Geschrieben am 19. Februar 2014 von für Musikmag

Blitzbeats

Neue Platten von und mit HELMUT, Universal Daughters, Fanfarlo, Tinariwen und Pat Metheny Unity Group, gehört von Tina Manske (TM) und Christina Mohr (MO).

helmut_polymonoHoch geloopt

(TM) Adrian Schull aka HELMUT hat eine klassische Gitarrenausbildung genossen, interessierte sich aber schon früh für Bossa- und Balkanrhythmen sowie Krautrock und afrikanische Rhythmik – insgesamt nicht die schlechteste Mischung, wie er jetzt anhand seines Debütalbum „Polymono“ beweist. Grundlage von HELMUTs Songs ist der Loop, auf den er Schicht um Schicht seiner Gitarrenfragmente legt, garniert mit Handclaps und zurückhaltendem Gesang.

Das kann man im Club ebenso gut genießen wie auf dem heimischen Sofa, aber am eindrucksvollsten ist doch wohl der Blick auf Schulls Liveauftritte: Dort erscheint er mit zwei Kameras, installiert an Gitarre und Pedalen und zwei handgemachten Leinwänden, um seinem Publikum einen Eindruck zu verschaffen von dem, was da auf der Bühne stattfindet. Mehr als einmal fühlt man sich auf „Polymono“ an die frühen Arbeiten von Sascha Ring aka Apparat erinnert. Dringende Anspieltipps sind das mitreißende „Same Same“ und das abschließende „Golden Walls“ mit seinem ungewöhnlichen und herausfordernden 9/8-Rhythmus.

HELMUT: Polymono. Haldern Pop Recordings (Rough Trade). Zu einem Video von „Overcome“.

universaldaughters_whyhastthouforsakenmeStilbewusstsein

(TM) Das Wort ‚Charity-Album‘ kann bei uns sensibleren Naturen leicht zu erhöhtem Herzschlag und Panikattacken führen; Gedanken an „Live Aid“, kitschige Melodien und zynische Lyrics wie „Do they know it’s Christmas? …. Well, tonight thank God it’s them instead of you!“ verhageln einem oft schon zum Frühstück den Tag. Glücklicherweise spielt „Why Hast Thou Forsaken Me?“ in einer ganz anderen Liga. Das lose Musikerkollektiv um Marco Fasolo (Jennifer Gentle) mit dem fiktiven Bandnamen Universal Daughters hat sich zur Unterstützung der italienischen ‚Città della speranza‘, die schwerkranken Kindern hilft, zusammengefunden und interpretiert auf der Platte Songs aus den Jahren 1920 bis 1970 neu.

Dass „Why Hast Thou Forsaken Me?“ vor Stilbewusstsein platzt, kann man schon nach einem Blick auf die Liste der Mitwirkenden erahnen. Mit dabei sind u. a. Jarvis Cocker, Alan Vega (Suicide), Lisa Germano, Steve Wynn und Mark Arm (Mudhoney). Die Songs stammen von u. a. John Lennon, David Bowie, Howlin‘ Wolf und Screamin‘ Jay Hawkings. Allein für das todtraurige „First Of May“ von den BeeGees, interpretiert von Jarvis Cocker, lohnt sich der Kauf der Platte. Ebenso genial: der Rock’n’Roll bei „It’s Your Voodoo Working“ von Charles Sheffield, hier in der Version von Mick Collins. Der Blues herrscht vor auf „Why Hast Thou Forsaken Me?“, aber auch Pop, Psychadelia, Country und Gospel kommen zu ihrem Recht.

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Universal Daughters: Why Hast Thou Forsaken Me? Santeria (Rough Trade)

fanfarlo_letsgoextinctLebendige Untergangsvisionen

(MO) „Kommt, lasst uns aussterben“ verkündet das dritte Album der schwedischen, in London ansässigen Band Fanfarlo qua Titel ganz morbide. Dabei klingt ihr neues Album ganz heiter und gelassen.“Let´s Go Extinct“ ist nach der EP „The Sea“ der zweite Teil eines größer angelegten Projekts, in dem sich Band-Mastermind Simon Balthazar und seine MitstreiterInnen den großen Fragen der Menschheit widmen. Wer sind wir, wo gehen wir hin, warum zerstören wir unseren Planeten, wie können wir im Einklang mit der Natur leben? Wen es jetzt schaudert (Konzeptalbum-Alarm!), dem sei beruhigend entgegengerufen: alles halb so schlimm! Im Gegenteil! Auch wenn Fanfarlo gewichtige Namen wie Kurt Vonnegut und William S. Burroughs als Inspirationsquellen nennen, sind sie musikalisch ihrem Stil treu geblieben.

Federleichter Indie-Pop im Geiste der alten Meister wie Prefab Sprout und Aztec Camera bestimmt das Bild, eingängige Melodien, die man – vor allem „A Distance“ und „We Are The Future“ – sofort mitsummen kann, vertreiben dunkle Winterwolken und wirken trotz ernster Inhalte sofort stimmungsaufhellend. Was bei Fanfarlo schon immer bemerkenswert war und auch beim neuen Album auffällt: die Band setzt zig verschiedene Instrumente wie Glockenspiel, Mandoline, Trompeten und Klarinette ein und dennoch ist der Sound niemals überladen wie bei Arcade Fire, sondern transparent und klar. „Spaghetti-Western und Space-Operas“ (Zitat Fanfarlo) sind die zehn Songs zwar eher nicht, dafür aber beste, zeitlose Folkpop-Perlen.

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Fanfarlo: Let’s Go Extinct. New World (Rough Trade). Fanfarlo live: 27.02.2014, Berlin, 28.02.2014, München, 07.03.2014, Frankfurt.

tinariwen_emmaarWüstenrock

(TM) Im Januar wurde in Berlin das „Festival au Désert“ veranstaltet. Dieses findet traditionell in Malis Hauptstadt Timbuktu statt und ist mittlerweile eines der größten und bedeutendsten Musikfestivals in Westafrika. Wegen der anhaltend angespannten Sicherheitslage musste man in diesem Jahr allerdings ins Exil gehen. Zum Glück fand man in Berlin Unterschlupf, wo dann also in der Volksbühne Bands wie Khaira Arby, Kante und das Orchestre Amanar de Kidal aufspielten. Als das „Festival au Désert“ 2001 zum ersten Mal veranstalte wurde, war das der große Durchbruch für die Tuareg-Band Tinariwen aus Mali, die es bereits seit den 1980er-Jahren gibt, und machte sie auch dem westlichen Publikum bekannt.

Seitdem begeistert die Soundmixtur aus traditionellen afrikanischen Musiken und westlichen Pop- und Rockelementen. So benutzen sie zwar elektrische Gitarren, aber auch typische afrikanische Bechertrommeln und das wichtige akustische Signal des Händeklatschens. Mit „Emmaar“ haben sie – nach dem mit einem Grammy ausgezeichneten „Tassili“ von 2011 – nun bereits das zweite Album außerhalb ihrer Heimat aufgenommen, nämlich in der Wüste von Kalifornien. Repetitive Rhythmen und mantraähnlicher Gesang im typischen Shout-and-Response-Stil machen die Platte zu einem hypnotischem und äußerst tanzbarem Vergnügen, auch wenn es in den Texten um Krieg und Melancholie geht. Wüstenrock auf die ganz andere Art.

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Tinariwen: Emmaar. Wedge/Pias/Cooperative (Rough Trade).

patmethenyunitygroup_kinAbwechslungsreich

(TM) Der Titel zeigt es schon an: „Kin (←→)“ weist sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft. Im letzten Jahr gründete Jazzgitarrist Pat Metheny die Unity Band, zusammen mit Chris Potter (Saxophon), Antonio Sanchez (Schlagzeug) und Ben Williams (Bass), und die Formation sorgte gleich für entsprechendes Aufsehen – und für den insgesamt 20. Grammy für Metheny. Soviel zu den Traditionen. Jetzt hat er sich mit dem Multiintrumentalisten Guilio Carmassi einen weiteren schweren Brocken an Land gezogen und die Truppe in Pat Metheny Unity Group umbenannt. Carmassi bringt so unterschiedliche Instrumente wie Flöte, Trombone, Cello, Klarinette und Piano ins Spiel, was dem Sound von „Kin (←→)“ einen ungemein abwechslungsreichen Anstrich verpasst. Die fünf Musiker glänzen mit einer Spielfreude, die ihresgleichen sucht. Schier unglaublich, wie viele Volten schlagende Improvisationen dem Hörer hier geboten werden, die scheinbar ganz leicht wieder den Weg ins Ensemble finden. Chris Potter als Saxophonist ist für den fetten Ton der Band mittlerweile, so scheint’s, fast unverzichtbar.

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Pat Metheny Unity Group: Kin (←→). Nonesuch (Warner).

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