Geschrieben am 21. November 2012 von für Musikmag

Stagetime: Joe Jackson im Admiralspalast, Berlin

Joe Jackson, Foto: Stuart Mentiply

Das große Besteck

– Die meisten der in den späten 70ern und frühen 80ern groß gewordenen Punk- oder New Wave-Künstler waren Autodidakten mit großer Innovationskraft und Kreativität aber weniger mit musikalischem Handwerkszeug ausgestattet. Eine Ausnahme stellte da, neben Elvis Costello, ein meist wie ein übelgelaunter, rothaariger, sommergesprosster, englischer Rotzlöffel aussehender und sich auf der Bühne auch so gebärdender junger Mann aus Portsmouth dar. Der klassisch ausgebildete Musiker hieß Joe Jackson und war eine der interessantesten und vielseitigsten Erscheinungen aus dieser Zeit in England. Der gab am 6. November ein Konzert im Berliner Admiralspalast, und Wolfgang Buchholz war dabei.

Nach zwei im Punk verwurzelten Alben „Look Sharp“ und „I’m The Man“ wendete er sich mit der dritten Platte dem Ska und mit Album Nummer vier dem Swing zu. In der ersten Hälfte der 80er veröffentlichte Jackson dann mit „Night And day“, „Body And Soul“ sowie „Big World“ seine „drei großen Alben“. Unvergessen, zumindest für mich, sein Auftritt bei der WDR-Rocknacht 1983 in Essen, der gerade auf DVD erschienen ist.

In den 90er-Jahren wirkte Jackson dann etwas überambitioniert mit Ausflügen in die Klassik und war quasi von der Bildfläche verschwunden. In den letzten zehn Jahren hat er zunächst die alte Joe Jackson Band der ersten beiden Alben für eine Platte und Tournee reformiert. Ansonsten tourt er regelmäßig in einer Dreierbesetzung, d. h. Jackson am Piano und seinen alten Buddies Graham Maby am Bass und Dave Houghton am Schlagzeug, und hat in dieser Konstellation 2008 das gelungene Album „Rain“ veröffentlicht.

In diesem Jahr hat er nun das Großprojekt „Duke“ abgeschlossen, an dem er schon einige Zeit arbeitete: eine Platte mit Duke-Ellington-Songs in speziellen Joe-Jackson-Versionen mit einer illustren Heerschar an Gastmusikern. Mich hat diese Platte nicht völlig überzeugt – zwar nicht gänzlich uninteressant, aber irgendwie nicht aus einem Guss. Handwerklich mit Sicherheit bemerkenswert, mir fehlt aber etwas die Seele in der Musik.

Trotzdem verpasse ich nicht das Konzert mit Joe Jackson and the Bigger Band in Berlin im Admiralspalast. Die Bigger Band besteht aus sechs Musikern, die neben dem üblichen Begleitinstrumentarium noch Geige, Cello, Tuba, Banjo oder Akkordeon beisteuern. Der Admiralspalast ist ein mondänes Theater mit einer passenden Ausstrahlung für ein Joe-Jackson-Konzert. Ich sitze im ersten Rang, und kurz vor 20 Uhr kündigen stilecht Gongschläge den nahenden Beginn der Veranstaltung an.

Lights out, und Joe Jackson eröffnet solo mit „It Don’t Mean A Thing (If It Ain’t Got That Swing)” vom neuen Album. Der Klassiker “It’s Different For Girls” folgt in Bandbesetzung, die aus vier jungen Männern sowie Regina Carter an der Geige und Sue Hadjopoulos an den Percussions besteht. Das Konzert besteht aus großen Teilen des Duke-Albums, z. T. in Medleys dargeboten, und einem Querschnitt durch alle Phasen des Schaffens von Joe Jackson.

Die Rolle der auf Duke vertretenen Gastsängerinnen wird bemerkenswert passend von Keyboarder Allison Cornell wahrgenommen. Insgesamt haben die Duke-Songs live deutlich mehr Verve als auf der manchmal etwas steril klingenden Platte. Die Band harmoniert prächtig, setzt ein Sammelsurium an Instrumenten ein und auch Joe Jackson ist locker drauf, parliert mit dem Publikum und hat sichtlich Spaß – das hat man in der Vergangenheit auch schon anders erlebt.

Die Interpretationen des eigenen Materials weichen z. T. von den bekannten Versionen ab, beispielsweise „Is She Really Going Out With Him?“, gespielt auf der Tuba. Wirklich überbordende Stimmung bei Musikern und Publikum kommt am Ende des Konzertes bei drei Liedern vom „Night And Day“-Album auf. „Another World“, „Target“ und „Steppin‘ Out“ werden in einem wahren Rhythmus-Feuerwerk dargeboten. Dann noch die Band-Version vom Eröffnungsstück, dem besten Stück der Duke-Platte.

Der Zugaben-Block endet wie fast immer bei Jackson-Konzerten mit „A Slow Song“, wonach ein sichtlich ergriffener Joe Jackson von der Bühne stakst. Natürlich ist Jackson nicht mehr der angry young man der frühen Tage, eher ein Herr im gesetzten Alter. Das Feuer ist aber immer noch zu spüren, auch in einem Theater wie dem Admiralspalast in Berlin.

Wolfgang Buchholz

Zur Joe Jackson-Website, zum umfangreichen Joe Jackson-Archiv.

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