Geschrieben am 1. August 2018 von für Litmag, Specials, Story-Special 2018

Story: Doris Gercke: Ein ganz normaler Tag in unser aller Haus

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Kalt

Ich hatte Freunde auf dem Land besucht. In der Nacht zuvor war die Temperatur unter Null gesunken. Während der Hinfahrt schien die Sonne und Bäume und Felder glitzerten. Der endlos blaue Himmel – nie könnte man einen so weiten Himmel in den Bergen sehen – und die Aussicht auf ein besonders schmackhaftes Mittagessen, das alles trug dazu bei, dass ich gut gelaunt ankam.

Die Freunde sind gastfreundliche Leute, bei denen ich mich wohl fühle. Das Essen war köstlich. Anschließend, der Rotwein zum Essen hatte uns ein wenig träge gemacht, brachen wir zu einem Spaziergang durch die glitzernde Landschaft auf, und als wir zurückkamen, setzten wir uns zum Tee.

Wie so oft begann unser Gespräch mit einer hingeworfenen Äußerung zu einem aktuellen, politischen Ereignis, um sich dann sehr schnell auf das eigentliche Thema zu konzentrieren. Damals war das, was uns am meisten bewegte und worauf wir immer wieder zurückkamen, die Frage, weshalb sich in unserem Land keine nennenswerte politische Bewegung entwickelte, obwohl wir weltweit an verschiedenen Kriegen beteiligt und die zunehmenden Missstände im Land unübersehbar geworden waren.

„Kann sich jemand vorstellen, dass in diesem Land zur Zeit ein politischer Roman Erfolg haben könnte?“

Wir lachten. Das war die übliche Frage, die unser Freund, der Schriftsteller, in solchen Gesprächen anbrachte.

„Wohlstand und Sicherheit, mit diesen Zauberworten werden die die Leute ruhig gestellt.“
„Eingelullt, willst du wohl sagen!“

„Vergesst nicht, dass es noch etwas anderes gibt.“

„Noch etwas mit der gleichen Wirkung?“

„Ich sage nur: Event!“

„Natürlich, in den großen Städten …“

Ich dachte an den Waggon mit Betrunkenen, in den ich einmal geraten war, als ich die Bahn benutzt hatte, um meine Freunde zu besuchen.

„Fußball, natürlich, der gehört auch dazu.“

Eine Weile noch redeten wir hin und her. Die Freunde, der Schriftsteller und die beiden Frauen, mit denen er zusammenlebte, versuchten, mich zum Bleiben zu bewegen. Irgendwann färbte sich vor den Fenstern der Himmel rot. Die anschließende Dunkelheit würde schnell kommen.

„Nein, sagte ich, vielleicht beim nächsten Mal. Ich fahre lieber, so lange ich noch etwas sehen kann.“

Es war dann doch schon fast dunkel, als ich endlich im Auto saß.

Wahrscheinlich fuhr ich unaufmerksam, war in Gedanken noch immer bei unserem Gespräch und irgendwann falsch abgebogen. Jedenfalls fand ich mich nach einiger Zeit in einem Dorf, durch das ich auf der Hinfahrt nicht gekommen war und dessen Namen ich nicht kannte. Das Dorf schien menschenleer. Es war inzwischen sehr dunkel geworden. Die Straßen waren wenig beleuchtet. Ich bog von der Hauptstraße ab, hielt in einer Seitengasse an, und als ich ausstieg, sah ich unter einer Straßenlaterne einen Wegweiser mit der Aufschrift „Zum Kloster“. Ich folgte dem Hinweis, vielleicht in der Hoffnung, in der Nähe des Klosters Menschen zu treffen.

Die nächste Straßenlaterne war weit entfernt. In ihrer Nähe stand tatsächlich eine Ansammlung von Menschen. Ich ging durch die Dunkelheit auf die Gruppe zu. Als ich näher kam hörte ich einen Mann sagen:

„Wir werden nun von einer historischen Stätte zur nächsten gehen. Dort angekommen, werde ich Ihnen die Bedeutung des Ortes erklären. Ich erwarte, dass Sie mich nicht unterbrechen und auch auf dem Weg zur nächsten Stätte die Stille bewahren, die dem furchtbaren Ereignis angemessen ist.“

Der Mann spricht laut und bestimmt. Niemand sagt etwas. Die Gruppe, etwa dreißig Menschen, setzt sich in Bewegung. Ich folge ihr in einem kleinen Abstand. Wir gehen an hohen Backsteinmauern vorbei. Kloster? Kirche? Es ist sehr dunkel und das Licht der wenigen Laternen reicht nur, um am Boden schwach beleuchtete Inseln zu bilden.

Kurz habe ich Gelegenheit, mir die Mitglieder der Gruppe genauer anzusehen. Es sind überwiegend alte Männer und ein paar Frauen mittleren Alters, die dem Sprecher folgen. Als wir unter der ersten Laterneninsel stehen sagt der Mann:

„Heute vor 290 Jahren hat man die Kindsmörderin vor ihrer Hinrichtung an diesem Ort festgehalten.“

Er sagt ein Gedicht auf, in dem von Nebel die Rede ist. Schweigend zieht die Gruppe weiter.

„Hier, an dieser Stelle, stand die Scheune, in der heute vor 290 Jahren die Kindsmörderin hingerichtet wurde. Sie war adelig. Deshalb wurde sie auf dem Weg zum Henker nicht bespuckt und geschlagen. Ihr wurde das Fleisch nicht mit Zangen herausgerissen. Sie wurde nicht in eine blutige Kuhhaut gewickelt und über die Erde zum Scharfrichter geschleift. Sie wurde geköpft. Ihre Hinrichtung war nicht öffentllich.“

Niemand sagt etwas. Schweigend folgen wir dem Sprecher.

 

„Hier wurde vor 290 Jahren der Kopf und der Körper der Kindsmörderin begraben.“

Schweigen. Ein Gedicht, in dem Nebel vorkommt. Ein Kirchenlied, in das die Anwesenden gebeten werden, einzustimmen:

„So nimm denn meine Hände … ich kann allein nicht gehen …“

„Die Führung ist zuende. Wer noch Fragen hat …“

 

Ich verließ den Kosterplatz, stolperte durch die Dunkelheit und fuhr los.

Irgendwann, so dachte ich, werde ich schon sehen, wo ich bin.

Fast eine Stunde war ich einen Weg gegangen, auf dem vor 290 Jahren eine Frau zur Hinrichtung geführt worden war. Die Zuschauer hatte man ihr erspart. 290 Jahre später war doch noch ein Event daraus geworden.

Doris Gercke

Doris

 

 

 

Doris Gercke ist Schriftstellerin, Erfinderin von „Bella Block“ und Herland-Mitbegründerin. Mehr erfahren Sie über die renomierte Autorin hier.

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