Posted On 21. August 2013 By In Musikmag With 3378 Views

Interview mit Almut Klotz und Rev. Christian Dabeler

Manche Dinge sind beinah zu tragisch um wahr zu sein: Almut Klotz ist wenige Tage vor der Veröffentlichung des Albums „Lass die Lady rein“, das sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Christian „Reverend“ Dabeler aufgenommen hat, an Krebs gestorben. Dieses Interview entstand vor wenigen Wochen und ist nun ihr Abschied. Wir sind sehr traurig – und doch froh und dankbar für die tolle Musik, die Almut Klotz uns mit den Lassie Singers und ihren vielen anderen Projekten geschenkt hat.

Klotz & Dabeler_ Lass die Lady rein„Ich sag nur: Narrenfreiheit!“

Sechs Jahre nach dem Album „Menschen an sich“ und zwei gemeinsamen Büchern (bei Ventil) haben Almut Klotz und Reverend Christian Dabeler eine neue Platte aufgenommen. „Lass die Lady rein“ heißt sie und erscheint bei Staatsakt – man könnte an dieser Stelle vieles ausbreiten, zum Beispiel, dass Almut Klotz mit Christiane Rösinger die Lassie Singers gründete und später allein den Berliner Popchor; dass der Reverend auf unfassbar vielen Platten zu hören ist und außerdem in den Kultfilmen „Rollo Aller!“ (Teil I und II) die Hauptrolle spielte, etc.pp. Aber das wisst ihr ja schon alles.

Wichtig ist: „Lass die Lady rein“ bringt die Dinge, die beschissenen Dinge, um genau zu sein, wieder ins Lot. „Lass die Lady rein“ ist rau und roh, aber auch soulig. Und knallhart („Rache und Gerechtigkeit sind nicht so mein Ding“, knarzt der Reverend). Und romantisch, denn Klotz & Dabeler covern Daliah Lavi und ein besonders schönes Lied von Interzone. Und sie sind auch ein bisschen gemein, denn ihr Song namens „Welt retten“ ist viel besser als der gleichnamige Tophit. Aber am Besten hört ihr euch die Lieder selber an – hier gibt es was zu lesen, ein E-Mail-Interview mit Almut und dem Reverend:

MO: Hallo, schön, wieder von euch zu hören – was habt ihr gemacht, wo wart ihr?

Rev: Ein wenig privatisiert, einige Film- und Theatermusiken produziert, viel gesegelt, und natürlich am neuen Album gearbeitet.

Almut: Ich habe noch an einem neuen Buch angefangen zu arbeiten. Inhalt top secret. Aber wird ein sexy Blockbuster. Vielleicht.

Spiegel online feiert eure Platte ja (zu Recht!) sehr ab – freut euch das? Und was macht ihr, wenn ihr jetzt doch noch berühmt werdet?

Rev: Ich lese Kritiken natürlich und bin ehrlich gesagt immer ein wenig im Zweifel, wenn Künstler sagen, sie täten es nicht. Also, da kenne ich wirklich niemanden im Kollegenkreis. Ich freu mich in der Regel über gute Kritiken, vor allem, wenn Aspekte entdeckt werden, die mir noch nicht aufgefallen waren. Andererseits kann ich mich auch richtig schön ärgern über schlechte, die sich ja selbstredend durch Inkompetenz auszeichnen … Ich kann dann auch, zu Almuts Leidwesen, sehr ausführliche Bestrafungsphantasien entwickeln – harmlose natürlich.

Almut: Allerdings! Aber auch zu Recht, muss ich sagen. Manche Journalisten haben merkwürdige Assoziationen, und die müssen sie auch allen mitteilen. Damit muss man halt leben. Auch, dass man mit Schulnoten beurteilt wird. Was soll´s. Wer will schon Klassenbester sein. Naja, und Textexegese war ja auch schon im Deutschunterricht etwas sehr Zweifelhaftes und manchmal Abtörnendes.

Rev: Ich hab mal den amerikanischen Produzenten Micheal Wanchick nach der Textbedeutung von „It´s All Over Now Baby Blue“ gefragt. Er hat mich nett ausgelacht und meinte, dass Bob das, so gefragt, sicher auch nicht wüsste. Poesie, die ich mag, erklärt sich nicht über den Logos, eher über den Mythos, das Bildhafte, und ist daher vielleicht auch nicht soziologisch oder überhaupt akademisch zu erfassen. Das mag jemand, der seine Doktorarbeit über die Lassie Singers verfasst hat, womöglich als Unsinn abtun.

Wie hat sich die Kooperation mit Staatsakt ergeben? Sieht so aus, als ob (fast) alle relevanten hiesigen MusikerInnen bei Maurice Summen landen…

Rev: Wir haben Maurice Summen über einen gemeinsamen Freund kennengelernt. Er hat dann Stücke vom neuen Album gehört und wollte es gerne auf Staatsakt raus bringen. Fanden wir gleich toll, und die Chemie fühlt sich sehr gut an.

Almut: Ich finde es super, dass Staatsakt sich richtig kümmert, auch was Cover, Fotos usw. angeht. Da flogen dann die Mails hin und her: „Hey, was haltet ihr da und da von“, oder: „Ich hab grade was im Netz entdeckt, was mich an euch erinnert, guckt euch das mal an.“ Mit Maurice kann man auch stundenlang über egal was reden und sich totlachen, bevor man zum eigentlichen Thema kommt.

Wie habt ihr die Coverversionen ausgesucht? I die for Daliah Lavi…

Rev: Die fliegen uns immer so zu. Bei Interzone war es allerdings klar, dass wir wieder eines auf die Platte wollten – Heiner Pudelko und der Band zu Ehren. „Liebeslied“ bot sich dann besonders an, da es den Soulcharakter der Platte wunderbar manifestiert. „Oh, wann kommst Du?“ von Daliah Lavi ist eines unserer gemeinsamen Lieblingslieder. Wir haben ja keine Scheu vor alten oder mächtigen Schinken, ganz im Gegenteil. Man könnte natürlich auch nerdmäßig etwas völlig Unbekanntes wählen und so seine Fachkenntnis zur Schau stellen – aber die besitzen wir leider nicht.

Almut: Früher habe ich Covern immer heimlich verachtet und gedacht: Dieses Superstück gibt es doch schon. Warum sollte ich es nochmal aufnehmen? Ich habe den Musikern, die das machten, immer Unfähigkeit und Kalkül unterstellt. Oh Gott, was haben wir darüber gestritten! Aber Rev hat mich überzeugt: Man kann Covern auch als eine Ehrerweisung sehen, dem Lied und den Autoren gegenüber.

Seid ihr wirklich so cool wie es das Presseinfo verspricht?

Almut: Ja, natürlich.

Rev: Ja, unbedingt.

Almut: Aber hallo!

Ihr besingt die „Beschissenheit der Welt“ – was bringt euch dazu, dennoch (oder gerade) mit dem Musikmachen, Schreiben, und überhaupt weiterzumachen?

Almut: Ich glaube, die Beschissenheit der Dinge wäre noch weniger auszuhalten, wenn man sie gewähren ließe, ohne ihr etwas entgegenzusetzen.

Rev: „Die Beschissenheit der Dinge“ ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme (Film von 2010, Regisseur Felix Van Groeningen, Anm. MO). Belgien scheint seine Underdogs noch zu lieben. Ähnlich wie wir es tun. Und in heutigen Zeiten scheint es mir eine Frage des Anstandes zu sein, den Verdrängten und Verbeulten eine Stimme zu geben – nicht so schlingensiefmäßig, für den Konsum der Kulturbürger; sondern in poetischer Form, für und von den Desperados selbst. Eine uralte Tradition, die leider völlig verkommt. Das nicht dabei sein wollen ist ja im heutigen Integrationswahn schon eine Straftat.

Ihr sprecht es in euren achtzehn Thesen zum Album selbst an, also frage ich auch danach: Älterwerden im Popgeschäft. Ist das ein Thema, werden nicht alle sowieso älter, was hat man mit der Jugend überhaupt zu tun?

Almut: Kleines Missverständnis: Die achtzehn Thesen sind nicht von uns, sondern von Gereon Klug. Das steht leider nicht auf dem Waschzettel. Aber anyway: Ich glaube, die Zeit, in der man sich diese Frage stellen musste: „Kann man in meinem Alter überhaupt noch auftreten? Ist das nicht total peinlich?“, ist vorbei. Für diese Frage sind wir jetzt zu alt geworden. Ich sag nur: Narrenfreiheit. Hat was sehr Befreiendes!

Seid ihr gern unterwegs, also „fahrende Künstler“, oder eher sesshaft?

Rev: Wir sind wirklich sehr gerne auf Tour. Auch Ferien oder ähnliches gestalten sich bei uns meist nomadenhaft. Das Leben als Reise, auch geistig, ist schön, zumal wenn es dabei noch Domizile zum Zurückziehen und Verschnaufen gibt.

Almut: Dieses Prinzip: auftreten-gegen-essen/schlafen/Bargeld, dieses anachronistisch-unbürokratische Tingeln hat schon was! Nächtliche leere Autobahnen auch. Jedenfalls viel mehr als so durchorganisierte Festivals, wo einen die Securities mit ihren Funkgeräten ständig verscheuchen, weil dies der V.I.P.-Bereich ist und ab hier nur für die Headliner usw.

Ihr seid ja immer zu zweit unterwegs und im Studio und betont das auch – herrscht da immer eitel Sonnenschein bei euch oder kracht es auch? Wenn ja, wie ist das? Produktiv oder lähmend?

Rev: Beim ersten gemeinsamen Buch und dem ersten Album hat es noch ziemlich viel gekracht. Es mussten sehr unterschiedliche Arbeitsweisen unter einen Hut gebracht werden. Dann natürlich auch, obwohl aus ähnlichen Umfeldern stammend, dass wir völlig andere Sozialisationen als Künstler haben. Das war manchmal produktiv, aber nicht zwangsläufig. Insbesondere wenn Eitelkeiten mit ins Spiel kamen, konnte es schon recht lähmend werden.

Almut: Und lärmend.

Rev: Das hat sich zum Glück verändert. Das gegenseitige Vertrauen ist jetzt viel größer und das Loslassen fällt leichter. „Lass die Lady rein“ war wesentlich mehr von Teamgeist und Aufgabenteilungen geprägt. So hat Almut mir z. B. den Text fürs „Sommerlied“ geschrieben – früher undenkbar. Unsere Unterschiedlichkeiten sind für uns jetzt auch subjektiv als Gewinn wahrnehmbar.

Almut: Außerdem war bei uns die erste Zeit, in der man ja im Normalfall verrückt ist vor Verliebtsein, der reinste Horror. Ein einziger, rund um die Uhr währender Streit. Durch das gemeinsame Arbeiten haben wir nicht nur ein Ventil gefunden, sondern aus dem ganzen Müll unserer zermürbenden Auseinandersetzungen auch Themen, die uns beiden am Herzen liegen – zum Beispiel die Außenseiter und unsere Affinität zu ihnen.

Ist euer Stück „Welt retten“ eine bewusste oder unbewusste Anlehnung an den Superhit von diesem Jüngling da, wie heißt er doch gleich?

Rev: Almut, wo haben wir da geklaut?

Almut: Ich weiß auch nicht, wie der heißt (Tim Bendzko, Anm. MO). Aber tatsächlich spielte dieser widerliche Refrain eine gewisse Rolle, als ich den Text schrieb. Allerdings finde ich seine nächste Zeile „… und hunderttausend Mails checken“ noch viel schlimmer. Wie kann man so was an sich schon Profanes und Ödes auch noch in einen Songtext packen?

Eure eigenen Lieblingssongs von eurem Album:

Rev: Titel eins bis zehn. Aber besonders freut mich schon „Oh, wann kommst du.“ Es macht sehr glücklich, wenn man mit seiner Lieblingssängerin arbeiten darf, diese auch noch so herausragend ist und dann zur Höchstform aufläuft. Die Gesangsspur war, nach ein wenig Geprobe, ein sogenannter Firsttake und nur als Pilot gedacht. Ich habe mich dann später geweigert, den Gesang noch mal neu aufzunehmen, weil ich wusste: Diese Spur ist es! „Lass Die Lady Rein“ ist eh geprägt von Firsttakes. Das hieß, im Sinne der Unmittelbarkeit auch mit Fehlern leben lernen und die Studiomöglichkeiten nicht bis zum Anschlag auszureizen. Das war unter anderem dadurch möglich, dass wir ab einen gewissen Zeitpunkt recht genau wussten, was wir wollten und wenig rumprobieren mussten. Anders wäre der rohe und frische Sound der Platte auch nicht zu machen gewesen.

Almut: Danke für die Blumen! Ich habe keinen expliziten Lieblingssong, und wenn, würde ich ihn nicht sagen, um die anderen Lieder nicht zu kränken.

Lieblingssongs abseits eures Albums:

Rev: Das wäre eine lange Liste. Ich beschränke mich mal auf „My Special Prayer“ von Percy Sledge und „If Been Loving You Too Long“ von Otis Redding.

Almut: Hm. Ich kann nur Bands sagen: The Cure, David Bowie, Alan Vega/Suicide.

Und werdet ihr denn auch mal Suzi Quatro covern, wo der Reverend sie doch so verehrt? (Auch das steht auf besagtem Waschzettel.)

Rev: Wenn mir jemand einen schwarzen, hautengen Lederoverall und zwei dänische Doggen vorbeibringt – sofort.

Almut: O.k., bin schon unterwegs!

Almut Klotz und Rev. Christian Dabeler: Lass Die Lady Rein. Staatsakt. Zur Facebookseite.

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