mond“ muss jetzt – mit Trump als Präsident – noch einmal gelesen werden. Denn die dort in vielen Facetten exekutierte Ausgrenzung und Überwachung von Minderheiten und die Behauptung subversiven Widerstands erweisen sich nun als nicht so weit hergeholte Prophezeiung. (Siehe meine CrimeMag-Besprechung: Eines Wolfes Fell nur traf ich im Forst: „Wir“ und „Die Anderen“ vom April 2014.)

Nicht ins Deutsche übersetzt wurde bislang sein Roman „The Dead Lands“ von 2015, in dem er die Reise von Lewis und Clark als „apocalyptic reinvention“ anlegt. Gegenwärtig ist Benjamin Percy als Comic-Autor aktiv. Er hat Batmann als Detektiv reaktiviert und schon zweimal der in der TV-Serie zum Dressman verkommenen Figur „Green Arrow“ eine tragische Tiefe gegeben, hat Weiteres im Köcher. „Thrill Me“ versammelt Essays, die teils in Magazinen und Zeitungen erschienen oder Vorlesungen beim „Tin House Summer Writer’s Workshop“ an der Pacific University in Portland, Oregon, gewesen sind. Warum er über Oregon schreibe, werde er immer wieder gefragt. Nun er sei dort aufgewachsen, habe dort Mist geschaufelt und Rinder gehütet. Gutes Schreiben habe mit Einzelheiten zu tun und mit Anschauung. „Claim your own 40 acres“, steck‘ dir dein eigenes Feld ab, empfiehlt er.

Der von Publishers Weekly unter den zehn am meisten erwarteten Essaysammlungen des Herbstes 2016 geführte Band umfasst 15 Lektionen auf 170 Seiten. Sein Autor ist alles andere als ein Schwafler. Beispiel: „What’s the key to suspense?“ – „I’ll tell you later.“ (Was ist der Schlüssel für die Spannung? – Das sage ich dir später.) „What happens next?“, das sei der Grund, warum die meisten Menschen lesen, meint er. Und er weiß um Wirkung. Auch die von Gewalt. Wie in der Dusch-Szene von „Psycho“ setze sich ein wirksames, „großes“ Schreckensbild eher aus geradezu stroboskopischen Einzelbildern zusammen, die für sich alleine relativ harmlos wären bzw. nur kurz aufflackern, in der Gesamtwirkung aber tief in die Psyche fahren. Wie einen Tumor trage man solch einen von außen angeregten und in sich selbst erst zusammengesetzten, also „selbst erfundenen“ Schrecken dann in sich. „We invent the violence, and in doing so, the story becomes our own and we carry it with us like a red-veined tumor.“

Benjamin Percy: Thrill Me. Essays on Fiction. Graywolf Press, Minneapolis 2016. Trade Paperback, 160 Seiten, 16,00 USD.
Informationen zum Buch und Webseite des Autors.

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