Geschrieben am 30. Oktober 2013 von für Musikmag

Blitzbeats

Neue Platten von und mit Lorde, Paavoharju und The Exploding Boy, gehört von Ronald Klein (RK) und Tina Manske (TM).

lorde_pureheroineAbgeklärt

(TM) Wem Miley Cyrus zu obszön und zu doof ist und wer Lana del Rey für eine Begabung, aber eine enttäuschende Begabung hält, für den könnte Lorde genau das Richtige sein. Die 17-jährige Neuseeländerin erobert mit ihrem Debütalbum gerade die ganze Welt, und zwar völlig zu Recht.

Man zeige einen Song, der als Popsong besser ‚funktioniert‘ als die erste Single „Tennis Court“ oder die direkt nachgeschossene zweite Single „Royals“. Ihre abgeklärten Texte und die souverän dunkle bis düstere musikalische Seite spotten ihren jungen Jahren. So heißt es in „Tennis Court“ lakonisch: „I’ll be the beauty queen in tears / It’s a new art form showing people how little we care (yeah) / We’re so happy, even when we’re smilin‘ out of fear“ und „Pretty soon I’ll be getting on my first plane/ I’ll see the veins of my city like they do in space“.

Da hat ganz offensichtlich einen way with words. Kein Wunder, wenn sie tatsächlich schon in sehr frühen Jahren Allen Ginsberg und T.S. Elliot gelesen hat. Andererseits kann Lorde dann auch wieder ganz lolitamäßig tun. Aber irgendwie passt es ja auch, himmelhoch jauchzend und dabei zu Tode betrübt zu sein ist ja ein beliebtes Hobby in diesem Alter. Wenn das so weitergeht und Lorde der del-Rey-Falle der totalen Langeweile entgeht, kann man noch so einiges von ihr erwarten.

Lorde: Pure Heroine. Universal.

Paavoharju_Joko sinä tulet tänne alas tai minä nousen sinneSchwarzes Loch

(RK) Das Land der tausend Seen ist unabdingbar mit langen, dunklen Nächten und einer melancholischen Stimmung verbunden, die im schlimmsten Falle in die Depression kippt. Finnische Tangomelodien und die außergewöhnlichen Filmwerke der Kaurismäki-Brüder manifestieren diese Assoziationen. Auch die Indie-Szene bricht nicht wirklich aus. Das Duo Paavoharju ließ mit zwei Alben (2006 und 2008) aufhorchen. Mit ihrem dritten Werk „Joko sinä tulet tänne alas tai minä nousen sinne“ kultivieren sie ihre bisherige Klangästhetik: knarzende Elektronik tritt auf den Hauch von dunklen Melodien, sehnsuchtsvoller Frauengesang, der bisweilen an die fabulöse Julee Cruise erinnert, ergänzt den Eindruck.

Doch damit ist das Klangspektrum noch nicht ausgereizt: neoklassikartige Arrangements, die an die Kooperation von Jah Wobble und Brian Eno aus dem Jahr 1995 erinnern, bilden den Rahmen, in dem auch Sprechgesang eine tragende Rolle spielt. Für konservative Ohren mag das sehr eklektisch klingen. In der Tat gehören all die einzelnen Elemente nicht per se zusammen. Doch Paavoharju beweisen nicht nur ausgesprochenen Mut, unterschiedliche Klangkosmen zusammenzuführen, sondern dabei auch ein ausgesprochen glückliches Händchen. Ihr lyrisches Thema bildet die Entfremdung. Des Finnischen sind ohne Frage nur wenige Nicht-Muttersprachler mächtig. Jedoch drückt die Musik die Thematik so perfekt aus, dass statt auf Finnisch auch auf Klingonisch gesungen werden könnte. So stimmig gehen die Songs ineinander über und bilden eine dunkle Faszination, die sich in einen regelrechten Sog, in ein schwarzes Loch, steigert.

Paavoharju: Joko sinä tulet tänne alas tai minä nousen sinne. Svart Records.

theexplodingboy_fourPost-Punk New Wave

(RK) Glaubt man den Erzählungen von Metal-Veteranen wie den Jungs von Entombed oder Tiamat, handelte es sich bei den schwedischen 80er-Jahren um eine wahre Einöde, wenn es um Rockmusik ging. Wie sich das in den letzten 20 Jahren ins Gegenteil verkehrte, bewiesen Bands wie The Hellacopters, aber zuletzt auch Indie-Ikonen wie Anna von Hauswolff und The Knife, die Genregrenzen komplett sprengten. Die Sprengung ist im Bandnamen des Quartetta The Exploding Boy quasi inhärent.

Die vier Jungs aus Stockholm mischen Post-Punk New Wave, und avancierten mit ihrem letzten Werk „The Black Album“ zu internationalen Shootingstars. Mit dem aktuellen Longplayer, simpel „Four“ betitelt, gehen sie noch einen Schritt weiter und perfektionieren ihren Sound. So enthält das Album zehn Perlen, die Bands wie Interpol oder The Editors vor Neid erblassen lassen dürften. Live bereits auf zahlreichen Festivals erprobt, besticht das neue Material durch Ohrwurmcharakter, verspielte, aber nie zu larmoyante Melancholie und eine saubere Produktion, was die Reputation von The Exploding Boy nur noch weiter manifestiert.

The Exploding Boy: Four. Drakkar.

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