Posted On 5. März 2014 By In Musikmag With 377 Views

Soundcollage: Neue Feldaufnahmen

Das Label Gruenrekorder ist bekannt für seine Liebe zu Feldaufnahmen und Soundscapes. Eine Auswahl der neuesten Veröffentlichungen hat Tina Manske gesichtet.

CD HŸlle Waxcylinder Final.inddLange vergangen

Merzouga, das sind Eva Pöpplein und Janko Hanushevsky. Im Herbst 2012 traten die beiden in der Alten Feuerwache in Köln auf und präsentierten ihre Kompositionen, die sie mit Hilfe von alten phonografischen Aufnahmen aus dem Berlinischen Archiv des Ethologischen Museums versahen. Die Veranstaltung ist nun als CD erschienen, und es ist sehr interessant sich vor allem in die uralten Aufnahmen zu vertiefen, die hier zu hören sind, umrahmt von spärlichen Spielereien mit elektronischen Instrumenten und Bass.

Zu verdanken haben wir diese archivarischen Schätze einem gewissen Erich Moritz von Hornbostel, einem Musikologen in Diensten des preußischen Staates und Mitbegründer der vergleichen Musikwissenschaften, der sich – weil er selber aus gesundheitlichen Gründen nicht reisen konnte – um 1900 herum phonografische Aufnahmen in Wachszylindern aus aller Herren Länder schicken ließ. Er war sozusagen der Projektleiter eines der größten Field-recording-Projektes aller Zeiten, und so landeten etwa 16.000 verschiedene Aufnahmen auf seinem Schreibtisch. Pöpplein und Hanushevsky, selbst erfahrene Sound-Rekorder (siehe z. B. die Veröffentlichungen „Good Morning, Rickshaw“ und „Mekong Morning Glory“) hatten die Gelegenheit, das Archiv zu sichten.

Und so kann nun auch der Hörer daheim in seinem Lehnsessel auf Weltreise gehen, nach Samoa, Südchina oder Abbessinien, und viel schöner noch: auf eine Reise in die Vorvergangenheit. „ 52°46′ North 13°29′ East“ sind übrigens die Koordinaten des Ethnologischen Museums in Berlin Dahlem.

the_hebrides_suite-gruen_127Über Geschichte

Apropos Vergangenheit: für „The Hebrides Suite“ unternahm Cathy Lane einen Ausflug auf die Äußeren Hebriden, eine Inselgruppe von mehr als 100 Inseln 40 Meilen westlich von Schottland. Aus ihren dort gewonnenen Feldaufnahmen, Interviews mit den dort lebenden Menschen und Aufnahmen aus schottischen Archiven komponiert Lane eine Mixtur, die das Verschmelzen von Vergangenheit und Gegenwart möglich macht.

„Ich wollte erfahren, ob Geschichte, vergangene Leben und vergangene Geschehnisse akustische Spuren hinterlassen“, sagt Lane. Jedes ihrer Stücke dreht sich dabei um einen bestimmten Aspekt des Insellebens, sei es die Schafzucht, die Schifferei, Religion oder der Wind. So unternimmt Lane einen interessanten Versuch, sich einer Region in 360 Grad über ihre Geschichte zu nähern.

christina_kubisch-ecki_guether-gruen_131Unmittelbar

Eine wunderbare Reise ist auch die CD „Mosaique Mosaic“ von Christina Kubisch und Eckehard Güther, auf der die beiden Künstler Feldaufnahmen aus Kamerun präsentieren. Kubisch war dort auf Einladung des Goethe-Instituts, um u. a. zusammen mit Güther einen Field-Recording-Workshop für junge einheimische Musiker durchzuführen. Die Teilnehmer führten die beiden an viele versteckte Orte, die sie für phonisch interessant hielten. Es zeigte sich, dass Kameruns akustisches Umfeld jede Menge Entdeckungen bot.

In einem Land, in dem hunderte verschiedener Sprachen gesprochen werden, ist Musik ein sehr wichtiges, wenn nicht das wichtigste Kommunikationsmittel. Die Aufnahmen führen den Hörer zu wunderbaren Chorproben, in die Werkstätten der Schmiede, in leidenschaftliche Gottesdienste, manchmal hört man auch nur das Quietschen der Verstrebungen bei der Zugfahrt übers Land oder das Gewusel und Gequatsche der Leute auf der Straße. Sehr unmittelbar.

morne_diablotins_gruen_132Vor der Entdeckung

Weiter geht’s auf der Reise, jetzt in die Karibik. „Morne Diablotins“ Rodolphe Alexis versucht die Wiederentdeckung eines Landstriches. „Wie sahen die karibischen Inseln aus, bevor Kolumbus kam?“ fragte sich Alexis – bzw. wie hörten sie sich an? Er reiste in den Nationalpark von Guadeloupe und auf die Kleinen Antillen, wo es auf den Bergen noch Reste des Urwaldes zu bestaunen gibt.

Insekten, Frösche, das Erwachen der Vögel bei Sonnenaufgang, das Rauschen des Regens auf dicken Blättern, all das kann man hier wunderbar nachhören. Der Morne Diablotins ist die höchste Erhebung der Insel Dominica und eine schöne Fundgrube für Geräusche, die es so vielleicht nicht mehr lange zu hören geben wird.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAPostmoderne Field Recordings

Und zum Schluss noch eine ganz besonders schöne Idee: in der „Series Invisible“ haben sich Christoph Korn und Lasse-Marc Riek zum zweiten Mal den Spaß gemacht, eigene Feldaufnahmen schriftlich zu kartografieren, um sie danach zu löschen und auch das Löschdatum mit in den Karteikarteneintrag hineinzuschreiben. Man liest in diesem schön schwarz gehaltenen Booklet also Dinge wie: „Location: Train Station, Record: 03.09.12, 2:15 PM, Bad Kleinen (D), Delete 03.09.12, 8:56 PM, Duration: 4’40““ (die politische Konnotation des Ortes ist beabsichtigt).

Und es funktioniert tatsächlich, man beginnt als Nichthörer, sich die Szenerie selbst im Kopf und im Gehörgang auszumalen, ebenso wie Sounds der British Library in London kurz vor Mittag oder am Grab von Franz Kafka in Prag. Postmoderner geht’s wohl nimmer.

Tina Manske

Merzouga: 52°46′ North 13°29′ East – Music for Wax-Cylinders; Cathy Lane: The Hebrides Suite; Christina Kubisch und Eckehard Güther: Mosaique Mosaic; Rodolphe Alexis: Morne Diablotins; Christoph Korn und Lasse-Marc Riek: Series Invisible – Collection 2. Alle erschienen bei Gruenrekorder (www.gruenrekorder.de).

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