Posted On 14. August 2013 By In Kolumnen und Themen, Litmag, Sachen machen With 541 Views

Sachen machen: Stonehaven Folk Festival

isabel1Sommer in Schottland

– Isabel Bogdan hat lange keine Sachen mehr gemacht – aber jetzt lässt sie es wieder krachen, beim Sommerurlaub in Schottland. Nach dem unspektakulären kleinen Heavy-Metal-Festival vor zwei Jahren wagt sie sich nun an richtig krassen Hardcore und war auf dem Folkfestival in Stonehaven. Faster, Harder. Louder.

Ich bin ja gar nicht so ein Folkie. Der Mann dafür umso mehr. Und deswegen sind wir nun also für ein paar Tage im Marine Hotel direkt am Hafen von Stonehaven, an der schottischen Ostküste. Es ist bereits das 25. Folk Festival in Stonehaven, es gibt Konzerte, Workshops und Sessions von Donnerstag-Abend bis Sonntag-Abend, dazu ein paar „Fringe“-Veranstaltungen, also solche, die nur lose dazugehören. Ich plane, gelegentlich mal mit auf ein Konzert zu gehen und ansonsten zu arbeiten, mit Blick auf den Hafen und das Meer, während der Mann nach Herzenslust in Folk badet. So stelle ich mir das vor.
Klappt aber nicht.

Zum Eröffnungskonzert am Donnerstag-Abend muss ich natürlich mit, Dougie MacLean ist da! Das ist der mit „Caledonia“, der mit der schönen Stimme. Quasi ein Superstar. Wir kommen in die Stonehavener Stadthalle, eine Helferin sagt, sie wollten gerade Plätze auffüllen, ob wir vielleicht noch in die erste Reihe möchten? Dort sind zwei Einzelplätze frei, sie bittet die Umsitzenden, aufzurutschen. Die beiden schon etwas älteren Damen neben uns witzeln, das würde aber ein Bier kosten, also geht der lustige Mann ihnen ein Bier kaufen, was ihnen natürlich ein bisschen peinlich ist. Ebenso natürlich kommen wir ins Gespräch. Stellt sich raus: Sie kommen aus Dänemark, sind im Folkclub Roskilde aktiv, schon zum siebzehnten Mal hier und große Dougie MacLean-Fans. Und überhaupt Stonehaven-Fans. Und auch sonst ziemlich super. Sie sitzen, stellen wir später fest, jeden Abend in der ersten Reihe Mitte.

Dougie MacLean hat wirklich eine sehr schöne Stimme. Und singt sehr schöne Songs. Allerdings klingen sie nach einer Weile doch irgendwie alle recht ähnlich. Deutlich abwechslungsreicher ist Kenn Clark, der vorher spielt, ein sensationell guter Gitarrist mit höchst variablem Repertoire und toller Stimme, sehr beeindruckend. Ein Lokalheld, leider noch ohne CD, die hätten wir sofort gekauft.

Aber wir kaufen noch genug in den nächsten Tagen, wir hören nämlich unfassbar tolle Leute und Bands. Meine Lieblingsentdeckung ist Bella Hardy, sie läuft hier seitdem rauf und runter, das ist gar nicht so sehr Folk, sondern eher Songwriting mit leicht jazziger Stimme, wundervoll. Inhaltlich nimmt sie die alten Balladen und Geschichten zum Vorbild, und daraus schreibt sie dann ihre eigenen Songs. Großartig. Und alle gleich mit Ohrwurmqualitäten, nur dass es unter der Dusche selbstgesungen dann doch nicht so toll klingt wie bei ihr.

Und Rura! Ich weiß gar nicht, wie man das nennt, was sie machen, „contemporary folk“ vielleicht, mit einem unglaublichen Drive, es hält einen kaum auf dem Stuhl. Oder Breabach! Nachmittags hatte ich noch auf Facebook geschrieben, der Erfinder des Dudelsacks müsse Menschen gehasst haben – da wollte ich nämlich ein Mittagsschläfchen halten, aber direkt vor unserem Fenster wurde Dudelsack gespielt –, und dann kommt abends Braebach mit gleich zwei Dudelsäcken und es ist supertoll. Oder Anna Massie! Unfassbar gute Gitarristin, und dann kann sie natürlich auch noch andere Instrumente und singen und ist überhaupt ganz prächtig. Und das sind jetzt nur die Highlights, ich erspare Euch die Einzelheiten über sämtliche Bands und Musiker: Es ist ein einziges Fest. Ganz großes Lob auch an die Organisatoren – soweit man es als einfacher Teilnehmer mitbekommt, verläuft alles komplett reibungslos. Es gibt nicht mal eine Rückkopplung, der Sound ist perfekt, alles andere auch.

Viel Musik gibt es auch den ganzen Tag über in der Stadt, spontan draußen am Hafen, vor den Kneipen, auf dem Marktplatz, und nach den Konzerten Sessions in sämtlichen Pubs bis mitten in der Nacht. Ganz und gar wundervoll.

[Einschub: Kurz vorher gingen auf Facebook Fotos von Hamburger Kneipentüren herum, an denen angeschlagen stand – sinngemäß –, die doofen Besucher des doofen Schlagermoves mit ihren doofen Verkleidungen sollten gefälligst draußen bleiben und dürften auch die Toiletten nicht benutzen. Meine Facebookfreunde fanden das im Allgemeinen sogar gut und richtig. Hier in Stonehaven steht an den Kneipentüren: „Sessions welcome“. Mach Dich mal locker, Hamburg.]

Das Wetter ist sensationell, hochsommerlich warm, sonnig, der lustige Mann badet sogar im Meer. Ich gehe bis zu den Knien rein und dann wieder raus, es ist mir dann doch zu kalt. Wir machen einen Spaziergang nach Dunottar Castle (wo Macbeth gedreht wurde), ein wunderschöner Küstenfußweg durch Felder oben auf den Klippen zu dieser wirklich spektakulär gelegenen Burgruine, alles bei strahlendem Sonnenschein. Mich überkommt ein heftiger Wunsch, Puffins zu sehen, wir sehen aber keine. Der Wunsch nach Arbeiten hält sich dezent im Hintergrund.

Dunottar Castle

Dunottar Castle

Und dann besuche ich vor lauter Begeisterung am Samstag spontan sogar noch einen Workshop, und der geht, wie ich erst dann feststelle, am Sonntag noch weiter. Statt zu arbeiten, gehe ich also zweimal nachmittags zum Singen mit Christine Kydd, die ich sowieso kenne und super finde, und im Chor gesungen habe ich schon ewig nicht mehr. Wir lernen drei oder vier kleine Lieder und haben am Sonntag-Nachmittag einen kleinen Auftritt in einer Kneipe, in der allerdings niemand auf uns gewartet hat. Dabei ist da eine Bühne, die auch durchgehend bespielt wird, die brauchen sich also gar nicht zu wundern! Egal, wir singen und haben Spaß, und hey! Ich gebe mein erstes Folkkonzert! Oder so.

Ein ganz wichtiger Programmpunkt ist natürlich die Weltmeisterschaft im Kammblasen. Sie wird in drei Kategorien ausgetragen: Kinder unter 12, Gruppen- und Einzelwertung. Das Motto lautet dieses Jahr „Loud Shirts“. Schon beim Konzert am Vorabend erklärt der Moderator, sein Hemd, das er gerade trage, sei nur „hideous“, aber nicht wirklich „loud“, und „hideous is good, but loud is better“. (Der Mann hat aber auch einen Hemdengeschmack, puh.)

Wir kommen zu spät zur Weltmeisterschaft und verpassen die Kinder leider. Wir sehen noch ein paar Gruppen – vier angegraute Damen etwa, die sich „The Tena Ladies“ nennen und bei Ebay extra „laute“ Blusen für ein Pfund ersteigert haben. Hier machen sich reihenweise gestandene Leute (eine der Damen ist beispielsweise Ärztin) komplett zum Obst und haben einen tierischen Spaß. Manche können überhaupt nicht singen, und wer schief singt, bläst erst recht schief auf dem Kamm. Zwei junge Männer beatboxen richtig gut auf dem Kamm. Und dann kommen plötzlich doch noch vier Kinder herein, Geschwister offenbar, schätzungsweise zwischen drei und acht Jahre alt. Vier wirklich umwerfend niedliche Orgelpfeifen, die den Kinderwettbewerb verpasst haben, aber selbstverständlich trotzdem noch auftreten dürfen, denn es ist ja vollkommen egal. Sie blasen zu viert „Twinkle, twinkle, little star“ und bekommen zu Recht tosenden Applaus. Ich bin so verliebt in diese Menschen hier.

Kammblasen

Bei den Einzelwertungen nutzt sich der Witz dann auf die Dauer ein klitzekleines Bisschen ab, und wir gehen in der Pause, bevor die Sieger verkündet werden. Ich habe auch keine Ahnung, ob da eher nach Können oder nach Albernheit bewertet wird, ist aber auch wurscht. Großer Spaß jedenfalls für alle Beteiligten.

Am Sonntag-Morgen dann ein weiteres ganz, ganz großes Highlight des Festivals und überhaupt dieses Schottlandurlaubs: das Aqua Ceilidh. Ein Spezialfeature von Stonehaven ist nämlich das beheizte Freibad, das gibt es in Schottland sonst nicht so. Und jetzt wird dort getanzt. Die Band steht natürlich außerhalb des Beckens, aber getanzt wird im Wasser. Das klingt schon so bescheuert, dass wir natürlich sofort hinwollten, als wir zum ersten Mal davon lasen, ich habe mich tatsächlich seit Monaten darauf gefreut und auf schönes Wetter gehofft. Und was ist? Schönes Wetter. Herrliches Wetter. Der Pool ist außerdem auf satte 29°C geheizt. Und voll. Und dann spielt die Band als erstes einen Gay Gordon’s, bzw. heute Spray Gordon’s, und bei den ersten versuchten Tanzschritten müssen alle fürchterlich lachen, weil wir erst mal kapieren müssen, wie das gehen kann, im Wasser zu tanzen, und weil alles so schwerfällig geht, und weil man einfach lachen muss, vor lauter Glück, etwas so wundervoll Beknacktes zu machen wie ein Ceilidh im Wasser.

Wir tanzen den Strip the Willow, der heute Dip the Willow heißt, und den Dashing White Sergeant, der heute ein Splashing White Sergeant ist, und so weiter, und an den Stellen, wo man eigentlich in die Hände klatscht, klatschen wir aufs Wasser. Wildfremde Menschen in Badekleidung fassen einander an den Händen oder nehmen Tanzhaltung ein, planschen herum, verursachen ein herrliches Gedränge beim reihenweisen Do-si-do, lachen sich kaputt und haben Spaß. Niemandem ist irgendwas peinlich – Figur, Alter, der Zustand des Bindegewebes, Hautkrankheiten, alles total egal, es ist ein Riesenspaß. Und ein Sportprogramm. Und ein Riesenspaß. Anderthalb Stunden lang hüpfen wir im Wasser herum, die Band spielt, die Sonne scheint, und ich liebe dieses Volk. Vor allem wegen dieser ständigen Mischung aus Ernst und Spaß, beziehungsweise: weil Ernst und Spaß nicht zweierlei Dinge sind, zwischen denen man sich etwa entscheiden müsste.

Selbstverständlich gibt es eine Anleitung, wie die Tänze gehen, eine Musikerin sagt durch, was dran ist. Und ebenso selbstverständlich kapiert es der ein oder andere nicht und muss immer wieder in die richtige Richtung geschubst werden, und dann lachen alle. Kleine Kinder machen mit und ältere Leute, die im Wasser nicht mehr schnell genug sind. Na und? Macht alles nicht, Hauptsache, es macht Spaß. Und das macht es.

Ganz, ganz große Nummer. Arbeiten? Pfft. Wer will denn arbeiten, wenn er einen Virginia Reel im Wasser tanzen kann? Allein das Aqua Ceilidh wäre ein Grund, nächstes Jahr wieder hinzufahren.

Zu guter Letzt sei noch auf zwei vollkommen unmusikalische und ganzjährige Besonderheiten von Stonehaven hingewiesen: Ich habe natürlich wieder einen World Famous Deep Fried Mars Bar gegessen. Ja, das ist ein frittiertes Mars. Im Backteig. In der Carron Fish Bar. Er war natürlich wieder sensationell, und ich konnte danach wieder nicht richtig sprechen, weil es einem so die Zähne verklebt.

Es gibt aber auch noch ein Restaurant mit demselben Namen, The Carron, und das ist wirklich komplett überraschend: ein echtes Art-déco-Juwel, erstaunlich groß und zum allergrößten Teil noch original. Sowas würde man vielleicht in Wien erwarten, aber in Stonehaven überrascht es einen dann doch. Und das Essen ist dort ebenfalls großartig.

Carron

The Carron

Jede Menge Videos, Konzert- und Sessionmitschnitte gibt es auch auf YouTube.

Isabel Bogdan

Isabel Bogdan übersetzt seit 10 Jahren Literatur aus dem Englischen (u. a. Jonathan Safran Foer, Miranda July, ZZ Packer, Tamar Yellin, Andrew Taylor). Sie lebt und arbeitet in Hamburg. Zum Blog von Isabel Bogdan. „Sachen machen“ erschien als Buch im Rowohlt Verlag.

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