Posted On 15. Juni 2017 By In Bücher, Crimemag With 313 Views

Bloody Chops Juni 2017

bloody chops 

Bücher, kurz serviert

Kurzbesprechungen von fiction und non fiction. Zerteilt und serviert von: Joachim Feldmann (JF), Alf Mayer (AM), Marcus Müntefering (MM), Thomas Wörtche (TW).

Über: Paul Auster, Ezekiel Boone, Rafael Buschmann/Michael Wulzinger, Lee Child, Marina Heib, Sophie Hénaff, Stephen Hunter, Marcello Quintanilha, Werner Sonne, Mats Strandberg, Franz Josef Voll.

51zoWNK1IfL._SX312_BO1,204,203,200_Witzig, knapp, toxisch

(TW) Souverän mit der Leichtigkeit, die ja ein gewichtiges Qualitätskriterium sein kann, geht Sophie Hénaff in ihrem Erstling Kommando Abstellgleis um:  Auf den ersten Blick erinnert ihre Konstellation an die Genie-Truppe in Fred Vargas´ Adamsberg-Romanen. Wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. Bei Hénnaff bekommt die wegen unverhältnismäßiger Gewaltausübung kaltgestellte Kommissarin Anne Capestan eine fragwürdige, zweite Chance. Sie soll ein Kommissariat leiten, dass nichts anderes ist als eine „Bad Bank“ für gescheiterte Polizisten: Soziopathen, Spieler, Trinker, Versager, Nervensägen, Trottel und andere „unzuverlässige Element“. (Nicht vergessen an der Stelle: Dirk Schmidt hatte das Prinzip vor ein paar Jahren mit seiner Katastrophen-Truppe in „Ertränkt, erhängt, erschossen – Task Force Hamm“ für deutsche Verhältnisse durchdekliniert.) 

Hénaffs Leute sollen sich um aussichtslose kalte Fälle kümmern, die niemanden mehr interessieren, und sich ansonsten aus seriöser Polizeiarbeit heraushalten.  Aber Capestan ist ein zähes Luder und schweißt ihre Chaos-Truppe gegen alle Wahrscheinlichkeit und zum Entsetzen ihrer Vorgesetzten, zu einem sehr effektiven Kollektiv zusammen. Die zwei alten Fälle, die sich anscheinend zufällig auf ihrer „To-Do-Liste“ finden, bergen allerdings eine Menge Sprengstoff, gerade für die Hierarchen der Pariser Polizei. 

Was bei Fred Vargas literarisch zum Gähnen überhöht und zunehmend maniriert ist, funktioniert bei Hénaff einfacher, witziger, knapper, toxischer, eher auf den Punkt geschrieben, ohne deswegen unterkomplex zu sein. Sehr erfreulich, dass die schräge Loser-Brigade demnächst ihren zweiten Auftritt haben wird.

Sophie Hénaff. Kommando Abstellgleis. Roman. Übers.: Katrin Segerer. carl’s books, München 2017. 352 Seiten, 14,99 Euro.

51WZBlpQn2L._SX324_BO1,204,203,200_Grell und schnell

(JF) Kennen Sie die wahre Geschichte, von der Frau, die während des Urlaubs in einem tropischen Land von einer Spinne in die Wange gestochen wird? Als sie längst zuhause ist, ist aus der Wunde bereits eine beträchtliche Beule geworden. Als sie diese zufällig beim morgendlichen Kämmen mit einem der Zinken streift, platzt sie auf und jede Menge kleiner Spinnen krabbeln heraus. Der Anblick im Badezimmerspiegel lässt die Frau den Verstand verlieren. Sie muss in die Psychiatrie eingeliefert werden, und da sitzt sie noch heute.

Wer diese kleine Horrorstory aus dem reichhaltigen Fundus der urbanen Legenden so faszinierend findet, dass er sie gerne in Romanform zu sich nehmen möchte, ist mit dem Öko-Thriller „Die Brut“ bestens bedient. Auf dem Spiel steht allerdings nicht nur die seelische Gesundheit einer einzelnen Person, sondern das Schicksal der Menschheit. Der Schrecken muss global sein, sonst würde sich der narrative Aufwand, mit dem der unter dem Pseudonym Ezekiel Boone schreibende Autor seine Gruselfantasie in Szene setzt, nicht lohnen. Boone versteht sein Handwerk. Schließlich ist es kein Kinderspiel, trotz eines recht ökonomischen Erzählstils 400 Seiten effektiv zu füllen. Und eine Fortsetzung ist auch schon in Sicht.

„Die Brut“ ist zeitgenössische Pulp Fiction at its best: grell und schnell. Also exakt die Sorte Roman, bei der die Frage „Wieso die Aufregung?“ (S. 108) garantiert rhetorischer Natur ist und die Antwort „Er meint, es war vielleicht was Biologisches“ (S. 109) den größtmöglichen Schrecken andeutet. Viel Vergnügen.

Ezekiel Boone: Die Brut. Sie sind da. Thriller. Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt.  Fischer Verlag, Frankfurt 2017. 399 Seiten, 9,99 Euro.

51j3tdixCBL._SX337_BO1,204,203,200_Welt retten!

(TW) Ein eher erstaunliches Buch kommt von dem ARD-Urgestein Werner Sonne – der Politthriller Wer den Sturm sät. Die Russen lassen auf Sylt die Chefin einer Waffenfabrik umbringen, ein russisches U-Boot fährt sich vor der Insel fest und kann sich nicht mehr rühren. Im Luftraum über der Ostsee knallen ein Eurofighter und ein russischer Bomber zusammen, in der Ukraine soll eine neue Phase des Krim-Konfliktes eingeleitet werden, die NATO zeigt Muskeln, die Russen erst recht, und Cyber-Attacken legen u.a. die amerikanische Finanzwelt lahm.

Es riecht nach globaler Eskalation. Gut aber, dass es die stockschlaue deutsche Kanzlerin gibt und den genauso stockschlauen deutschen Außenminister, der hier allerdings noch deutlich eher Steinmeier´sche als Gabriel´sche Züge trägt. Denn die tüfteln eine Deeskalations-Strategie aus, die ziemlich genial ist und unsere Welt vielleicht vor dem Untergang bewahrt. Das hört sich ziemlich regierungsfromm an und ist es möglicherweise auch. Aber Sonnes Extrapolation hat durchaus etwas Plausibel-Realistisches. So könnte ein solches Szenario tatsächlich ablaufen, inklusive der realpolitischen Zynismen, die der Kanzlerin ein anerkennendes Lächeln abringen.

Sonne verzichtet auf Überzeichnung und cheap thrills, kennt natürlich die Abläufe, das diplomatische Prozedere und die internationalen Kommunikationswege und all das stützt die Realitätsfiktion sehr effektvoll. Schwach ist das Buch lediglich da, wo Sonne zu den anscheinend unvermeidlichen Format-Bausteinen greift (unbedeutende Nebenfiguren mal schnell aufbauen, dann wieder fallenlassen, wenn sie ihren Veranschaulichungszweck erfüllt haben, sinnlose „private“ Handlungspartikel etc.), die mit Literatur wenig zu tun haben, und ohne Not auf die längst etablierten literarischen Niveau-Standards der Ross Thomas, Robert Littell u.a. verzichten, aber das macht beinahe fast gar nichts. Das schmale, schnelle Büchlein ist ziemlich klug und ziemlich amüsant, empfehlenswerte Strandkorblektüre.

Werner Sonne. Wer Sturm sät. Roman. Edition M, München 2017. 268 Seiten, 9,99 Euro

51ETRZwsd0L._SX354_BO1,204,203,200_Gefangene ihrer Vergangenheit

(MM) Am Strand ist die Welt noch in Ordnung? Pustekuchen! Jedenfalls nicht hier, an der Küste von Salvador de Bahia, der drittgrößten Stadt Brasiliens. Die Geschichte, die Marcello Quintanilha in seiner Graphic Novel „Tungstênio“ innerhalb weniger Stunden rasant eskalieren lässt, beginnt bereits mit einem Knall: Zwei junge Männer benutzen beim Fischen nicht Angel oder Netz, sondern Dynamit. Das ist nicht nur dumm und gefährlich, sondern erregt auch den Zorn eines ausgemusterten Soldaten, der in der Nähe abhängt. Der zwingt einen Kleindealer dazu, einen Haudrauf-Drogencop, der gerade in der Nähe ist, zum Eingreifen zu überreden. Es kommt zu einer mörderisch brutalen Auseinandersetzung mit den Dynamit-Boys – und am gesamten Strand beginnt die Situation sich aufzuheizen.

Parallel zum Geschehen am Strand erzählt Quintanilha von der Frau des Cops, die sich eigentlich aus ihrer gewalttätigen Ehe befreien will, aber es auch dieses Mal nicht schaffen wird. Am Ende von „Tungstênio“ wird viel passiert sein, aber sich nichts wirklich geändert haben. Die Figuren sind Gefangene ihrer Vergangenheit, die in Flashback erzählt wird, unfähig aus ihrem Leben auszubrechen und verdammt dazu, immer dieselben Handlungsmuster zu reproduzieren.

Quintanilha, ein in Barcelona lebender Brasilianer, ist eine Neuentdeckung auf dem deutschen Markt. Er erzählt seine kleine Geschichte mit großem Gespür für die Charaktere, aber ohne zu psychologisieren, sehr filmisch, mit einfachem Strich und viel Sinn für Perspektive. Das karge Schwarzweiß allerdings ist eine Enttäuschung, nachdem das Cover Lust auf Meer und Himmel und Sonne gemacht hat. Aber, wie gesagt, auch am Sehnsuchtsort Strand ist die Welt längst aus den Fugen geraten.

Marcello Quintanilha: Tungstênio. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Lea Hübner. Avant-Verlag, Berlin 2017. 186 S., 24,95 Euro. 

41OArptgPPL._SX324_BO1,204,203,200_Sohlenverwandte und andere Juwelen

(AM) „Ich hob fargessen!“, so beginnt der Einwanderer Isaac Reznikoff, der sich den Namen Rockefeller nicht merken kann, sein neues Leben in Amerika als Ichabod Ferguson. Seinem (ebenso wie Paul Auster) 1947 geborenen Enkel Archibald Isaac folgen wir durch Kindheit und Jugend, dies in vier Varianten.

Was für eine interessante Geschichte, dachte Ferguson: sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe. Derselbe Junge in einem anderen Haus mit einem anderen Baum. Derselbe Junge mit anderen Eltern. Derselbe Junge mit denselben Eltern, die aber nicht dieselben Dinge täten wie sie jetzt. … Was, wenn seine Mutter eine berühmte Filmschauspielerin wäre… was, wenn er einen Bruder oder eine Schwester hätte?… Was, wenn er von demselben Baum gefallen wäre und sich nicht ein, sondern beide Beine gebrochen hätte?… Ja, es war alles möglich, und nur weil etwas auf eine bestimmte Weise geschah, hieß das noch lange nicht, dass es nicht auch auf eine andere Weise geschehen könnte. Alles könnte anders sein. Die Welt könnte dieselbe Welt sein … und doch wäre sie eine andere für ihn“, heißt es auf Seite 86 nach einem Sturz von einem Baum, der so etwas wie der Eintritt in eine komplexe Erzählwelt ist. Das Buch macht daraus ein Prinzip und insgesamt eine schöne, manchmal ziemlich wilde Lektüre.

Ja, es ist ein wahnsinnsdickes Buch. 1259 in der deutschen Übersetzung, 866 Seiten in der US-Originalausgabe. Ja, die Kapitel sind lang, ebenso viele Sätze. Es gibt seitenweise Fließtext ohne Absatz, erst auf Seite 309 (US-Ausgabe: 208) kommt der erste Dialog. Auster erzählt lieber auktorial, Anleihen und Referenzen zu Tolstoi sind unverkennbar. „Kein postmoderner“ Roman beruhigte „Die Zeit“, Quatsch mit Soße. Auster war schon immer Post-Postmoderne, aber egal. 4 3 2 1 ist immens lesbar. (Ist übrigens bald nur 4 3 1, dann noch weniger.) 

Das Buch ist ein Solitär, es verlangt, dass man sich darauf einlässt. Vor dieser Entscheidung wird man dauernd stehen, wenn man es wirklich lesen will. Flüchtige Kritiker und Rezensenten haben hier als Standardausrede gerne den Vorwurf „geschwätzig“ parat, was natürlich nur Tarnung dafür ist, so zu tun, als könne man das Vielfache seines geistigen Eigengewichtes mal eben so in die Jackentasche stecken. Auch Norman Mailer hat man es immer übel genommen, wenn er wie in Harlot’s Ghost zu dick geworden ist. 4 3 2 1 verlangt etwas ab, aber es gibt prallviel dafür zurück.

Unter anderem die schönsten Kindheitserinnerungen an die Aneignung von Sprache, Literatur und Kultur seit Sartres Die Wörter, sehr viel Poesie und verbalen Slapstick, dazu ganze Echokammern der Kriminalliteratur. Paul Auster macht seine Leser zu Ermittlern, die Varianz und Ambivalenz der Verhältnisse ist ihm Programm. Kriminalliteratur darf man das natürlich nicht nennen, aber von der Edgar-verdächtigen New York Trilogie kommt er her (die mehr Metaebene als konkrete Stadt war, die gehört weit mehr Jerome Charyn, by the way; von Jerry Oster zu schweigen).

Die Archie Fergusons des Romans sind von Dostojewski geprägt. Schuld und Sühne war der Blitz, der in sie einschlug. Paul Auster, der oft ernster tut als seine Figuren es sein müssen, bietet eine Krimivariante, der ich so noch nie begegnet bin und die mir buchstäblich die Schuhe ausgezogen hat: Einer der jungen Fergusons schreibt eine Kurzgeschichte über zwei „Sohlenverwandte“, eine linke und eine rechte Ledersohle, die als Straßenschuhe bei einem Cop landen, unterschiedlichen Charakter und Ambitionen haben, miteinander im Streit liegen, Karriere machen und die Polizistenwelt erleben. Sehr komisch, sehr witzig und als Filmprojekt eines Ferguson-Freundes immer wieder ein Auftauchen im Roman wert. Dessen Lektüre habe ich nicht bereut. Dies ist ein Buch, das einem bleibt – wie die ganz Großen.

Paul Auster: 4 3 2 1. Roman; aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Sigelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 1264 Seiten, 29,95 Euro.

51R5YAplKUL._SX312_BO1,204,203,200_Adam und seine Artgenossen

(JF) Wer sich auf der schwedischen Ostseefähre Baltic Charisma einschifft, will eigentlich nirgendwo hin, sondern vor allem weg. Weg vom Alltag mit seinen Problemen und hinein in eine Welt des rabiaten Amüsements. Deshalb ist Mats Strandbergs Roman Die Überfahrt zumindest auf den ersten 250 Seiten ein todtrauriges Buch, das in seinen besten Momenten an Katherine Anne Porters Klassiker „Das Narrenschiff“ (Ship of Fools, 1962) erinnert.

Doch weil wir es mit einem Horror-Thriller zu tun haben, kommt schon bald ein Schiff namens Demeter in den Sinn, das irgendwann gegen Ende des 19. Jahrhunderts beladen mit einer seltsamen Fracht, aber ohne Crew in den Hafen von Whitby in Yorkshire einläuft. Und während wir uns an Bram Stokers Gruselepos erinnern, verhalten sich die „beiden dunklen Gestalten“, von denen bereits der Klappentext berichtet, unauffällig. Erst auf Seite 89 schlägt der erste Vampir zu. Adam heißt er und er steckt seit über 100 Jahren im Körper eines kleinen Jungen. Das erzählt er zumindest einem abgehalfterten Schlagersänger, der sich nach Bisskontakt selbst in einen Blutsauger verwandelt hat. Denn wie zu Draculas Zeiten erwachen die Opfer rasch zu neuem Leben und gehen selbst auf Nahrungssuche.

Doch das ist eine der wenigen Gemeinsamkeiten: Gegen Vampire wie Adam helfen weder Kreuze noch Knoblauch. Auch das Sonnenlicht brauchen sie nicht zu fürchten. Problematischer ist es um den eigentlichen Daseinszweck der Spezies bestellt. „Man hat uns eingeprägt, vorsichtig zu sein, da es bald keine Menschen mehr auf der Erde geben würde, wenn wir uns weiter ausbreiteten“, erklärt Adam seinem neuen Kumpan. Und dann hätten sie nichts mehr zu essen. Doch solche Argumentation verfängt bei einem wahren Hedonisten nicht. Wer so richtig Spaß haben will, darf sich an vermeintlichen Grenzen des Wachstums nicht stören, zumal es „nur eine Frage der Zeit“ sei, bis sie sich die Menschen „selbst ausrotten und diesen Planeten zerstören“ würden. Das hört der ehemalige Schlagerstar gerne, und schon bald geht er gemeinsam mit Adam auf die Jagd.

Zu diesem Zeitpunkt befinden wir uns ungefähr in der Mitte des voluminösen Romans. Was folgt, sind 250 Seiten Gemetzel. Denn während der Graf aus Transsylvanien, wie ihn uns beispielsweise ein Christopher Lee nahe gebracht hat, nur zwei winzige Wundmale am Hals hinterließ, beißen Adam und seine Artgenossen richtig zu. Und sie schmatzen. Das ist nicht sehr appetitlich, aber auch nicht besonders schaurig und dürfte selbst Freunde des literarischen Splatters eher langweilen. Was schade ist, denn Mats Strandberg betreibt einen beträchtlichen erzählerischen Aufwand, um seinen mageren Plot auf Touren zu bringen. Vielleicht hätte er einfach auf die Vampire verzichten sollen – als bittere Gesellschaftssatire ist Die Überfahrt so übel nicht.

Mats Strandberg: Die Überfahrt (Färjan, 2015).  Aus dem Schwedischen von Antje Rieck-Blankenburg.  Fischer Verlag, Frankfurt 2017. 506 Seiten, 14,99 Euro.

513yYSm6PKL._SX308_BO1,204,203,200_„Werde Stahl oder du wirst geschnitten“

(AM) Im hartgesottenen Festa-Verlag scheint der seit Jahren verfemte Stephen Hunter eine neue Heimat gefunden zu haben. Inzwischen gibt es dort eine Handvoll seiner Thriller, seit kurzem auch seinen (die endgültige Aufklärung des Kennedy-Mordes in The Third Bullet beiseite) riskantesten Roman. The 47th Samurai aus dem Jahr 2007 kombiniert den elaborierten Ehrenkodex der Hunter-Protagonisten mit dem der japanischen Krieger. Aus einer Verpflichtung der Väter, Gegner auf der Insel Iwo Jima, wird ein Rachefeldzug Bob Lee Swaggers (fast) alleine gegen die Yakuza und einen schwertschwingenden Bösewicht.

Leonard Schraders Der Yakuza von 1974, Vorlage für den großartigen Film mit dem stoischen Robert Mitchum, ist da noch die kleinste Hürde, die Hunter sich selbst auf den Parcours legt. Dieser Blei & Schwert-Thriller ist eine kundige, warmherzige Hommage an all die Samurai-Filme, aber auch eine Abrechnung mit der oberflächlich-westlichen Sicht auf die Samurai-Kultur – am hassenswertesten für Hunter ist das Tom-Cruise-Vehikel The Last Samuarai, für ihn ein zu den Wilden von Japan verlagerter  Der mit dem Wolf tanzt.

Zur Vorbereitung sah Hunter sich manchmal zwei Samuarai-Filme pro Nacht an, die Widmungsseite des Buches umfasst an die 50 Namen von Darstellern und Regisseuren. Was Hunter hier versucht, ist nichts weniger als die Wiederbelebung des Mythos der 47 Ronin – „eine der coolsten Rachegeschichten, die ich kenne“. Im Jahr 1701 brachten sich diese 47 Samurai in einer gemeinsamen Zeremonie um, nachdem ihr Herr gefallen war. Eine Soldatenlegende auf Ewigkeit.

Obwohl ein furioser Action-Roman, gibt es im 47. Samuarai viele ruhige Momente, in denen es um das Konzept von Ehre, Würde, Verpflichtung, Rache und Tod geht. Die Unterschiede der japanischen und amerikanisch-westlichen Kultur werden auf oft verblüffend lakonische Weise herausgearbeitet. Alles steuert auf einen ungeheuerlichen Schwertkampf zu, den Swagger unmöglich gewinnen kann, dem er sich aber dennoch nach viel zu kurzem Training stellt. „Dies sind die einzigen Wahlmöglichkeiten“, sagt sein Sensei: „Stahl schneidet Fleisch/ Stahl schneidet Knochen/ Stahl schneidet keinen Stahl. Werde Stahl oder du wirst geschnitten, das ist die Welt, die du betrittst.“

Mit wirklich höchstem Körpereinsatz – ein Einfall, für den es einen Extra-Preis geben müsste – entscheidet Swagger den ungleichen Kampf für sich. Daniel Woodrell war von Hunters Samurai-Roman derart begeistert, dass er eine Eloge schrieb. Er sieht Bob Lee Swagger als „eine heroische Figur, die sich auch im Kampf neben Beowulf oder im Dienste König Arthurs wohlfühlen würde. Er ist immer noch bei uns, narbenübersät, missbraucht von Politikern und Regierungen, aber auf ewig einer stolzen Haltung gegenüber Pflicht und ihrer Erfüllung verpflichtet.

Er ist ein Samurai und stammt von einer langen Linie von Kriegern ab. Solche Figuren sind nicht wie du und ich, normale Leute, die noch nie ehrenwerte Feinde im Kampf besiegt, ihre klaffenden Wunden ohne jedes Wimmern mit Nadel und Faden selbst genäht haben. Deshalb wollen wir über sie lesen. Hunter ist ein Meister des klassischen, vorwärtstreibenden, blutgetränkten amerikanischen Thrillers. Er schreibt die großen Geschichten jener Männer, die alleine auf sich gestellt, für uns alle hingehen und den Drachen töten müssen.“

Stephen Hunter: Der 47. Samurai (The 47th Samurai, 2007). Übersetzt von Patrick Baumann. Festa Verlag, Leipzig 2017. 512 Seiten, 13,95 Euro.

51QA7gCmn4L._SX312_BO1,204,203,200_Milliardenkick

(TW) So, jetzt haben sie also CR7 am Wickel, tatsächlich auf Grund der von Football Leaks ans Tageslicht gekommenen Transaktionen. Die Geschichte des Whistlerblowers und seiner Football Leaks haben die beiden Spiegel-Journalisten aufgeschrieben. Wer der Mann ist, der „John“ genannt werden will, ist auch nach der etwas zähen Lektüre über ihn nicht klar, aber das ist ja auch nicht wirklich spannend, genauso wenig wie die journalistischen Abläufe vor der Veröffentlich des Materials. Aber ein Sachbuch braucht ja einen narrativen Haken, also ist das schon okay.

Interessanter sind dann schon die Zahlen und Summen, die in der Fußball-Branche verschoben und möglichst an der Steuer vorbei bewegt werden. Milliarden und Abermilliarden, natürlich, was den aktuellen Deal der UEFA mit dem Bezahlfernsehen mehr als verständlich macht. Und natürlich fallen auch Namen, Promis zuhauf – CR7 allen voran, aber auch Schätzchen wie Messi, Carlos Tevez und so weiter. Auch deutsche Clubs sind mittenmang, der HSV, Hoffenheim, Eintracht Frankfurt und nur am Rande der FC Bayern (was den Fan natürlich freut, ihn aber nicht von Unschuldsvermutungen träumen lässt).

Dass bei solchen Geldmengen ein Amalgam aus Banken, dem Organisierten Verbrechen, großen Steuervermeidungsfirmen, gierigen Anwälten, schleimigen „Spielerberatern“, der interessierte Werbe- und Rechteverwertungsindustrie, der Vereine und der Verbände mitmischen, kann niemand auch nur im geringsten erstaunen. Im Grunde belegt das Buch nur, was evident ist. Dass es das tut, ist gut und wichtig.

Aber das bei weitaus Interessanteste dabei ist – und dafür haben die beiden Journalisten und auch der Whistleblower durchaus ein Bewusstsein -, dass wir das alles stirnrunzelnd zur Kenntnis nehmen, es uns aber letztendlich einen feuchten Kehricht interessiert. Wir wollen das nicht wissen, wir wollen Fußball glotzen. Jaja, Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Der Bonapartist in mir würde ja sagen, dann setzen wir die Aufklärung halt mit den Spitzen der Bajonette durch, aber dazu hab ich vermutlich keine Zeit, weil gerade Fußball läuft. Scheißspiel. Und trotzdem … solche investigative Arbeit muss sein.

Rafael Buschmann/Michael Wulzinger: Football Leaks. Die schmutzigen Geschäfte im Profifußball. München: DVA 2017, 287 Seiten, € 16,99

Schweinebande von Franz Josef VollGigantische Illusion

(AM) Wie der Sport hat auch unsere Agrar- und Nahrungsmittelindustrie ihre grusligen und/ oder empörenden Seiten, die man als Konsument lieber erst gar nicht zur Kenntnis nimmt. Die deutschen Einbauküchen sind die teuersten und luxuriösesten Europas, aber in Sachen Lebensmittelpreise ist Geiz besonders geil, sind wir Niedrigpreiszone Nummer Eins. Wer bei den angeblich so faden Engländern in den Supermarkt geht, wird staunen über die Vielfalt und Qualität bei Gemüsen und Obst. Tatsächlich ist es so, dass die besten Erzeugnisse der spanischen Obst- und Gemüseanbauer eher nach Großbritannien als nach Deutschland gehen. Gewisse Güteklassen bekommen wir Heinis gar nicht erst zu sehen, weil es sowieso Perlen vor die Säue wäre.

Das bringt uns zum Fleisch, wo die Preise seit 40 Jahren nicht gestiegen, sondern eher sogar gefallen sind. Inflationsraten und normale Preissteigerungen inbegriffen. Wie kann das sein? Ein Kilo Roulade bei Karstadt kostete 1978 als „Sonderangebot“ 14,99 DM, heute sind es sieben Euro. Ein Kilo Kotelett müsste – zieht man die Entwicklung sonstiger Verbraucherpreise heran – heute 35 Euro kosten, stattdessen sind es zwischen 2,99 und 3,99 Euro. 600 Gramm mariniertes Nackensteak bei Aldi für 1,99 Euro lösten vor kurzem immerhin Protest und Debatte aus.

Aber ich hörte genügend Radiosendungen, in denen beruhigt wurde, dass die Qualität des Billigfleisches  ganz sicher in Ordnung sei. Für solche Reporter – aber längst nicht nur für die, sondern für jeden Verbraucher – müsste Schweinebande. Der Fleischreport von Franz Josef Voll zur Pflichtlektüre werden. Der gelernte Metzger und spätere Lebensmittelkontrolleur kennt die Branche aus allen Blickwinkeln.

Seine Abrechnung ist vernichtend. Bereits in seiner Lehre lernte er: „Es gibt kein schlechtes Fleisch, es gibt nur Fleisch, das verarbeitet werden muss.“ Zum Beispiel mariniert (sic), mit Gewürzen versetzt oder durch den Wolf gedreht und zur Wurst gemacht. Billige Fasern, künstliche Stabilisatoren, Emulgatoren oder minderwertiges „Separatorenfleisch“ machen echtes Fleisch in der „Wurst des 21. Jahrhunderts“ fast überflüssig – und die Industrie verdient Milliarden. Zitat: „Wir haben es geschafft, aus Schrott tatsächlich Gold zu machen, indem wir ein gigantisches Illusionstheater aufgezogen haben. Was wir produzieren und verkaufen, sind Erzeugnisse aus dem Labor, sind Imitate wie gefälschte Armani-Handtaschen oder nachgemachte Rolex-Uhren – sie haben mit Lebensmitteln im Allgemeinen und Wurst im Besonderen nichts mehr zu tun.“

Immerhin gilt in der fleischverarbeitenden Industrie ja doch inzwischen der Mindestlohn. Haha!, lachen sie sich da schepp. Der lässt sich noch leichter umgehen als in der Bauwirtschaft oder sonstwo. Meine Reportage über die Arbeitsbedingungen in der Fleischmafia („Ein Stück Sklavenkraft“) von 2014 ist keineswegs veraltet. Wohl bekomms.

Franz Josef Voll, Leo G. Linder: Schweinebande! Der Fleischreport – Ein Metzgermeister über die Praktiken seiner Zunft. Verlag Ludwig, München 2017. Paperback, Klappenbroschur, 288 Seiten, 16,99 Euro.

510f0zRFMvL._SX329_BO1,204,203,200_Nicht nur für Fussfetischisten

(AM) Wieder sind es elf Paarungen – wie schon im Vorgängerbuch Faceoff, das David Baldacci editiert hatte. Jack Reacher war darin Joseph Finders Ermittler Nick Heller in Boston begegnet, für Matchup hat Lee Child nun die Herausgeberrolle übernommen und er arbeitet mit einem Twist: „The Battle of the Sexes Just Got Thrilling!“

Elf Thrillerautorinnen messen ihre Kräfte mit elf Thrillerautoren, da stieben die Funken. So treffen etwa Joe Pickett und Lee Coburn aufeinander, die Charaktere von C.J. Box und Sandra Brown. Lee Childs Jack Reacher bekommt es mit Temperance Brennan von Kathy Reichs zu tun, alleine schon die stilistischen Unterschiede der beiden Autoren sind hier bemerkenswert. Kathy Reichs übrigens gewinnt klar in der Kategorie staubtrocken.

Val McDermid schickt Tony Hill zu Roy Grace von Peter Robinson, das ergibt eine wilde Geschichte über Fußfetischismus. Gayle Lynds und David Morell schreiben mit „Rambo on their minds“ die Outcast-Saga ebenso wie den Spionageroman weiter. Lisa Jackson bringt Regan Pescoli mit John Sandfords Virgil Flowers zusammen, J.A. Jance wagt mit Eric Van Lustbader ein Tänzchen. Die neue Anthologie der International Thriller Writers hat einen hohen Spaßfaktor, wenn man Kurzgeschichten und ungewöhnliche Paarungen mag.

Lee Child & International Thriller Writers (ed): Matchup. The Battle of the Sexes Just Got Thrilling! Simon & Schuster, New York 2017. 464 pages, $ 27,00.

51GxOjEaCSL._SX311_BO1,204,203,200_Reißbrettkrimi

(TW) Was sich erstmal gut anlässt und vielversprechend beginnt, stürzt dann leider ab: In Marina Heibs neuem Roman Drei Meter unter Null gibt es die eine oder andere Passage, die ihr schriftstellerisches Können aufblitzen lässt, besonders ein kleines Stück über Berlin, direkt bezogen auf Gottfried Benns „Morgue“- Gedichte, aber ansonsten ist die Geschichte einer Frau, die einer böse Kindheit hatte (Frauen in Kellern, das hat man jetzt gerne) und sich zur mörderischen Rächerin entwickelt, zwar zunächst flott zu lesen, wird dann zunehmend angestrengt fake-expressionistisch, aber ansonsten ziemlich durchkalkuliert, cool und knallhart tuend, auf dem Reißbrett entworfen und zum Ende nix als Schluchz und Kitsch, voraussehbar und aufgesetzt. Ein Buch, dem man ab einem bestimmten Zeitpunkt einfach nichts mehr glaubt. What a waste …

Marina Heib. Drei Meter unter Null. Roman. Heyne Verlag, München 2017. 256 Seiten, 19,99 Euro.

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